Mangelnde Anerkennung im Kindesalter. Ein Ursprung für aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen?


Bachelorarbeit, 2015

52 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 4
2 Zur
Entstehung und Semantik des Anerkennungsbegriffs im
wissenschaftlichen
Diskurs
...8
2.1 Eine Einführung in die wissenschaftliche Begriffs- und Bedeutungs-geschichte
und die philosophische Bedeutung von Anerkennung ... 8
2.2 Die ,,Karriere" des Anerkennungsbegriffs seit Ende des 20. Jahrhunderts und
seine Bedeutungsfacetten im wissenschaftlichen Diskurs ... 9
2.3 Der Anerkennungsbegriff und -diskurs in der Erziehungswissenschaft
­ eine kritische Auseinandersetzung ... 10
3 Das Bedürfnis des Kindes nach Anerkennung ... 15
4 Die Anerkennungstheorie nach Axel Honneth ­ Intersubjektive Anerkennung als
Grundlage für die Entwicklung einer positiven Selbstbeziehung ... 22
4.1 Eine Einführung in Honneths anerkennungstheoretische Konzeption ... 22
4.2 Die drei Formen intersubjektiver Anerkennung nach Honneth ... 27
4.2.1 Liebe als affektive Form von Anerkennung ... 27
4.2.2 Recht als kognitive Form von Anerkennung ... 31
4.2.3 Solidarität oder soziale Wertschätzung als dritte Form der Anerkennung ... 32
5 Mangelnde Anerkennung im Kindesalter als Ursprung für aggressives Verhalten bei
Kindern und Jugendlichen ... 36
5.1 Definition der Begriffe Aggression und aggressives Verhalten ... 36
5.2 Aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen aufgrund mangelnder
Anerkennung im Kindesalter ­ Eine Darstellung zwei verschiedener
Erklärungsansätze ... 39
5.2.1 Aggression als Folge des beim Kind unzureichend erfüllten Bedürfnisses
nach Anerkennung ... 39
5.2.2 Die Ausbildung aggressiven Verhaltens aufgrund einer gestörten
Identitätsbildung im Zuge mangelnder wechselseitiger Anerkennung ... 42

3
6 Schlussteil ... 46
7 Literaturverzeichnis ... 49
7.1 Verwendete Literatur ... 49
7.2 Verwendete Internetquellen ... 51

4
1 Einleitung
Anerkennung stellt eine elementare Voraussetzung für die gesunde seelische Entwick-
lung im Kindes- und Jugendalter dar. Daher widmet sich die vorliegende Arbeit der
Anerkennungsthematik, welche mittlerweile auch im pädagogischen Diskurs Einzug
gefunden hat. Sie möchte verdeutlichen, wie wichtig die Erfahrung von Anerkennung
im Kindesalter für die Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen ist.
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der durch seine zahlreichen Erziehungsrat-
geber berühmt wurde, findet für die Bedeutsamkeit einer ausreichend entgegengebrach-
ten Anerkennung im menschlichen Miteinander Worte, die im Folgenden dargestellt
und anschließend im Rahmen dieser Arbeit an der ein oder anderen Stelle wissenschaft-
lich fundiert werden können. Sie sind dem Interview Anerkennung als Lebensgrundla-
ge, das am 07.02.2010 vom zweiten Programm des Südwestundfunks ­ kurz SWR2 ­
ausgestrahlt, und als Manuskript von Doris Weber herausgegeben wurde, zu entnehmen.
Juul ist der Auffassung, Anerkennung ,,(...) hat nicht mit einer Leistung zu tun, das hat
mit meinem Sein zu tun und es ist sehr, sehr weit von Lob und Kritik. Es ist nur Aner-
kennung. Wir brauchen diese Anerkennung. Es ist die überhaupt wichtigste Vorausset-
zung für Wachstum, für Entfaltung" (Weber 2010, S. 1). An anderer Stelle betont er das
allmählich wachsende Interesse daran, bzw. das wiederkehrende Bewusstsein dafür,
sich der Wichtigkeit einer wechselseitigen Anerkennung in zwischenmenschlichen Be-
ziehungen anzunehmen: ,,(...) jetzt entdecken wir es langsam wieder, dass dieses Wort
für das Zwischenmenschliche sehr, sehr zentral ist... In jeder Liebesbeziehung ist diese
Gleichwürdigkeit ganz, ganz zentral" (ebd.). Die von Juul erwähnte Gleichwürdigkeit
stellt seines Erachtens ­ so der Hinweis der Autorin Weber ­ ein Synonym von Aner-
kennung dar, und bedeutet für ihn, sich gegenseitig in Würde zu begegnen (vgl. ebd.).
Welche ungünstigen Folgen können jedoch entstehen, wenn ein Kind im Rahmen der
Bildungs-, Erziehungs- und Sozialisationsprozesse von seinen wichtigsten Bezugsper-
sonen, v.a. von seinen Eltern und Geschwistern, den Erziehern und Erzieherinnen in den
Kindertagesstätten oder den Lehrern und Lehrerinnen in der Schule, in seinem Sein so-
wie hinsichtlich seiner individuellen Fähigkeiten nicht anerkannt wird? ­ wenn ihm
demnach eine mangelnde Anerkennung von Seiten dieser prägenden Personen zu-
kommt? Eine mögliche negative Konsequenz, die sich aufgrund dieses Anerkennungs-
mangels ergeben kann, ist die Ausbildung von aggressivem Verhalten in der Kindheits-
oder Jugendphase. Der Grund dafür liegt, so will diese Arbeit aufzeigen, in der Entwick-

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lung einer gestörten bzw. negativen Selbstbeziehung, welche das Resultat einer unzu-
reichend zwischenmenschlichen Anerkennung der eigenen Person abbildet. So lässt sich
aggressives Handeln in diesem Argumentationszusammenhang dadurch begründen,
dass die Identitätsbildung aufgrund der mangelnden Anerkennung im Kindesalter beein-
trächtigt ist, und sich somit, v.a. wegen des daraus resultierenden geringen Selbstwert-
gefühls, entwickeln kann. Daher lautet die zentrale These der vorliegenden Arbeit, dass
mangelnde Anerkennung im Kindesalter als Ursprung für aggressives Verhalten bei
Kindern und Jugendlichen gilt. Dieser soll sich folgendermaßen angenähert werden:
Das zweite Kapitel widmet sich zunächst einmal der wissenschaftlichen Bedeutung des
Anerkennungsbegriffs. Hierzu wird einführend auf die philosophischen Wurzeln des
Anerkennungsbegriffs eingegangen. Damit einhergehend werden zudem bedeutsame,
der Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts entstammende Auffassungen von Aner-
kennung angeführt. Diese Ausführungen liegen jedoch historisch gesehen etwas weiter
zurück. Daher gilt, im Anschluss daran zu klären, welche begrifflichen Verständnisse
diesbezüglich gegenwärtig existieren. In diesem Kontext wird auch das eingangs von
Juul angedeutete, zunehmende Interesse an der Auseinandersetzung mit dem Anerken-
nungsbegriff betont, welches sich sogar als eine Karriere seinerseits bezeichnen lässt
und seit Ende des 20. Jahrhunderts in den verschiedenen sozial- und kulturwissenschaft-
lichen Disziplinen zu beobachten ist ­ so auch in der Erziehungswissenschaft. Dem pä-
dagogischen Anerkennungsdiskurs wird sich schließlich in Kapitel 2.3 intensiver zuge-
wandt. Hierbei wird das zentrale Anliegen verfolgt, dem erziehungswissenschaftlichen
Gehalt von Anerkennung auf den Grund zu gehen. Dabei wird auch deutlich werden,
dass die Anerkennungsthematik im Rahmen der Erziehungswissenschaft, trotz des stei-
genden Interesses, noch keine solch große Aufmerksamkeit genießt, wie ihr meines Er-
achtens entgegengebracht werden sollte. Folglich stellt jener Abschnitt der vorliegenden
Arbeit eine kritische Auseinandersetzung mit dem pädagogischen Gehalt des Anerken-
nungskonstrukts und -diskurses dar.
Im Anschluß daran, kann sich in einem dritten Kapitel dem Bedürfnis des Kindes nach
Anerkennung gewidmet werden. Diese Stelle erscheint mir geeignet, um einführend zu
festzulegen, wie die Begriffe des Kindes und des Jugendlichen im Kontext dieser Arbeit
definiert werden, bzw. welche Altersspannen darunter zu verstehen sind. Es wird sich
dabei auf die entwicklungspsychologische Einteilung der Lebensphasen Kindes- und
Jugendalter bezogen, da mir diese, vor dem Hintergrund der leitenden These, am sinn-
vollsten erscheint. Einführend in die Bedürfnisthematik soll sich schließlich der Tatsa-

6
che gewidmet werden, dass das Kind ein grundlegendes Verlangen nach Anerkennung
besitzt, und es für die Pädagogik von großer Bedeutung ist, sich dessen bewusst zu wer-
den, insbesondere deshalb, weil der bedürfnisorientierten Erziehung ein hoher Stellen-
wert für die positive Persönlichkeitsentwicklung des Kindes beigemessen wird. Nach
einer begrifflichen Klärung, was unter dem Wort Bedürfnis in einem wissenschaftlichen
Sinne zu verstehen ist, werden anschließend wichtige Überlegungen des Bedürfnisfor-
schers Abraham Harold Maslow wie auch jene, die einer aktuellen und in meinen Au-
gen für die Erziehungswissenschaft bedeutsame Studie zur Bedürfnisthematik zu ent-
nehmen sind, als theoretische Grundlage herangezogen. Auch in diesem Kapitel wird
sich einem Thema gewidmet, das im pädagogischen Diskurs bislang als unterrepräsen-
tiert gilt ­ und das Wissen um die kindlichen Bedürfnisse einen erheblichen Einfluss auf
die kindliche Entwicklung hat.
Der vierte Abschnitt der Arbeit beschäftigt sich nachfolgend mit der sozialphilosophi-
schen Anerkennungstheorie von Axel Honneth, weil sie die wechselseitige Anerken-
nung im menschlichen Miteinander sowie die Identitätsbildung des Menschen in einen
Zusammenhang bringt. Zudem stellt sie im pädagogischen Diskurs um Anerkennung
mittlerweile eine wichtige Bezugsgröße dar. In Kapitel 4.1 wird die anerkennungstheo-
retische Konzeption zunächst einführend in ihren wesentlichen Grundzügen und Be-
zugspunkten vorgestellt. In einem weiteren Schritt kann dann auf die von Honneth fest-
gelegten Formen intersubjektiver Anerkennung eingegangen werden. Insgesamt unter-
scheidet er drei Anerkennungsformen: die Liebe, das Recht und die Solidarität oder
soziale Wertschätzung.
Um sich der zentralen These der Arbeit schlussendlich widmen zu können, ist es in ei-
nem letzten Kapitel unabdingbar, zunächst zu klären, wie die Begrifflichkeiten Aggres-
sion und aggressives Verhalten wissenschaftlich zu begreifen sind. In einem letzten Ab-
schnitt werden sodann zwei Erklärungsversuche für aggressives Verhalten bei Kindern
und Jugendlichen angeführt, die das abweichende Verhalten als Folge einer mangelnden
Anerkennung im Kindesalter auffassen. Ersterer greift nochmals die Bedürfnisthematik
aus Kapitel drei auf und erklärt aggressives Verhalten durch das unzureichend befrie-
digte Bedürfnis des Kindes nach Anerkennung. Letzterer hingegen impliziert einen
Rückbezug zu dem von Honneth postulierten Zusammenhang zwischen Identitätsbil-
dung und intersubjektiver Anerkennung. Dieser Erklärungsansatz begründet das abwei-
chende Verhalten in der Kindheits- und Jugendphase durch eine mangelnde Anerken-

7
nung im Kindesalter, die eine gestörte Selbstbeziehung verursachen kann und somit als
Ursprung für die Ausbildung von aggressivem Verhalten angesehen wird.

8
2 Zur Entstehung und Semantik des Anerkennungsbegriffs im
wissenschaftlichen Diskurs
2.1 Eine Einführung in die wissenschaftliche Begriffs- und Bedeutungs-
geschichte und die philosophische Bedeutung von Anerkennung
In diesem Kapitel soll vor einem historischen Hintergrund geklärt werden, wie der Be-
griff Anerkennung in einem wissenschaftlichen Sinne zu verstehen ist.
Seine ursprüngliche Verwendung lässt sich begriffs- und bedeutungsgeschichtlich gese-
hen im 16. Jahrhundert verzeichnen, wobei Anerkennung zu dieser Zeit einen (wert-)
neutralen Charakter aufweist (vgl. Balzer / Ricken 2010, S. 43), und ,,(...) sowohl eine
Form der Bekräftigung (im Kontrast zur Leugnung) als auch der spezifischen Erkennt-
nis als etwas bzw. die Form des ,Gutheißens von etwas darstellt (...)" (ebd.).
Vom 18. Jahrhundert an, wird Anerkennung in seiner Begrifflichkeit schließlich zu-
nehmend im Rahmen der Philosophie thematisiert, und bekommt erstmals jene positive
und moralisch-ethische Konnotation zugeschrieben, die bis in die Gegenwart hinein mit
dem Begriff verbunden ist (vgl. ebd.; Balzer 2014, S. 36 f.). So lässt sich eine Ausei-
nandersetzung mit dem Begriff u.a. bei Jean-Jacques Rousseau finden, der bereits im
18. Jahrhundert das Bedürfnis nach Anerkennung als elementare Komponente der
menschlichen Natur erkennt und hervorhebt. Daran anschließend beschäftigt sich auch
der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel eingehend mit der Bedeutung
des begrifflichen Konstrukts. Seine Auffassung von Anerkennung ist in begriffshistori-
scher Hinsicht von großer Wichtigkeit, da sie bis heute den Diskurs um Anerkennung
nachhaltig prägt. Dies wird auch im Laufe dieser Arbeit noch ersichtlich werden, denn
auch bei Axel Honneth ist der Bezug zur Hegelschen Denkweise vorzufinden. Hegel
sieht Anerkennung als ein paradoxes, aber konstitutives Ereignis an, das aufgrund seiner
kontradiktorischen Gestalt in einen Kampf des Anerkennens übergeht (vgl. Balzer / Ri-
cken 2010, S. 43 ff.). Er problematisiert damit das Anerkennungsverhältnis, welches
sich dadurch kennzeichnet, ,,(...) in der eigenen Unabhängigkeit von anderen abhängig
zu sein, wechselseitig für die eigene Autonomie eine gewisse Heteronomie eingehen zu
müssen (...)" (ebd., S. 44 f.). Weil diese wechselseitige Dependenz eine moralische
Spannung im gesellschaftlichen Miteinander herbeiführt, resultiert daraus schließlich
der besagte moralische Kampf um die Erlangung von Anerkennung der eigenen Identi-

9
tät (vgl. Honneth 1992, S. 11). Als weitere bedeutsame Philosophen, die sich ebenfalls
mit dem Anerkennungsbegriff auseinandergesetzt haben, sind Johann Gottlieb Fichte
und Immanuel Kant
1
zu nennen (vgl. Balzer 2014, S. 37; 40).
Insgesamt kann hinsichtlich der philosophischen Bedeutung des Begriffes festgehalten
werden, dass ,,(...) ,,Anerkennen" mit der Tatsache verbunden [wird], daß eine Person
sich einer Norm unterwirft. Der Begriff steht in engem Zusammenhang mit ,,Bejahung"
" (Borst 2003, S. 107) und einem Werturteil (vgl. ebd.).
2.2 Die ,,Karriere" des Anerkennungsbegriffs seit Ende des 20. Jahrhunderts und
seine Bedeutungsfacetten im wissenschaftlichen Diskurs
Gegenwärtig wird dem Begriff der Anerkennung jedoch nicht nur in der Philosophie
eine große Bedeutung beigemessen. Vielmehr wird er mittlerweile u.a. auch in den Poli-
tikwissenschaften, der Psychologie ­ hierbei sind insbesondere die Entwicklungspsy-
chologie und die psychoanalytische Forschung als wichtige Teilbereiche zu nennen ­
und in der Erziehungswissenschaft zunehmend thematisiert und diskutiert (vgl. Borst
2003, S. 99 ff.). Ebenso gewinnt er im soziologischen Diskurs zunehmend an Bedeu-
tung (vgl. Balzer 2014, S. 41).
Das verstärkte Interesse an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem An-
erkennungsbegriff, begründet sich disziplinübergreifend darin, Anerkennung als eine
ethisch-moralische Kategorie zu diskutieren (vgl. Borst 2003, S. 98). Das Aufkommen
jenes Bedeutungszuwachses sowie die daraus resultierende intensivere Beschäftigung
mit dem Begriff der Anerkennung im Rahmen der Sozial- und Kulturwissenschaften
lässt sich Ende des 20. Jahrhunderts verorten (vgl. Balzer 2014, S. 35):
,, (...) ,Anerkennung [hat] ­ wie kaum ein anderer Begriff ­ seit Beginn der 1990er
Jahre eine zusehends alle kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen um- und
übergreifende thematische wie kategoriale Bedeutung [bekommen]" (ebd.).
Die verstärkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit hat sogar dazu geführt, dass der Be-
griff seit einigen Jahren eine erstaunliche Karriere bzw. rasante Konjunktur in den Kul-
tur- und Sozialwissenschaften erfährt (vgl. ebd., S. 5; Balzer / Ricken 2010, S. 45).
1
Kant gilt als Vorbereiter einer Philosophie der Anerkennung. Der Begriff Anerkennung findet in
seinen Werken zwar Verwendung, jener der Achtung ist im Rahmen dessen jedoch verstärkt vorzufin-
den (vgl. Balzer 2014, S. 40).

10
Je nach Wissenschaftsgebiet unterscheiden sich jedoch die Definitionen, Interpretatio-
nen und Verwendungsweisen des Anerkennungsbegriffs, und auch innerhalb eines
Fachgebietes existieren je nach ethischer und erkenntnispolitischer Haltung, heterogene
Auffassungen davon, wie das begriffliche Konstrukt zu verstehen ist (vgl. Borst 2003,
S. 101). Dementsprechend kommen dem Begriff insgesamt verschiedene Bedeutungsfa-
cetten zu. Das gilt im Übrigen auch für das alltagsweltliche Verständnis von Anerken-
nung (vgl. Balzer / Ricken 2010, S. 38 f.). Allerdings kann man disziplinübergreifend,
also unabhängig von den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die im wissenschaft-
lichen Diskurs universell geltende Auffassung bzgl. der Semantik festhalten, dass Aner-
kennung im Leben eines Menschen aus zwei Gründen unabdingbar ist: Zum einen, weil
Nichtanerkennung Leid erzeugt; zum anderen, da Anerkennung ein fundamentales Ele-
ment für die Bildung und Findung der eigenen Identität und somit für die Subjektwer-
dung eines jeden Individuums darstellt (vgl. ebd., S. 42). Darüber hinaus herrscht über
einen weiteren semantischen Aspekt in den verschiedenen Wissenschaften Konsens:
,,Trotz aller Widersprüchlichkeit einzelner Auslegungen und trotz heterogener Prob-
lemkontexte findet sich die alltagsweltlich dominante Bedeutung von Anerkennung
als Bestätigung und Stiftung einerseits und moralisch-ethischer Appell der Wert-
schätzung und des Respekts andererseits auch im gegenwärtigen wissenschaftlichen
Anerkennungsdiskurs wieder (...)" (ebd.).
Insgesamt ist der Anerkennungsbegriff gegenwärtig immer noch mit einer positiven
Konnotation behaftet, wohl vor allem deshalb, weil er nahezu ausschließlich mit einem
positiven Werturteil assoziiert wird (vgl. ebd.).
2.3 Der Anerkennungsbegriff und -diskurs in der Erziehungswissenschaft
­ eine kritische Auseinandersetzung
Das bereits in Kapitel 2.1 erwähnte, zunehmende und disziplinär übergreifende Interes-
se am Anerkennungsbegriff in den Kultur- und Sozialwissenschaften, welches zu Be-
ginn der 1990er Jahre aufgekommen ist, lässt sich mittlerweile auch ,,weitgehend flä-
chendeckend" (Balzer 2014, S. 5) für den erziehungswissenschaftlichen Diskurs ver-
zeichnen (vgl. ebd.). Welche Bedeutung kommt ihm jedoch innerhalb der erziehungs-
wissenschaftlichen Disziplin zu? Oder anders formuliert: Wie lässt sich dieser im Rah-
men der Pädagogik definieren? Und schließlich stellt sich auch die Frage, wie sich die-

11
ser pädagogische Diskurs ca. 20 Jahre nach Verbreitung des erziehungswissenschaftli-
chen Interesses am Anerkennungsbegriff gestaltet. Diesen wichtigen Fragen sollen sich
im Folgenden angenommen werden.
Ein wesentlich problematischer Aspekt bei der erziehungswissenschaftlichen Bedeu-
tungssuche des Anerkennungskonstrukts ist jener der Rarität vorzufindender Definitio-
nen in pädagogischen Nachschlagewerken. Wenn der Begriff in Lexika erfasst wird,
dann aber überwiegend im Zusammenhang mit den Begrifflichkeiten Lob und Tadel,
welche als Erziehungsmaßnahmen zu verstehen sind. Laut Eva Borst, die sich im Rah-
men ihrer Studie Anerkennung der Anderen und das Problem des Unterschieds. Per-
spektiven einer kritischen Theorie der Bildung aus dem Jahr 2003 ausführlich mit der
Semantik des Anerkennungsbegriffs im Rahmen der Pädagogik befasst, liefert das Lexi-
kon der Pädagogik in 3 Bänden, das 1950 von Heinrich Kleinert, Helene Stucki und
Robert Dottrens herausgegeben wurde, die umfassendste Definition. Sie stammt aus der
geisteswissenschaftlichen Pädagogik und auch in dieser wird ­ wie in der Philosophie ­
der Begriff Bejahung als Synonym für den der Anerkennung verwendet, jedoch hier
unter Bezugnahme zum Erzieher-Zögling-Verhältnis. Bejahung wird dabei ausdrücklich
nicht an das persönliche Erbringen von Leistungen, Erfolgen oder Einzelerfahrungen
rückgebunden, begründet sich stattdessen allein durch das Sein eines Individuums (vgl.
Borst 2003, S. 107 f.). Im Fokus stehen dabei das Kind mit seinen je individuellen ent-
wicklungsbedingten Möglichkeiten und die Tatsache, dass zwischenmenschliche Aner-
kennung eine große Bedeutung für die Ausbildung der eigenen Persönlichkeit einnimmt
(vgl. ebd.):
,,(...) Anerkennung [wird] nicht nur im Sinne instrumenteller Disziplinierung ver-
standen, sondern als zentraler Aspekt für die Persönlichkeitsentwicklung ausdiffe-
renziert. Vor allem dem Respekt vor der Individualität und der Ehrfurcht vor der
Menschlichkeit wird ein hoher Wert beigemessen" (ebd., S. 107).
In einer etwas transformierten Form, lässt sich dieses Begriffsverständnis auch im 1970
erschienenen Pädagogischen Lexikon in zwei Bänden von Walter Horney, Johann Peter
Ruppert und Walter Schultze wiederfinden. Beide dieser älteren Definitionen implizie-
ren den Hinweis, dass die Anerkennungsform Liebe eine bedeutsame Rolle für die Ent-
wicklung des Selbstwertgefühls und Selbstvertrauens beim Menschen einnimmt. Dieser
Aspekt wird im Rahmen der Auseinandersetzung mit der Anerkennungstheorie Axel
Honneths noch ausführlicher behandelt.
Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Mangelnde Anerkennung im Kindesalter. Ein Ursprung für aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Bachelorseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
52
Katalognummer
V373135
ISBN (eBook)
9783668617322
ISBN (Buch)
9783668617339
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anerkennung, Kinder, Jugendliche, aggresives Verhalten, Aggression, Kindheit, Axel Honneth, Anerkennungstheorie
Arbeit zitieren
Eva Herrmann (Autor), 2015, Mangelnde Anerkennung im Kindesalter. Ein Ursprung für aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373135

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