Die Fragestellung der Arbeit bezieht sich einen Topos, der in politisch-moralischer Hinsicht nicht neutral sein kann, nämlich den Topos der Hexe. Wohin führt Moers' Mythen-Metzerei bei dieser historisch belasteten Figur? In welcher Weise transformiert sich der Topos der Hexe mit Moers' Waldspinnenhexe in Ensel und Krete? Handelt es sich hierbei lediglich um eine Abstraktion in Hinblick auf Gender? Wäre die Waldspinnenhexe demnach nicht mehr weiblich und der Topos der Hexe gleichsam als Idee ‚entweiblicht‘ wie Sabrina Wallstein darstellt? Oder lassen sich andere Kategorien finden, die die gestellte Frage besser beantworten? Intertextualität ist heute vielleicht mehr als vor 200 Jahren evident. Die Fülle der Diskurse und das Phänomen der Massenmedien lassen Texte ganz einfach beinahe notwendig als jene aus anderen Texten bestehende Mosaike erscheinen, die sie natürlich auch zu Zeiten der Brüder Grimm schon waren. Der Titel von Walter Moers' zweitem Roman, Ensel und Krete, jedenfalls macht unmissverständlich deutlich, dass der Autor mit Intertextualität spielt. Der Name des Erzählers, Hildegunst von Mythenmetz, bezieht des Weiteren bereits zur Intertextualität Stellung, d.h. er legt einen bestimmten Habitus an den Tag, wie Intertextualität hier sozusagen realisiert werde. Ein „Mythos“ nämlich ist ein „albernes Kinderschreckmärchen.“ Der zamonische Großschriftsteller Mythenmetz hat die „frühzamonische Urversion von Ensel und Krete“ offenbar zurecht hämmern müssen bei deren Überlieferung. Einen eigenständigen und wichtigen Teil nimmt im Roman dann auch die Biografie des Mythenmetz ein. Alles ist zusammengebaut, konstruiert, recycelt im Universums Moers'; der Anspruch auf Authentizität, - etwa der Anspruch darauf, die Urversion darzustellen, - gibt so nur mehr Anlass zu einer humoristischen Abschweifung.
Das Phänomen der Hexenverfolgungen ist ein zwar viel erforschtes aber immer noch sehr dunkles Kapitel Europäischer Geschichte. Die Todesopfer werden in jüngerer Zeit wieder höher eingeschätzt. Die bewusste Ziffer schwankte in der Geschichte ihrer Erforschung zwischen ca. Zwanzigtausend und mehr als Fünfzigtausend. Diese Forschungsgeschichte selbst entspricht so tatsächlich in sehr anschaulicher Weise der Fortschreibung eines Textes. Die ersten Belege von Hexenprozessen stammen aus dem 14. Jh. Als die eigentliche Epoche des Hexenwahns muss man die Zeit von etwa 1550 bis 1650 bezeichnen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Intertextualität
3 Literarische Hexen und der volkstümliche Hexenwahn
3.1 Grimms Hexe
3.2 Die Waldspinnenhexe
4 Zu Moers' Quellen
5 Zur Transformation der Hexe
6 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die intertextuelle Transformation des Hexentopos von den Brüdern Grimm hin zu Walter Moers' Roman "Ensel und Krete". Dabei wird analysiert, inwiefern Moers den historisch belasteten Mythos der Hexe dekonstruiert, indem er ihn durch pädagogische Funktionalisierung, psychologische Auflösung und narrative Abschweifungen aus dem Zentrum der Erzählung rückt.
- Analyse des europäischen Hexenmythos bei den Brüdern Grimm
- Untersuchung von Moers' "Waldspinnenhexe" als intertextuelles Konstrukt
- Die Rolle der "Mythenmetzschen Abschweifung" bei der Dekonstruktion
- Vergleich der pädagogischen Instrumentalisierung in beiden Werken
- Reflexion über die Veränderung dramaturgischer Traditionen in Zamonien
Auszug aus dem Buch
3.1 Grimms Hexe
Das Phänomen der Hexenverfolgungen ist ein zwar viel erforschtes aber immer noch sehr dunkles Kapitel Europäischer Geschichte. Die Todesopfer werden in jüngerer Zeit wieder höher eingeschätzt. Die bewusste Ziffer schwankte in der Geschichte ihrer Erforschung zwischen ca. Zwanzigtausend und mehr als Fünfzigtausend. Diese Forschungsgeschichte selbst entspricht so tatsächlich in sehr anschaulicher Weise der Fortschreibung eines Textes. Die ersten Belege von Hexenprozessen stammen aus dem 14. Jh. Als die eigentliche Epoche des Hexenwahns muss man die Zeit von etwa 1550 bis 1650 bezeichnen. Es ist kein Konsens in Sicht bezüglich einiger zentraler Rätsel, erstens etwa darüber, wer die Hexen gewesen sein könnten, falls sie nicht nur eine irrationale Projektion, die Gerichtsapparat und Bevölkerung gleichermaßen teilten, darstellen. Es gibt hierzu eine Vielzahl ernstzunehmender Thesen in der Religionswissenschaft.
Zum Einen könnten die Hexen eine Schicht vorchristlicher Religion agrarischen Umfelds und Ursprungs repräsentieren. Von einer Christianisierung der ländlichen Bevölkerung kann man in Europa ja erst frühestens ab dem 14. Jh. sprechen. Bei zunehmender Christianisierung würden nun die Strukturen vorchristlicher bäuerlicher Religion sichtbar. Menschenopfer etwa, die ja auch von den Hexen überliefert sind, kannten die archaischen agrarischen Religionen Europas mit großer Wahrscheinlichkeit. Eine unter vielen Theorien identifiziert die Hexen des Europäischen Mittelalters derart mit ethnografischen Aufzeichnungen mutmaßlich jungsteinzeitlicher Religion im agrarischen Umfeld Bulgariens aus dem 18. Jh.. Umgekehrt jedoch wurde ebenso stimmig vertreten und in Quellen rekonstruiert, dass im 15. Jh. Esoteriker und Geheimbünde eine gewisse Blüte erlebt hätten. Die Hexerei, die hier betrieben worden sein könnte, wäre dann eine frühneuzeitliche Schöpfung, die am Übergang von Magie zu Technik mit alchemistischen Denkschulen in Verbindung stünde und deren eigentlicher Inhalt in der Verzerrung der christlichen Propaganda, als die wir dann die Überlieferung bezeichnen müssten, vermutlich für immer verloren bliebe.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung etabliert den theoretischen Rahmen der Intertextualität und formuliert die Forschungsfrage zur Transformation des Hexentopos bei Moers im Vergleich zu den Brüdern Grimm.
2 Intertextualität: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der Intertextualität nach Julia Kristeva und betont die Notwendigkeit, Texte als Mosaike innerhalb eines Netzwerks zu betrachten.
3 Literarische Hexen und der volkstümliche Hexenwahn: Hier wird der historische Hintergrund des Hexenwahns und dessen Spiegelung im Grimm’schen Märchen sowie die Einführung der Waldspinnenhexe untersucht.
3.1 Grimms Hexe: Untersuchung der Hexe als "Kinderschreck" und als Symbol des absolut Bösen, das durch eine pädagogische Brille betrachtet wird.
3.2 Die Waldspinnenhexe: Analyse von Moers’ Waldspinnenhexe als abstrakte pädagogische Figur, die durch Abschweifungen ihrer inhaltlichen Ernsthaftigkeit beraubt wird.
4 Zu Moers' Quellen: Das Kapitel beleuchtet, wie Moers verschiedene Mythenkomplexe gegeneinander ausspielt, um die Eindeutigkeit des klassischen Hexenbildes aufzubrechen.
5 Zur Transformation der Hexe: Zusammenfassung der Bewegungen hin zur vollständigen Pädagogisierung und der Verdrängung der Hexe aus dem Zentrum der Erzählung.
6 Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert die Dekonstruktion des Mythos bei Moers und stellt fest, dass das "schwarze Loch" anstelle der Hexe das Ziel der narrativen Aushöhlung ist.
Schlüsselwörter
Intertextualität, Hexe, Hexenwahn, Waldspinnenhexe, Walter Moers, Brüder Grimm, Transformation, Dekonstruktion, Zamonien, Kinderschreck, Pädagogisierung, Mythenmetz, Erzähltheorie, Mythos, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die intertextuelle Beziehung zwischen den klassischen Märchen der Brüder Grimm und Walter Moers' Roman "Ensel und Krete", mit einem speziellen Fokus auf die literarische Figur der Hexe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Transformation des Hexenbildes von einer historischen und pädagogischen Schreckfigur hin zu einer dekonstruierten, abstrakten Figur in der zamonischen Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu analysieren, wie Moers durch spezifische erzählerische Mittel, wie die "Mythenmetzsche Abschweifung", den historisch vorbelasteten Topos der Hexe aushöhrt und relativiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Theorie der Intertextualität nach Julia Kristeva, um Texte als Netzwerke zu begreifen und diese jenseits von Autorenbiografien in ihrem intertextuellen Zusammenspiel zu untersuchen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den europäischen Hexenmythos bei Grimm, die Funktion der Hexe als pädagogisches Instrument, sowie die spezifische Rolle der Waldspinnenhexe als "Kuriosität" innerhalb von Moers’ Universum.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Intertextualität, Dekonstruktion, pädagogische Instrumentalisierung, Hexenmythos und narrative Transformation charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet sich die Waldspinnenhexe von der klassischen Hexe der Brüder Grimm?
Während Grimms Hexe ein klares, bedrohliches Ziel (das Kindesopfer) verfolgt, fungiert Moers’ Waldspinnenhexe eher als abstrakte Angstprojektion, die durch ständige Abschweifungen und die Auflistung widersprüchlicher Informationen in ihrer Substanz entleert wird.
Welche Rolle spielt der Begriff der "Mythenmetzschen Abschweifung" in der Dekonstruktion?
Die Abschweifung dient dazu, das Interesse an einer eindeutigen Definition der Hexe zu umgehen, indem sie eine Vielzahl von Möglichkeiten und Meinungen präsentiert, die letztlich jede feste Gewissheit über das Wesen der Hexe unmöglich machen.
- Quote paper
- Tetiana Komakha (Author), 2017, Anmerkungen zur Intertextualität von Grimms "Hänsel und Gretel" und Walter Moers' "Ensel und Krete", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372327