Rachel Dolezal und die diskursive Verhandlung rassischer und geschlechtlicher Identität


Masterarbeit, 2017

105 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Fall Rachel Dolezal

2. Methodologische Vorgehensweise
2.1 Untersuchungsgegenstand und Fragestellung
2.2 Forschungsmethode: Wissenssoziologische Diskursanalyse
2.3 Datenerhebung und Auswertung

3 Die soziale Praxis des Kategorisierens
3.1 Die Kategorisierungsschemata Geschlecht und Rasse
3.2 Die Kategorien Transgender und Transracial

4 Grundzüge der Debatte

5. Die diskursive Deviantisierung Rachel Dolezals

6. Die Diskurse des Feldes
6.1 Der Konservative Diskurs
6.2 Der Liberale Diskurs
6.3 Der Postmoderne Diskurs

7 Das dominante Transgendernarrativ

8. Konkurrierende Essenzkonstruktionen
8.1 Biologischer Essentialismus
8.2 Mentaler Essentialismus
8.3 Soziologischer Essentialismus
8.3.1 Soziologischer Geschlechteressentialismus und der Transgenderkritische- Feministische Diskurs

9 Die Logik und Norm von Repräsentation und Authentizität

10 (Schicksals-)Gemeinschaften oder intime Qualitäten?

11 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang:
Verzeichnis des analysierten Textkorpus - Analysierte Printmedien
Verzeichnis des analysierten Textkorpus - Analysierte Web-Publikationen

1. Der Fall Rachel Dolezal

"The bizarre story of Rachel Dolezal, the NAACP administrator who considers herself black despite white biological parents" (Slate 12.06.2015)

Am 11. Juni 2015 sorgte Rachel Dolezal, Dozentin für afrikanische und afroamerika- nische Studien an der Eastern Washington University und Präsidentin der lokalen Abteilung der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), in den USA und darüber hinaus für einen medialen Skandal. Die Frau, die sich seit Jahren für die Rechte von Afroamerikanern einsetzte und von sich selbst behauptete, als Schwarze unter der anhaltenden Rassendiskriminierung in Amerika zu leiden, wurde von ihren Eltern als Weiße 'geoutet' (u.a. The Daily Beast: 13.06.2016). Rachel Dolezal hatte zu diversen Anlässen angegeben, Tochter einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters zu sein, was ihr in der dominierenden Anschauung innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft eine schwarze Identität zuschreiben würde. Eine Identität, die sich die 37-jährige auch selbst gab, indem sie sich in der Öffentlichkeit konstant als Schwarze präsentierte, in Bewerbungen für Arbeitsstellen mehrfach die Kategorie 'african-american' ankreuzte und indem sie, in den von ihr veröffentlichten Artikeln über Rassismus im Hinblick auf Afroamerikaner, die inkludierenden Prono- men „we“ und „us“ verwendete. Dolezal war für viele Jahre zutiefst zutiefst in afro- amerikanische Netzwerke und Institutionen und in die afroamerikanische Kultur involviert (u.a. Los Angeles Times 17.06.2015: A15). An ihrer Identität als Schwarze schien bis dahin kaum Zweifel aufgekommen zu sein. Im Juni 2015 traten jedoch ihre (biologischen und sozialen) Eltern in Kontakt mit der Presse und verkündeten, dass ihre Tochter keinerlei schwarze Vorfahren habe und dass es einen „fact“ darstelle, dass ihre Tochter Kaukasierin1 sei (u.a. The Wall Street Journal 18.06.2015: 13). Im Anschluss daran wurde Rachel Dolezal zum Subjekt einer landesweiten Debatte, wel- che in der „Logik eines Gerichtsprozesses“ (Brubaker 2016a: 434) geführt wurde, wobei die meisten Kommentatorinnen zum Schluss kamen, dass sich Frau Dolezal des Betruges, in Form des Identitätsdiebstahls, schuldig gemacht habe. Ihr Verhalten wurde mitunter auch als "cultural theft" und als kontemporäre Form des Blackfacings dargestellt (vgl. Brubaker 2016b: 3). Der Fall löste jedoch auch eine tiefergehende

Debatte über Beschaffenheit von Rasse und rassischen Kategorisierungen in den USA aus. Auch in deutschen Medien wurde über den Fall im Sinne einer kuriosen Betrugs- geschichte berichtet2, wobei der Tenor der selbe war: Es wurde als Fakt dargestellt, dass Rachel Dolezal keine Afroamerikanerin sei, sich jedoch als solche ausgab, was sie wahlweise zur Lügnerin, Opportunistin, Geisteskranken oder Rassistin machte.

Im Zuge der medialen Kontroverse gestand Dolezal ein, „biologically born white to white parents” (Time 14.06.2015) zu sein, betonte jedoch in diversen Interviews "defi- nitly not white" zu sein (Brubaker 2016a: 414) und verkündete: "I identify as black" (u.a. Los Angeles Times 17.06.2015: A15). Bereits im Kindergarten habe sie sich mit braunem Malstift selbst porträtiert. Sie wuchs zusammen mit vier schwarzen Adoptiv- geschwistern auf, habe stets in afroamerikanischen Kreisen verkehrt, eine Leiden- schaft für afrikanische und afroamerikanische Kunst entwickelt, einen afroamerikani- schen Mann geehelicht und mit ihm ein Kind gezeugt. Andernorts gab sie an, ihre Selbstidentifikation als Schwarze sei eine Folge der Übernahme von Fremdzuschrei- bungen (New York Times 17.06.2015: A1) oder sie führte an, dass Rasse nicht „real“ sei. Nichtsdestotrotz wurde ihr Verhalten als illegitim gewertet und sie wurde nicht als tatsächliche Schwarze anerkannt. Von ihrem Amt als NAACP-Vorsitzende trat sie dar- aufhin zurück. Von ihrer Funktion als Polizei-Ombudsfrau wurde sie wegen Fehlver- haltens entbunden. Ihr Vertrag als Lehrbeauftragte wurde nicht verlängert und die lokale Wochenzeitung, für die sie regelmäßig Kolumnen über Rassismus und Sexis- mus verfasste, beendete die Zusammenarbeit mit ihr (u.a. Chicago Tribune 21.06.2015: 2).

Die Debatte um Rachel Dolezal ist im Kontext der Debatte um die Person Caitlyn Jen- ner zu betrachten. Caitlyn Jenner wurde als Bruce Jenner geboren und erlangte als olympischer Goldmedaillengewinner im Zehnkampf und vor allem als späterer Rea- lity TV Star in der äußerst populären Sendung Keeping Up with the Kardashians, Berühmtheit. Nachdem Jenner im April 2015 bekannt gab eine Transfrau zu sein, erschien sie am 1. Juni 2015, weniger als zwei Wochen bevor die Debatte um Rachel Dolezal anlief, auf dem Cover des Magazins Vanity Fair, wo sie sich, dem hegemonia- len Ideal von weiblicher Schönheit entsprechend, präsentierte und mit dem Namen Caitlyn Jenner vorstellte3. Daraufhin wurde Caitlyn Jenner ein immenses öffentliches Interesse zuteil, wobei die Reaktionen, trotz der Ablehnung einiger konservativer Kommentatoren, innerhalb der etablierten Medien überwiegend positiv waren. Die Berichterstattung über Caitlyn Jenner markierterte eine neue Stufe im Mainstreaming von Transgenderidentitäten (Brubaker 2016b: 3). Jenners Schritt wurde überwiegend als mutig und inspirierend gelobt und es wurde betont, dass Jenners Identität als Frau aktzeptiert und respektiert werden müsse (z.B. The Daily Telegraph 19.11.2015). Das Magazin Glamour kürte sie zu einer der 25 Frauen des Jahres und nannte sie "Trans Champion". Selbst das Weiße Haus gratulierte ihr zu ihrem Geschlechtswechsel (Bru- baker 2016b: 3). Am 25. September 2015 gab ein Gericht ihrem Antrag auf die amtli- che Änderung ihres Namens und Geschlechts statt (The Daily Telegraph 19.11.2015).

In Berücksichtigung des zeitlichen Abstandes zwischen der Debatte um Catlyn Jenner und dem damit einhergehenden gestiegenen Bewusstsein und der gewachsenen Akzeptanz von Geschlechtswechseln einerseits, und der Debatte um Rachel Dolezal andererseits, ist es wenig verwunderlich, dass Catlyn Jenner in der öffentlichen Diskussion um Rachel Dolezal als Referenzpunkt fungierte. Die Analogie der Fälle wurde von Dolezal selbst gesucht, indem sie sich in ihrem Streben nach Anerkennung ihrer selbstzugeschriebenen Identität, als "Transracial" bezeichnete (u.a. The New York Times 12.06.2015: A1). Aber auch konservative Kommentatorinnen versuchten einen Zusammenhang zwischen Jenner und Dolezal herzustellen, mit der Absicht, Jenners Status als Frau ins Lächerliche zu ziehen und den Verteidigern der Rechte von Transgenderpersonen eine Art von Doppelmoral unterstellen zu können. Wenn Jenner eine Frau sein könne, weshalb sollte dann Dolezal nicht schwarz sein dürfen, war die ironisch intendierte Frage, die von konservativen Autoren gestellt wurde4. Liberale, bemüht um die Anerkennung von Transpersonen, sahen sich dadurch veranlasst aufzuzeigen, weshalb die beiden Fälle nicht vergleichbar seien. Weshalb also Caitlyn Jenners verhalten legitim sei und sie als Frau anerkannt werden müsse, während Rachel Dolezal sich nicht einfach eine Identität als Schwarze geben könne. Im Aufstellen einer Analogie der zwei Fälle sahen sie eine Gefahr für die Anerkennung der Rechte von Transgenderpersonen, aber auch die Gefahr einer Schwächung der 'Black Community' (vgl. Brubaker 2016b: 32). Hier wurden die beiden Fälle also verglichen um aufzuzeigen, weshalb sie nicht vergleichbar seien, weshalb also Transracial, im Gegensatz zu Transgender "not a thing" (u.a. The Guardian 12.06.2015) sei.

Nur sehr vereinzelt gab es auch Stimmen, welche die Möglichkeit, dass jemand seine Rasse wechseln könne, zumindest in Betracht zogen und mit affirmativer Intention die Analogie von Transgender und Transracial suchten. Die Vergleiche, wenn auch mit zwei gänzlich unterschiedlichen Intentionen konstituiert, zwang die Mehrheitsmei- nung, welche Transgenderidentitäten für legitim, die Möglichkeit der Existenz trans- rassischer Identiäten jedoch für absurd hielt, eine Differenz zwischen den beiden Dif- ferenzierungsschematas Geschlecht und Rasse zu kreieren. 'Boundery Work' wurde also in mehrerer Hinsicht betrieben: Zum einen um innerhalb der Klassifikationen Rasse und Geschlecht die Kategorien Weiß und Schwarz bzw. Mann und Frau vonein- ander abzugrenzen, aber auch um die beiden Klassifikationen als nicht-vergleichbar darzustellen und Analogie von Transgender und Transracial zu diskreditieren, indem dem Transgender eine Existenz zugesprochen wurde, Transracial jedoch nicht.

In der Debatte um Rachel Dolezal wurde also verhandelt, ob in den Kategorien Geschlecht und Rasse soziale Mobilität möglich sei. Die soziologische Relevanz ergibt sich schon allein deshalb, weil eine solche Verhandlung was das Phänomen Rasse angelangt möglicherweise zum ersten Mal stattfand, während die Verhandlung der Wechselbarkeit des Geschlechts zwar nicht völlig neu ist, in den letzten Jahren und vor allem im Zuge des Geschlechtwechsels Caitlyn Jenners, jedoch eine neue Stufe an Akzeptanz von Transgenderidentitäten zu beobachten ist (vgl. Brubaker: 3ff.).

Mit dem Fall Rachel Dolazal befasste sich bereits Rogers Brubaker in dem Text "The Dolezal affair race gender and the micropolitics of identity" (2016a) und dem, in essayistischem Stil verfassten Buch "trans. Gender and Race in an Age of Unsettled Identitys" (2016b). Brubaker sieht im Fall Dolezal die Chance das Kategorisierungs- schemata Rasse neu zu denken und behandelt darin die Konzept "Transgender" und "Transracial" als Analogien. Brubaker glaubt im Prozess sozialer Kategorisierungen bezüglich Geschlecht und Rasse einen fundamentalen Wandel feststellen zu können, welcher er mittels der Konzepte "Trans of Migration", "Trans of Between" und "Trans of Beyond" einzufangen versucht. Im folgenden werde ich in dieser Arbeit immer wie- der auf Brubakers Werk verweisen, wobei sich viele meiner Ergebnisse mit den seinen decken, ich an der ein oder anderen Stelle jedoch auch Kritik an Brubakers Schlussfolgerungen anzubringen habe.5

2. Methodologische Vorgehensweise

2.1 Untersuchungsgegenstand und Fragestellung

Es soll in dieser Arbeit nicht um die möglichen Motive Rachel Dolezals oder um die Legitimität ihres Verhaltens gehen, und ebensowenig um den 'tatsächlichen', ontologischen Status von Rassen, Geschlechtern, Transracial- oder Transgenderpersonen. Aufgabe dieser Arbeit ist es nicht zu diskutieren, inwiefern ontologisch wahre Kategorien existieren oder ob und welche sozialen konstruierten Kategorien mit einer solchen ontologischen Wahrheit übereinstimmen, sondern vielmehr, wie der Status von kulturellen Kategorien als ontologische Gewissheiten konstruiert und ausgehandelt wird. Die Debatte um Rachel Dolezal werde ich als einen einen „politisch-symbolischen Kampf zwischen verschiedenen Visionen der legitimen Aufteilung der sozialen Welt‘“ (Wimmer 2008: 66) analysieren. Mittels des Konzepts Konzepts „Boundery Work“ (vgl. Wimmer 2008, Lamont/Molnár 2002) soll untersucht werden, wie die soziale Konstruierung und Dekonstruierung von Transgender und Transracial zur Reifizierung ('Boundary Making'), Veränderung ('Boundary Shifting'), und Verwischung ('Boundary Blurring') rassischer und geschlechtlicher Kategorien und deren Grenzen, sowie der Mobilität zwischen ihnen ('Boundary Crossing'), beitragen.

Zuvorderst soll diese Arbeit soziologisch relevante Erkentnisse liefern, wie Rachel Dolezals Identität und die Konzepte "Transgender" und "Transracial" medial verhandelt wurden. Wie also die Wechselbarkeit zwischen Kategorien innerhalb der Kategorisierungsschemata Rasse und Geschlecht beurteilt wird. Welche Positionen hierzu existieren (bzw. nicht existieren), welche Weltbilder und Deutungsmuster darin relevant werden (bzw. nicht relevant werden) und welche Diskurse sich voneinander abgrenzen lassen. Wann und unter welchen Umständen gilt ein Wechsel des Geschlechts oder der Rasse als möglich bzw. unmöglich? Oder konkret gefragt:

Weshalb erfreut sich “Transgender” einer zunehmenden Aktzeptanz, während das Konzept “Transracial” nicht nur als absurd, sondern, wie ich aufzeigen werde, gar als gefährlich und unmoralisch eingestuft wird? Weshalb wurde Jenners Identität als Transgender von der öffentlichen Mehrheit anerkannt, Dolezals Identität als Transracial jedoch nicht?

Wie sich an der Sichtung des Materials schnell zeigte, ist die Verhandlung über Trans- identitäten gleichzeitig auch stets eine Verhandlung über die Kategorierungsschematas Geschlecht und Rasse als solche. Demnach ist die zentrale Frage der Arbeit, welche Deutungen darüber existieren, was eine Frau zur Frau mache und was eine Schwarze zur Schwarzen mache. Welche Essenzen also den Kategorien Frau und Schwarz zu- grunde gelegt wird, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich in der Art und Weise finden lassen, wie die Kategorien Rasse und Geschlecht konstruiert werden und ob hierbei ein Wandel innerhalb der soziokulturellen Deutungs- und Wissensordnung zu verzeichnen ist.

2.2 Forschungsmethode: Wissensoziologische Diskursanalyse

Die Analyse erfolgt nach dem, von Rainer Keller (2010a,b; 2011a,b) formulierten, Forschungsprogramm der Wissenssoziologischen Diskursanalyse (WDA). Die WDA versucht die Ansätze der Diskursanalyse Michel Foucaults (1974a,b; u.a.) und die so- zialkonstruktivistische Wissenssoziologie Berger und Luckmanns (1966) zusammen- zuführen.6 Der Wissenssoziologischen Diskursanalyse liegt die sozialkonstruktivisti- sche Annahme zugrunde, dass soziale Phänomene nicht objektiv gegeben sind, son- dern aufgrund von sozial erzeugten und symbolisch tradierten Sinnsystemen konstitu- iert werden. Als zentrale Schauplätze der gesellschaftlichen Wissens- und Wirklich- keitskonstruktion werden öffentliche, massenmedial vermittelte Diskurse aufgefasst. Die WDA untersucht demnach, wie soziale Phänomene durch Diskurse erzeugt wer- den. Als Diskurs wird ein System von aufeinander bezogenen Aussagen verstanden, dass ein abgrenzbares Phänomen definiert und interpretiert und dadurch Gegenstände, Machtstrukturen und Interessen generiert, die er gleichzeitig zur Grundlage hat (vgl. Foucault 1974a: 58; 156)7. Während sich die Wissensoziologie auf die Aushandlungs- prozesse und Wissens(re)produktionen auf der sozialen Mikroebene, respektive dem Alltag fokussiert, ohne den makrosozialen Kontexten genügend Aufmerksamkeit zu schenken (Keller 2011a: 60), beschränkt sich Michelle Foucault auf die Produktion von Wissen und Sinn auf der sozialen Makroebene. So möchte auch ich mein Interes- se, der Wissensoziologischen Diskursanalyse folgend, auf die, in der medial-öffentli- chen Diskursarena ausgehandelten Wissensregimes richten, wobei diese, anders als die antihermeneutischen Diskursanalyse Foucaults, den übergeordneten institutionel- len Mechanismen der Wissensgenese keineswegs eine vollständig determinierende Wirkung auf Individuen unterstellt, sondern vielmehr davon ausgeht, dass sich Indivi- duen die, an sie herangetragenen Wahrheiten, mehr oder weniger eigensinnig aneignen und kreativ und auch widerständig mit den diskursiven Vorgaben umgehen, womit nicht zuletzt auch Rückwirkungen auf die diskursive Ebene entstehen (Keller 2011a: 76). Diskurse können in diesem Sinne als ein gesellschaftlicher und historischer Kon- text aufgefasst werden, der situativ in Abhängigkeit der Interpretationen und Motiven der Akteure relevant wird, welche Diskurse als eine Ressource für Wissen und Sinn benutzen (vgl. Bowker/Star 2000: 22).

Schwerpunkt der Analyse soll sein, mit welchen Schematas die Person Rachel Dolezal interpretiert wird mit welchen Mitteln und Argumenten zwischen konkurrierenden Deutungsmustern und Diskursen um die Deutungshoheit über die Kategorien Rasse und Geschlecht und des legitimen Umgangs mit ihnen gefochten wird, welche Akteure dabei in Erscheinung treten und die Selektionsmechanismen die hierbei zum Tragen kommen. Untersuchungsgegenstand sind demnach die Deutungskämpfe von Individuen und Gruppen, darüber, wem es erlaubt sein sollte zu kategorisieren (respektive sich selbst zu kategorisieren), wie kategorisiert werden soll, welche Kategorien benutzt werden sollen, welche Bedeutungen sie enthalten sollen, zu welchen Konsequenzen sie führen sollen und wann ein Wechsel zwischen den Kategorien als legitim gilt.

2. 3 Datenerhebung und -auswertung

Die vorliegende Arbeit untersucht die öffentliche-mediale Debatte über die Person Ra- chel Dolezal, welche durch das „outing“ Dolezals durch ihre Eltern am 12.6.2015 aus- gelöst wurde. Nach einer ersten Welle an Artikeln, welche im Stile einer kuriosen Be- trugsgeschichte verfasst wurden, wandelte sich die Berichterstattung innerhalb kürzes- ter Zeit zu einer, daran anschlussfindenden, tiefergehenden, Diskussion über die Be- schaffenheit des Kategorisierungsschematas Rasse und den Status von „Trans- racial“, wobei darin immer wieder auf das Kategorisierungsschematas Geschlecht, den Status von „Transgender“ und den Fall Caitlyn Jenner, Bezug genommen wurde. Für wenige Tage lag der Fall im Fokus der medialen Aufmerksamkeit, bevor er am 17. Juni, durch den Anschlag in Charleston, bei dem neun Afroamerikaner während einer Bibelstunde von einem rechtsextremen US-Bürger erschossen wurden, von den Titel- seiten der US-amerikanischen Medien verdrängt wurde. Bis Ende Juni erschienen noch sporadisch Artikel zum Thema Dolezal, bevor der Fall vollständig Ad Acta ge- legt wurde. Ohne historische Diskurse zum Thema Rasse, sowie die Diskurse zum Thema Transgender und zum Fall Caitlyn Jenner vollständig ausblenden zu wollen, liegt der Schwerpunkt der Analyse auf der Debatte um Rachel Dolezal, wie sie zwi- schen dem 12.6 und 30.6 2015 stattfand. Um die Diskurse greifbar zu machen, wurden US-amerikanische Zeitungsartikel analysiert. Aus forschungspraktischen Erwägungen wurde die Auswahl der zu untersuchenden Zeitungsartikel auf die ‘Leitmedien‘ des je- weiligen Lands beschränkt. Nach Wilke (1999) zeichnet sich ein Leitmedium nicht nur durch hohe Auflagezahlen aus, sondern auch dadurch, dass sie von Entscheidungs- trägern in Wirtschaft, Politik und Kultur überproportional gelesen werden, wie auch dadurch, dass sie von Journalisten häufig zu Recherchezwecken konsultiert werden und somit in erheblichem Maße die öffentliche Meinung prägen. Als US-Amerikani- sche 'Leitmedien' (Newspaper of Record) wurden, Martin/Copeland (2003) folgend, The New York Times, die Los Angeles Times, The Wall Street Journal, The Washington Post, der Chicago Tribune und die New York Post aufgefasst. In diesen medialen Er- zeugnissen wurden alle Artikel zum Fall Rachel Dolezal (insgesamt 25) analysiert. Um ein größeres Meinungsspektrum abzudecken, wurden darüber hinaus auch text- förmige Onlinemedien als Diskursfragmente behandelt, wobei die Auswahl der Artikel sich an der Methode der maximalen Kontrastierung orientierte, um so eine möglichst große Varietät an existierenden Positionen zum Thema mit in die Analyse einbeziehen zu können. Aus diesem Grund reicht die Bandbreite analysierter Blogbeiträge (insgesamt 34) von christlich-fundamentalistischen oder der 'Alternative Right'-Bewegung nahestehenden Blogs, über Onlineausgaben auflagenstarker Zeitungen, bis hin zu der Frauenrechtsbewegung, der schwarzen Bürgerrechtsbewegung oder der LGBT-Bewe- gung nahestehenden Blogs.

Die Datenauswertung orientierte sich an der von Strauss (1991) entwickelten‚ 'Groun- ded Theory‘ und des darin enthaltenen Konzepts der iterativ-zyklischen Datengenese, Analyse,und Theoriebildung. Während sich parallel dazu der Datenkorpus, sowie theoretische Prämissen und Erklärungen sukzessiv anpassten und verdichteten, wur- den zunächst Memos der Artikel angefertigt. Im Weiteren wurde eine Matrix zu jedem einzelnen Artikel, sowie eine Matrix für die verwendeten Argumente und Aussagen er- stellt. Anschließend wurden die Daten codiert. Ferner wurden auch für die Gesamtarti- kel Codes gebildet. In einem letzten Schritt wurden die Ergebnisse verdichtet. Es wur- den Kategorien gebildet um die einzelnen Aussagen, Argumente, aber auch die Ge- samtartikel zu strukturieren und in ihnen die typischen Narrative, Kategorisierungs- schemata und Deutungs- und Argumentationsmuster identifizieren zu können. Es wur- de versucht, die typischen Bausteine und Dimensionen innerhalb des diskursiven Fel- des um den Fall Rachel Dolezal herauszuarbeiten, konkurrierende Narrative, Deu- tungsmuster, Kategorisierungsschemata und Diskurse voneinander abzugrenzen, zu analysieren und in eine Phänomenstruktur einzubetten.

3. Die soziale Praxis des Kategorisierens

Klassifikationen stellen einen basalen Bestandteil einer jeden sozialen Ordnung, wie auch eine Daseinsgrundlage für die menschlichen Fähigkeiten zu Sprache und Er- kenntnis, dar. Sie reflektieren nicht nur das Denken und Wissen, sondern konstituieren es erst, indem sie eine Konzeptualisierung von Realität erlauben (Vgl. Bowker/Star 2000; Jenkins 2008: 7; Keller 2011a: 244). Klassifizieren kann als wechselseitiger Prozess des Benennen (Identifizierens) und Erschaffen von Gemeinsamkeiten, Diffe- renzen und den Grenzen zwischen ihnen, verstanden werden. Aus Sicht der wissenso- ziologischen Diskursanalyse sind Klassifikationen „mehr oder weniger ausgearbeitete, formalisierte und institutionell stabilisierte Formen sozialer Typisierungsprozesse“ (Keller 2011a: 244). Wie jeder Sprachgebrauch teilt auch die Sprachverwendung in Diskursen die Welt in bestimmte Kategorien auf. Sie entwerfen über Klassifikationen nicht nur die Wirklichkeitsbereiche von denen sie handeln, sondern zwischen Diskur- sen finden auch Wettstreite um solche Klassifikationen und deren Interpretation statt (Keller 2011a: 239ff.). Hierbei ist der Performativität diskursiver Aussagen im Allge- meinen und von diskursiven Klassifikationen im Speziellen, zu beachten, dernach die Deutung und Konstruktion von Wirklichkeit in der diskursiven Aussagepraxis zusam- menfallen8. Jede Klassifizierung führt zu einer gewissen Anschauungsweise eines Ge- genstands und verschweigt und unterdrückt andere Sichtweisen. „Things don't come in well defined kinds“ (Bowker/Star 2000: 28), stattdessen bedürfen sie zur Reduktion ihrer Komplexität kontingent-sinnhaften Unterscheidungen. Solche sinnhaften Unter- scheidungen drücken sich in sozial hergestellten Kategorien mit kulturell und histo- risch variablen „Grenzregimen“ (Lindemann 2009) aus, welche im Anschluss an ihre Institutionalisierung in der Regel als rational, normal, objektiv, universell, notwendig und natürlich wahrgenommen werden. Wie Bowker und Star (2000) aufzeigen, erfül- len selbst die allerwenigsten offiziellen und formalen Klassifikationen das aristoteli- sche Ideal von Klassifikationen9 und stellen in sich kein geschlossenes und konsisten- tes System dar, sondern kennzeichnen sich vielmehr durch die ihnen liegende Kontin- genzen und Ambiguitäten und durch eine situative wie historische Variablität und Kreativität, ohne dass die Autoren hierbei das Bild der Beliebigkeit wecken wollten, sondern vielmehr der Auffassung sind, dass sich Kategorisierungsschemata an prag- matistischen Gesichtspunkten, wie der Lösung von Handlungshemmungen, der stö- rungsfreien Anwendbarkeit und Anschlussfähigkeit und der situativ-salienten Wider- spruchsfreiheit mit anderen Teilen des Wissensvorrates (beispielsweise kontextual re- levanten Werten oder Motiven) orientieren und oftmals auch im Kontext unterschiedli- cher politischer Strategien begriffen werden müssen. Ich folge in dieser Arbeit neben dem Konzept 'Boundary Work' (vgl. Wimmer 2008, Lamont/Molnár 2002) und der 'Kontingenzperspektive' (vgl. Reckwitz 2008) auf Humankategorisierungen, wie sie auch in der WDA angelegt ist (vgl. Keller 2011a: 244) und welche die Ordnungs- und Strukturierungsfunktion von Klassifikationsprozessen in einer kontingenten Welt beto- nen (vgl. Hirschauer 2014: 172ff.), diesem pragmatistischen Verständnis der Praxis des Katigorisierens, auch um das Bild einer völlig beliebigen und willkürlichen Wirk- lichkeitskonstruktion, wie sie in der Kontingenzperspektive oftmals impliziert ist, zu vermeiden. Aus pragmatistischer Perspektive dienen Klassifikationen der Problemlö- sung und sollen einen möglichst routinierten und irritationsfreien Ablauf des Hand- lungs- und Bewusstseinsstroms bewerkstelligen (vgl. Dewey 2002: 127 ff.). Wird i n einer Situation jedoch ein Widerspruch zwischen der Klassifikation und beispielswei- se den eigenen Interessen salient oder lässt sich eine bestimmte Wahrnehmung nicht mehr in eine bestehendes Kategorisierungsschemata einordnen (assimilieren), entsteht eine Irritation, welche in einer Handlungshemmung resultiert. (vgl. Schubert 2010: 43ff.). Wird der „Modus der Routine, des fraglosen, unproblematischen Ablaufs sozia- ler Aktivität“ (Strübing 2016: 7) mit einer solchen Irritation konfrontiert, dass sich Ka- tegorisierungsgewohnheiten nicht mehr ohne weiteres anwenden lassen, entsteht ein Unbehagen, welche gleichsam als Krise oder Schock erscheint und die Praxis des rou- tinierten Kategorisierens ins Stocken geraten lässt, sodass diese nicht mehr vollzogen werden kann (vgl Mead 1959: 172). Um Handlungssicherheit neu aufzubauen, muss, der aus dem Kategorisierungswiderstand evozierte Zweifel, durch reflektiert-kreative und abuktive Problemlösungen in einer neuen Gewissheit aufgelöst werden (vgl. De- wey 2002: 127 ff.). Es muss im „Modus des reflektierenden, kreativen problemlösen- den Handelns“ (Strübing 2016: 7) eine Lösung gefunden werden, welche den als Stö- rung erscheinenden Zweifel beseitigt, beispielsweise indem das bestehende Kategori- sierungsschemata modifiziert, oder gar ganz aufgeben wird, oder aber indem die Wahrnehmung in einer Weise reinterpretiert wird, damit sie in das bestehende Schema assimiliert werden kann10 (vgl. Joas 1992: 209).

So speist sich die Praxis des rassischen und geschlechtlichen Kategorisierens aus ei- nem impliziten, routiniert angewandten Wissen um den Zusammenhang von Selbsti- dentifikation, Fremdzuschreibung, äußerem Erscheinungsbild, Genetik, Verhalten, so- zialen Kreisen, etc., einer Person. Dies kann auch als „Racial Commen Sense“ (Omi/Winant 1994: 106) und analog dazu als „Gender Common Sense“ bezeichnet werden. Mit dem erscheinen bzw. dem relevant werden von Transgenderpersonen oder Rachel Dolezal wird dieser Common Sense in Frage gestellt, da das Wissen um sie im Widerspruch zum Wissen rund um die Klassifikationssysteme Rasse und Geschlecht stehen. Personen wie Rachel Dolezal lassen sich nicht ohne weiteres sinnhaft in das vorgefertigte, routinierte Wahrnehmungsschemata von Rasse einordnen. Aber auch Personen, welche im Widerspruch zum Wissen über geschlechtliche Merkmale und ihre Zusammenhängen stehen, stellen eine als Irritation empfundene Anomalie dar11, da es offenbar einen „kulturellen Ordnungsbedarf, der nach Aufrechterhaltung von Kategorien verlangt, um Orientierungs- und Handlungssicherheit zu gewährleisten“ (Schütz/Luckmann 1979 zit. nach Hirschauer 2014: 173) gibt.

3.1 Die Kategorisierungsschemata Rasse und Geschlecht

Die Kategorien Rasse und Geschlecht stellen beide 'Leitdifferenzen' in der kulturellen Ordnung moderner Gesellschaften dar (Hirschauer 2014: 171). Während Rasse von ei- nigen Autoren als eine der Ethnizität verwandte, aber stärker somatisierte und gröbere Klassifikation ansehen (z.B. Jenkins 2008), haben andere Autoren (z.B. Wimmer 2008, Brubaker 2007) Rasse als "ethnosomatische" (Wimmer 2008: 974) Kategorie unter dem Konzept der Ethnizität subsumiert. Wie Omi und Winant (1994) aufzeigen, sind mit Kategorie Schwarz bzw. Afroamerikaner, innerhalb der USA, zu situativ un- terschiedlichen Graden, sowohl biologistische als auch kulturalistische Vorstellungen verbunden.

Eine strikte Unterscheidung zwischen (somatisierter) Rasse und (kulturalisierter) Eth- nie ist in dieser Hinsicht wenig sinnvoll ist, zumal es ja gerade Anliegen dieser Arbeit ist, herauszufinden, wie die Kategorie Schwarz bzw. Afroamerikaner in medialen Dis- kursen konzipiert wird. Dem dominanten Praxisbegriff dieser Diskurse folgend, werde ich jedoch von "Rasse" sprechen12, wie ich auch die Begriffe "Geschlecht", "Transgen- der", "Transracial" lediglich als von Diskursteilnehmern vollzogene Fremd- und Selbstzuschreibungen (bzw. Identifizierungen und Kategorisierungen) von Merkmalen wiedergebe, ohne die Intention zu besitzen, jene Begriffe selbst zu essentialisieren13. In diesem Sinne werde ich auch, um Praxis- und Analysebegriff nicht zu vermengen und jegliche essentialistischen Konnotationen zu vermeiden, den Begriff „Identität“ lediglich als Praxisbegriff wiedergeben und als Analysebegriff von "Identifizierung" sprechen, darunter das situativ salientgewordene Wissen einer Person über dessen Zu- gehörigkeit zu einer Kategorie verstehen und ihn synonym zum Begriff "Selbstzu- schreibung" verwenden. Demgegenüber werde ich "Kategorisierung" als Synonym für 'Fremdzuschreibung' verwenden, als das Wissen über die Zugehörigkeit anderer Per- sonen zu Kategorien (vgl. Jenkins 2000: 8).

Neben ihrer hohen sozialen Relevanz und Intensität lassen sich einige weitere Ge- meinsamkeiten zwischen Rasse und Geschlecht finden. So werden beiden Kategorisie- rungsschemata als eine biologisch-körperliche Komponente besitzend konstruiert und sie werden als nicht-wählbar und als lebenslang konstant gedacht. Im Alltagsverständ- nis gelten sie somit als natürliche und damit quasi-vorgesellschaftliche Merkmale, wo- bei mit beiden nicht zwingend, aber oftmals, eine Zuweisung eines bestimmten und häufig hierarchischen Status verbunden ist (Müller 2003: 6f.). Desweiteren geht mit beiden Klassifikationen die Alltagsvorstellung einher, dass der Unterschied zwischen Frauen und Männern, sowie Weißen und Schwarzen, visuell eindeutig erkennbar sei (vgl. Heintz 2014: 312)

Geschlechterkategorien, wie auch Kategorisierungen nach der geographischen Her- kunft waren schon in vormodernen Gesellschaften bekannt, besaßen jedoch im Ver- gleich zu anderen Ordnungsprinzipien, wie der Differenzierung nach Religions-, Fa- milien- und Standeszugehörigkeit, lediglich eine untergeordnete Relevanz. Müller (2003: 14ff.) ist der Auffassung, dass mit dem Zeitalter der Aufklärung und der zur selben Zeit stattfindenden Verwissenschaftlichung eine erhebliche qualitative Verände- rung in der Bedeutung geschlechtlicher Kategorien zu verzeichnen gewesen sei, wel- che nicht nur zu einer veränderten Konnotation, sondern auch zu einer modifizierten Denotation von Geschlechterkategorien führte. War Geschlecht vor dem 17. Jahrhun- dert eher „eine soziologische als eine ontologische Kategorie“ (Frevert 1995: 22, zit. nach Müller 2003: 15), mit der ein sozialer Rang und die Verpflichtung eine kulturelle Rolle zu übernehmen einherging, so wurden diese Geschlechterunterscheidungen mit dem Aufkommen und der Primatsetzung naturwissenschaftlichen Wissens als 'biologi- sche Tatsachen' rekonstruiert, naturalisiert und universalisiert. Doch im Zeitalter der Aufklärung vollzog sich nicht nur eine Somatisierung von Geschlechterkategorien, sondern es kam auch zu einer Somatisierung von, auf Basis der geographischen Her- kunft bzw. Abstammung vollzogenen, Kategorisierungen mittels des neu entstandenen Konzepts Rasse.

David R. Roediger (2008) ist hierbei der Überzeugung, dass die Konstruktion von Rassen mittels Rückgriff auf naturwissenschaftliche Argumentationsschemata im Kontext von Kolonialismus und Sklaverei entstand, als ein Mittel der europäischen Herren eine mentale Distanz zwischen ihnen und den von ihnen versklavten und kolo- nialisierten Menschen zu schaffen und um die Solidarisierung zwischen schwarzen und weißen Subalternen zu verhindern, aber auch, um die Praktiken des Imperialismus und der Sklaverei nicht in Widerspruch mit dem Egalitätspostulat der Aufklärung ge- raten zu lassen, indem soziale Ungleichheiten im Körper bzw. der Natur verortet wur- den, um damit ein, mit der Aufklärung entstandenes potentielles Legitimationsdefizit sozialer Ungleichheit, zu umgehen. In Übereinstimmung hierzu argumentiert Müller (2003: 88f.), dass die „Genese der Geschlechter- und Rassen -Ordnung“ auf die Not- wendigkeit zurückzuführen sei, soziale Ungleichheiten unter der Vorstellung der Gleicheit aller Menschen neu zu legitimieren.

Historisch zeigte sich das Konzept Rasse von enormer Variabilität. Galten zu Beginn der Kolonialisierung des nordamerikanischen Kontinents zunächst lediglich angel- sächsische - und mitunter niedersächsische - Protestanten als Weiß, so wurde das Kon- zept mit der Zeit sukzessiv auf alle europäisch-stämmigen Menschen (und bisweilen auch darüber hinaus) ausgeweitet (Roediger: 2008: 20ff.). Auch andere rassische Ka- tegorisierungen zeigten historisch eine immense Wandelbarkeit und waren bzw. sind kontinuierlich umkämpft. So wurden beispielsweise Amerikaner mit indischem Mi- grationshintergrund vom United States Census Bureau in den 1930er und 40er Jahren in die Rasse "Hindu" eingeordnet, in den 1950er und 1960er Jahren als "Other Race", in den 1970er- Jahren als "White" und seit den 1980er Jahren als "Asian" oder "Asian Indian" (ebd.). Können also einige Gemeinsamkeiten zwischen den Kategorisierungsschemata Ge- schlecht und Rasse festgestellt werden, so sind in ihrer Konzeption jedoch auch Unter- schiede zu verzeichnen. So ist die soziale Differenzierung nach Geschlecht auf Kom- plementierung und Zusammenführung durch Kohabitation hin ausgerichtet, während Rassen als (natürlicherweise) getrennt voneinander konzipiert sind und der Abgren- zung und Gemeinschaftsbildung dienen. Damit einhergeht oftmals nicht nur eine räumliche Segregation und eine relativ geringe Interaktionsdichte zwischen Angehöri- gen verschiedener Rassen, sondern auch ein, verglichen mit dem Kategorisierungs- schemata Geschlecht, relativ starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und stärker ausge- prägte Effekte der Nostrifizierung und Alterisierung einher, welche selbst wiederum als konstitutiver Bestandteile rassischer Kategorisierungsprozesse aufgefasst werden können (vgl. Hirschauer 2014: 171; Müller 2003: 96f.)

Desweiteren fehlen in Bezug auf Geschlecht nicht nur benachbarten Klassifikationssysteme, wie sie bezüglich Rasse existieren (Stamm, Ethnie, Nation, Kulturkreis, etc.), Geschlecht wird in der westlichen moderne auch nahezu ausschließlich als komplementär-dichotomes Merkmal konstruiert, welches als diskretes Merkmale keine Zwischenformen zulässt. In Hinblick auf Rasse konkurieren dahingegen diverse Klassifikationen um die Deutungshoheit, wobei diese selten eine dichotome und sehr viel häufiger eine polytome Klassifizierung beinhalten.

3.3 Die Kategorien Transgender und Transracial

Für den Begriff Transgender existiert keine allgemein anerkannte Definition. Gemein- hin wird damit die Nichtübereinstimmung von sozialer Geschlechterrolle (fremdzuge- schriebenem Geschlecht), biologischem Geschlecht (bzw. des bei der Geburt aufgrund der äußeren Geschlechtsmerkmale festgelegten Geschlechts) und der geschlechtlichen Selbstidentifikation einer Person verstanden. Häufig, aber nicht zwangsläufig geht mit der Verwendung des Begriffs die Forderung einher, dass das fremdzugeschriebene Ge- schlecht an die Selbstidentifikation der Person angepasst werden müsse. Der Gegen- begriff lautet Cisgender, für Menschen, deren Selbstidentifikation mit ihrem biologi- schen Geschlecht übereinstimmt. Seit den letzten Jahrzehnten verdrängt der Terminus 'Transgender', unter Zutun sozialpoltitischer Bewegungen, den, ursprünglich von Wis- senschaft und Medizin geprägten Begriff, 'Transsexuell'. Hierbei wurde argumentiert, dass 'transsexuell' die Konnotation wecke, der Begriff habe etwas mit Sexualität zu tun und es wird oftmals versucht, eine Entpathologisierung der betroffenen Personen voranzutreiben. Zudem geht mit dem Begriff Transgender oftmals eine Bedeutungser- weiterung einher, findet er auch für Menschen Verwendung, welche sich unzureichend mit dem ihnen zugeschriebenen Geschlecht identifizieren, ohne sich aber zwangsläu- fig mit dem Gegengeschlecht zu identifizieren, während der Begriff Transexuel oft- mals dahingehend eingeengt wird, dass er lediglich auf Personen, welche sich einer chirurgischer und hormoneller Behandlung unterzogen haben bzw. den Wunsch hegen sich einer solchen zu unterziehen, um den eigenen Körper der geschlechtlichen Selbstidentifikation so weit wie möglich anzugleichen, Anwendung findet (Whittle 2000: 35ff.).

Über die Ursachen von Transgender/Transsexualität gibt es keine wissenschaftlich unumstrittenen Erkenntnisse. Es existieren in der Psychologie eine Vielzahl von Theorien, sowohl jene, welche von sozialisatorischen Ursachen ausgehen (z.B. lerntheoretische oder psychoanalytische Erklärungsmodelle), als auch Theorien, welche körperliche Ursachen annehmen (z.B. Genetik oder hormonelle Ursachen). Es konnte jedoch konnte keine dieser Theorien bisher empirisch belegt werden. Zu jeder einzelnen bis dato postulierten Theorie lassen sich etliche Gegenbeispiele finden, sowohl unter Transgendern, auf welche die postulierte Ursache nicht, als auch unter Cisgendern, auf die sie zutrifft (vgl Stryker 2006; Brubaker 2016b: 65).

Innerhalb des sozialkonstruktivistischen Paradigmas lässt sich die Biographische Fra- ge, nach der individuellen Genese jener Phänomen, welche als Trangender oder Trans- racial definiert werden, womöglich durch die Subjektivierungsanalyse der WDA (vgl. Bosancic 2012) oder auch durch Ian Hackings Konzept "Making up people" (1986) besser verstehen, wobei mir eine Anwendung dieser Ansätze auf das Phänomen Trans- gender nicht bekannt ist. Aus dieser Perspektive heraus entsteht Transgender als Seins- weise, in dessen Mittelpunkt das subjektive Empfinden, in Wahrheit nicht das Ge- schlecht zu besitzen welches der Person zugeschrieben wird, durch die lebensweltli- che Übernahme wissenschaftlicher und medialer Diskurse, dessen Anrufungen und Identitätsangebote zur Ressource für die Identifizierung der eigenen Person werden. Die Kategorie Transgender schafft sich also ihre eigenen Subjekte, nicht nur, indem Menschen als Transgender kategorisiert werden, sondern auch, indem sich Menschen selbst als Transgender identifizieren und sich mit den Attributen der Kategorie sozialisieren, was die Existenz der Kategorie bzw. Identitätskonstruktion als soziale Tatsache widerum verifiziert. In dieser Hinsicht emergieren die diskursive Kategorie Transgender und Transgendersubjekte reziprok.1415

Die historische Genese der Kategorie Transgender (bzw. Transsexuel) stellt sich unter dem sozialkonstruktivistischen Paradigma daher nicht in Form einer Entdeckungsge- schichte eines immer schon dagewesenen Phänomens dar, sondern als eine, unter der Ausbreitung medizinischem und biologischem Wissens und der damit einhergehenden Neuinterpretation des Geschlechterunterschieds, diskursive Erschaffung, welche sich Mitte des 20. Jahrhunderts aus Konstrukten wie Bisexualität, Homosexualität, Herm- aphroditismus und Travestie heraus entwickelte (vgl. Hirschauer 1999: 68ff.)16. Laut Stephen Whittle (2000: 11), wurde der Begriff Transexuel erstmals 1923 von dem deutschen Sexualforscher Magnus Hirschfeld gebraucht. Hirschfeld versuchte damit Menschen, die sich ganz dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten, von dem von ihm 1910 eingeführten Terminus 'Transvestit', für eine größere Gruppe von Menschen, welche sich lediglich die Kleider des anderen Geschlechts anlegte, zu unterscheiden.

Die diskursive Kreierung der Homosexualität (vgl. Foucault 1983; 1989; Stoler 1995) und dessen spätere Trennung von Transgender/Transsexualität und Transvestitismus kann im Kontext der Praxis des Schaffens von immer strikteren, eindeutigeren und differenzierteren Klassifikationsystemen im Zuge der Modernisierung gesehen wer- den. So haben Historiker, einen, insbesondere im späten 19. Jahrhundert stattfinden- den, explosionsartigen Anstieg an Klassifikationen in Wissenschaften und Bürokratie festgestellt (Bowker/Star 2000: 37). Wie insbesondere Foucault (u.a. 1983; 1989) auf- zeigte, etablierten sich Wissenschaften wie die Medizin oder die Psychologie als Kate- gorisierungs- und Normierungswissenschaften, während Staaten einen steigenden Be- darf an der Kategorisierung und statistischen Erfassung ihrer Bürger verspürten. Im diesem Kontext polarisierte sich auch die (somatisierte) Geschlechterdifferenz kon- zeptuell, indem ein jeder Körper eindeutig männlich oder weiblich wurde, was den so- zialen Raum zwischen und jenseits der Geschlechter unbewohnbar machte. Hirschauer (1999: 114f.) sieht dies als Voraussetzung an, damit das Konzept Transexualität einen "moralischen", "theoretischen" und durch die Durchführbarkeit von Geschlechtsum- wandlungsoperationen auch "pragmatischen Sinn" bekam.

Der Begriff 'Transracial' bezeichnet im Amerikanischen gewöhnlicherweise Adoptio- nen, bei denen die biologischen Eltern des Kindes in eine andere rassische Kategorie eingeordnet werden als seine Adoptiveltern (Brubaker 2016b: 20f.). Als Analogie zum Terminus Transgender, für Personen, deren biologische Geburtsrasse nicht mit ihrer rassischen Selbstidentifikation übereinstimmt, wurde der Begriff gelegentlich von konservativen, wie auch transgenderkritischen feministischen Autorinnen (z.B. Ray- mond 1979) in polemischer Weise verwendet, mit der Intention das Konzept Trans- gender zu diskreditieren. Bis zur Debatte um Rachel Dolezal fand der Begriff Absatz hiervon dahingegen kaum Anwendung. Eine ernsthafte Diskussion über die Möglich- keit von tranrassischen Identitäten wurde bis zur Debatte um Rachel Dolezal noch kaum diskutiert, was wohl auch an der marginalen Anzahl empirisch vorhandener Fäl- le von Personen, welche für sich eine andere rassische soziale Rolle reklamieren, als ihnen unter der Kenntnis ihrer Vorfahren zugeschrieben würde und der Inexistenz ei- ner dazugehörigen sozialpolitischen Bewegung, geschuldet ist, was bisher verhinderte, dass das Konzept 'Transracial' ins akademische oder lebensweltliche Bewusstsein vor- gedrungen ist.17 Dabei ist Rachel Dolezal nicht der erste Fall, indem eine Person eine andere rassische soziale Rolle einnimmt, als ihr unter Kenntnis ihrer Herkunft zuge- schrieben würde. Das Phänomen des "Passings" ist durch unzählige Fälle dokumen- tiert, wobei es sich hierbei größtenteils um relativ hellhäutige Schwarze handelte, wel- che eine weiße soziale Identität annahmen. Diese Fälle wurden allerdings in der Regel als opportunistisches Verhalten ausgelegt, und es wurde den Personen unterstellt, sich nicht tatsächlich mit der angenommen Rolle identifiziert zu haben (vgl. Brubaker 2016b: 84). Daher wurde die Vorstellung der Unveränderbarkeit rassischer Zugehörig- keit auch nicht in Frage gestellt, da die Person einfach ihre "wahre" Identität ver- schleierte, ohne wirklich eine andere anzunehmen. Nichtsdestotrotz zeigen Fälle, die unter dem Begriff des "Passings" gefasst werden, wie die wahrgenommen und zur ras- sischen Klassierung herangezogenen körperspezifischen Merkmale, nicht zwangsläu- fig zu einer eindeutigen und stabilen rassischen Kategorisierung führen müssen und sich eine Kategorisierung nach solchen Merkmalen nicht immer mit einer Kategorisie- rung nach der geographischen Herkunft der Vorfahren decken muss. Der Fall Rachel Dolezal stellt in mehrerer Hinsicht eine Besonderheit dar, was es schwer macht, ihn unter dem Deutungsschemata 'Passing' zu subsumieren, nicht nur, weil Rachel Dole- zals Transformation von einer Weißen zu einer Schwarzen Identität in die entgegenge- setzte Richtung verlief, als in den meisten anderen Fällen des Passings, sondern auch, da Dolezal zu diversen Anlässen beteuerte sich tatsächlich als Afroamerikanerin zu identifizieren.

4. Grundzüge der Debatte

In einer ersten Phase der Berichterstattung über Rachel Dolezal wurde über den Fall, mittels informierender journalistischer Darstellungsformen, im Sinne einer kuriosen Betrugsgeschichte berichtet. In den Meldungen, Nachrichten und Berichten, welche die Debatte auslösten, aber auch in vielen einleitenden Abschnitten späterer meinungs- bildender Artikel wird die Person Rachel Dolezal als Präsidentin des NAACP in Spo- kane, Washington, welche sich jahrelang fälschlicherweise als Schwarze ausgab, vor- gestellt. Anschließen erfolgt die Beweisführung, dass Rachel Dolezal nicht Schwarz sei und somit getäuscht und betrogen habe, regelmäßig mit der Argumentation, dass sie "no black ancestry"(u.a. New York Time 12.06.15: A12) besitze, sondern stattdes- sen von "white", "european" , "caucasian" oder "Czech, Swedish, and German" Vor- fahren abstamme. Häufig werden hierbei ihre Eltern als Autoritäten zitiert oder para- phrasiert: “She’s clearly our birth daughter, and we’re clearly Caucasian - that’s just a fact,” (u.a. CDA Press: 11.06.15). Hier ist deutlich die kulturelle Logik zu erkennen, wonach sich die Rasse einer Person aus der geographischen Herkunft ihrer Vorfahren ergebe, wobei dieses geographische Gebiet im Fall der weißen Rasse in der dominan- ten Vorstellung wohl mit dem Kontinent Europa zusammenfällt. Diese geographische Abstammungslogik scheint so selbstverständlich zu sein, dass sie (zunächst) weder hinterfragt wird, noch erläutert werden muss. So wird ihre objektivierte Bedeutung für die Konstitution von Rassen durch Aussagen wie beispielsweise folgende allseitig re- produziert: "Ms. Dolezal, remarkably composed despite harsh criticism aimed at her, stuck to her insistence that racial heredity does not equal identity" (New York Times 17.06.15: A1). Nur selten werden zur weiteren Beweisführung über Dolezals rassische Zugehörigkeit Kindheitsphotos von ihr herangezogen, welche entweder abgebildet, oder mit Worten wie "The pictures show Dolezal with fair skin and straight, blond hair, with coloring similar to that of her mother and father." (Los Angeles Times 17.06.15: A15) umschrieben werden. Die geographische Herkunft der Vorfahren tritt als eine Basisbegründung in Erscheinung, welche rassische Kategorien definiert und legitimiert. Hierbei ist zwischen einer routinierten, alltäglichen Klassifikationspraxis, in welcher Personen nach einer Vielzahl von, in einem situativ-variablen Zusammen- hang stehenden Attributen rassisch kategorisiert werden, und worin vor allem die Hautfarbe als sinnhaft-kontingentes Kategorisierungskriterium in Erscheinung tritt (vgl. Obasoghie 2014: 15ff.) und einer reflexiv-argumentativen Beweisführung zu un- terscheiden, wie sie dann notwendig wird, wenn eine Irritation, ausgelöst durch sali- entwerdende Uneindeutigkeiten rassischer Attributionen oder deren Unstimmigkeiten zueinander - in diesem Fall die Disparität zwischen Rachel Dolezals rassischer Selbstbeschreibung und der rassischen Beschreibung ihrer Person durch ihre Eltern - eine Aushandlung rassischer Zugehörigkeit erfordert.

In der, in einer 'Logic-of-Trial' geführten Debatte kommt es so zu einer sprachlichen Strukturierung von Wissen, welches rassische Attribute in ein hierarchisches Verhält- nis bringt, an deren Spitze die geographische Herkunft der Vorfahren steht. Auch hier kann eine Analogie zu Geschlecht aufgestellt werden: So sind die "kulturellen Genita- lien" (Hirschauer 1999: 25) in den meisten alltäglichen Situationen ebensowenig wahrnehmbar wie die Abstammung einer Person, doch gelten sie laut Hirschauer (1999: 51) als "ultimative Begründung für die Legitimität von Geschlechtsdarstellun- gen und Lebensweisen". In ähnlicher Weise begründet und legitimiert auch die Ab- stammung reflexiv rassische Darstellungen, Erscheinungsbilder, Kategorisierungen und Identifikationen. Wo der Zusammenhang des Sets von rassifizierten Kritierien phänomenal als Widersprüchlich erfahren wird, muss reflexiv-situativ ein Basiskriteri- um, eine Essenz rassischer Zugehörigkeit gefunden werden. Die Verhandlung der ras- sischen Identität Dolezals bietet dadurch die die Chance, das ansonsten implizite, tief im Wissensvorrat verborgene, Wissen über Rasse und Geschlecht zu untersuchen, zwingt die reflexiv-argumentative Lösung der Krise, zur Explizitmachung und Neu- verhandlung zumindest eines Teiles dieses Wissensbestandes, beispielsweise der Aus- handlung, welche Sortierungskriterien für die Einordnung von Personen ausschlagge- bend sein sollte, also darüber, was eine Frau zur Frau macht und was eine Afroameri- kanerin zur Afroamerikanerin macht, was also die Essenz rassischer und geschlechtli- cher Kategorien darstelle.18

Häufig wird angegeben, dass Rachel Dolezal zu mehreren Anlässen einen Afroameri- kaner als ihren leiblichen Vater ausgewiesen habe und sich somit als "biracial" oder "mixed-race" presentiert habe. Diese falsche Angabe zur eigenen Herkunft wird nahe- zu konsensuell als schwerwiegende Normverletzung dargestellt. Die Einordnung in die Kategorie "biracial" unter welche Rachel Dolezal in der öffentlichen Wahrnehmung für einige Jahre scheinbar häufig fiel, verschaffte ihr jedoch keine Identität zwischen den Kategorien Schwarz und Weiß, sondern vielmehr wird "biracial", "multiracial" oder "mixed-racial" als (relativ irrelevante) Subkategorie der Kategorie Schwarz aufgefasst: "darkening her skin and wearing her hair in braids lead the casual observer to assume she was multiracially Black“ (Reappropriate 16.06.2015). Hierin spiegelt sich die Logik der "One-Drop-Rule" als Einteilungskriterium in die Kategorie Schwarz wieder, dernach jeder, dem unterstellt wird, irgendeinen schwarzen Vorfahren zu besitzen, eine schwarze Identität zugeschrieben wird.

Aufgrund der nahezu konsensuell geteilten Abstammungslogik als Selbstverständlich- keit, wäre nach einer Welle an Sensationsberichten über diesen "bizarre fraud" (Quarz 13.06.2015), dieser Fall wohl relativ schnell ad-acta gelegt worden, hätte Rachel Dolezal nicht argumentativ die Nähe zur Transgenderthematik gesucht, indem sie verlauten lies, sich als Schwarz zu identifizieren und Transracial zu sein. Diese Selbstbehauptungen Dolezals wurden vor allem von konservativen Internetbloggern aufgegriffen, um durch die Analogie von Transgender und Transracial bzw. von Caitlyn Jenner und Rachel Dolezal, die Möglichkeit des Geschlechtswechsel zu nihilieren und Liberalen eine Art von Doppelmoral zu unterstellen: "If Rachel Dolezal Isn’t Black, How Is Caitlyn Jenner A Woman? " (The Federalist 12.06.2016). Oder:

"The connection is obvious and undeniable: Liberals insist that biology, genetics, anatomy, and chemistry have nothing to do with gender, and that an individual can choose to defy all of these factors if their feelings run contrary to their physical reality. Therefore, why can’t a per - son identify as another race if that’s how they feel?" (The Blaze 16.06.2015)

Diese Kommentatoren legten den Fall Dolezal als einen weiteren Beweis über die zu- nehmende Unvernunft und Absurdität des Liberalismus19 aus und fragten rhetorisch: "Should self-definition trump objective truth?" - National Review (12.06.2015).

[...]


1 Als „Caucasian“ bzw. als Teil der "Caucasian Race" gelten in den USA Europäer bzw. europäischstämmige Personen.

2 U.a.: DER SPIEGEL 26/2015: 92; Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.06.2015: 15; Die Zeit 25/2015; Süddeutsche Zeitung 17.06.2015: 13

3 Einige wenige kritische Kommentatoren fragten hierbei kritisch, ob die Ressonanz auch genauso po- sitiv ausgefallen wäre, wenn Jenner es nicht geschafft hätte, das weibliche Schönheitsideal so umfäng- lich zu erfüllen und merkten süffisant an, dass Jenner, kaum dass sie eine Frau sei auf ihr äußeres redu- ziert werde.

4 The Federalist (12.06.2016); National Review (12.06.2015); Bizpac Review (14.06.2015); Stand Firm in Faith (16.06.2015); The Blaze (16.06.2015); Louder with Crowder (16.6.2015); Chicago Tribune (18.06.2015: 2); The Wall Street Journal (18.6.2015:13)

5 Aufgrund der Novität der Idee Transracial und der relativen Eigentümlichkeit des Fall Dolezal, kann dieser Arbeit dennoch durchaus der Charakter einer explorativen Studie zugesprochen werden, weshalb ich es mir auch erlaube, der Rekapitulation des Forschungsstandes kein eigenes Kapitel zu widmen.

6 Als dritte Einflussquelle kann hierbei die Analyse öffentlicher Diskurse innerhalb des symbolischen Interaktionismus angeführt werden (z.B. Gusfield: 1986). Dieser beschränkt sich nicht auf die Interakti- onsprozesse und Bedeutungskonstitutionen in gesellschaftlichen Mikrosituationen, sondern untersucht darüber hinausgehend kollektive Verhaltensweisen, öffentliche Debatten und Konflikte um Situations- definitionen (Keller 2009: 69).

7 Keller (2011a: 60) folgend, bin ich hierbei nicht davon ausgegangen, dass in einem analysierten Do - kument notwendigerweise nur ein einziger Diskurs anzutreffen ist, ebensowenig, wie ich vorrausgesetzt habe, dass ein Diskurs in einem Diskursfragment vollständig vertreten ist.

8 Schon Berger/Luckmann haben darauf hingewiesen, dass Sprache in doppeltem Sinne verwirklichend wirke, indem sie Wirklichkeit gleichzeitig begreife und erzeuge.(71; 164).

9 Nach Aristoteles hat eine ideale Klassifikation drei Voraussetzungen zu erfüllen: I: Die Kategorien haben ein konsistentes und singuläres Einteilungsprinzip (z.B. nach Morphologie, Herkunft oder Funk- tion); II: Die Kategorien schließen sich gegenseitig aus (etwas kann nicht A und gleichzeitig B sein) und III: Das System ist komplett, d.h. alle Objekte des Feldes, das die Klassifikation beschreibt, können in eine Kategorie eingeordnet werden, ohne auf Residuenkategorien zurückgreifen zu müssen. (Engeli- en 1971: 22ff.)

10 In der Lernpsychologie nach Jean Piaget, dessen Beeinflussung durch den Pragmatismus umfassend dokumentiert wurde (u.a. Uslucan 2001), werden diese zwei Möglichkeiten der kognitiven Anpassung von Vorwissen und Wahrnehmung, welche Notwendig seien, um durch die Aufhebung des inneren Spannungszustandes in den Zustand der Äquilibration zu gelangen, als „Akkomodation“ und „Assimilation“ bezeichnet (vgl. ebd. 225ff.).

11 Hirschauer (1999: 31) schreibt hierzu: „Ein Mann mit einem Frauennamen oder auch mit weniger eindeutigen weiblichen Geschlechtszeichen der Aufmachung ist ein unmögliches Objekt, das nicht zur Ordnung des Sichtbaren gehört und gehören soll. Nehmen Teilnehmer so etwas wahr, haben sie Grund, ihren Augen zu mißtrauen. Aber meist wird die Wahrnehmung vor den Polyvalenzen kultureller Objek- te geschützt, indem Wahrnehmungsroutinen wie ein ‚Immunschutz‘ fremdartige Eindrückte ausschal- ten. Ein Betrachter kann dabei durchaus ahnen, daß „irgendwas nicht stimmt“, ohne aber die Irritation genau bestimmen zu können. Eben dieser Immunschutz ist bei Teilnehmern mit Beziehungen zu Trans - sexuellen oft zusammengebrochen.“ Bezüglich Rasse schreiben Omi und Winant (1994: 59) analog hierzu: […] when we encounter someone who is, for example, racially 'mixed' or of an ethnic/racial group we are not familiar with. Such an encounter becomes a source of discomfort and momentarily a crisis of racial meaning.“

12 Das Konzept "Ethnie" wird in der US-Amerikanischen Soziologie wie auch in der US-Amerikani- schen Leiensoziologie in aller Regel (ähnlich wie mit dem Konzept der Nationalität) als überlappend, aber dennoch zu unterscheidend vom Konzept der Rasse wahrgenommen, wobei beide Begriffe nicht aufeinander reduzierbar gelten. Anders im deutschen Sprachraum, wo dem Begriff Rasse eine histori- sche Belastung inne wohnt, und daher dem Begriff der Ethnie eine weit höhere Popularität zufällt, wird er in den USA bedenkenlos parallel, aber nicht synonym zum Begriff Ethnie verwendet.

13 Weshalb ich es mir ersparen werde, selbst, im deutschen Sprachraum deutlich negativ konnotierte Begriffe wie beispielsweise 'gemischtrassig' konsequent in Anführungszeichen zu setzen, obschon ich solche Begrifflichkeiten lediglich als direkte Übersetzung von in US-amerikanischen Diskursen vorgenommene Subjektivierungen wiedergebe.

14 Hacking nennt diese Position "Dynamischen Nominalismus" (1986: 229ff.)

15 Wobei ein solcher Ansatz konsequenterweise selbstverständlich nicht lediglich auf Transgenderiden- titäten, sondern auch auf Cisgenderpersonen angewendet werden muss. Dennoch bleibt hierbei die Fra- ge offen, weshalb Personen nicht die dominante diskursiven Anrufung (also das bei der Geburt zuge- schriebene Geschlecht) internalisieren, sondern ein abweichendes Identitätsangebot. Eine mögliche Er- klärung ist hierfür, dass Menschen, welche (aus welchen Gründen auch immer) glauben, den normativ aufgeladenen Konstatierungen, was ein Mann bzw. Frau ist und wie er/sie sich zu verhalten hat, nicht gerecht zu werden, diese Krise mit der Deutung im falschen Körper geboren worden zu sein, kreativ zu lösen versuchen, indem durch das Deutungsangebot Transgender eine Selbstnormalisierung betrieben wird. Hirschauer (1999: 337) schreibt analog hierzu: So bedeutet der Satz "Ein Junge tut das nicht", dass er etwas nicht tun sollte und dass es dies eigentlich auch gar nicht gibt. Wenn ein 'Junge' an diesen Satz glaubt und zugleich an sich selbst feststellt, dass es 'solche Dinge' doch gibt, kann er in ein seman - tisches Puzzle hineingezogen werden, dem er nach ängstlicher Verwirrung und großen Schulgefühlen mit einer konsequenten kulturellen Logik entkommt, indem er folgert: 'Dann kann ich kein Junge sein'." (Hervorhebung im Original)

16 Dahingegen ist Stryker (2006: 15) der Auffassung, dass Transgender zwar ein westliches Phänomen sei, welches jedoch schon seit der griechisch-römischen Antike existiert habe.

17Andere bekannte Fälle, welche sich möglicherweise unter dem Begriff Transracial fassen lassen, stel- len der Jazz-Musiker Mezz Mezzrow (geb. Milton Mesirow) und der Rhythm and Blues-Musiker John- ny Otis (geb. John Velitotes). Mezzrow, Sohn russisch-jüdischer Migranten identifizierte sich selbst als Schwarz, bezeichnete sich als "voluntary Negro" und glaubte sozial, psychisch und sogar physisch schwarz zu sein. Otis, Sohn griechischer Migranten gab an: "I do not expect everybody to understand it, but it is a fact. I am black environmentally, psychologicially, culturally, emotionally, and intelectually. To attempt to view my case anthropological would be nonsense, because the world, and surely America, is full of 'Negroes' who are much lighter than I and 'whites' wo are much darker." (hervorhebung origi- nal; beide zitiert nach Brubaker 2016b: 87f.)

18 Hirschauer (1999: 37) argumentiert hierbei, dass Geschlechtsmerkmale (bzw. -attributionen), welche die über die Klassierung von Personen entscheiden, prä-reflexiv weder in einem additiven noch in einem hierarchischen Verhältnis stünden, sondern in einem variablen Zusammenhang, welcher auch keine Trennung von 'natürlichen' und 'sozialen' Geschlechtsinsignien mache. Dahingegen würde in der Reflexion, unter der sprachlichen Strukturierung von Wissen, nicht nur eine sol - che Unterscheidung erfolgen, sondern die Geschlechtsmerkmale würden auch in ein hirarchisches Verhältnis gebracht, an dessen Spitze die kulturellen Genitalien als Letztbegründung bzw - Legitimation für die Geschlechterklassifikation stehe.

19 Der Begriff "liberal" wird in dieser Arbeit nicht in der europäischen Bedeutung des Wortes verwendet, sondern im US-amerikanischen Verständnis des Begriffs, wo er primär als Bezeichnung für (in der europäischen Auffassung) linksliberale Positionen, und darüber hinaus für sozialdemokratische, progressive oder moderat-linke Positionen Verwendung findet.

Ende der Leseprobe aus 105 Seiten

Details

Titel
Rachel Dolezal und die diskursive Verhandlung rassischer und geschlechtlicher Identität
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
105
Katalognummer
V372015
ISBN (eBook)
9783668515871
ISBN (Buch)
9783668515888
Dateigröße
890 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rasse, Geschlecht, Ethnie, Humandifferenzierung, Soziale Kategorisierung, Diskursanalyse, Transgender, Transracial
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Sebastian Steidle (Autor:in), 2017, Rachel Dolezal und die diskursive Verhandlung rassischer und geschlechtlicher Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372015

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