Phrasenkreativität als Kreativitätsausdruck? Warum und wie Phraseologismen in deutschen Hip Hop- und Rap-Texten sinnvoll sind


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1. Einleitung: Hip-Hop Künstler als kreative Köpfe?

„Ich bin so Schiller, so Goethe, so bitter, so böse noch immer der größte Poet, der hier lebt.Wenn ihr jetzt noch mehr wollt fütter ich euch deutschen Dichtern Reimebis ihr alle Brecht wie Bertold das ist für mich echter Erfolg, wenn der Text noch mehr rolltund ich schein wie der Morgenstern. Hoff', dass ihr alle aus den Reim' und den Worten lernt Meine Damen und Herren, was würde ich bloß tun hier wär ich nicht Rapstar?Wahrscheinlich wär ich der neue Erich Kästner.“1

So beschreibt Samy Deluxe seine Person und sein Tun in seinem Lied ,Poesiealbum'.Er scheint sich als Dichter zu sehen, als ,kreativen Kopf', der mit der Sprache spielt,sie so (gut) formt, dass seine Hörer aus seinen ,Reim' und den Worten' lernen sollen.Und tatsächlich wirken Rap und Hip-Hop Texte oftmals, auch für Menschen, diegrundsätzlich keine besondere Affinität zu diesem Musikgenre haben, geistreich undanziehend. Man bekommt den Eindruck, „dass […] ein Sprecher seine Muttersprachebesonders kreativ verwendet“2. Analytisch betrachtet liegt dies vor allem an dreiDingen: Der Sprecher verwendet beziehungsweise erschafft Besonderheiten in derLexik, der Wortbildung und in der Verwendung von Phraseologismen.3 „UnterAnwendung der Regeln der deutschen Wortbildung kann ein Sprecher problemlosseinen Wortschatz [...] erweitern und trotzdem verständlich bleiben“.4 Er kann alsoneue Worte erfinden beziehungsweise alte modifizieren und somit sowohl auf der,normalen' Ebene eine Geschichte erzählen, dieser jedoch gleichzeitig auch eine ArtSubtext injizieren. Bastian Boettcher beginnt in seinem Lied „S(n)ex“ mit den Worten:„Als die Fritteuse mit ner halben Portion/krokettiert/kommt ein Berliner in dieHamburger/bude, er probiert/Leicht und locker rumzushaken,doch er/war'nSatansbraten“.5 Hierbei spricht Boettcher auf zwei Ebenen. Zum einen beschreibt ereine ganz alltägliche Situation. Die Fritteuse in ihrem eigentlichen Sinn alsKüchengerät frittiert eine halbe Portion (Nahrung). Gleichermaßen kann der Hörerjedoch auch eine Berufsgruppe, eine Person herausdeuten, die etwas tut, dadurch, dassihm Analogien zu etwa „Friseuse“ bekannt sind. Dies wird besonders angeregt durchdie auffällige Verwendung des Wortes „krokettiert“. Dieses Wort legt die Vermutung nahe, dass es sich zum einen aus dem Substantiv „Krokette“, zum anderen aus dem Adjektiv „kokett“ zusammensetzt. Es verbindet „[...] Ausdrücke aus dem semantischen Feld ,Ernährung' mit solchen aus dem Bereich ,Sexualität' [...]“6 und generiert so einen doppelten Sinn. Dies ist ein Beispiel dafür, dass sich ein Sprecher im Bereich der Wortbildung sehr frei und kreativ ausleben kann, wenn er die Intention verfolgt, neue Perspektiven auf alte Dinge zu eröffnen.

Anders als bei freien Wortgruppen verhält es sich jedoch mit Phraseologismen. DerenHaupteigenschaft ist es, dass sie ,fest' sind, gewissermaßen aneinander gebunden. Siewerden schlichtweg reproduziert und nicht neu gebildet. Die vorliegende Hausarbeitbeschäftigt sich mit dem Thema, warum diese doch eigentlich „[...] zum Lösen vonkommunikativen Routinefällen [...]“7 genutzten (Alltags-)Phrasen trotz ihrer,Starrigkeit' so häufig in den um sprachliche Kreativität bemühten Hip Hopbeziehungsweise Rap Texten auftreten und was man beachten muss, damit sie ebennicht ,starr und alltäglich' klingen.

2.) Ursprünge des Hip-Hop und Gegenstandsbestimmung

Hip-Hop Musik kann „ohne die ,Philisophie' des Hip-Hop kaum zu verstehen“8 sein. Diesbezüglich möchte ich im folgenden zunächst auf die Geschichte des Hip-Hop eingehen und ihren Gegenstand thematisieren.

Hip-Hop kann als „Musikstil, der durch elektronisch erzeugte, stark rhythmisierte undmelodienarme Musik [und Texte, die vor allem das Leben der unteren sozialenSchichten […] widerspiegeln] gekennzeichnet ist“ definiert werden.9 Diesen Textenliegen genrespezifische Ausdrucksformen inne, welche durch die multikulturellen undgesellschaftlichen Prozesse Ende der 70-er Jahre in der New Yorker Bronx geformtwurden. Die Wurzeln des Hip-Hops sind „kulturell weitläufig, vielfältig undheterogen: Sie entspringen der afroamerikanischen Kultur, reichen aber auch zurückzur Geschichte der Einwanderung aus Puerto Rico und der Karibik in die USA zurück.“10 Die „kulturelle Energie“11 des Hip-Hop hat sich im Verlauf der Jahre weltweit verbreitet. Gekennzeichnet ist diese ,Kultur' durch mehrere Dimensionen:Neben der musikalischen und der textuellen sind auch die körperliche und diegraphische Dimension von zentraler Bedeutung. Auf musikalischer und textuellerEbene gibt es eine enorme Verbundenheit zwischen dem Text und dem Rhythmus, indem der Text in Form eines Sprechgesangs vorgetragen wird. „Die Bedeutung derrhythmisch gesprochenen Reime […] werden durch kontextabhängiges Sprechen, denRückgriff auf spezifische kulturelle Traditionen und durch kodifizierteInsidersprachen geprägt.“12 Neben den Liedern, die Geschichten erzählen und Inhalteübermitteln, treten in der Hip-Hop-Szene auch so genannte ,Jams' und ,Battles' auf,Events, bei denen Rapper mit- und gegeneinander antreten und sich gegenseitig ihreTexte vortragen oder spontan neue kreieren. Hierbei kommt die körperliche Dimensionins Spiel: Neben Text, Stimme und Rhythmus ist die Hip-Hop Kultur geprägt durchcharakteristische Bewegungen und Gesten, die das Gesagte untermauern sollen.Hierzu gehören ebenfalls charakteristische Begrüßungsmerkmale und Gesten zumAusdruck von Anerkennung oder Ablehnung. Darüber hinaus ist in diesemMusikgenre der graphische Bereich hervorzuheben. Graffiti mit oftmals eigenskreiertem Logo gehören zur Lebensart.13 Hip-Hop kann als ,Subkultur' definiertwerden, die sich nicht alleinig durch die musikalische Ebene definieren lässt, sondernvielmehr als eine Art ,Lebensweise' angesehen werden muss, die die Einstellungenund Kleidungs- und Verhaltenscodes eines Menschen prägt.

3.),Alltagsphraseme' in Hip-Hop Texten

Demnach ist Hip-Hop in einen subkulturellen Rahmen eingebunden, der spezifischePhänomene in sich trägt. Diese Phänomene äußern sich durch „Formen derSelbstdarstellung und der Interaktion zwischen den Künstlern“14 und der Interaktionmit dem Publikum. In Rap-Texten finden sich häufig charakteristisch vornehmlich im jugendsprachlichen Sektor angesiedelte Redewendungen, ein Beispiel ist „läuft bei Dir“15. Diese kulturspezifischen Ausdrücke können zum einen demZugehörigkeitsgefühl des Künstlers zu einer sozialen Gruppe dienen. Gleichzeitigerfüllen sie jedoch auch den Zweck, „[...] eine besondere Atmosphäre der Interaktion,einen Austausch unter Gruppenzugehörigen, die solidarisch miteinander umgehen undbestimmte Werte teilen“16 zu erschaffen. Der Sprecher kann hierbei relativ frei damitverfahren, wie bestimmte Ausdrücke wahrgenommen und interpretiert werden(sollen), je nachdem, in welchen Kontext er sie einbettet. Bleiben wir bei dem Beispiel,läuft bei Dir' oder ,bei dir läuft'. Der Rapper Bushido verwendet diesen Ausdruck inseinem Lied ,Leben und Tod des Kenneth Glöckler' gleich zweimal, und jedes Mal ineinem anderen Sinn. So ist es einmal abwertend und ironisch gemeint: „ReudigesBenehm' wird man später häufiger noch sehen/Läuft bei dir, Kay, traurig aberwahr/Jetzt muss der nächste herhalten, Hauptsache ein Star“17 und später, um zuverdeutlichen, dass es bei ihm selbst tatsächlich gut läuft: „Ich mach das hier nicht malfür mich, bei mir läuft, du Spast/Ich mach das für die Leute, denen du was bedeutethast“18. ,Läuft bei Dir' kann als Abkürzung von ,Bei mir läuft es gerade ganz gut'angesehen werden und ist somit in seinem ursprünglichen Sinn nur im zweiten Reimvon Bushido verwendet worden. Der Effekt, dass es im ersten Reim anders klingt magvornehmlich nicht nur an der syntaktischen Umstellung der Wörter liegen sondernauch daran, dass es schlichtweg in einem anderen Kontext verwendet wird. Hier zeigtsich, dass der Effekt, den eine Wortverbindungen haben kann, immer in seinemKontext zu betrachten ist. Die meisten (Jugend-)Ausdrücke sind vielfältiginterpretierbar. ,Krass kommen' kann beispielsweise für etwas ,kommt krass' rüber,weil es besonders gut oder eindrucksvoll ist, gleichzeitig jedoch auch für ,er kommtkrass', im Sinne von besonders provozierend, angsteinflößend oder gefährlich rüberstehen. Im Rahmen des Deutungshorizonts kann der Sprecher hier relativ frei agieren.

4.) Die wörtliche und die idiomatische Ebene

Wie anfangs bereits erläutert kann ein Sprecher seine Kreativität bei der Verwendungvon Phraseologismen nicht in deren Neubildung ausleben. Eine Möglichkeit,Phraseme zu verwenden, ohne dass diese wie monotone Stereotypen wahrgenommen werden, besteht darin, „[...] gleichzeitig die wörtliche und die idiomatische Ausdrucksbedeutung zu aktivieren.“19 Ein Beispiel hierfür liefert die Band „DieFantastischen Vier“ in ihrem Lied „Mfg“. Hier heißt es im Refrain: „Die Welt liegtuns zu Füßen/denn wir stehen drauf/wir gehen drauf/für ein Leben voller Schall undRauch“.20 Hier liegen im ersten Teil die (flexierten) Phraseme „Jemandem liegt dieWelt zu Füßen“ und „bei etwas draufgehen“ vor. Einzeln betrachtet sind sowohl „DieWelt liegt uns zu Füßen“ als auch „wir gehen drauf“ ganz klar idiomatisch zu fassen.Andererseits kann es tatsächlich auch wörtlich aufgefasst werden, denn wir stehen undgehen wirklich auf der Welt und sie liegt gewissermaßen zu unseren Füßen. Besondersdeutlich wird dieser Effekt dadurch, dass eine (bewusste) Pause gemacht wirdzwischen „wir gehen drauf“ und „für ein Leben voller Schall und Rauch“, was reinsemantisch genau so oder sogar noch mehr zusammenpasst.

Eine weitere Möglichkeit, um Phrasen originell klingen zu lassen, ist „[...] die Art, wiedie dem Hörer schon bekannten Phraseologismen verwendet werden“.21 Wie imoberen Beispiel angeführt kann dies zum einen durch bewusste Sprechpausenpassieren. Hierdurch können feste, eigenständige Wortkombinationen mit andereneben so festen Wortverbindungen kontaminiert werden - und plötzlich gemeinsameinen neuen Sinn ergeben. Dieser Effekt kann ebenso entstehen, wenn der Sprecherdie Phrasen so in den Satz einbettet, dass sie ihre eigentliche Bedeutung ein Stück weitabtreten und so einen zweiten Deutungshorizont eröffnen. Dieser Punkt wurde bereitsin der Einleitung erwähnt und dort zitiertes Beispiel eignet sich erneut zurVeranschaulichung: „Als die Fritteuse mit ner halben Portion/krokettiert/kommt einBerliner in die Hamburger/bude, er probiert/Leicht und locker rumzushaken,docher/war'n Satansbraten/voll ausgekocht und eingefleischt,ich/roch den Braten!“.22 Eine„halbe Portion“ kann hierbei durchaus zunächst als wörtliche Lesart -eine halbePortion Pommes beispielsweise- identifiziert werden. Gleichermaßen kann „eine halbePortion“ auch idiomatisch als „Schwächling; Mann, den man nicht für voll nimmt“klassifiziert werden. Ebenso verhält es sich mit „ich roch den Braten“, was aufidiomatischer Ebene als „ahnen, merken, was an Unangenehmem auf einen zukommtoder wo sich eine vorteilhafte Möglichkeit bietet“ verstanden werden kann. Neben derAktivierung beider Lesarten bettet Boetcher sie semantisch sehr gut passend in seinen.

[...]


1 Samy Deluxe - Poesiealbum

2 Ehrhardt, Claus: Jetzt mal ohne Spaß. Zur diskursbildenden Potenz von Phraseologismen indeutschen Raps. In: Der Deutschunterricht (5/2005). S.33 -45. Hier: S. 33.

3 Vergleich: Ehrhardt, Claus: Jetzt mal ohne Spaß. In: Der Deutschunterricht. S. 33.

4 Ehrhardt, Claus: Jetzt mal ohne Spaß. In: Der Deutschunterricht. S. 34.

5 Bastian Boetcher - s(n)ex

6 Ehrhardt, Claus: Jetzt mal ohne Spaß. In: Der Deutschunterricht. S. 34.

7 Ehrhardt, Claus: Jetzt mal ohne Spaß. In: Der Deutschunterricht. S. 34.

8 Oster, Angela Leona: Sich selbst sprechende Sprachen: Die intermediale Palimpsest-Poetologie desHip-Hop. In: Susanne Stemmler/Timo Skrandies (Hrsg.): Hip Hop und Rap in romanischenSprachwelten: Stationen einer globalen Musikkultur. Frankfurt am Main 2007. S. 13 - 32. Hier: S. 44.

9 http://www.duden.de/rechtschreibung/Hip_Hop

10 Stemmler, Susanne: Rap-Musik und Hip-Hop-Kulturen in romanischen Sprachwelten: Einleitung und Perspektiven der Forschung. In: Susanne Stemmler/Timo Skrandies (Hrsg.): Hip Hop und Rapin romanischen Sprachwelten: Stationen einer globalen Musikkultur. Frankfurt am Main 2007. S. 13 - 32. Hier: S. 14.

11 Stemmler, Susanne: Rap-Musik und Hip-Hop-Kulturen in romanischen Sprachwelten. In: SusanneStemmler/Timo Skrandies (Hrsg.): Hip Hop und Rap in romanischen Sprachwelten. S. 14.

12 Stemmler, Susanne: Rap-Musik und Hip-Hop-Kulturen in romanischen Sprachwelten. In: SusanneStemmler/Timo Skrandies (Hrsg.): Hip Hop und Rap in romanischen Sprachwelten. S. 14.

13 Vgl.: Stemmler, Susanne: Rap-Musik und Hip-Hop-Kulturen in romanischen Sprachwelten. In:Susanne Stemmler/Timo Skrandies (Hrsg.): Hip Hop und Rap in romanischen Sprachwelten. S.14-16.

14 Ehrhardt, Claus: Jetzt mal ohne Spaß. In: Der Deutschunterricht. S. 36.4

15 Jugendwort des Jahres 2014 und zu finden etwa in Bushido - Leben und Tod des Kenneth Glöckleroder Seyo - Bei Dir läuft

16 Ehrhardt, Claus: Jetzt mal ohne Spaß. In: Der Deutschunterricht, S. 38.

17 Bushido - Leben und Tod des Kenneth Glöckler

18 Bushido - Leben und Tod des Kenneth Glöckler5

19 Ehrhardt, Claus: Jetzt mal ohne Spaß. In: Der Deutschunterricht. S. 35.

20 Die Fantastischen Vier - Mfg

21 Ehrhardt, Claus: Jetzt mal ohne Spaß. In: Der Deutschunterricht. S. 35.

22 Bastian Boetcher - s(n)ex

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Phrasenkreativität als Kreativitätsausdruck? Warum und wie Phraseologismen in deutschen Hip Hop- und Rap-Texten sinnvoll sind
Hochschule
Universität Hamburg  (Sprache, Literatur und Medien)
Veranstaltung
Sprachliche Fertigteile: Sprichwörter, Wendungen, Redensarten
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V372282
ISBN (eBook)
9783668504219
ISBN (Buch)
9783668504226
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phraseologismen Hiphop Rap Literatur
Arbeit zitieren
Jasmin Oppermann (Autor), 2014, Phrasenkreativität als Kreativitätsausdruck? Warum und wie Phraseologismen in deutschen Hip Hop- und Rap-Texten sinnvoll sind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372282

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