Die Schädel-Reliquie des Stammesoberhaupts Mkwawa und ihre Bedeutung für das tansanische Nationalbewusstsein


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vorgeschichte des Mkwawa-Schädels
2.1 Anfänge der deutschen Kolonie in Ostafrika
2.2 Die Entstehung des Schutztrupps unter Zelewski
2.3 Der Krieg der „Kaiserlichen Schutztruppe“ gegen die Wahehe (1890 – 1898)

3. Der Einfluss des Wahehe-Aufstandes auf das postkoloniale Tansania
3.1 Die Rückführung des Mkwawa-Schädels
3.2 Die heutige Erinnerungskultur der tansanischen Bevölkerung zur kolonialen Invasion

4. Ausblick

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Knapp 100 Jahre sind vergangen seit das Deutsche Kaiserreich durch die Unterzeichnung eines Waffenstillstandabkommens das Ende des Ersten Weltkrieges eingeläutet hatte. Kurz darauf, im Januar 1919, trafen sich die Siegermächte des Ersten Weltkrieges im Versailler Schloss, um einen Friedensvertrag auszuarbeiten. Darin werden - neben der Anerkennung der alleinige Kriegsschuld der Deutschen - territoriale, militärische und wirtschaftliche Bestimmungen festgehalten. Des weiteren findet sich auch eine eher bizarre Klausel im Versailler Vertrag: Artikel 246 forderte die Deutschen auf, den abgetrennten Schädel eines Sultans namens Mkwawa an die britische Regierung zu übergeben. Mkwawa war bis zu seinem Tod Stammesoberhaupt der Wahehe[1], einem indigenen Stamm im damaligen Deutsch-Ostafrika. Unter seiner Führung leisteten die Wahehe jahrelangen Widerstand gegen die deutschen Kolonialherren und ihre Schutztruppen.[2]

Im Jahr 1954, also fast 60 Jahre nach dem Tod des Stammesoberhauptes, konnte dessen Schädel in seine Heimat zurückgebracht und damit verbunden auch die sonderbare Bestimmung aus dem Versailler Vertrag erfüllt werden. Aufgrund der jahrelangen Bemühungen zur Rückführung des Schädels stellt sich hierbei die Frage, welche Bedeutung der Häuptling Mkwawa für das tansanische Volk hat. Nachfolgend werden deshalb zunächst die historischen Geschehnisse rund um die Kolonie Deutsch-Ostafrika aufgezeigt, um ein umfassenderes Verständnis für das damalige Verhältnis zwischen den deutschen Kolonialherren und der indigenen Bevölkerung zu bekommen. Des weiteren wird rekonstruiert, wie der Schädel in deutschen Besitz gelangen konnte und wie sich der Rückführungsprozess gestaltet hat. Abschließend wird das heutige Nationalbewusstsein der tansanischen Bevölkerung betrachtet und untersucht, inwieweit die Person Mkwawas Einfluss auf die gegenwärtige Erinnerungskultur in Tansania genommen hat. Ein kurzer Ausblick, der thematisiert wie die koloniale Vergangenheit weiter aufgearbeitet werden kann, schließt die Ausführungen ab.

2. Die Vorgeschichte des Mkwawa-Schädels

Um verstehen zu können, wie deutsche Kolonialherren in den Besitz des Sultan-Schädels kommen konnten und warum dieser für die Deutschen überhaupt begehrt wurde, werden nachfolgend zunächst die historischen Ereignisse rund um die Kolonie Deutsch-Ostafrika beschrieben.

2.1 Anfänge der deutschen Kolonie in Ostafrika

Ende der Siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts begannen Großmächte aus Europa, wie zum Beispiel England, mit der Errichtung von Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent. Was entlang der Literatur unter dem Ausdruck „Scramble for Africa“ beschrieben wird, entspricht einem buchstäblichen Wettlauf europäischer Nationen sich vor allem wirtschaftliche Vorteile gegenüber konkurrierender Länder zu sichern. Vom Besitz afrikanischer Ländereien versprach man sich unter anderem zusätzliche Absatzmärkte und neue Rohstoffquellen.[3]

Bei der Gründung der Kolonie Deutsch-Ostafrikas spielt der Kolonial-propagandist Carl Peters eine zentrale Rolle. Getrieben von ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem großen britischen Empire, wollte er es diesem gleichtun und das Deutsche Reich durch eine territoriale Vergrößerung zum „Herrenvolk“ anheben. Indem er 1884 die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ gründete, wollte er „in entschlossener und durchgreifender Weise die Ausführung von sorgfältig erwogenen Kolonisationsprojekten selbst in die Hand nehmen“[4]. Er reiste nach Ostafrika und schloss Verträge mit den dortigen Stammeshäuptlingen, die ihm durch seine geschickte Manipulation die vollen Rechte über die Ländereien quasi ohne Gegenleistungen übertrugen. Der Erwerb der Landstriche erfolgte zunächst ohne die Erlaubnis des Reichskanzlers Bismarck, da er drohenden Konflikten mit den großen Kolonialmächten, wie beispielsweise England, aus dem Weg gehen wollte. Diese Meinung Bismarcks änderte sich allerdings nach dem Abschluss der sogenannten Kongo-Akte. In dieser wurde unter anderem vereinbart, dass im Falle eines Krieges in Europa die Kolonien der jeweiligen Kriegsländer nicht mit einbezogen würden. Daraufhin erhielt Carl Peters den Schutzbrief aus der Heimat, der die erworbenen Gebiete unter kaiserlichen Schutz stellte und gleichzeitig die „fließenden Rechte, einschließlich der Gerichtsbarkeit gegenüber den Eingeborenen [...]“[5] auf Peters Gesellschaft zum Kolonialerwerb übertrug. Die zwischenzeitlich in „Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft“ (DOAG) umbenannte Vereinigung Peters entsandte nun weitere Beauftrage, die mithilfe des Schutzbriefes weitere Territorien „erwerben“ sollte. Bei der Akquisition von Sansibar, einer Insel die vor der Küste des heutigen Tansanias liegt, stießen die kaiserlichen Schutztruppen auf Widerstand seitens des dort regierenden Sultans. Mittels einer Drohgebärde in Form von Kanonenbooten, die Bismarck vor der Insel auffahren ließ, erreichte man die Aufgabe des Widerstands des Sultans. Im Landesinneren schritten die Expeditionen bis zu Gebieten um den Kilimandscharo voran.

Im Afrikaabkommen vom Oktober 1886 legte das Deutsche Reich gemeinsam mit Großbritannien die Grenzen der jeweiligen Interessensphären fest: Im Süden begrenzte der Fluss bis zum Njassasee das Gebiet, im Norden endete die deutsche Interessensphäre hinter dem Kilimandscharo. Lediglich der Westen blieb zunächst ungeklärt.[6] Dies wurde aber im Helgoland-Sansibar-Abkommen von 1890 nachträglich geregelt. Darin einigten sich beide Parteien auf den Tanganjikasee als Westgrenze von Deutsch-Ostafrika. Gleichzeitig regelte dieses Abkommen auch, dass die Deutschen auf jeglichen Anspruch auf das Sultanat Sansibar verzichten. Im Gegenzug übertrug England dem Kaiserreich unter anderem die Nordsee-Insel Helgoland.[7]

Zu dieser Zeit war das Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika rund 995.000 km2 groß und damit doppelt so groß wie das damalige deutsche Mutterland.[8] In dieses Schutzgebiet fiel auch der Stamm der Wahehe, die ihre Siedlungsschwerpunkte um die Stadt Iringa im Süden Tansanias hatten. Ihr Reich erstreckte sich um 1890 zwischen den Flüssen Great Ruaha und Kilombero im Usungwa Gebirge und auf dem Plateau der Souther Highlands.[9] Es entsprach in etwa einem Fünftel der Fläche des heutigen Tansanias.[10]

2.2 Die Entstehung des Schutztrupps unter Zelewski

Beim Erwerb der Ländereien durch die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG) gingen die Vertreter der DOAG äußerst grob und mit fehlendem Respekt für die ansässige Bevölkerung vor. Beispielsweise fällten die Deutschen den Fahnenmast im Küstenort Bagamoyo, als sich die ansässige Bevölkerung weigerten die Flagge Sansibars durch die deutsche Fahne zu ersetzten. Viel weiter ging jedoch die Provokation des DOAG-Vertreters Zelewski, der mit 110 Marinesoldaten in den Ort Pangani einmarschierte, um die Durchsetzung seiner Forderungen nachzuverfolgen. Dabei störte er unter anderem den Gottesdienst in einer Moschee und durchkämmte den Palast und den Harem des örtlichen Statthalters. Der darauf losbrechende Volkszorn ging als „Araber-Aufstand“ in die Geschichte ein, da vor allem die arabisch-suahelische Führerschicht am Aufstand beteiligt war. Aber auch Stämme aus dem Hinterland und befreite Sklaven schlossen sich der Bewegung an.

Um diesen Aufstand niederzuschlagen, entsandte der Reichstag unter der Leitung des Hauptmanns Wissmann 80 Offiziere und Unteroffiziere nach Deutsch-Ostafrika. Rund 1000 Soldaten wurden in Kairo und Mosambik für diese militärische Aktion angeworben. Tatsächlich gelang es dem Trupp sämtliche Gebiete zurückzuerobern. Dabei gingen sie mit voller Härte und ohne jegliche Rücksicht vor: Aufständische wurden gehängt und die Städte geplündert und zerstört. Aus dem Söldnertrupp unter der Leitung Wissmanns wurde im April 1891 die „Kaiserliche Schutztruppe für Ostafrika“, die zu diesem Zeitpunkt 3.000 Mann stark war. Als Kommandeur wurde Emil von Zelewski ernannt, der im späteren Verlauf der deutsch-ostafrikanischen Geschichte noch eine Begegnung mit dem Häuptling Mkwawa haben wird.[11]

2.3 Der Krieg der „Kaiserlichen Schutztruppe“ gegen die Wahehe (1890 – 1898)

Nach der erfolgreichen Niederwerfung des „Araber-Aufstandes“ im Jahr 1889, wandte sich der Kaiserliche Schutztrupp der Eroberung weiterer Gebiete im Landesinneren zu. Dabei stieß die Expedition auf das Volk der Wahehe, über die den Deutschen bis dato nur wenig Kenntnis vorlag. Der deutsche Offizier von Prince schrieb, dass mit dem Volk der Wahehe „nicht zu spaßen sei“[12]. Und damit sollte er recht behalten.

Die Wahehe waren ein kriegerisches Volk, welches sich unter der Führung von Munyigumba weite Teile im südlichen Tansania durch Eroberungsfeldzüge zu eigen machten. Sein Sohn Mkwawa setzte nach seinem Tod im Jahr 1880 diese expansive Territorialpolitik fort, sodass die Wahehe sich zu einer dominierenden Macht im Süden Tansanias entwickelte.

Im Sommer 1890 überfiel Mkwawa mit seinen Stammesangehörigen eine deutsche Karawane nahe der Militärstation Mpapua. In Folge dessen entsandte der Leiter der Militärstation eine Strafexpedition, um Vergeltung am Wahehe-Volk auszuüben. Dabei wurden zahlreiche Dörfer der Wahehe niedergebrannt und geplündert. In den nachfolgenden Monaten kam es wiederholt zu gewalttätigen Zwischenfällen, aber auch Friedens- und Annäherungsversuchen. Nach erneuten Angriffen seitens der Wahehe beschloss Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe Emil von Zelewski eine Strafexpedition mit vorher nicht dagewesenem Umfang, „um die räuberischen und unbotmäßigen Wahehe zu züchtigen“[13]. Im Juli und August 1891 zog die Schutztruppe umher und zerstörte jedes Wahehe-Dorf, das ihr in den Weg kam. Am 17. August desselben Jahres ging Mkwawa mit über 3.000 Kriegern zum Gegenangriff über und überraschte die deutsche Karawane aus dem Hinterhalt in der Nähe der Stadt Lugalo. Dabei fielen binnen 10 Minuten über 400 Männer der deutschen Seite, darunter auch der Kommandeur Zelewski.[14] Diese Schlacht stellte die größte Niederlage in der Geschichte dieser Schutztruppe dar und war gleichzeitig Startschuss für einen blutigen Kampf zwischen der Kaiserlichen Schutztruppe und den Wahehe, der über Jahre andauern sollte. Im Oktober 1893 griff die Schutztruppe die befestigte Stadt und Residenz Mkwawas an. Dieser konnte jedoch rechtzeitig fliehen, sodass die Expedition ohne die Vernichtung des Wahehe-Oberhauptes beendet werden musste. Wegen der „Politik der verbrannten Erde“ der Deutschen, die Dörfer niederbrennen, Nahrung vernichten und Frauen und Kinder in Haft nehmen ließen, unterwarfen sich im Laufe der Jahre immer mehr Wahehes den deutschen Kolonialherren: Im Jahr 1896 waren dies bereits Neun Zehntel des Stammes.[15] Doch Mkwawa war nach wie vor auf der Flucht. Um die Aufständischen endgültig niederzuschlagen wurde auf den Kopf des Sultans Mkwawa eine Belohnung von 5000 Rupien beziehungsweise 8.000 Reichsmark ausgesetzt.[16] Zusätzlich zog die Schutztruppe unter der Leitung des Feldwebels Merkl im Juli 1898 ein weiteres Mal los, „um den Quawaschrecken endgültig auszutilgen“[17]. Tatsächlich trafen sie auf den Boy des Sultans, der sie zum Lager Mkwawas führte. Allerdings fanden sie nur noch den leblosen Körper des Sultans vor. Offensichtlich hatte sich Mkwawa umgebracht, um nicht lebend in die Hände von Deutschen zu geraten. Den Kopf des toten „Reichsfeinds“ lässt Merkl abschneiden und liefert ihn ins deutsche Hauptquartier bei seinem Vorgesetzten von Prince ab.[18]

[...]


[1] In der Literatur auch häufig als „Hehe“ oder „Wahähä“ bezeichnet.

[2] Baer, Martin/Schröter, Olaf, Eine Kopfjagd. Deutsche in Ostafrika, Berlin 2001, S. 15.

[3] Pakenham, Thomas, Der Kauernde Löwe: Die Kolonialisierung Afrikas; 1867 - 1912, Düsseldorf 1993, S. 15-17.

[4] Peters, Carl, Wie Deutsch-Ostafrika entstand, Leipzig 1940, S. 17.

[5] Zitiert nach Gründer, Horst, Der moderne Imperialismus, Düsseldorf 1980, S. 74.

[6] Baer/Schröter, Eine Kopfjagd, S. 24-30.

[7] Ebd., S. 34-35.

[8] Westphal, Wilfried, Geschichte der deutschen Kolonien, München 1984, S. 350.

[9] Redmayne, Alison, Mkwawa and the Hehe Wars, S. 409-436; Nigmann, Ernst, Die Wahehe. Ihre Geschichte, Kult-, Rechts-, Kriegs- und Jagd-Gebräuche, Berlin 1908, zitiert nach Morlang, Thomas, “Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt.”, S. 81.

[10] Baer/Schröter, Eine Kopfjagd, S. 49.

[11] Martin Baer/Olaf Schröter, Kopfjagd, S.37-45.

[12] Prince, Tom v., Gegen Araber und Wahehe, Berlin 1914, S. 79.

[13] Bundesarchiv Berlin (BArch), R 1001, Bd. 279, Bl. 9, Zelewski an Caprivi, 8. Juni 1891, zitiert nach Morlang, Thomas, „Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt.“, S. 80.

[14] Martin Baer, Olaf Schröter, Eine Kopfjagd, S. 52-53.

[15] Ebd., S. 56.

[16] Bundesarchiv (BArch), R 1001, Bd. 288, Bl. 184, Proklamation Lieberts, 11. Juli 1897, zitiert nach Thomas Morlang, "Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt.", S. 88.

[17] Patera, Herbert, Der weiße Herr Ohnefurcht, Berlin 1939, S. 189.

[18] Baer/Schröter, Eine Kopfjagd, S. 58-59; Morlang, Thomas, „Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt.“, S. 89.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Schädel-Reliquie des Stammesoberhaupts Mkwawa und ihre Bedeutung für das tansanische Nationalbewusstsein
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V372943
ISBN (eBook)
9783668503588
ISBN (Buch)
9783668503595
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mkwawa, Tansania, Tanzania, Wahehe, Deutscher Kolonialismus, Imperialismus, 1900, Hehe, Carl Peters, Von Prince, Schädel, Nationalbewusstsein
Arbeit zitieren
Juliane Braun (Autor), 2017, Die Schädel-Reliquie des Stammesoberhaupts Mkwawa und ihre Bedeutung für das tansanische Nationalbewusstsein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372943

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