What was? Der Zusammenhang von Erinnerung und subjektivem Wohlbefinden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einfluss der Dauer auf globale Bewertungen affektiver Erfahrungen
2.1 Temporal Monotinicity und Temporal Integration
2.2 Duration Neglect, Weighted Averaging und die Peak and End–Rule
2.3 Theoretische Auswirkungen unterschiedlicher Erinnerungsprozesse im Vergleich
2.4 Die Frage nach der tatsächlichen Sensibilität für Intensität
2.5 Die Frage nach zusätzlichen Einflussfaktoren
2.6 Annahmen zum unabhängigen Einfluss der Dauer auf globale Urteile
2.7 Studie 1: Der Einfluss der Dauer auf Real-Time-Affect und globale Bewertung
2.7.1 Teilnehmer und Ablauf
2.7.2 Testmaterial und Messapparatur
2.7.3 Ergebnisse Studie 1
2.8 Studie 2: Der Einfluss des Erhebungszeitpunktes
2.8.1 Teilnehmer und Ablauf
2.8.2 Ergebnisse
2.8.3 Diskussion der Ergebnisse der Studien 1 und 2

3 Implizite Theorien
3.1 Schema-geleitete Erinnerung
3.2 Theorie-geleitete Erinnerung
3.3 Fehlerquellen impliziter Theorien
3.3.1 Überschätzung der Stabilität
3.3.2 Überschätzung des Wandels
3.4 Zusammenfassung implizite Theorien

4 Zusammenhang von impliziten Theorien und subjektivem Wohlbefinden

5 Zusammenhang von peak and end-rule und subjektivem Wohlbefinden.

6 Diskussion und praktische Implikationen

7 Quellenvezeichnis

1 Einleitung

Das Streben nach Glück ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst und nicht weniger lange treibt den Menschen die Frage um, was es eigentlich genau ist das er sucht. In unzähligen Anläufen haben Philosophen und Wissenschaftler versucht den Begriff des Glücks, oder wie es in der Sozialforschung auch genannt wird, subjektives Wohlbefinden, greifbar zu machen. Allerdings ist es bis zum heutigen Tage weder gelungen eine konsensfähige Definition zu erarbeiten, noch ist dies in nächster Zukunft zu erwarten. Auch der Ansatz, Glück als eher kognitive und Zufriedenheit als eher affektive Komponente von subjektivem Wohlbefinden aufzufassen, hat sich nicht als sehr fruchtbar erwiesen.[1] Ziel dieser Arbeit ist es jedoch nicht, objektive Faktoren für Glück zu ermitteln. Vielmehr soll uns die Frage beschäftigen, ob der einzelne Mensch wirklich weiß, was ihn glücklich und zufrieden macht. Der Volksmund sagt: „Jeder ist seinen eigenen Glückes Schmied“ und legt damit die Verantwortung für ein glückliches Leben in die Hände jedes Einzelnen. Um aber an seinem Glück arbeiten zu können, muss man erst einmal wissen, um was man sich bemüht. Es scheint nahe liegend, die Antwort auf diese Frage in der eigenen Erinnerung zu suchen. „Was hat mich in der Vergangenheit glücklich gemacht und was nicht?“ Die Vorstellung ein gutes Leben führen zu können, indem man verstärkt das tut, was einen früher glücklich gemacht und vermeidet was unangenehme Gefühle verursacht hat, ist verlockend. Aber ist das wirklich so einfach? Im Alltag spielen Erinnerungen eine wichtige Rolle, da sie in vielen Fällen Grundlage von Entscheidungen sind. Wer sich daran erinnert, dass er sich an einer heißen Herdplatte verbrannt hat, wird sich das nächste Mal vorsehen. „Burnt child treats the fire.“ Es gibt aber auch Hinweise, die daran zweifeln lassen, dass das Gedächtnis ein verlässlicher Verbündeter ist. Wie der niederländische Psychologe Draaisma in einem Interview anmerkte, “Für die meisten Geschichten und Episoden, die wir im Alltag erleben, gibt es im Sinne der Evolution überhaupt keine Notwendigkeit, sie zu behalten. Die Erinnerung an eine Schmach oder eine Lebensmittelvergiftung dagegen bleibt, weil das wichtig ist fürs Überleben.“[2] Bedeutet das, dass man sich an vergangenes Glück insgesamt schlechter erinnert als an negative Erfahrungen? Und ist es dann überhaupt möglich aus den eigenen Erfahrungen zu lernen, was einen glücklich macht? Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, werden im Folgenden verschiedene Modelle vorgestellt, die sich mit dem Prozess der Erinnerung befassen. Es soll geklärt werden, welche Aspekte von Ereignissen dafür verantwortlich sind, ob und wie sie erinnert werden. Das Ziel einer abschließenden Diskussion wird es sein, die gewonnenen Erkenntnisse dahingehend zu prüfen, wie mit ihrer Hilfe ein höheres subjektives Wohlbefinden erreicht werden kann.

2 Einfluss der Dauer auf globale Bewertungen affektiver Erfahrungen

Welchen Einfluss hat die Dauer affektiver Ereignisse auf die retrospektive Gesamtbewertung einer Erfahrung? Um diese Frage zu beantworten, werden im folgenden Kapitel zwei Modelle der Repräsentation von Erfahrungen im Gedächtnis (temporal monotonicity und duration neglect), sowie zwei unterschiedliche Prozesse der Urteilsbildung (temporal integration und weighted averaging) vorgestellt.

2.1 Temporal Monotinicity und Temporal Integration

Erinnert man sich an vergangene Ereignisse, seien sie positiv oder negativ, dann spielt nicht nur die Art des Ereignisses eine Rolle, sondern auch die Intensität und, so sollte man meinen, die Dauer. Eine Woche Urlaub ist im Normalfall ein positives Ereignis und sollte somit positiv erinnert werden. Zwei Wochen Urlaub, also eine Verlängerung des positiven Ereignisses, sollte sich folglich in einer noch besseren Gesamtbewertung niederschlagen.

Annahmen dieser Art folgen der Logik der temporal monotonicity. Den Prozess der Urteilsfindung, der mit diesem Modell einhergeht, bezeichnet man als temporal integration. Diese besagt, dass sich die globale Bewertung eines Ereignisses summativ aus den Einzelerfahrungen dieses Ereignisses zusammensetzt. Das Hinzufügen eines angenehmen Moments führt demnach zu einer positiveren Gesamtbewertung, das Hinzufügen eines unangenehmen Moments zu einer negativeren.

Kahneman und Snell[3] erläutern dieses Phänomen an folgendem Beispiel. Mann stelle sich zwei Serien täglicher, schmerzhafter Injektionen vor. Die eine Serie besteht aus sieben die andere aus neun Injektionen. Geht man nun davon aus, der Unterschied im insgesamt erfahrenen Leid zwischen den beiden Serien läge in den, durch die achte und neunte Injektion verursachten Schmerzen, entspricht dies den Annahmen der temporal monotonicity. Liegt also der Gesamtbewertung einer Erfahrung der Prozess der temporal integration zu Grunde, so müsste die zweite Serie an Injektionen immer negativer bewertet werden als die erste, da hier zwei zusätzliche unangenehme Momente hinzugefügt werden.

Das ist allerdings nicht der Fall.

2.2 Duration Neglect, Weighted Averaging und die Peak and End–Rule

Das zuvor dargelegte Prinzip der temporal integration beschreibt einen möglichen Prozess zur Bildung eines Gesamteindruckes von affektiven Erfahrungen. Verschiedene Studien mit aversiven Stimuli (Schmerz durch kaltes Wasser, Filmclips) haben jedoch gezeigt, dass Probanden durchaus nicht immer die Erfahrung als weniger unangenehm bewerteten, die kürzer währt bzw. weniger unangenehme Momente beinhaltet. Diese Ergebnisse widersprechen der Logik der temporal monotonicity. Offenbar unterliegt die Bildung eines Gesamteindrucks einem Prozess, der nicht wie in einem Film, alle aufeinender folgenden Einzelerfahrungen aufaddiert. Möglicherweise ergibt sich ein Gesamteindruck vielmehr aus dem Durchschnitt aller affektiven Episoden einer Erfahrung. Dies könnte bereits erklären, warum in manchen Fällen, Serien mit mehr unangenehmen Episoden welchen mit weniger unangenehmen Episoden vorgezogen werden. Betrachtet man die gegenwärtige und bisherige Forschung, spricht allerdings einiges dafür, dass emotionale Erfahrungen nicht in der Art eines Films im Gedächtnis repräsentiert werden. „Memory does not make films, it makes photographs.“[4] Diese Ansicht teilen unter anderem auch Barbara Fredrickson und Daniel Kahneman. Sie gehen davon aus, dass die Erinnerung an affektive Ereignisse aus dem Gedächtnis rekonstruiert wird. Als Grundlage hierfür dienen einzelne „Schnappschüsse“. Gemeint sind damit Repräsentationen einzelner, ausgewählter salienter Momente. Die Besonderheit dieser Art der Repräsentation im Gedächtnis ist, dass der zeitliche Aspekt also die Dauer nicht direkt repräsentiert wird. Der Prozess der Urteilsbildung erfolgt daher über die Gewichtung der „Schnappschüsse“. Die Dauer wird vernachlässigt (duration neglect).

Varey und Kahneman konnten zeigen, dass manche Episoden eines Ereignisses kaum, dafür andere sehr stark in ein Gesamturteil eingehen. Eine Reanalyse der Daten eines Experiments, bei dem die Probanden globale Urteile über unangenehme Erfahrungen, die andere Personen gemacht hatten, abgeben sollten zeigte, dass eine Kombination aus der höchsten Intensität (peak) und der Intensität am Ende des unangenehmen Ereignisses (end) 94% der Varianz des berichteten Gesamteindruckes erklären konnte. Die Dauer des Ereignisses trug nur 3% zusätzlich zur erklärten Varianz bei.[5]

2.3 Theoretische Auswirkungen unterschiedlicher Erinnerungsprozesse im Vergleich

Die peak and end-rule stellt eine Sonderform des weighted averaging dar. Im Gegensatz zu temporal integration liegt der peak and end-rule die Annahme zu Grunde, dass die Dauer einer affektiven Erfahrung keinen Einfluss auf das Gesamturteil hat. Die beiden Prozesse der retrospektiven Bildung eines Gesamteindrucks werden in Abbildung 1 anhand des Beispiels schmerzhafter Injektionen verdeutlicht.

Nehmen wir beispielsweise an, der durch die Injektionen verursachte Schmerz reiche von 1=„leichte Schmerzen“ bis 10=„unerträgliche Schmerzen“. Nehmen wir weiterhin an, die Schmerzhaftigkeit der einzelnen Injektionen verteile sich wie in Abbildung 1 zu sehen.

Abb.1: Vergleich der Auswirkung von temporal integration und weighted averaging auf globale Urteile anhand schmerzhafter Injektionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Add: aufaddierte Schmerzen (temporal integration)

Avr: averaged = durchschnittliche Schmerzen (weighted averaging)

Pe: peak and end = durchschnittliche Schmerzen salienter Momente (peak and end-rule)

Anhand des, in Abbildung 1 dargestellten, einfachen Zahlenbeispiels sind die Auswirkungen unterschiedlicher Prozesse auf die Bildung eines Gesamteindrucks deutlich zu erkennen. Nach dem Prinzip der temporal integration ergäbe sich für die Serie 2 ein deutlich negativeres Gesamturteil, da hier insgesamt mehr Schmerzen zu ertragen wären (34 „Schmerzeinheiten“) als in Serie 1 (30 „Schmerzeinheiten“). Geht man davon aus, dass das Urteil über ein emotionales Ereignis einen Durchschnittswert widerspiegelt, ändern sich die Vorzeichen. Die unter „avr“ angegebenen Werte beziehen sich auf die einfachste Form eines weighted averaging Modells, in dem alle Momente gleich gewichtet in das Gesamturteil eingehen. Unter dieser Voraussetzung fällt das Urteil für Serie 2 (avr=3,8) um 0,5 „Schmerzeinheiten“ angenehmer bzw. weniger unangenehm aus, als für Serie 1 (avr=4,3). Bei der peak and end-rule, als Sonderform des weighted averaging, fallen nur noch die salienten Momente („Schnappschüsse“) der höchsten Intensität (peak) und der Endphase (end) der Erfahrung (grau unterlegt) ins Gewicht. In diesem Fall ergibt sich für Studie 2 ein um 1,5 „Schmerzeinheiten“ weniger unangenehmes Gesamturteil.

2.4 Die Frage nach der tatsächlichen Sensibilität für Intensität

Fredrickson & Kahneman konnten in einem Experiment, in dem sie kaltes Wasser als aversiven Reiz einsetzten zeigen, dass Probanden sehr sensibel für Veränderungen der Intensität affektiver Erfahrungen sind. Die Teilnehmer waren in der Lage, eine Erhöhung der Wassertemperatur um nur ein Grad Celsius wahrzunehmen. Fredrickson & Kahneman gaben an: „extra moments of misery could make the overall experience less aversive if the added moments are less miserable than others and are given substantial weight.“[6] Es werden allerdings keine Angaben darüber gemacht, wie viel weniger unangenehm zusätzliche Momente sein müssen, um einen nachweisbaren Effekt zu erreichen. Nach dem Beispiel aus Abbildung 1 wäre theoretisch jeder end -Wert dazu in der Lage das Gesamturteil über Serie 2, im Vergleich zu Serie 1 zu verbessern, der unter dem end -Wert von Serie 1 liegt. Also alle Werte unter 5. Für zukünftige Studien wäre es eine interessante Frage, wie sensibel Personen tatsächlich für Intensität sind und wo die Grenzen der Fähigkeit zur Diskrimination derselben liegen.

2.5 Die Frage nach zusätzlichen Einflussfaktoren

Das Prinzip des weighted averaging besagt, dass peak und end deshalb eine herausragende Rolle bei der Bildung von Gesamturteilen spielen, weil es sich um saliente Momente der Gesamterfahrung handelt. Die Salienz dieser Momente resultiert aus der Relation zum Kontext. Der peak-affect ist salient, weil in diesem Moment die Intensität der affektiven Erfahrung größer ist, als während anderen Momenten. Vor diesem Hintergrund stellt sich mir die Frage, ob sich die Größe des Unterschiedes in der Intensität nicht ebenfalls auf die Gesamtbewertung auswirkt. Im täglichen Leben weisen emotionale Erfahrungen gelegentlich große Schwankungen in ihrer Intensität auf. Möglicherweise treten durch solche Schwankungen im Verlauf einer Erfahrung Kontrasteffekte auf, die auf der Größe des Unterschiedes, zwischen der Intensität des peak-affect und der Intensität vorheriger Momente beruhen. Es würde dann nicht nur wahrgenommen, dass der peak affect der extremste Wert ist, sondern auch wie viel höher dieser Wert im Vergleich zu anderen ist. In Abbildung 2 wird diese Annahme an dem Beispiel schmerzhafter Injektionen veranschaulicht.

[...]


[1] Mayerl, 2002

[2] Draaisma [Der SPIEGEL], 2004, S.142

[3] Kahneman et al., 1993, S. 402

[4] Kundera, Milan , 1991 (zitiert nach [Fredrickson & Kahneman, 1993, S.45])

[5] Fredrickson, 2000, S.580

[6] Fredrickson & Kahneman, 1993, S.46

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
What was? Der Zusammenhang von Erinnerung und subjektivem Wohlbefinden
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Hauptseminar: Subjektives Wohlbefinden
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V37286
ISBN (eBook)
9783638366748
Dateigröße
781 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
What, Zusammenhang, Erinnerung, Wohlbefinden, Hauptseminar, Subjektives
Arbeit zitieren
Claudia Frank (Autor), 2004, What was? Der Zusammenhang von Erinnerung und subjektivem Wohlbefinden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37286

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