War on Drugs. Auswirkungen auf die Gesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
23 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Entwicklung des War on Drugs

3. Die Vorstellung der Gesellschaft in der Fernsehserie The Wire

4. Die Veränderung der Gesellschaftsstruktur
4.1. Die städtische Ausgrenzung und die Entstehung der Ghettos
4.2. Der Ausschluss der Ghettos vom Arbeitsmarkt – am Beispiel Chicagos
4.3. Die Parallelwirtschaft der Ghettos
4.4. Das Gefängnis als Ersatzghetto

5. Das Scheitern des War on Drugs

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Drogen sind schlecht, Prohibition ist gut. Dies sind Gedanken, die uns durch politische Kampagnen stetig vermittelt werden. Es herrscht nicht nur jetzt, sondern schon seit vielen Jahrzehnten ein Kampf gegen die Drogen. Namen von Feinden der Anti-Drogen-Kämpfer wie Pablo Escobar und Al Capone haben an Bekanntheit gewonnen. Ebenso wie Namen von denjenigen auf der gegenüberliegenden Seite, wie Nixon oder die Behörde „DEA“. Allerdings scheint es keinen wahren Gewinner zu geben, sondern nur einen stetigen Schlagabtausch der verfeindeten Parteien. Aber welche Auswirkung hat der „War on Drugs“? Wie ist er entstanden? Welche Mittel werden dafür verwendet? Fragen wie diese sollen in der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit beantwortet werden. Der Fokus wird auf die leitende Frage, welche Auswirkungen der Krieg gegen die Drogen für die Gesellschaft hat, gelegt. Um diese Frage zu beantworten, wird zunächst eine Historische Entwicklung des War on Drugs skizziert. Danach wird die fiktive, allerdings sehr realitätsnahe, Gesellschaft der Fernsehserie The Wire beleuchtet. Im Anschluss wird die Veränderung der Gesellschaftsstruktur anhand von verschiedenen Theorien, unter anderem von Wacquant, gezeigt, indem zunächst auf die städtische Ausgrenzung und die Entstehung der Ghettos eingegangen wird. Im Anschluss wird ihr Ausschluss vom Arbeitsmarkt, die Parallelwirtschaft der Ghettos und das Gefängnis als Ersatzghetto im Anschluss beschrieben. Bevor zum Schluss ein Fazit gezogen wird, in der ein kleiner Überblick über die gesammelten wissenschaftlichen Fakten gegeben wird und die Forschungsfrage endgültig beantwortet werden soll, sollen Gründe und Folgen des Scheiterns des War on Drugs vorgestellt werden.

2. Historische Entwicklung des War on Drugs

Am ersten Februar 1909 treffen sich Abgeordnete folgender Länder, USA, Großbritannien, Frankreich, Russland, Holland, Portugal und Japan, in Schanghai. Es handelt sich hierbei um die erste Konferenz der Internationalen Opiumkommission. Diese Konferenz war der Anfang für die heutigen Gesetze, die zur Bekämpfung der Drogen dienen. „Zuvor hatte England von 1839-1842 (Erster Opiumkrieg) und von 1856 – 1860 (Zweiter Opiumkrieg) zwei Kriege für Drogen gegen China geführt und das Kaiserreich mit Waffengewalt gezwungen, der British East India Company (Britische Ostindien-Kompanie) den Verkauf von Opium zu erlauben“ (Bröckers 2010: 21). Die Engländer nutzen das Opium als Zahlungsmittel, um Güter wie Seide, Porzellan und Tee zu erwerben. Sie sind allerdings nicht die einzigen, die Profit aus dem Drogenhandel der damaligen Zeit schlagen. „Nahezu alle Kolonialmächte dieser Zeit zogen Profite aus dem Drogenhandel in ihren Kolonien: die Franzosen aus Indochina, die Holländer aus Sumatra und Java, die Japaner aus Formosa. Doch ihre Geschäfte reichten bei weitem nicht an den Umfang und die Professionalität der Briten heran“ (Bröckers 2010: 22). Karl Marx hat 1858 vorprognostiziert, dass es negative Folgen haben wird, wenn die zivilisierte Welt England nicht dazu zwingen sollte, den Anbau von Opium in Indien und dessen Verbreitung im chinesischen Raum zu verhindern. Allerdings entschließt sich Großbritannien erst 1911 dazu, den Opiumhandel Schritt für Schritt abzuschaffen. Obwohl die USA auch mit türkischem Opium Geschäfte gemacht haben, wurden sie zum Vorreiter und Antreiber der Prohibition der Moderne. In San Francisco wurde 1875 das erste Drogenverbot der westlichen Welt ausgesprochen. Dieses Drogenverbot richtete sich gegen das Rauchopium, das die Chinesen, welche ab dem 19. Jahrhundert in großer Zahl in die USA eingewandert sind, benutzten. 1887 wurde das Gesetz verabschiedet, welches besagt, dass nur noch Amerikaner Opium importieren dürfen. Dies folgte zu rassistischen Bewegungen gegen Chinesen, die durch Propaganda immer wieder mit Opium und anderen Verbrechen in Verbindung gebracht wurden. Dieser neu entstandene Hass gegenüber den Chinesen liefert erstens einen emotionalen Antrieb für die Antiopium-Bewegung und zweitens einen Sündenbock, der ausgegrenzt und diskriminiert wurde. (Vgl. Bröckers 2010: 21 – 24). „Dieses innenpolitische Motiv und die erfolgsversprechende außenpolitische Position eines >>humanen<<, Sklaven- und Drogenhandel ächtenden Imperialismus prädestinierten die geopolitisch aufstrebenden USA als Motor der Internationalen Opiumkonvention, die auf der Haager Konferenz (1. Dezember 1911 bis 12. Januar 1912) beschlossen wurde“ (Bröckers 2010: 24). Auf dieser Konferenz wurden Vereinbarungen von insgesamt zwölf Nationen gefällt, die bis heute noch den Grundstein nationaler und internationaler Drogenpolitik darstellen. Obwohl man sagen kann, dass die Prohibitionskämpfer erfolgreich waren, wurden zur Erhaltung der Moral empirische Daten gefälscht oder vertuscht. Die Behauptung, dass die amerikanische Prohibitionspolitik auf den Philippinen ein Erfolg war, konnte in einer Untersuchung der Vereinten Nationen im Jahr 1926 widerlegt werden. Die internationale Thematisierung der Opiumfrage hatte einerseits zur Folge, dass England zum Handeln gezwungen wurde und andererseits, dass neue globale Transport- und Kommunikationswege geschaffen werden mussten, die Kooperation verschiedener Nationen durch Abkommen erforderten. Nach der Den Haag Konferenz, Ende des Jahres 1911 übergehend in das Jahr 1912, wurden zwei Folgekonferenz einberufen. An diesen zwei Folgekonferenzen haben insgesamt 46 Nationen teilgenommen und die Vereinbarungen unterzeichnet. 1924/1925 tagte eine weitere Konferenz in Genf, in welcher England gegen die mitteleuropäische (vor allem Deutschland, Schweiz und Frankreich) Alkaloidindustrie mobilisierte. Obwohl hier an zwei Tagungen Themen wie die Unterdrückung der Opiumproduktion beziehungsweise des Opiumkonsums und die Kontrolle der Herstellung von Opiaten in den Industrieländern diskutiert wurden, waren nach Unterzeichnung der Ergebnisse der Genfer Konferenz noch genügend Schlupflöcher für die chemisch-pharmazeutische Industrie vorhanden. Das Deutsche Reich produzierte so 1925 insgesamt 17 Tonnen Morphin und Heroin, von dem nur eine Tonne heimischer medizinischer Jahresbedarf war und die restlichen 16 Tonnen exportiert wurden. (vgl. Bröckers 2010: 24 - 30). „[…] [D]er epochale Machtwechsel im 20. Jahrhundert [hat also] […] die Namen der Global Players geändert, nicht aber die außenpolitische und wirtschaftliche Bedeutung des Drogengeschäfts“ (Bröckers 2010: 30). Die Opiumkriege Englands im 19. Jahrhundert können, laut Bröckers, mit den Vietnamkriegen der USA im 20. Jahrhundert verglichen werden. Denn mit dem Vietnamkrieg kam der Heroinboom im Westen und in amerikanischen Metropolen auch der Crackboom zustande. Dies wäre laut Bröckers nicht möglich gewesen, wenn die CIA ihren Verbündeten, „[…] den >>Contra<<-Terroristen in Nicaragua […]“ (Bröckers 2010: 30) nicht den Export von Kokain in die USA erlaubt hätten. 1933 wurde überall in den USA die Prohibition von Alkohol geltend. Die Folge dessen waren organisierte Banden der illegalen Alkoholindustrie. Einflussreiche Kriminelle wie Al Capone und die italienische Cosa Nostra. Die geringe Verbesserung aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht konnte nicht die kriminellen Folgen der Prohibition aufwiegen. Die Alkoholprohibition ist also fehlgeschlagen und es kam wieder zu einem regulierten Verkauf von Alkohol, was die Folge mit sich zog, dass viele Agenten der Prohibition arbeitslos wurden. Die Gründung der Federal Bureau of Narcotics (kurz: FBN) im Jahr 1930 fing diese drohende Arbeitslosigkeit auf. Die FBN war der Vorgänger der heutigen Drug Enforcement Administration (kurz: DEA). Die FBN legte ihr Hauptaugenmerk auf Cannabis und wurde zur erfolgreichsten Strafverfolgungsbehörde des Landes, indem sie mehr Kriminelle ins Gefängnis steckte als das Federal Bureau of Investigation (kurz: FBI). Während viele Behörden erhebliche Probleme mit der damaligen Finanzkrise hatten, wurde die Antihanf-Kampagne von Harry Anslinger sehr erfolgreich. Denn ebenso wie zu Zeiten der Opiumprohibition wurde ein Sündenbock bei der Hanfprohibition gesucht. Was zu Opiumzeiten die Chinesen darstellten, waren es zu Hanfzeiten „Latinos“ und Schwarze. Es wurde ein Mythos in die Welt gesetzt, der besagte, dass Menschen dieser Abstammungen Haschisch konsumierten um danach weiße Frauen zu vergewaltigen. Harry Anslinger bekam eine 100.000 Dollar Förderung mit der er 1931 eine Aktion startete. Er schrieb an alle Polizeidienststellen und Journalisten und forderte sie auf, alle Fälle die beweisen, dass Marihuana als gefährliche Droge einzustufen ist. So sammelte er eine Liste von Mordfällen und weiteren kriminellen Aktionen, die auf den direkten Konsum von Marihuana zurückzuführen sind und legte dies dem Kongress vor. (Vgl. Bröckers 2010: 30 – 36). „Als belegte Tatsache behauptete er, dass rund fünfzig Prozent aller Schwerverbrechen von >>Chicanos, Mexikanern, Latinos, Filipinos, Schwarzen und Griechen<< verübt würden und diese Taten unmittelbar auf den Konsum von Marihuana zurückzuführen seien“ (Bröckers 2010: 36). Dies trug er 1937 ohne Widerspruch vor, was zur Folge hatte, dass Anslinger sein Gesetz bekam, mit dem der Anbau, die Einfuhr und der Handel von Hanf unter Kontrolle gestellt wurde. Ärzte erhoben Einspruch, da sie der Meinung waren, dass Cannabis eine Heilpflanze ist, die gegen zahlreiche Krankheiten eingesetzt wurde. Allerdings kamen die Ärzte mit wissenschaftlichen Thesen gegen die von Anslinger verbreiteten Horrorgeschichten, über die Droge die zu Wahnsinn führt und zur Vergewaltigung von weißen Frauen, nicht an. Selbst eine 1939 durchgeführte Studie, die belegt, dass Cannabis relativ Unbedenklich sei, wurde von Anslinger erfolgreich abgewehrt. Anslinger wurde also, laut Bröckers, durch „[…] Schnipseln aus Boulevardpresse und Trivialliteratur, pseudowissenschaftlichen Gutachten und rassistischen Diskriminierungen […]“ (Bröckers 2010: 37f.), mit denen er Gesetze durch das Parlament bringen konnte, seit 1930 über drei Jahrzehnte lang der einflussreichste Akteur der internationalen Drogenpolitik. (Vgl. Bröckers 2010: 36 - 39).

1961 hat die Regierung der Vereinigten Staaten viele andere Länder davon überzeugen können, dass es nur einen richtigen Weg zur Bekämpfung der Drogen gibt und dass das ihrer sei. Richard M. Nixon war der erste U.S.-Präsident der den War on Drugs offiziell ausgerufen hat. Dies geschah im Jahre 1969. (Vgl. Gray 2012: 27). Nixon erklärt Drogen aufgrund der damit in Verbindung stehenden Kriminalitätsrate und den Gesundheitsrisiken als ein nationales Sicherheitsrisiko. Sein Wahlkampf 1972 hatte das Motto „Krieg den Drogen“. Drogenkontrollen sollten in die Sicherheitspolitik und Außenpolitik zu einem sehr wichtigen Bestandteil integriert werden. Dies sollte durch die genaue Durchführung der Strafgesetze erfolgen. „Operation Intercept“ wurde seitens der Regierung 1969 durchgeführt. Hier wurden die Kontrollen an der nordamerikanisch-mexikanischen Grenze verschärft werden, um den Heroinschmuggel zu unterbinden. Das Nachbarland protestierte dagegen, während die US-Bevölkerung dem Vorgehen zustimmte. Politisch gesehen hatte dieser Krieg gegen die Drogen einige Vorteile für die Regierung. Einerseits konnte von den Problemen in Vietnam abgelenkt werden und andererseits rückte sich die Regierung in ein besseres Licht, indem sie ihre Bereitschaft zur Lösung innerpolitischer Probleme zeigte. Die Nachfolger von Nixon, Gerald Ford (1974-1977) und Jimmy Carter (1977-1981) fokussierten sich nicht sehr auf den Krieg gegen die Drogen. Trotzdem blieb dieses Thema ein fester Bestandteil der öffentlichen Diskussion. Die Drogenkontrollbürokratie wuchs immer weiter an. 1975 gab es 29 Behörden, die dem Drogenkampf zugeteilt waren. Die wichtigste davon ist die DEA (Drug Enforcement Adminsitration) welche ihre Gründung im Jahre 1973 hatte. Diese sind bis heute die leitende Instanz der Behörden in sowohl nationalen als auch internationalen Drogenfragen. Der Konsum von Kokain erlebte Anfang der 80er Jahre einen erheblichen Aufschwung in den USA. Dies führte zu prominente Drogentoten, Berichterstattungen in den Medien und Elterninitiativen. Der Kongress mischte sich in die Diskussion mit ein und verabschiedete 1986 das „Anti Drug Abuse Act“. Dies verschärfte die Maßnahmen im Drogenkampf so, dass es amerikanischen Drogenpolizisten nun auch im Ausland erlaubte, Verhaftungen durchzuführen. Unter dem Präsidenten Ronald Reagan, der die Drogenpolitik Nixons fortsetzte, kam der „Drug Abuse Act“ von 1986 zustande. Ebenso wurde die „Foreign Assistance Act“, der grundsätzlich besagt, dass mit den USA kooperierende Staaten für vier Jahre Hilfe in Form von Geldern gewährt werden soll, welches sie jährlich beim Kongress beantragen müssen, von 1961 erweitert. Durch diesen Zertifizierungsprozess ist der Präsident seitdem verpflichtet, zum ersten März jedes Jahres die Kollaboration der als Herstellungs- und Transitländer klassifizierten Staaten der US-Drogenpolitik zu bestätigen. Folgt eine „Nicht-Zertifizierung“ hat es für die betroffenen Staaten die Folge, dass sie ihren Anspruch auf Hilfsleistungen im Rahmen der Drogenpolitik verlieren. 1988 folgt eine Ergänzung der 1986 verabschiedeten Gesetze des „Anti Drug Abuse Act“. Die Office for National Drug Control Policy (ONDCP), die vom Drogenbeauftragten des Weisen Hauses geführt wird, wurde gegründet. Dieser Direktor ist dazu verpflichtet jedes Jahr eine Antidrogenstrategie zu formulieren. George Bush Senior, der von 1989 bis 1993 Präsident der Vereinigten Staaten war, baute auf Reagans Politik auf. Der Direktor der ONDCP, William Bennet, verkündete zwischen 1989 und 1990 die Strategie, die eine verstärkte „User accountability“ beinhaltet. Dies bedeutet eine verstärkte Verschiebung der Schuldansprüche an die Konsumenten. Die Zertifizierung erfolgte nun auch erst dann, wenn die geforderten Leistungen innerhalb der Drogenpolitik detailliert festgelegt werden können. Das Ziel dieser Strategie war es den Drogenkonsum in zehn Jahren um 60 Prozent zu vermindern. 1989 erklärt Bush die Department of Defense (DOD) zur führenden Behörde im Antidrogenkampf. 1990 veröffentlicht die US-Regierung ihr aktuellstes Drogenprogramm, welches die sogenannte „Andenstrategie“, die die Verstärkung der Unterstützung der Andenländer in der Drogenbekämpfung vorsah, beinhaltet. Wirtschaftliche, polizeiliche und militärische Hilfe sollten die Herstellung von Kokain in diesen Ländern eindämmen. Die als Hauptproduzentenländer geltenden Ländern waren Kolumbien, Bolivien und Peru, auf die sich die „Andenstrategie“ anfangs fokussierte. Diese Strategie verfolgte vier Ziele. Erstens sollten politischer Wille und Institution im Antidrogenkampf gestärkt werden. Zweitens sollten Polizei und Militär die Anbaugebiete von Kokain isolieren und deren Labore zerstören. Drittens sollten verstärkte Fahndungsmaßnahmen und das Einziehen des Vermögens von Drogenkriminellen dafür sorgen, dass die kriminellen Organisationen des Drogenhandels zerschlagen werden. Und viertens sollte die Wirtschaft der betroffenen Andenländer so angekurbelt werden, dass diese nicht mehr auf die Kokaineinnahmen angewiesen sind. Die Budgetanforderungen dieser Strategie waren extrem hoch. Durch den nachfolgenden Präsidenten Bill Clinton änderte sich die Maßnahme der Drogenpolitik. Therapeutische und präventive Maßnahmen sollten zur Kontrolle der auf Drogen basierenden Probleme herangezogen werden. Auf internationaler Sicht wollte er ebenfalls durch Stärkung von demokratischen Institutionen und ökonomischer Stabilität der Länder die Drogenproduktion beziehungsweise den Drogenhandel einschränken. Seine, vom Kongress betitelte, „Soft On Drugs“ – Politik scheiterte allerdings. Fakt ist, dass die wichtigsten Akteure der Antidrogenpolitik Nixon, Reagan und Bush Senior darstellen, deren Regierungen der selben Politik folgten. Denn Seit Buchs „Andenstrategie“ hat sich nicht mehr viel an der Internationalen Antidrogenstrategie verändert. (Vgl. Schorr 2004: 18 – 29).

3. Die Vorstellung der Gesellschaft in der Fernsehserie The Wire

The Wire ist eine Fernsehserie, die die Stadt Baltimore in den 1950er Jahren zeigt und sich unter anderem auch mit dem War on Drugs beschäftigt. Baltimore hatte damals circa eine Million Einwohner, eine hohe Arbeitslosenquote, viel Kriminalität durch Banden und Drogen und folglich eine sichtbare Verwahrlosung. Die Serie zeigt, wie sich die Stadt von einer bedeutenden Hafenstadt in eine von Armut und Korruption geprägte Stadt verwandelt. Der Schöpfer der Serie heißt David Simon, ein ehemaliger Polizeireporter der Baltimore Sun, einer Tageszeitung. Ausgestrahlt wurde die Serie vom US-amerikanischen Fernsehsender HBO im Jahr 2002. Die Serie lief bis 2008 und umfasst fünf Staffeln mit circa 60 Stunden Laufzeit. (Vgl. Ahrens et. al. 2014: 7). „Die Serie diskutiert am Beispiel Baltimores soziale und kulturelle Verschiebungen in der Struktur gegenwärtiger urbaner Räume: eine ‚neue‘ gesellschaftliche (hier v. a. ethnische) Segregation des Städtischen, die Entvölkerung der Innenstädte, den wechselseitigen Anstieg von Kriminalität und Versicherheitlichung bzw. Überwachung, die Etablierung neuer kultureller Rollen an den Schnittstellen von Stadtraum, Einkommen, Geschlecht und Ethnie, die Möglichkeiten politischer und polizeilicher Steuerung etc.“ (Ahrens et. al. 2014: 17).

Die Serie zeigt ein Porträt von einer postindustriellen und postdemokratischen Gesellschaft der USA, indem sie einen Blick hinter die Kulissen politischer Netzwerke und unterschiedlicher institutioneller Verfahrensweisen der Gesellschaft zulässt und schafft es, die Funktionsunfähigkeit und die Automatismen von komplexen Prozessen und institutionellen Verfahren von Behörden wie der Schule, Polizei, aber auch der Presse nachvollziehbar darzustellen. Baltimore ist in der Serie ein Zeichen „[…] für die Totalisierung der postindustriellen Stadt-Topografie: In ihr gibt es weder ein wirkliches Außen noch ein soziales oder politisches Gegenprojekt, hier ist familiäre oder soziale Kohärenz angesichts ökonomischer Widrigkeiten erodiert und eine Mischung aus Pessimismus und Zynismus gibt den emotionalen Ton an.“ (Koch 2014: 31). Koch will damit ausdrücken, dass wegen ökonomischen Gründen, also hauptsächlich Geld, der Familienzusammenhalt oder allgemeiner ausgedrückt der soziale Zusammenhalt insgesamt in Baltimore nicht vorhanden ist. Lars Koch erkennt in Bezug auf die Gesellschaft in The Wire das Modell der funktional differenzierten Gesellschaft. Die Theorie einer funktional differenzierten Gesellschaft basiert hauptsächlich auf Niklas Luhmann. Historisch gesehen erwächst diese Theorie aus zwei vorläufigen Gesellschaftstheorien. Die Wurzeln liegen hier bei der segmentären Gesellschaft. Diese Gesellschaftsform ist in gleiche Teile, Familie, Stamm oder Dorf, unterteilt. Die nächste Theorie ist die der stratifikatorischen Gesellschaft, die sich in ungleiche Schichten, Adel, Bürger, Bauern und Besitzlose, unterteilt. Bei der funktional differenzierten Gesellschaft herrscht eine autonome, funktionale Differenzierung von Teilsystemen, welche sich nicht nur aufeinander beziehen, sondern auch wechselseitig beobachten. Diese Teilsysteme sind beispielsweise die Wirtschaft, Politik, das Recht, die Erziehung, Wissenschaft, Kunst, Religion und Medizin. All diese Teilsysteme haben gemeinsam, dass sie systeminternen Regeln folgen. Unterscheiden tun sie sich in den Aufgabenbereichen in denen sie agieren. Es ist also ausgeschlossen, dass es eine allgemeine Grundsymbolik von allen Systemen gibt. Diese unterschiedlichen Systeme können nicht in ein Ganzes integriert werden, da sie ihre Handlungsabsichten, tatsächlichen Handlungen und Handlungsfolgen auf ihre spezifischen Bereiche. (Vgl. Nassehi 1999: 173). Wie in der Theorie besteht in der Serie ein Konflikt zwischen den gesellschaftlichen Teilgebieten, wie Drogenhandel, Justiz, Politik, Schule und Medien. „Eine weitere Analogie zu Luhmanns Systemtheorie besteht in der Rolle, die die Serie dem Geld als zentralem, symbolisch generalisiertem Medium der Konnektivität der Gesamtgesellschaft zuweist.“ (Koch 2014: 32). The Wire beschreibt unter anderem das System der Politik als ein von Macht und Geld geprägtes System, das kein Interesse am Gemeinwesen hat. Die Teilhabe am Geldfluss lässt einen gemeinsamen Nenner der ineinander verstrickten Handlungsstränge der Serie erkennen. So bedroht beispielsweise die Einführung von Logistiksoftware, die Arbeitsplätze innerhalb der Hafenarbeit. Die Dynamik des ökonomischen Prinzips lässt sich hier am deutlichsten am Drogenhandel zeigen. Denn aufgrund der Automatisierung der Industrie kommt es zu vielen Arbeitslosen, welche sich in die Schattenwirtschaft des Drogenhandles verteilen, um ihr Überleben zu sichern. Die Serie führt allerdings auch einen schwarzen Grenzgänger namens Stringer Bell, der von Idris Elba gespielt wird, ein. Dieser hat einige Kurse über Betriebswirtschaftslehre am College in Baltimore besucht und sich dadurch genügend Wissen angeeignet, um zu verstehen, wie wichtig die Produktqualität bei den Drogen ist. Er hat ein gewinnsteigerndes Bündnis konkurrierender auf Drogenhandel basierender Gruppen geschaffen. Er hat das durch den Drogenhandel verdiente Geld in Immobilien investiert und damit versucht das Geschäft der illegalen Warenökonomie auf die scheinbar legale Seite der Finanzökonomie zu verschieben. Allerdings wird er mit der Korruption des politischen Systems konfrontiert. Denn der Senator Clay Davis, gespielt von Isiah Whitlock Jr., ist sein Gegenspieler in diesem Szenario. Die politische Hierarchie der Stadt Baltimore baut auf eine soziale Ghettoisierung der schwarzen Unterschicht auf. Diese Bildung von schwarzen Ghettos ist also existenzerhaltend für die politische Situation und deren Akteure in Baltimore, wozu Senator Clay Davis auch gehört. The Wire stellt den durch Kapitalismus erreichbaren Wohlstand als eine Option dar, die nur Menschen mit der passenden Bildung, den finanziellen Ressourcen und Beziehungen zu einflussreichen Netzwerken zugeschrieben wird, zu der Stringer Bell nicht gehört. Für diejenigen, die sich nicht zu der Schicht zählen können, sind nur die illegalen Wege eine Option für Wohlstand. (Vgl. Koch 2014: 32ff.). Das Scheitern der Drogenpolitik wird ebenfalls an mehreren Stellen der Serie dargestellt. Ein Beispiel ist hierfür das Ende der ersten Staffel, in der zusammen mit dem Bild der Aufklärung das Bild des Scheiterns vermittelt wird. „Detective Prez, der von einer Tafel die letzten Fotografien, mit deren Hilfe das im Verlauf der Ermittlungen erworbene Wissen um das Netzwerk der Barksdale-Organisation für Ermittler wie Fernsehzuschauer repräsentiert wurde, abhängt, und das Licht im immer schon dunklen Kellerraum der Spezialeinheit endgültig löscht, symbolisiert das Versagen einer Aufklärung, die allerdings gleichzeitig, indem sie über die Gründe für ihr Versagen, für die erneute Verdunklung ihrer ans Tageslicht gebrachten Verbindungen aufklärt, gelingt.“ (Krause 2014: 52).

4. Die Veränderung der Gesellschaftsstruktur

Im Folgenden soll die Veränderung der Gesellschaftsstruktur aufgrund der städtischen Ausgrenzung und der Entstehung von Ghettos gezeigt werden. Des Weiteren soll auf den Ausschluss der Ghettos vom Arbeitsmarkt am Beispiel Chicagos verdeutlichen, wieso eine Parallelwirtschaft der Ghettos überhaupt zustande kommen konnte. Zum Schluss dieses Kapitels soll der Zusammenhang der Institutionen Ghetto und Gefängnis aufgezeigt werden, indem das Gefängnis als eine Art Ersatzghetto diskutiert wird.

4.1. Die städtische Ausgrenzung und die Entstehung der Ghettos

Die weitentwickelten reichen Länder im Westen sind bekanntlich kapitalistisch veranlagt, was meist Ungleichheit und Ausgrenzungen als Folge hat. Durch die moderne Ökonomie und die Globalisierung des Kapitalismus, mit der das Finanztempo extrem erhöht wurde, gibt es nun internationale Arbeitsteilung und neue Industrien, die auf neuen Technologien beruhen. Einfach gesagt: Technischer Fortschritt. Allerdings hat dies nicht nur Vorteile. Einer der größten Nachteile daran ist, dass, wie Wacquant es nennt, das „neue Regime“, damit meint er eben diese Situation der neu entstandenen Technologien und die globale Vernetzung, Ungleichheit und Ausgrenzung in den Städten hervorbringt. Die daraus entstandene aktuelle Armut ist, laut Wacquant, nicht mit der damaligen Armut zu vergleichen. Die damalige schien zumindest noch überwindbar und beschränkte sich auf eine soziale Schicht, die der Arbeiterklasse. Die heutige Armut allerdings scheint eine längerfristige, vielleicht sogar bleibende und unüberwindbare Armut. Sehr tief sitzend ist diese Armut in den „Verbanntenvierteln“, damit meint Wacaquant die Ghettos, die durch Ausgrenzung entstanden sind. Dort herrsche neben der sozialen Isolation noch eine Entfremdung. Während diese Viertel sich selbst immer weiter in diese soziale Isolation und die Entfremdung treiben, wächst die Kluft zwischen denjenigen die in diese Viertel gesteckt wurden und der restlichen Gesellschaft immer weiter. Grund für diese Systeme die auf städtische Ausgrenzung aufbauen sind in den verschiedenen westlichen Ländern unterschiedlich. In England und den USA sind es die konservativ und liberal geprägten politischen Parteien. Die Rassentrennung von Weißen und Schwarzen in den großen Stadtzentren hat viel dazu beigetragen. In den nordeuropäischen Ländern hat sich diese Ausgrenzung zwar langsamer entwickelt, trotzdem ist sie vorhanden. Einen Teil hat die Migration von Menschen aus Ländern der Dritten Welt und Flüchtlinge beigetragen. Für die städtische Ausgrenzung gibt es viele Begriffe, wie beispielsweise Unterklasse, neue Armut, Exklusion, allerdings meinen sie immer dasselbe Phänomen und sind in Amerika, England, Frankreich, Belgien, Niederlande und Deutschland anzutreffen. Es äußert sich durch viele Gesichter und Institutionen, wie Obdachlose, Bettler, Suppenküchen, Verbrechen und der „Straßenökonomie“ der durch den Drogenhandel entstanden ist. Wut und Verzweiflung ist bei den Menschen, die davon betroffen sind, stark. Dabei handelt es sich um Jugendliche, die keine Chance haben an die gut bezahlte Lohnarbeit zu kommen, aber auch um ältere Arbeiter, die durch die Industrialisierung, Automatisierung und den technischen Fortschritt ihre Arbeit verloren haben, weil sie schlichtweg nicht mehr vonnöten war, da ihre Arbeitskraft durch maschinelle Arbeitskraft ersetzt wurde, die schneller und dadurch effizienter und auf lange Sicht günstiger arbeitet. Die Armenviertel finden sich in einer Abwärtsspirale wieder, die kein Ende in Sicht hat und parallel dazu wächst Hass und Gewalt. Gewalt aufgrund ethnischer Rassen, Fremdenfeindlichkeit, Abneigung und feindseliges Verhalten nicht nur von der „normalen“ Gesellschaft gegenüber den Armen, sondern auch unter den Armen untereinander. Die Europäische Kommission, die OECD und die NATO finanzieren Forschungen zu städtischen Elend und Verfall, mit der Hoffnung, dies in den Griff zu bekommen. (Vgl. Wacquant 2006: 21ff.).

„Nachdem das Ghetto im Kollektivbewußtsein der Vereinigten Staaten lange Zeit in der Versenkung verschwunden war, feiert es zur Zeit ein erstaunliches Comeback. So viel Interesse an der schwarzen Armutsbevölkerung, sowohl von akademischer Seite, politisch engagierten Kreisen als auch politischen Entscheidungsträgern, gab es zuletzt nach den Aufständen der heißen Sommer 1966/1968“ (Wacquant 2006: 33).

Das Interesse für die schwarze Armutsbevölkerung entsteht aufgrund mehrerer Tatsachen die in diesen städtischen Gebieten kombiniert werden. Einerseits ist es die nicht nur anhaltende Armut, sondern sogar wachsende Armut, die zu ebenfalls wachsenden sozialen Spannungen führt. Diese Viertel sind geprägt von sozialen Wohnungsbaus, nicht intakten Schulsystemen, immer weiter sinkende Steuergrundlage der Städte und die Enttäuschung über das Wohlfahrtssystem. Seit neuster Zeit haben sich allerdings die Erklärungsansätze für die Entstehung der Ghettos verändert. Es wird nicht mehr kollektiv argumentiert, sondern individueller. Das gründet auf den Einfluss der konservativen Ideologie in den USA. Nach dieser Logik sind die Armutsviertel eine Ansammlung von Einzelfällen, bei denen jeder Fall seine eigene Ursache, Folgen und Logik enthält. Die Gewalt der „Armutskultur“ und die persönlichen Eigenschaften der Schwarzen in den Stadtgrenzen werden von Zeitungen und Fernsehsendungen als Darstellung und Begründung für die gegenwärtige Situation herangezogen. Wacquant möchte in die entgegengesetzte Richtung lenken und „[…] die Aufmerksamkeit auf die spezifischen Merkmale der unmittelbaren Lebensumstände, welche die Ghetto-Bewohner prägen und gegen die sie – trotz kaum überwindbarer Schwierigkeiten – ihr Überleben organisieren, und deren Armut und Erniedrigung sie zu entfliehen suchen, wann immer es ihnen möglich ist“ (Wacquant 2006: 35). Empirische Forschungsdaten zu den Lebensbedingungen der Schwarzen in Chicago sind Grund für Wacquants Sichtweise. Bei dieser Forschung werden die Situationen unterschiedlicher Viertel verglichen. Einerseits Viertel mit niedriger Armutsquote und andererseits die Situationen von Ghetto-Gebieten. Eine Tatsache ist, dass sich die schwarze Armutsbevölkerung von den weißen Armen und den schwarzen Armen der Vergangenheit darin unterscheiden, dass sie in verfallenen Gebieten leben, die der Inbegriff von sozialer und ökonomischer Ausgrenzung sind. So ist beispielsweise in Chicago von 1970 auf 1980 der Anteil in Armutsgebieten lebenden Schwarzer von 24 auf 47 Prozent gestiegen. 1980 lebten in den zehn größten Städten Amerikas 38 Prozent aller Schwarzen in solchen Armutsvierteln, wobei es 1970 noch 22 Prozent waren. Eine stabile Arbeiterklasse und eine kleine schwarze Mittelschicht, die eine Verbindung zwischen Ghetto-Bewohnern und der Arbeitswelt hergestellt hat, ist ganz verschwunden. Alle Ressourcen die zu einer ökonomischen Stabilisierung beitragen, sind den Ghettos weggenommen worden. Wacquant will hier am Beispiel der Chicagoer Innenstadt die Realität der Ghetto-Armut genauer beleuchten. Durch mehrere Stichprobendaten geht hervor, dass Ghetto-Bewohnern unüberwindbaren Problemen gegenüberstehen, die auf die in Ghettos bestehende Situation der Sozialstruktur zurückzuführen sind. (Vgl. Wacquant 2006: 33 – 36).

4.2. Der Ausschluss der Ghettos vom Arbeitsmarkt – am Beispiel Chicagos

Die Lage der von Schwarzen bewohnten Stadtviertel, der Ghettos, hat sich im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten verschlimmert. Im südlichen Teil Chicagos (Oakland, Grand Boulevard, Washington Park, Near South Side) ist die Arbeitslosenquote von 1970 – 1980 um durchschnittlich 14,25 Prozent gestiegen. Ebenso ist die Arbeitslosenquote in auf der westlichen Seite Chicagos (Near West Side, East Garfield Park, North Lawndale, West Garfield Park) um durchschnittlich 11,25 Prozent gestiegen. Ebenso ist der prozentuale Anteil von Familien unter der Armutsgrenze im westlichen Teil durchschnittlich um 10,5 Prozent und im südlichen Teil durchschnittlich um 13 Prozent gestiegen. Die Wurzeln der Verdrängung der schwarzen Bevölkerung an den Rand der Gesellschaft, in sozialer und ökonomischer Sicht, sind sich gegenseitig verstärkende Veränderungen der Industrie und des Raumes in der städtisch politischen Ökonomie des betroffenen Landes. Einige Gründe für diesen Strukturwandel sind zum Beispiel, dass sich die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, während Schwarze in die Innenstädte migrieren, um dort Arbeit zu finden, oder das Umschwenken der Schwerpunktverlagerung der Ökonomie zur Dienstleistungsgesellschaft. Während die Stadt Chicago im Jahre 1954 noch 616.000 beschäftige Menschen in den Industriegebieten verbuchen konnte, sind es 1982 lediglich 277.000 Menschen, die einer Beschäftigung nachgehen. Circa die Hälfte der Jobs viel also innerhalb von 28 Jahren weg. Dies hatte nicht nur die direkten ökonomischen Folgen, wie beispielsweise das Verschwinden bestimmter Industrienischen, sondern trieb die Kluft zwischen den Schwarzen und der restlichen Bevölkerung weiter auseinander. (Vgl. Wacquant 2006: 36 – 39). Ein Vergleich hierzu ist das jährliche Einkommen von verschiedenen Gegenden. Während „[…] die Hälfte der Familien in Oakland 1980 mit einem Jahreseinkommen von unter 5.5000 Dollar auskommen [mussten], [verfügte] die Hälfte der Familien in Highland Parks über 43.000 Dollar und mehr […]“ (Wacquant 2006: 40). Folglich kam es nicht nur zu einem ökonomischen, sondern auch einem physischen Zerfall der Strukturen in betroffenen Ghettos. Geschäfte und Wohnmöglichkeiten verschwinden, die Gebäude stehen leer und die Fenster werden mit Brettern zugenagelt. Von einer Nachbarschaft kann hier nicht mehr die Rede sein, da innerhalb von 15 Jahren viele Menschen aus diesen Gebieten auswandern und Organisationen, die einst eine Gemeinschaft repräsentierten, sich auflösen. Einige Gebiete der betroffenen Elendsgegenden eignen sich allerdings für eine Gentrifizierung. Aufgrund von besonderen Lagen, wie beispielsweise einem See in der Nähe, findet eine Umstrukturierung des Gebietes statt, da sich dadurch hohe Profite erwirtschaften lassen. (Vgl. Wacquant 2006: 40f.). „‚Sie wollen alle Schwarzen in Siedlungen des sozialen Wohnungsbau zwingen‘, erläutert einer der Bewohner. ‚Sie planen den Bau von Wohnungen für die Reichen und nicht für uns, die Armen. Sie wollen uns alle aus dieser Gegend vertreiben. In vier oder fünf Jahren werden wir hier alle verschwunden sein.‘“ (Wacquant 2006: 41f.).

4.3. Die Parallelwirtschaft der Ghettos

„Es zeigt sich, daß mit den fundamentalen Veränderungen innerhalb der fortgeschrittenen kapitalistischen Ökonomie der USA unwiderstehliche zentrifugale Kräfte freigesetzt wurden, welche die vormaligen Strukturen des Ghettos zerstört und einen Prozeß der Hyperghettoisierung vorangetrieben haben. Damit ist gemeint, daß das Ghetto im Zuge seiner wachsenden ökonomischen Marginalisierung viel von seiner ursprünglichen organisatorischen Stärke eingebüßt hat […] und daß seine Bewohner und deren Aktivitäten nicht mehr über einen geschützten und relativ autonomen sozialen Raum verfügen, der früher einmal den Aufbau von Parallelstrukturen zu den Institutionen der sie umgebenden Gesellschaft und die Bereitstellung von minimalen Grundressourcen für den sozialen Aufstieg (wenn auch nur innerhalb einer beschränkten schwarzen Klassenstruktur) ermöglicht hat“ (Wacquant 2006: 42). Also selbst die geringen Ressourcen der Ghettoeinwohner, die alleine schon durch die Entstehung eines Ghettoviertels impliziert wird, wurden eben diesen, durch die Veränderungen der von Kapitalismus getriebenen Ökonomie der Vereinigten Staaten, entrissen und vor die schier unmögliche Aufgabe der Existenzerhaltung auf nicht vorhandener finanzieller Basis gestellt. Nicht nur die Verarmung ist angestiegen, sondern auch die damit einhergehenden negativen Auswirkungen auf die schwarze Bevölkerung der, wie es Wacquant nennt, Hyperghettos. Die zunehmenden Gewaltverbrechen und Drogen sind neben Familienauflösungen und gescheiterten Bildungssystemen ein fester Bestandteil dieser Ghettos geworden. Mehr als die Hälfte der Haushalte lebten 1980 von staatlicher Unterstützung. Organisationen wie zum Beispiel die Kirche, die versuchen den Betroffenen durch Rehabilitationsprogramme für Drogensüchtige und Suppenküchen zur Ernährung Mittelloser zu helfen, scheitern an ihren finanziellen Möglichkeiten und müssen selbst um ihr Überleben fürchten. Dies gilt selbst für die politischen Institutionen in Chicago. Ein weiteres Beispiel für ökonomische Marginalisierung zeigt das im südlichen Teil Chicagos gelegene Schwarzenghetto Woodlaws. Wo es 1950 noch 700 Handelsfirmen und Industriebetriebe gab, sind aktuell noch 100 mit jeweils einer Hand voll Mitarbeitern übrig. Folglich ist es nicht sehr überraschen, dass durch den Zusammenbruch der regulären Wirtschaft eine Schattenwirtschaft entsteht. Diese Schattenwirtschaft ist vor allem von dem Drogenhandel geprägt, da das Geschäft mit Betäubungsmitteln in vielen Teilen der Ghettos der einzige Wirtschaftszweig mit Zuwachsrate und einem Hauptarbeitsmarkt für Arbeitslose darstellt. Es ist auch der einzige Wirtschaftszweig der frei von Rassendiskriminierung ist. (Vgl. Wacquant 2006: 70f.). „Neben Drogenwirtschaft und Schwarzarbeit […] haben sich im Herzen des Ghettos kleine subproletarische ‚Geschäftemacher‘, wie sie eigentlich für die Städte der Dritten Welt typisch sind, ausgebreitet: Straßenhändler, Wiederverkäufer von Zeitungen, Zigaretten und Soft Drink-Paletten, Pförtner, Parkplatzwächter, Tagelöhner und so weiter.“ (Wacquant 2006: 71f.). Dass sich eine Parallelwirtschaft dieses Ausmaßes überhaupt entwickeln konnte, ist zurückzuführen auf das Verschwinden des öffentlichen Raumes und die negativ ausgeprägte emotionale Beschaffenheit der örtlichen Gesellschaft. In dieser „Untergrundökonomie“, die, wie schon erwähnt, von dem Drogenhandel dominiert wird, ist eine ständige Bereitschaft für Gewalt eine der nötigen Qualifikationen. Gewalt verschafft einen Ruf, der sowohl von Kollegen und Kunden wahrgenommen wird und wichtig für die geschäftlichen Vereinbarungen ist. Die organisatorische Leere, die durch den Rückzug des Staates und dem Zusammenbruch des öffentlichen Raumes der Ghettos hinterlassen wurde, wird gefüllt mit einer sich selbst erschaffenen Gesellschaft, die ihr Überleben hauptsächlich durch illegale Parallelwirtschaft sichert. (Vgl. Wacquant 2006: 71f.).

4.4. Das Gefängnis als Ersatzghetto

Die US-amerikanische Gesellschaft bestraft Verbrechen heute viel extremer als sie es noch vor einiger Zeit getan hat. Ein Beispiel hierfür ist, dass 1975 auf 1000 Verbrechen 21 Gefängnisinsassen folgten. 1999 lag das Verhältnis bei 106 Insassen auf 1000 Verbrechen. Der Krieg gegen das Verbrechen (War on Crime) in den USA zielt hauptsächlich auf illegale Aktivitäten ab, deren hohe Konzentration in der Straßenkriminalität in sozial benachteiligten Vierteln, wie den Ghettos, liegt. „Zwischen 1975 und 2000 stieg die Anzahl der Gefängnisinsassen explosionsartig von 380.000 auf zwei Millionen, während die Anzahl der Empfänger von Sozialleistungen von elf Millionen auf unter fünf Millionen sank“ (Wacquant 2008: 400). Bei den meisten Häftlingen handelt es sich um Arbeitslose, sich im sozialen Abstieg befindlichen Teile der Arbeiterklasse und der verarmten schwarzen Bevölkerung, die in den sich aufgrund von Marginalisierung verfallenen Zentren entstandenen Ghettos leben. Eine von Wacquants Sichtweisen ist, dass eine Funktion, welche dem Gefängnis im Kontext des neu entstandenen Armutsregimes zukommt, die Einsperrung und Isolation von hauptsächlich schwarzen Bevölkerungsteilen, die als unbrauchbar für die Gesellschaft abgestempelt werden, ist. Er ist der Überzeugung, dass die Einsperrung einer Logik der ethno-rassischen Exklusion folgt, die ursprünglich ausschlaggebend für die Entstehung der städtischen Ghettos war. Er sieht in den Ghettos der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein soziales Gefängnis, indem eine soziale Isolation von Schwarzen mit der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft kollaboriert. Er bezeichnet das Gefängnis als „Ersatzghetto“, indem diejenigen leben, die aufgrund der Kürzungen von Sozialleistungen und den Rückzug der öffentlichen Hand aus der Verantwortung für die physisch und wirtschaftlichen verfallenen Stadtteile, eine Marginalisierung erlebt haben. Beide Institutionen: Ghetto und Gefängnis ergänzen sich gegenseitig und stehen in einem engen Zusammenhang. Denn beide Institutionen kapseln die für die Öffentlichkeit unerwünschten sozialen Gesellschaftstypen ab und schließen sie in ein eigenes autarkes System ein. (Vgl. Wacquant 2008: 404f.).

Alice Goffman, eine US-amerikanische Soziologin, Autorin und Hochschullehrerin, hat sich sechs Jahre lang in einer problemreichen Nachbarschaft in Philadelphia niedergelassen, um aus erster Hand den Weg von jungen Menschen, mit afro-amerikanischen und lateinamerikanischen Wurzeln, in die Institution „Gefängnis“ zu beobachten. Sie teilt einen Erfahrungsbericht über Chuck, einem achtzehnjährigen Schüler der Highschool. Sein Bruder Tim ist zehn Jahre alt. Sie lebten mit ihrer Mutter und ihrem Großvater zusammen. Ihre Mutter war drogenabhängig und konnte deshalb nur kurze Beschäftigungsperioden verbuchen. Die Rente des Großvaters unterhielt zum Großteil die familiären Grundressourcen, die gerade für das zum Überleben langten. Aufgrund von Kleindelikten, wie einer Prügelei oder eines unbewussten Besitzes eines gestohlenen Autos, haben beide Brüder eine Strafakte, die ihnen die Grundlage für eine weiterführende Bildung nimmt. Sie beschreibt eine Strafverfolgungspolitik, die schwarzen Jugendlichen die Möglichkeit zur Weiterbildung vereiteln und kritisiert den Fokus der Strafverfolgung auf jenen Teil der Gesellschaft, zu denen Chuck und Tim gehören, den verarmten Bewohnern sozial benachteiligter Gebiete wie den Ghettos. Sie vergleicht ihre innerhalb der sechs Jahre gemachten Erlebnisse aus diesen Vierteln mit dem Viertel, indem sie aufgewachsen ist. Ihre Feststellung ist, dass es in ihrer Gegend keine vergleichbaren Schicksalsschläge gibt und begründet es darauf, dass die Polizei und die Strafverfolgung in den reicheren Wohnvierteln eine deutlich niedrigere Präsenz und Aggressivität aufweisen, obwohl ebenfalls genügend vergleichbare Kleindelikte verübt wurden. Sie spricht hiermit deutlich die rassistische Diskriminierung und die daraus resultierende Ausgrenzung aus der Gesellschaft und Isolation in den Gefängnissen an, die nicht nur innerhalb der Strafvollzugsbehörden kursiert, sondern auch eine von der Gesellschaft akzeptierte Tatsache ist, gegen die nichts unternommen wird. (Vgl. Goffman 2015: 6:26 – 10:42).

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Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
War on Drugs. Auswirkungen auf die Gesellschaft
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Gesellschaft in Film und Literatur
Note
1,7
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V372049
ISBN (eBook)
9783668498037
ISBN (Buch)
9783668498044
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
War, on, Drugs, Auswirkungen, auf, die, Gesellschaft, Film, Literatur, Hauptseminar, Geschichte, DEA, Drogen, Konsum, The, Wire, The Wire, War on Drugs, Auswirkungen auf die Gesellschaft, Film und Literatur
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, War on Drugs. Auswirkungen auf die Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372049

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