Das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv. Der Kommunitarier Charles Taylor im Vergleich mit dem Ordoliberalen Alexander Rüstow


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Begründung der eigenen Untersuchung

2. Einführung in die beiden Politischen Theorien
2.1.) Ordoliberalismus
2.2.) Kommunitarismus

3. Vergleich des Verhältnisses Individuum/Kollektiv
3.1) An WEN ist das Individuum gebunden?
3.1.1.) Rüstow (Ordoliberaler)
3.1.2.) Taylor (Kommunitarier)
3.1.3.) Zwischenfazit
3.2.) Intensität der Bindung – kollektivistische Tendenzen
3.2.1.) Rüstow
3.2.2.) Taylor

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Begründung der eigenen Untersuchung

Durch das Lesen des neunten Kapitels der Politischen Theorie der Gegenwart, von Dr. Walter Reese Schäfer gelangte ich zu interessanten Indizien, die auf einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen Kommunitarismus und Ordoliberalismus hinweisen.

Das neunte Kapitel des Werkes behandelt den Kommunitarismus, anhand von Walzer und Etzioni. Reese Schäfer stellt fest, dass sich das wirtschaftsethische Konzept des Kommunitariers Etzioni mit dem ordoliberalen Gegenstück überschneidet.

„Ein wichtiges Kernstück von Etzionis Modell einer kommunitarischen Ökonomik ist die Idee des eingekapselten Wettbewerbs (...) Die Annahme teilt Etzioni mit der deutschen Ordökoomik der Freiburger Schule, die ja auch die These vertritt, Konkurrenz könne zu (...) Monopolen führen, so dass es einer kontrollierenden Regulationsinstanz bedürfe, um (...) überhaupt erst die Segnungen der Martkökonomie entfalten zu können.“[1]

In der normativen Wirtschaftsethik einer Gesellschaft spiegeln sich m.E. die interdisziplinären Prinzipien wieder, auf denen sie beruht. Die wirtschaftsethischen Ansichten einer Person sagen viel über deren Idee von Freiheit und Gerechtigkeit aus. Ebenso lässt sich von den wirtschaftsethischen Ansichten auf die Einstellung zum Verhältnis Individuum/Kollektiv schließen. In wirtschaftsliberalen Konzepten soll z.B. der Spielraum des Individuums, die Reichweite seiner Vertragsfreiheit, möglichst groß sein.[2] Das generelle Anliegen des Liberalismus, das Individuum von gesellschaftlichen Zwängen und Barrieren zu lösen, spiegelt sich in den wirtschaftsliberalen Konzepten wieder.[3]

In dieser Arbeit geht es nun nicht darum, ökonomische Konzepte zu vergleichen, sondern um einen Vergleich des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv zwischen Ordoliberalismus und Kommunitarismus. Da ich auf 10 Seiten keinen Vergleich zwischen zwei ganzen Denkströmungen leisten kann, werde ich exemplarisch zwei Vertreter vergleichen.

Auf Basis meiner Herleitung aus dem wirtschaftsethischen Bereich vermute ich Parallelen.

Ich werde Charles Taylor, als Vertreter des Kommunitarismus, Alexander Rüstow, als Vertreter des Ordoliberalismus, gegenüber stellen. Für den Kommunitarier Taylor habe ich mich entschieden, um den Seminarbezug zu wahren.[4]

Bei den Ordoliberalen überwiegt m.E. der wirtschaftliche Anteil gegenüber dem soziologischen, daher standen aus meiner Rechercheperspektive nur Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow zur Auswahl. Rüstows ausführliche interdisziplinäre Äußerungen in seinen drei Bänden zur Ortsbestimmung der Gegenwart erscheinen mir als bestmögliche Wahl.

2. Einführung in die beiden Politischen Theorien

2.1.) Ordoliberalismus

Ich beginne mit dem Ordoliberalismus, weil es sich dabei um den älteren Diskurs von beiden handelt.

Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg formierte sich in Europa der Neoliberalismus, welcher zumindest ursprünglich keine ökonomische Schule, sondern eine Selbstbezeichnung von liberalen Wissenschaftlern im 20.Jahrhundert war.[5] [6] In der von Friedrich August von Hayek etablierten Mont Pelerin Society kamen die Neoliberalen zusammen, um sich auszutauschen und ihr Vorgehen zu besprechen.[7] Auch wenn Hayek bereits gestorben ist, existiert diese Gesellschaft noch heute. Der dem 20. Jahrhundert vorausgegangene Klassische Liberalismus, der zum Nachtwächterstaat tendierte,wurde von den Neoliberalen als gescheitert abgestempelt.[8] Ob er allerdings inhaltlich-ökonomisch oder nur politisch gescheitert sei, darüber herrschte bereits keine Einigkeit.[9] Der Ökonom Ludwig von Mises z.B. war nicht gewillt, inhaltliche Korrekturen am klassischen Konzept vorzunehmen.[10] Die Differenzen innerhalb des neoliberalen Zirkels gingen dabei soweit, dass Mises seinen vermeintlichen Mitstreiter Milton Friedman als Sozialisten diffamierte.[11] Als typisch neoliberale Reformprogramme gelten der Thatcherism, der britischen Premierministerin Magret Thatcher sowie die Reagan-Revolution, die unter dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan stattfand.[12] Gekennzeichnet waren diese neoliberalen Maßnahmenpakete durch Privatisierungen, Steuersenkungen und Flexibilisierungen des Arbeitsmarktes.[13] Hayek, insbesondere mit seinem Werk Road to serfdom, ist eine der wichtigsten akademischen Größen hinter diesen Wirtschaftsprogrammen.[14] Milton Friedman gilt mit seinem monetarischen Neoliberalismus ebenfalls als prominenter Vertreter des Neoliberalismus.[15] Die radikalen wirtschaftsliberalen Reformen des Chilenischen Dikators Pinochet in den 1980er Jahren waren von von Friedmans Reformvorschlägen gekennzeichnet.[16]

Die Ordoliberalen heben sich von den zuvor genannten Neoliberalen in begrenztem Umfang ab.[17]

Sie waren davon überzeugt, der Liberalismus müsste von Grund auf reformiert werden. Damit sind sie unter den Neoliberalen diejenigen die am stärksten in den Markt eingreifen. Alles oder fast alles dem freien Markt zu überlassen führe zu Monopolbildungen und Wirtschaftskrisen. Der Staat müsse über der Wirtschaft stehen und den Marktkräften klare Grenzen setzen. Der Klassische Liberalismus wurde von den Ordoliberalen nicht nur aus ökonomischer Perspektive kritisiert, sondern auch aus soziologischer Perspektive.

Deshalb wird auch von einem soziologischen Ordoliberalismus gesprochen, Röpke und Rüstow sind die Vertreter dieser Strömung.[18] Diese auch als Freiburger Schule bekannte Form des Neoliberalismus, „bildete den Ausgangspunkt und die Grundlage für die Errichtung der marktwirtschaftlichen Ordnung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.“[19] Der erste deutsche Wirtschaftsminister nach 1945, Ludwig Erhard, ließ sich durch die Lektüre ordoliberaler Schriften zutiefst beeinflussen und übernahm die wichtigsten Forderungen.[20]

2.2.) Kommunitarismus

Der kommunitarische Diskurs kam in den 1980er Jahren in den USA auf.[21]

Liberaler Individualismus ist der Hauptgegenstand der kommunitarischen Kritik.[22] Diesem wird unterstellt die natürlichen sozialen Bindungen des Individuums außer Acht zu lassen.[23]

Dennoch verstehen die Kommunitarier sich nicht als Kollektivisten. Sie wollen den Liberalismus nicht beseitigen, sondern plädieren für einen dritten Wege, einen Kompromiss aus Individualismus und Kollektivismus. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Abwehrrechten des Individuums gegenüber der Gesellschaft und Pflichten gegenüber selbiger wird verlangt.[24]

Der Kommunitarier Michael Sandel nahm sich John Rawls Theorie der Gerechtigkeit von 1979 vor, um mittels detaillierter Kritik an dieser den liberalen Vorrang des Rechten vor dem Guten zu falsifizieren.[25] Nach Rawls hat die politische Sphäre von Vorstellungen einer richtigen Lebensweise freizubleiben.[26]

[...]


[1] Reese-Schäfer, Walter: Politische Theorie der Gegenwart in achtzehn Modellen, 2. Auflage, München 2012, S. 155.

[2] Kenyon, Peter (2000): The Good Society: A Guide to Economic Policy. In: Agenda: A Journal of Policy Analysis and Reform, Vol. 7 No.4, S. 308-310.

[3] Reese-Schäfer, Walter: Politische Theorie der Gegenwart in achtzehn Modellen, a.a.O. S. 40.

[4] Reese-Schäfer, Walter: Kommunitarismus, 3. Auflage, Frankfurt 2001, S. 25-46.

[5] Kolev, Stefan: Neoliberale Leitideen zum Staat. Die Rolle des Staates in der Wirtschaftspolitik im Werk von Walter Eucken, Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises und Wilhelm Röpke, Online Ressource, Universität Hamburg, 2011, S. 2-7.

[6] Biebricher, Thomas: Neoliberalismus, zur Einführung, 2. Auflage, Hamburg 2015, S. 24-31.

[7] Ebenda S. 58-59.

[8] Ebenda S. 24-38.

[9] Ebenda.

[10] Reese-Schäfer, Politische Theorie der Gegenwart, a.a.O. S. 168-176.

[11] Reese-Schäfer, Politische Theorie der Gegenwart, a.a.O. S. 169.

[12] Ebenda S. 87.

[13] Ebenda S. 98-123.

[14] Green, E.H.H. (1999): Thatcherism: An Historical Perspective. In: Transactions oft the Royal Historical Society, Vol. 9, S. 23.

[15] Biebricher, Neoliberalismus zur Einführung, a.a.O. S. 70-71.

[16] Ebenda S. 88-89.

[17] Ganzer Absatz: Ebenda S. 31-48. ; Gerber, David J. (1994): Constitutionalizing the Economy: German Neo-Liberalism, Competition Law and the “New“ Europe, In: The American Journal of Comparative Law, Vol. 42, No. 1, S. 83-84.

[18] Biebricher, Thomas: Neoliberalismus, zur Einführung, 2. Auflage, Hamburg 2015, S. 43.

[19] Zit.aus: Gerken, Lüder: Von Freiheit und Freihandel, Grundzüge einer ordoliberalen Außenwirtschaftstheorie, In: Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik, Bd. 39, Tübingen 1999, S. 2.

[20] Mierzejewski, Alfred C.: Ludwig Erhard, Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft, München 2004, S. 45-51.

[21] Reese-Schäfer, Walter: Kommunitarismus, 3. Auflage, Frankfurt 2001, S. 134-135.

[22] Ebenda. ; Wellman, Christopher Heat (199): Liberalism, Communitarianism, and Group Rights, In: Law and Philosophy, Vol,18, Nr. 1, S.13.

[23] Ebenda. (Reese-Schäfer). ; Ebenda. (Wellman).

[24] Ganzer Absatz: Ebenda. (Resse-Schäfer) S.134-138.

[25] Ebenda S. 16-24.

[26] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv. Der Kommunitarier Charles Taylor im Vergleich mit dem Ordoliberalen Alexander Rüstow
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Politische Theorie)
Veranstaltung
Politische Theorie der Gegenwart
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V372814
ISBN (eBook)
9783668503991
ISBN (Buch)
9783668504004
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Theorie, Taylor, Rüstow, Kommunitarismus, Ordoliberalismus, Liberalismus, Konservatismus, Republikanismus, Atomismus, Individuum, Kollektiv
Arbeit zitieren
Nils Rieckmann (Autor), 2017, Das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv. Der Kommunitarier Charles Taylor im Vergleich mit dem Ordoliberalen Alexander Rüstow, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372814

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