Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit europäischer Identität, will aber die Frage selbst befragen: Was bedeutet es, nach Identität und der Identität Europas zu fragen? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Frage nach Identität und die Frage nach europäischer Identität ziehen?
Unter dem Ereignis von Fluchtbewegungen nach Europa wird immer wieder von Grenzen gesprochen. Grenzen umschließen den Identitätsraum. So eruiert Sylke Nissen in ihrem Artikel 'Europäische Identität und die Zukunft Europas', dass „sich Menschen in Europa kognitiv und emotional mit Europa als einem abgrenzbaren Raum verbunden fühlen.“ Hier will diese Arbeit etwas völlig Anderes denken. Die Frage nach Identität selbst zu befragen, eröffnet eine Perspektive, Europa nicht als Ordnung zu begreifen, die sich über ihre Grenzen und ihre Abgrenzung definiert, sondern als transistorischen Raum, der sich bewusst kulturell nicht abgrenzt, und dennoch und gerade deshalb seine Identität gewinnt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Frage nach Identität
2.1 Identität durch Differenz
2.2 Das andere Kap
2.3 Die Nicht-Kultur des Anderen
2.4 Zwischenfazit
3. Der Raub der Europa
3.1 Analyse
3.1.1 Die Erzählung
3.1.2 Ambivalenzen
3.1.3 Das Schlussbild
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Wesen der europäischen Identität, indem sie die Frage selbst hinterfragt und den antiken Mythos von der Entführung der Europa als literarische Grundlage nutzt, um ein Europa als Transit-Raum der Kulturen statt als starr abgrenzbare Einheit zu entwerfen.
- Differenzlogische Identitätsbestimmung nach Ferdinand de Saussure
- Derridas Konzept der Identität als fortlaufender, unabschließbarer Prozess
- Literaturwissenschaftliche Analyse des Mythos um Jupiter und Europa
- Die Rolle von Migration und Flucht für europäische Identitätskonstruktionen
- Europa als Transit-Raum statt als kulturell abgeschlossene Einheit
Auszug aus dem Buch
3.1 Analyse
Im Folgenden werde ich den Mythos um die Entführung der phönizischen Königstochter Europa durch den in einen Stier verwandelten Zeus als Ausgangspunkt verwenden, um weitere Antworten auf die Frage formulieren zu können, die ich Eingangs gestellt habe: Was bedeutet es nach (kultureller) Identität zu fragen? Diese Ausarbeitung verknüpfe ich mit den eingeführten Gedanken Derridas bezüglich seiner Identitätslogik. Zunächst gebe ich die Histoire der Erzählung wieder und markiere die Schlagwörter des Textes, die Europa beschreiben. Im anschließenden Schritt zeige ich, dass der Text strukturell einen hohen Grad an Ambivalenzen aufweist und dass Identitäten, die im Text vorkommen, so wie auch der Text selbst als Identität betrachtet, das Prinzip der Identitätslogik Derridas auf andere Weise betrachten lässt. D.h. nicht, dass der Text selbst Aussagen über Identität trifft, sondern dass in der Art und Weise wie die Erzählung mit Identität umgeht, sich daraus Aussagen formulieren lassen, die eine neue Perspektive bieten auf die Identitätsproblematik. Im dritten Schritt gehe ich im besonderen auf den Schlusspart des Mythos ein. Dieses Schlussbild des Textes, das in vielerlei bildlichen Darstellung zitiert wird, zeigt Europa auf dem Stier reitend. Eine Analyse dieses Bildes wird ebenfalls Grundlage sein, Antworten auf die Ausgangsfrage zu formulieren. In allen Arbeitsschritten möchte ich auch Verweise ziehen zu unserem heute bekannten real politischen Europa. Die Arbeit bietet nicht den Raum, derartige Bezüge weiter auszuführen und zu diskutieren. Die Arbeit will lediglich Impulse setzen, inwiefern das hier ausformulierte zur Identitätsthematik für real politische Begebenheiten weiter betrachtet werden könnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Debatte um eine europäische Identität, kritisiert die Charta der europäischen Identität und führt die Forschungsfrage ein, was es bedeutet, nach einer solchen Identität zu fragen.
2. Die Frage nach Identität: Dieses Kapitel erörtert auf theoretischer Basis (Saussure, Derrida), dass Identität stets durch Differenz zu einem Anderen entsteht und folglich nicht mit sich selbst identisch ist.
2.1 Identität durch Differenz: Es wird dargelegt, wie Identität durch die Abgrenzung zum Anderen zustande kommt, was eine inhärente Abgrenzungsbewegung jeder kulturellen Bestimmung impliziert.
2.2 Das andere Kap: Unter Rückgriff auf Jacques Derrida wird Europa als ein Prozess zwischen dem Aufbruch zu Neuem und der Verabschiedung von Altem beschrieben, der stetiges Unterwegssein erfordert.
2.3 Die Nicht-Kultur des Anderen: Hier wird die Problematik behandelt, dass jede Identitätsstiftung das Andere exkludiert, was für ein politisches Europa, das Pluralität beansprucht, eine spannungsreiche Herausforderung darstellt.
2.4 Zwischenfazit: Das Zwischenfazit hält fest, dass nach Identität zu fragen bedeutet, sich abzugrenzen und das Ausgeschlossene als notwendigen Teil der eigenen Identität mitzudenken.
3. Der Raub der Europa: Dieses Kapitel begründet die Wahl des Ovide-Mythos als Textgrundlage, um politische Konflikte und die europäische Identitätsfrage literarisch zu untersuchen.
3.1 Analyse: Es wird methodisch dargelegt, wie die Entführungserzählung als Struktur für die Identitätsdebatte dienen kann, wobei das Ziel, Europa zu erreichen, unerreichbar bleibt und somit den Prozesscharakter betont.
3.1.1 Die Erzählung: Die Histoire des Mythos wird wiedergegeben, wobei insbesondere die Verwandlung von Zeus und das Buhlen um Europa als Ausgangspunkt dienen.
3.1.2 Ambivalenzen: Die Analyse zeigt auf, dass der Text von widersprüchlichen Strukturen und Figurenkonstellationen getragen wird, die eine eindeutige Interpretation verwehren und so die Identitätslogik des Textes widerspiegeln.
3.1.3 Das Schlussbild: Das Schlussbild des Mythos verdeutlicht, dass Europa ein Prozess und ein Ziel ist, das man nur erahnen kann, und unterstreicht die Bewegung von außen nach innen.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Europa als Transit-Raum begriffen werden sollte, der durch Flucht, Migration und stetige Transformation seine Identität als unabschließbaren Prozess immer wieder neu schöpft.
Schlüsselwörter
europäische Identität, kulturelle Identität, Differenzlogik, Mythos, Europa, Jacques Derrida, Ferdinand de Saussure, Ovid, Metamorphosen, Transit-Raum, Ambivalenz, Identitätsstiftung, Migration, Flucht, Kulturtechnik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage nach europäischer Identität, indem sie den Fokus von einer rein politisch-administrativen Definition hin zu einer literatur- und kulturwissenschaftlichen Untersuchung verlagert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die theoretischen Grundlagen der Identitätsbildung durch Differenz, die Analyse des antiken Mythos von Europa und Zeus sowie die Bedeutung von Migration und Flucht für ein modernes Verständnis von Europa.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Frage nach einer europäischen Identität selbst zu befragen und zu erörtern, was es bedeutet, nach Identität zu suchen, ohne dabei in starre Abgrenzungslogiken zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Texten (insbesondere Ovids Metamorphosen) in Verbindung mit der Anwendung philosophischer Konzepte von Ferdinand de Saussure und Jacques Derrida.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Differenzlogik und eine detaillierte Analyse des Europa-Mythos, wobei die dort identifizierten Ambivalenzen auf die heutige politische Realität Europas übertragen werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Transit-Raum, Differenzlogik, kulturelle Identität, Ambivalenz und Identitätsstiftung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich der Ansatz dieser Arbeit von einer herkömmlichen Identitätsdebatte?
Statt nach festen Grenzen oder einer in sich geschlossenen europäischen Identität zu suchen, plädiert der Autor für ein Europa als Transit-Raum, das seine Widersprüche und das "Fremde" bewusst in seine Identität integriert.
Welche Rolle spielt das "Wasser" im Schlussbild des Mythos?
Das Wasser symbolisiert einen Raum des Transit-Raums und der ständigen Bewegung, der sich einer rechtlichen Einfassung entzieht und somit als Metapher für einen unabschließbaren Identitätsprozess dient.
- Citation du texte
- Michael Donth (Auteur), 2017, Die Frage nach europäischer Identität. Was bedeutet es, nach der Identität einer Kultur zu fragen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372408