Dil Ulenspiegel - Moral eines Rebellen


Seminararbeit, 2005

10 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung:

A) Einleitung
Parallelen der Figur ‚Ulenspiegel’ zum Leben Hermann Botes.

B) Hauptteil
1. Ulenspiegel zerstört jede Art von Gemeinschaft und wird ausgegrenzt
1.1. Historie 2 : Das nackte Gesäß als Zeichen seiner Abkehr > Ausgrenzung aus der Gemeinschaft
2. Spott an der Handwerkerzunft als Beispiel für den Spott an der Gesellschaft
2.1 Historie 40 : Dils Rache an einem geizigen Schmied > Empfindung der Furcht und Abneigung gegenüber Ulenspiegel
3. Ulenspiegel als Gaukler und Landstreicher – Müßiggang als Lebensform
3.1 Historie 25 : Der des Landes verwiesene Ulenspiegel entgeht
durch List der drohenden Tötung

C) Schlussteil
Dil Ulenspiegel – Ein mittelalterlicher Rebell.

A) Einleitung

Parallelen der Figur ‚Ulenspiegel’ zum Leben Hermann Botes.

Noch immer ist der Autor des Schwankromans „Ein kurtzweiliges Lesen von Dil Ulenspiegel“ von 1511 nicht eindeutig zu benennen. Doch alle Hinweise im Volksbuch[1] sprechen für den, schon vom Verfasser (Christian Walter) erwähnten, niedersächsischen Dichter und Zollschreiber Hermann Bote. Dieser Braunschweiger Zollbeamte und Landrichter rief wahrscheinlich die fiktive Figur des schalkhaften Landstreichers namens ‚Ulenspiegel’ ins Leben[2]. Zwar sind Hermann Botes genaue biographische Daten unbekannt, so wird sein Tod, aufgrund seiner datierten beruflichen Tätigkeit[3], etwa in der Zeit von 1520 und 1525 vermutet. Aus seinem hohen und verantwortlichen Amt resultierte auch der gesellschaftliche Hass gegen ihn, denn das Bürgertum des 15. und 16. Jahrhunderts litt unter der herrschenden Ungerechtigkeit zwischen den Ständen. Oftmals wurde Bote misshandelt, mit Gefängnisstrafe und Amtsenthebung konfrontiert. Bote befand sich stets in einem Zwiespalt zwischen dem herrschenden Patriziat, dessen Fehler ihm wohl bekannt waren, und der um Gerechtigkeit flehenden Bevölkerung. Während der Braunschweiger Unruhen, der so genannten „Aufruhr der Armut“ um 1500[4] nahm der politisch und geschichtlich[5] interessierte Bote eine eher konservative Haltung ein. Ziel dieser Widerstände und städtischer Verschwörungen war die Ankündigung der frühbürgerlichen Revolution. Vielleicht liegt der Ursprung des individuellen und geradlinigen Ulenspiegel – Charakters[6], für den Adel, Klerus und Bürger gleichgestellt sind, im Wesen Hermann Botes. Für Bote ist die mittelalterliche Gesellschaft ein Räderwerk einer Mühle, wobei jedes Rad seine spezifische und notwendige Funktion besitzt. Es herrscht ein System des Gebens und Nehmens zwischen den Menschen, woraus sich eine Abhängigkeit zwischen den Zünften und auch Ständen ableiten lässt. Die Moral als Inbegriff für Normen, Werte und Institutionen einer Gesellschaft determiniert das Verhalten von Personen in ihrer Gemeinschaft. Hermann Bote lässt seine Ulenspiegel – Figur entgegen dieser bestehenden Normen, Pflichten, Traditionen und Konventionen agieren. Trotz des scheinbar unmoralischen Handelns, welches zumeist die Verletzung und indirekte Belehrung seiner Gegenüber und der folgenden Schadenfreude zum Ziel hat, schafft es Ulenspiegel jeden Schwank schadlos zu überstehen. Lediglich die normorientiert Handelnden werden enttäuscht, da ihr ungerechtes Handeln bestraft werden muss. Im folgenden Text werde ich mich auf Ulenspiegels Freude am Leid anderer und der daraus resultierenden Wandlung der Moral an drei Beispielen beziehen.

B) Hauptteil

1. Ulenspiegel zerstört jede Art von Gemeinschaft und wird ausgegrenzt

Der Mensch an sich neigt zur sinnvollen Vergesellschaftung, sei es im kleinen Familienverband, in der Dorfgemeinschaft oder der Stadt.[7] Verbände haben in der Regel 4 Hauptfunktionen. Eine wirtschaftliche, soziale, rechtliche und kultische Funktion. Alle Gemeinschaften bilden sich mit der Basis einer sozialen und ökonomischen Struktur, wobei jedes Mitglied die Unterstützung der anderen erhält und gleichberechtigt ist, dafür aber auch die öffentlich geltenden Regelungen befolgen muss. Ziel von sozialen Zusammenschlüssen sind Interessenvertretung, Orientierung und Schutz innerhalb einer Gruppe. Der Ausübung dieser so genannten ‚gesellschaftlichen Harmonie’ dienen kirchliche Feste, Jahrmärkte oder Zünfte und Gilden, in denen gemeinsam gebetet, gegessen und gearbeitet wird. Im Verband eines Dorfes übernimmt der Nachbar zugleich die Funktion des brüderlichen Helfers, da er davon ausgeht das alle anderen Nachbarn das gleiche für ihn in einer Notsituation tun würden. Das Prinzip von Botes Räderwerk greift hier. In der mittelalterlichen Dorfgemeinschaft war die Verteilung der Aufgaben für eine organisierte Nutzung des gemeinsamen Bodens, am Beispiel der Dreifelderwirtschaft, unerlässlich. Es wird deutlich, dass der Mensch in der Feudalgesellschaft von seiner sozialen Zugehörigkeit in seinem ganzen Leben bestimmt und unterdrückt wird. Eigentlich scheint es unmöglich die zugeordnete soziale Rolle zu verlassen und aus diesem System auszubrechen. Wer dies dennoch wagt gilt als Gefährdung für die ganze Gesellschaft. Dil Ulenspiegel ist jedoch ein Individualist, welcher sich stets treu bleibt und sich keinesfalls unterwerfen würde. Aus diesem Grund zeigt er in vielen Historien offen seine Abscheu gegenüber Gemeinschaften, er verspottet die Scheinheiligkeit dieser Harmonie indem er wörtlich sein ‚Inneres nach Außen kehrt’. Obwohl er sich immer wieder neuen Gruppen anschließt führt sein rebellisches Verhalten jedes Mal zur gewollten Isolation aus der Gemeinschaft.

1.1. Historie 2 : Das nackte Gesäß als Zeichen seiner Abkehr > Ausgrenzung aus der Gemeinschaft

Die Entwicklung des Ulenspiegel – Charakters wird in den ersten Zehn Historien geklärt. Das Verhaltensmuster von Niederlage und darauf folgender Rache prägt sich bei Dil aus. Sicherlich gibt es einige Historien die von den obszönen Gebärden[8][9], wie das nackte Gesäß oder den Exkrementen Ulenspiegels, handeln[10], doch stellt die Historie 2 den Grundstein seiner körperlichen Abwehr gegen die soziale Gemeinschaft dar. Die bösartige Seite des „mit allen Wasser gewaschen“[11] Dils wird erstmals deutlich. Die Klage der Bauern über die ‚Schalckheit’ Dils soll durch einen Proberitt entkräftet werden. Dil versichert seinem Vater, dass kein Grund bestünde für diese Bezeichnung. Die Wut über die Reden der Dorfgemeinschaft veranlassen Dil dazu, dass er sein nacktes Gesäß[12] der ganzen Gemeinschaft zeigt, währenddessen er mit seinem unwissenden Vater auf dem Pferd durch die Gassen reitet. Wörtlich genommen ‚geht ihm die Dorfgemeinschaft am „Arß“ vorbei’, er spottet nur über die Reden der Leute. Die Gebärde des nackten Gesäßes, aber auch dem Zunge herausstrecken liegen wahrscheinlich mittelalterlichen Abwehrbräuchen zugrunde, womit der Gegenüber (moralisch) verletzt werden soll. Dil geht in seiner aggressiven Verachtung über die Gesellschaft stets soweit, dass diese es lediglich wert ist seinen Hintern zu sehen. Er kündigt somit die Zugehörigkeit in der Gemeinde, wodurch er sich als Einzelgänger definiert. Die in einer Gemeinschaft vorausgesetzte Solidarität, Ehrerbietung und Rücksicht zwischen den Mitgliedern wird vollständig zerstört. Ulenspiegel und seine ganze Familie werden durch seine Aktion vom Dorfleben ausgeschlossen und verlassen das Dorf.[13] Dil kann sich auch nicht in seiner neuen Umgebung integrieren und wählt statt einem geregelten Handwerk das moralisch verächtliche Leben als Gaukler.

[...]


[1] Ulenspiegel kann als Volksbuch bezeichnet werden, da sein Inhalt aus den Leben gegriffen ist und sich für alle Schichten der Gesellschaft zu lesen eignet, obwohl die Figur absolut fiktiv ist.

[2] Dieser wurde in Kneitlingen geboren und starb um 1350 in Mölln.

[3] Bote verfasste 1502 ein Zollbuch, welches sich bis heute im Stadtarchiv Braunschweigs befindet.

[4] Aufstände der Plebejer in Braunschweig um 1445, 1448 und 1513.

[5] Bote verfasste das „Schichtbuch“, ein Geschichtsbuch und sein wohl berühmtestes Werk.

[6] Im ‚Ulenspiegel’ finden sich auch viele Übereinstimmungen zu Strickers ‚Pfaffen Amis’.

[7] Die Stadtentwicklung blühte im Spätmittelalter auf, und war Zeichen für den Beginn der Neuzeit.

[8] Verweis auf seinen Namen: In der Jägersprache bedeutet Ulenspiegel Hinterteil.

[9] In der Literatur auch als apotropädische Gestik oder Gebärde bezeichnet.

[10] Die vielen Kothistorien, wie zum Beispiel Historie 92, als Dil einen habgierigen Pfarrer in Kot fassen lässt. Die vielschichtige Kot - Thematik würde den Rahmen dieser kurzen Interpretation sprengen.

[11] Historie 1, in der er durch das geweihte Taufwasser, das Abwasser (Bier) und das reinigende Seifenwasser.

[12] „Also luppfft sich Ulenspiegel hinden uff mit dem Loch und ließ die Lüt je in den Arß sehen und saß da wider nider.“ , S. 13.

[13] „Also zoch sein Vatter mit ihm von dannen und zoch mit Hauß in das Megdburgisch Land uff die Sal, daz Wasser.“, S. 13

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Dil Ulenspiegel - Moral eines Rebellen
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Proseminar
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
10
Katalognummer
V37292
ISBN (eBook)
9783638366793
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ulenspiegel, Moral, Rebellen, Proseminar
Arbeit zitieren
Michel Meier (Autor), 2005, Dil Ulenspiegel - Moral eines Rebellen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37292

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