Ist ‚Benjamin‘ ein ursprünglicher Bestandteil der Josephsgeschichte oder wurde er nachträglich, unter redaktionell-bedingten Gesichtspunkten in den Textbestand von Gen 37-50 eingearbeitet? Wenn ja, warum wurde er hinzugefügt und welche Bedeutung muss dieser Figur in literarischer, geschichtlicher und ggf. theologischer Hinsicht beigemessen werden? Die vorliegende Arbeit will im Zuge eines deduktiven Vorgehens eben diesen Fragenkomplex beleuchten und untersuchen. Dabei soll in einem argumentativen, wechselseitig aufeinander bezogenen Dreischritt vorgegangen werden. Zunächst wird das Augenmerk auf die Quantität des Namens ‚Benjamin‘ im alttest. Kanon sowie auf die etymologischen Wurzeln des Namens gelegt werden (siehe Kap. 2.1.).
Durch diese quantitativ-etymologische Betrachtung soll zunächst herausgestellt werden, ob bzw. dass die Figur des ‚Benjamin‘ von zentraler Bedeutung für die Schilderung der alttest. Erzählung ist und ob bzw. dass mit dem Namen nicht ausschließlich ein Individuum, sondern eine ganze Volksgruppe innerhalb des israelischen Stammesverbandes bezeichnet wird. Außerdem soll durch diese Betrachtung der Rahmen abgesteckt werden, in dem die Josephsgeschichte narrativ wie literarkritisch untersucht werden wird. Die daran anknüpfende narrative Analyse (siehe Kap. 2.2.) geht dann vom Ist-Bestand des überlieferten Textes aus. Sie betrachtet die Abschnitte, in denen ‚Benjamin‘ explizit genannt wird bzw. in denen die Figur des ‚Benjamins‘ die Handlung erzählerisch voranbringt. Dabei ist es unerlässlich, nicht nur die Verse zu thematisieren, in welchen die Nennung erfolgt, sondern den Kontext eingehender zu betrachten. Deshalb wird jedem Unterkapitel zunächst eine Übersetzung des jeweiligen Abschnitts der Josephsgeschichte vorangestellt. Dadurch, die gängige Kommentarliteratur vorausgesetzt, soll dargestellt werden, ob bzw. dass ‚Benjamin‘ unabdingbar für die von Gen 37-50 ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Problemstellung und Methodik der vorliegenden Arbeit
2. „Benjamin“ in der Josephsgeschichte
2.1. Der Name „Benjamin“ im Alten Testament
2.1.1. Quantität und Klassifizierung des Namens „בִּנְיָמִן“
2.1.2. Zur Bedeutung des Namens „בֶּן אוֹנִי“ / „בִּנְיָמִן“
2.2. Zur narrativen Rolle der Person „בִּנְיָמִן“
2.2.1. Gen 42,4.36 (Gen 42,1–38)
2.2.2. Gen 43,14.15.16.29.34 (Gen 43,1–34)
2.2.3. Gen 44,12 (Gen 44,1–34)
2.2.4. Gen 45,12.14.22 (Gen 45,1–28)
2.2.5. Gen 46,19.21 (Gen 46,1–27)
2.2.6. Gen 49,27 (Gen 49,1–28)
2.3. Zur literarkritischen Bestimmung der Person „בִּנְיָמִן“
2.3.1. Überblick zu den Lösungsansätzen der literarischen Spannungen
2.3.2. Gen 42,4.36
2.3.3. Gen 43,14.15.16.29.34
2.3.4. Gen 44,12
2.3.5. Gen 45,12.14.22
2.3.6. Gen 46,19.21; Gen 49,27
3. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die Figur des ‚Benjamin‘ ein ursprünglicher Bestandteil der Josephsgeschichte ist oder ob es sich um eine redaktionelle Ergänzung handelt. Dabei wird analysiert, welche literarische, geschichtliche und theologische Bedeutung dieser Figur in Gen 37-50 unter Berücksichtigung ihrer Etymologie sowie ihrer narrativen und literarkritischen Funktion zukommt.
- Etymologische Analyse des Namens ‚Benjamin‘ im alttestamentlichen Kontext.
- Untersuchung der narrativen Rolle ‚Benjamins‘ innerhalb der Josephsgeschichte.
- Literarkritische Einordnung und Nachweis einer ‚Benjamin-Bearbeitungsschicht‘ (BB).
- Klärung der Frage, ob ‚Benjamin‘ als Individuum oder als Projektionsfläche für einen Volksstamm fungiert.
Auszug aus dem Buch
2.1.2. Zur Bedeutung des Namens „בֶּן אוֹנִי“ / „בִּנְיָמִן“
Einen wesentlichen Zugang zur Klärung der Rolle ‚Benjamins‘ in der Josephsgeschichte bietet die Etymologie seines Namens. Dass dieser mit Bedacht gewählt wurde, verrät bereits die Schilderung seiner Geburt (Gen 35,16ff.):
Kurz nach der Geburt ihres zweiten Sohnes stirbt ‚Rahel‘ am Kindbett. Aller Lebenskräfte durch die harte Entbindung beraubt, ist es ihre letzte Handlung, ihrem Kind einen Namen zu geben – בֶּן אוֹנִי. Dieser Name, der seiner grammatikalischen Struktur einem in Constructusverbindung stehenden Wortgruppennamen entspricht, setzt sich zusammen aus den Nomina בֵּן, welches sich in den unterschiedlichsten grammatikalischen Formen 4943 Mal im Alten Testament findet, und aus אוֹן, welches sich neben Gen 35,18 nur noch zwei weitere Male nachweisen lässt (Vgl. Dtn 26,14; Hos 9,4). אוֹן lässt sich am ehesten mit ‚Todesschrei, Trauer oder Wehklage‘ übersetzen, sodass ‚Ben-Oni‘ als ‚Sohn der Wehklage‘ zu verstehen ist. In ‚Rahels‘ speziellem Fall mag diese Benennung durchaus verständlich erscheinen, doch Jakob konnte sich mit diesem Namen nicht abfinden, weshalb er ihn – noch während ‚Rahel‘ im Sterben lag bzw. kurz nachdem sie verschied – in בִּנְיָמִן änderte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Problemstellung und Methodik der vorliegenden Arbeit: Die Einleitung definiert die zentrale Forschungsfrage nach dem Ursprung der Figur ‚Benjamin‘ und legt das methodische Vorgehen mittels einer dreischrittigen Analyse (etymologisch, narrativ, literarkritisch) fest.
2. „Benjamin“ in der Josephsgeschichte: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil, in dem die Etymologie, die narrative Rolle und die literarkritische Herkunft der Figur ‚Benjamin‘ detailliert untersucht werden.
3. Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit resümiert die Ergebnisse der Untersuchung und kommt zu dem Schluss, dass ‚Benjamin‘ keine ursprüngliche Figur der Josephsnovelle ist, sondern im Zuge eines komplexen Fortschreibungsprozesses eingearbeitet wurde.
Schlüsselwörter
Benjamin, Josephsgeschichte, Altes Testament, Etymologie, Literarkritik, Redaktionsgeschichte, Volksstamm, Rahel-Sohn, Stamm Benjamin, Gen 37-50, Juda-Bearbeitung, Benjamin-Bearbeitung, narrative Analyse, biblische Exegese, Stammesgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Figur des ‚Benjamin‘ in der biblischen Josephsgeschichte (Genesis 37-50) und analysiert, ob diese Person ein ursprünglicher Bestandteil der Erzählung ist oder nachträglich redaktionell hinzugefügt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Etymologie des Namens ‚Benjamin‘, seine Rolle als ‚Individual-‚ oder ‚Volksstammtitulatur‘ sowie die literarkritische Einordnung seiner Erwähnungen in verschiedenen Textschichten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, welche literarische und theologische Bedeutung ‚Benjamin‘ in der Josephsgeschichte hat und ob seine Figur als sekundärer Zuwachs zu verstehen ist, der dazu diente, die Stammesgeschichte Israels retrospektiv zu verarbeiten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor wendet ein deduktives Vorgehen an, das eine quantitative-etymologische Betrachtung, eine narrative Analyse des Textbestandes und eine tiefgehende literarkritische Untersuchung einzelner Verse umfasst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die einzelnen Textstellen, an denen ‚Benjamin‘ auftritt, übersetzt und analysiert. Zudem erfolgt ein Vergleich mit existierenden literarkritischen Forschungsmodellen zur Identifizierung einer spezifischen ‚Benjamin-Bearbeitungsschicht‘.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Benjamin-Bearbeitung, Redaktionsgeschichte, Josephsnovelle, Volksstamm und literarkritische Analyse am treffendsten beschreiben.
Welche Bedeutung kommt der etymologischen Namensdeutung zu?
Die Etymologie (‚Sohn der Wehklage‘ vs. ‚Sohn des Glücks‘/‚Sohn des Südens‘) dient als wichtiger Schlüssel, um zu verstehen, wie ‚Benjamin‘ in die erzählerische Ganzheit der Josephsgeschichte eingebettet wurde.
Wie begründet der Autor die Einordnung als sekundäre Bearbeitung?
Die Einordnung als sekundär stützt sich auf literarkritische Beobachtungen, bei denen die Erwähnungen ‚Benjamins‘ als Spannungen im kunstvollen Aufbau identifiziert werden, die sich durch die Annahme einer späteren ‚Benjamin-Bearbeitungsschicht‘ auflösen lassen.
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- Daniel Meyer (Author), 2017, Benjamin in der Josephsnovelle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372253