Ich-Gebrauch und grammatische Merkmale der Origo-Exklusivität in populärwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Texten

Eine vergleichende Analyse


Seminararbeit, 2015

28 Seiten, Note: 11,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1. Wissenschaftssprache
2.2. Wissenschaftliche Fachsprache
2.3. Populärwissenschaft und ihre Rolle als Wissensvermittler

3. Schaffen der empirischen Arbeitsgrundlage in Anlehnung an Czicza, Hennig, Emmrich und Niemann: Zur Verortung von Texten zwischen den Polen maximaler und minimaler Wissenschaftlichkeit. Ein Operationalisierungsvorschlag
3.1. Origo-Exklusivität und ihre für die Operationalisierung relevanten Parameter
3.2. Darlegung des methodischen Vorgehens

4. Ergebnisse der Untersuchung ausgewählter Texte
4.1. Magisterarbeit - Zur Herstellung/Darstellung 'von Weiblichkeit in der Fernsehserie „Buffy the Vampire Slayer “
4.2. Beitrag in einem Sammelband - Versuch, „Restless“zu 'verstehen
4.3. Beitrag in einem Sammelband - Frankfurt School, Sunnydale High. AllegorisierungderKulturindustrie in Buffy the Vampire Slayer
4.4. Rezension-Review: Buffy-ImBannderDämonen\Staffel 1 (Serie)

5. Auswertungder Untersuchungsergebnisse
5.1. Magisterarbeit - Zur Herstellung/Darstellung 'von Weiblichkeit in der Fernsehserie „Buffy the Vampire Slayer “
5.2. Beitrag in einem Sammelband - Versuch, „Restless“zu 'verstehen
5.3. Beitrag in einem Sammelband - Frankfurt School, Sunnydale High. AllegorisierungderKulturindustrie in Buffy the Vampire Slayer
5.4. Rezension - Review: Buffy - Im Bann der Dämonen\Staffel 1 (Serie)

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Präsenz eines ungeschriebenen Ich-Verbots in schriftlichen, wissenschaftlichen Erzeugnissen ist an vielerlei Stellen merklich spürbar.[1] Mittels verschiedentlicher Strategien kann ein zumindest allzu häufiger Ich-Gebrauch vermieden werden[2] - einerseits kann man sich die Frage stellen, ob es sich dabei stets um eine bewusste Ich-Vermeidung seitens des Autors handelt, um somit unter anderem das Ich-Verbot nicht zu verletzen, damit zusammenhängend eine gewisse Souveränität und Wissenschaftlichkeit zum Ausdruck zu bringen und die Fähigkeit zu demonstrieren, hinter die wissenschaftliche Forschung und daraus resultierende Erkenntnisse zu treten und eben diese Forschungen und Erkenntnisse für sich sprechen zu lassen. Andererseits kann die Frage aufgeworfen werden, ob eine Mehrzahl wissenschaftlicher Texte ihrer Beschaffenheit wegen einen Ich-Gebrauch schlicht und einfach nicht zulassen, sodass ein Ich-Verbot in wissenschaftlichen Texten eine nicht beabsichtigte, wenn auch logische Konsequenz ist, die sich aus der Natur der Wissenschaft und ihren Anliegen ergibt, die dem Autor nicht immer zwangsläufig bewusst sein muss. Sofern man selbst Erfahrungen mit dem Verfassen wissenschaftlicher Texte hat, so wird eventuell auffallen, dass man bewusst oder unbewusst auch die ein oder andere Strategie zur Ich- Vermeidung nutzt. Dies muss natürlich nicht ausnahmslos zutreffen, gibt es doch eine Anzahl wissenschaftlicher Texte, die durchaus Belege für einen Ich-Gebrauch beinhalten, dessen Verwendung verschiedentlich motiviert sein kann[3] - beispielsweise, wenn der Autor vor den wissenschaftlichen Text tritt, um eine persönliche Anekdote zum Besten zu geben, die mittelbar oder unmittelbar mit der Materie, die er aus einer wissenschaftlichen Perspektive untersucht, zusammenhängt. Die Beweggründe für ein Ich-Verbot sowie für einen Ich-Gebrauch innerhalb wissenschaftlicher Texte sind jedenfalls zahlreich und hängen letztlich immer von demjenigen ab, der den wissenschaftlichen Text verfasst und welche Auffassungen er insbesondere im Bezug darauf vertritt, ob und welche Art von Fürsprache beziehungsweise Widerspruch er hinsichtlich eines Ich- Verbots innerhalb wissenschaftlicher Texte besitzt. Es ist sicherlich nicht das Anliegen dieser Seminararbeit, diese und jene Beweggründe für oder gegen ein mehr oder weniger explizites Ich- Verbot in schriftlichen, wissenschaftlichen Erzeugnissen zusammenzutragen und aufzulisten; Tatsache ist, dass ein solches Verbot an vielerlei Stellen besteht und sich damit aus unterschiedlichen Perspektiven befasst wird. Das Bestehen eines solchen Verbots ermöglicht es zudem erst, dass sich diese Seminararbeit mit der Frage beschäftigen kann, inwiefern das Ich- Verbot in populärwissenschaftlichen Texten zu tragen kommt, und ob es einen signifikanten Unterschied zwischen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Texten hinsichtlich des Ich-Gebrauchs gibt. Dieser Vergleich ist deswegen interessant, da Populärwissenschaft als die vermittelnde Instanz zwischen der Welt der Wissenschaft und der alltäglichen Lebenswelt gilt und dementsprechend populärwissenschaftliche Texte einen hohen Grad an wissenschaftlicher Sprache eindämmen müssen, sodass komplexe Inhalte verständlich an eine Welt außerhalb der Wissenschaft herangetragen werden können.[4] Dieser Sachverhalt wird im Verlauf der Seminararbeit noch ausgeführt werden, da er grundlegend ist für die Frage danach, wie wissenschaftlich geschrieben populärwissenschaftliche Texte in der Regel sind und ob für sie ein Ich-Verbot überhaupt in einem großen Umfang gelten kann - auch wenn zweifelsohne berücksichtigt werden muss, dass auch für wissenschaftliche Texte nicht immer ein Ich-Verbot gelten muss, wie zuvor angemerkt wurde.

Der Vergleich populärwissenschaftlicher und wissenschaftlicher Texte soll sich im Rahmen dieser Seminararbeit indes nicht auf den Ich-Gebrauch beschränken; eine Methode zur Messung von Wissenschaftssprachlichkeit innerhalb wissenschaftlicher Texte, die von Czicza et. al. entwickelt wurde und an gegebener Stelle näher beleuchtet wird, bildet in der vorliegenden Seminararbeit die Basis für die empirische Untersuchung ausgewählter Auszüge wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Texte. Deren Vorschlag benennt eine Anzahl pragmatischer Gebote, die innerhalb wissenschaftlicher Texte mit bestimmten grammatischen Merkmalen korrelieren und sie somit als wissenschaftliche Texte identifizieren können.[5] Auf eines dieser insgesamt vier Gebote, die Origo-Exklusivität, wird sich in dieser Seminararbeit konzentriert, da sie die Kategorien beinhaltet, die sowohl deagentivieren als auch detemporalisieren können und daher mit dem Ich- Gebrauch partiell in Verbindung stehen. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass populärwissenschaftliche Texte einen höheren Grad an Ich-Gebrauch aufweisen im Vergleich zu den wissenschaftlichen Texten und dementsprechend weniger häufig Strategien zur Ich-Vermeidung anwenden. Mithilfe der Grundlagen der vorgestellten Methode soll dieser Vergleich durchgeführt und im Anschluss daran ausgewertet werden. Beachtet werden muss an dieser Stelle, dass sich mithilfe des methodischen Vorgehens somit die Wissenschaftlichkeit im Bezug auf die vom Autor verwendete Sprache messen lässt, nicht aber die Wissenschaftlichkeit des Textes an sich - auch diese Gegebenheit wird im Verlauf nochmals aufgegriffen werden, da letztlich die eindeutige Zuordnung der untersuchten Texte zur Wissenschaft oder Populärwissenschaft möglicherweise nicht immer aufgrund der bloßen Messung von wissenschaftlicher Sprache ohne Restzweifel erfolgen kann. Insofern wird nun als Erstes eine Erläuterung der Begriffe, die in der Seminararbeit des Öfteren benutzt werden und auch die theoretische Basis des Operationalisierungsvorschlages von Czicza et. al. bilden, notwendig sein, sodass daran anschließend der Operationalisierungsvorschlag erklärt und zur Anwendung gebracht werden kann, um dann letztlich die oben aufgestellte Behauptung, dass populärwissenschaftliche Texte einen höheren Grad an Ich-Gebrauch und somit weniger Strategien zur Ich-Vermeidung aufweisen, in der Auswertung zu bestätigen oder zu entkräften.

2. Begriffsbestimmungen

Der Fokus liegt in diesem Kapitel darauf, zunächst einmal die für die vorliegende Seminararbeit grundlegenden Begriffe zu explizieren. Diese Begriffsbestimmungen werden im Rahmen dieser Seminararbeit als unentbehrlich erachtet, da der Operationalisierungsvorschlag, der im Laufe dieser Seminararbeit zur Anwendung gebracht werden soll, wesentlich auf eben diesen Begriffen und deren jeweiligen Attributen basiert. Insofern ist es unabdingbar, in einem ersten Schritt den theoretischen Unterbau sowohl dieser Seminararbeit als auch des Operationalisierungsvorschlages mittels Definitionen relevanter Begriffe nachzuvollziehen, sodass dieser im Anschluss daran veranschaulicht und zum Einsatz gebracht werden kann.

2.1. Wissenschaftssprache

Dass Wissenschaftssprache beispielsweise weder mit literarischer Kommunikation noch mit dem alltäglichen Gebrauch von Sprache allzu viel gemeinsam hat, schlägt sich, wenn zumeist auch erst auf den zweiten Blick, auf mehr als einer Ebene nieder:[6] Zweifelsohne manifestiert sich ein erster, einleuchtender Unterschied in der Anwendung von Fachterminologie beziehungsweise in der Abwesenheit einer solchen Terminologie.[7] Jedoch bedient sich Wissenschaftssprache überdies bestimmter syntaktischer und semantischer Konstruktionen, die sich ebenfalls von literarischer und alltäglicher Kommunikation abgrenzen.[8] Auch fallen der Wissenschaftssprache unterschiedliche kommunikative und soziale Aufgaben und Funktionen zu, die sich von dem Gebrauch von Sprache im Bezug auf ein literarisches oder vom sprachlichen Alltag geprägten Aufgaben- und Funktionsfeld abheben.[9]

Man kann Wissenschaftssprache insgesamt als ein gemeinsames Fundament von Formen und Funktionen spezifizierter wissenschaftlicher Fachsprachen betrachten, welche auf diesen Grundstock allgemeiner Formen und Funktionen Zugriff haben und die jeweiligen Formen und Funktionen nach Bedarf spezialisieren.[10]

Die Gegenstände, die in der Wissenschaft sowohl mündlich als schriftlich untersucht und diskutiert werden, sind des Weiteren oftmals von einer speziellen und ungewöhnlichen Natur.[11] Es sind folglich nicht nur die sprachlichen Mittel, die die Wissenschaftssprache als eine solche definieren und von einem alltäglichen Sprachgebrauch oder der Verwendung von Sprache in einem literarischen Feld separieren, es ist auch bisweilen ein maßgeblicher Unterschied zu erkennen bezüglich der Gegenstände, über die man sich mündlich beziehungsweise schriftlich austauscht. Zu beachten gilt darüber hinaus, dass sich Wissenschaftssprache in der Regel überwiegend schriftlich ausprägt[12] - dieser Begleitumstand erlangt im Rahmen dieser Seminararbeit Relevanz insofern, als dass die Methode zur Messung von Wissenschaftssprache auf schriftliche Wissenschaftskommunikation beschränkt ist.

Peter von Polenz charakterisiert die Sprache der Wissenschaft als eine Spezialsprache, welche einerseits gegenstandsgebunden ist,[13] da, wie bereits ausgeführt wurde, in der Regel ungewöhnliche und spezielle Gegenstände den Kern wissenschaftlicher Untersuchungen ausmachen, unabhängig von der betroffenen Fachdisziplin; andererseits ist Wissenschaftssprache jedoch auch auf einer sekundären Ebene gruppengebunden: Die Sprache der Wissenschaft ist denen Vorbehalten, die über die fachspezifischen Kenntnisse verfügen und einen den fachspezifischen Kenntnissen zugehörigen Erfahrungsschatz vorweisen können.[14] Nur diese Personen schreiben beziehungsweise sprechen über die ungewöhnlichen und speziellen Gegenstände und erforschen diese, da nur sie in erster Linie dazu in der Lage sind.[15] Daraus folgt, dass sich Wissenschaftssprache zumindest nach diesem sekundären Merkmal auch als ein Soziolekt offenbart.[16]

Insgesamt lässt sich eine Vielzahl idealtypischer Merkmale von Wissenschaftssprache ermitteln, die sich bei einer eingehenden Untersuchung wissenschaftlicher mündlicher und schriftlicher Sprache zu erkennen geben; diese Merkmale spiegeln in ihrer Gesamtheit die häufig verwendeten sprachstilistischen Mittel der Wissenschaftssprache wider, welche sich auch in dem Operationalisierungsvorschlag wiederfinden, und lauten wie folgt: Wissenschaftssprache muss schreibbar respektive druckbar sein, d.h., man muss sie zitieren können.[17] Dabei ist wichtig, dass sie unmissverständlich zitiert werden kann; folglich sollte Wissenschaftssprache explizit sein, um somit auch die intersubjektive Verständlichkeit der behandelten Materie zu gewährleisten.[18] Weiterhin sollte Wissenschaftssprache argumentativ aufgebaut sein und insgesamt in ihrer Struktur und in ihrem Inhalt konsistent, systematisch, widerspruchsfrei und ökonomisch sein.[19] Im Verlauf dieser Seminararbeit werden anhand expliziter Textauszüge die oben genannten sprachstilistischen Mittel der Wissenschaftssprache im Rahmen der Anwendung des Operationalisierungvorschlages mithilfe der Parameter der Origo-Exklusivität noch konkretisiert werden. Zunächst ist es jedoch maßgeblich sich bewusst zu sein, dass sich Wissenschaftssprache nicht bloß sprachstilistisch zum Beispiel von alltäglicher Umgangssprache deutlich abgrenzt; auch die Antworten auf die Fragen, über was schriftlich beziehungsweise mündlich gesprochen wird und wer darüber spricht, zeigen auf, dass Wissenschaftssprache über die Ebene des 'wie deutlich hinausgeht. Dementsprechend werden diese mitunter ausschlaggebenden Faktoren an späterer Stelle ebenso berücksichtigt werden müssen.

2.2. Wissenschaftliche Fachsprache

Im vorangegangenen Abschnitt wurde bereits erläutert, dass einzelne wissenschaftliche Fachsprachen auf dem ihnen allesamt zugänglichen gemeinsamen Fundament basieren, welches die allgemeinen Formen und Funktionen der Wissenschaftssprache beinhaltet. Allerdings sind die jeweiligen wissenschaftlichen Fachsprachen, wie bereits dem Begriff entnommen werden kann, einer bestimmten Fachdisziplin zugehörig und beinhalten folglich dieser Fachdisziplin innewohnende sprachstilistische Spezifikationen.[20]

Wissenschaftliche Fachsprachen lassen sich demzufolge als individuelle Ausprägungen der allgemeineren und ihnen übergeordneten Wissenschaftssprache charakterisieren. In dieser Seminararbeit wird der Fokus auf der hier bereits benannten Auffassung von allgemeiner Wissenschaftssprache liegen; einzelne Ausprägungen dieser Wissenschaftssprache in Form wissenschaftlicher Fachsprachen sollen nicht näher betrachtet werden, jedoch trägt der grundlegende Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen zur Vollständigkeit der Definition bei und muss dementsprechend auch an dieser Stelle vorgenommen worden sein.

2.3 Populärwissenschaft und ihre Rolle als Wissensvermittler

Wenn sich Wissenschaftssprache zu einem problembehafteten Gegenstand entwickelt, lässt sich dies häufig darauf zurückführen, dass sie nicht immer leicht verständlich ist - es können sowohl interne, also beispielsweise innerhalb der betroffenen Fachdisziplin oder zwischen zwei unterschiedlichen Fachdisziplinen, als auch externe Verständnisschwierigkeiten auftreten.[21] Externe Verständnisschwierigkeiten manifestieren sich in der Regel in der breiten Öffentlichkeit. Aus diesem Umstand heraus ergibt sich oftmals ein Verhältnis gegenüber der Wissenschaft im Allgemeinen, welches von Kritik geprägt ist - insbesondere dann, wenn sich die externen Verständnisprobleme seitens der breiten Öffentlichkeit offenbaren.[22] Daraus folgt, dass sich ein Großteil dieses kritischen Verhältnisses gegenüber der Wissenschaft von einer Sprachkritik an ihr herleiten lässt.[23] Zudem sind es vor allem diese externen Verständnisprobleme, welche die Wissenschaft eigenständig hervorruft: Es kann konstatiert werden, dass seitens der breiten Öffentlichkeit die Verständnisschwierigkeiten in der Regel durch fehlende Fachkompetenzen begünstigt werden[24] - wie bereits in Kapitel 2.1. erläutert wurde, ist Wissenschaftssprache als eine gruppen- und gegenstandsgebundene Spezialsprache nämlich häufig denjenigen Vorbehalten, die entsprechende fachliche Kenntnisse vorweisen können. Diese fachlichen Kenntnisse fehlen jedoch oftmals der breiten Öffentlichkeit und auch partiell in den einzelnen Fachdisziplinen.[25] Es handelt sich dabei um einen durchaus problematischen Sachverhalt, wenngleich dieser zumindest in der Theorie durch diejenigen, die über die entsprechenden Fachkompetenzen verfügen, dezimiert werden könnte, indem beispielsweise Wissenschaftler die breite Öffentlichkeit an komplexe wissenschaftliche Gegebenheiten in einer vereinfachten schriftlichen oder mündlichen Kommunikation heranführen würden.[26] Dieser Wissenstransfer wird in der Praxis jedoch selten geleistet - es wird zwangsläufig ein Wissensvermittler benötigt, der diesen Wissenstransfer stattdessen gewährleistet.[27] Dieser Wissensvermittler ist ein beobachtender Teilnehmer an wissenschaftlichen Forschungen, „schätzt sozial technologisch und praktische Konsequenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Allgemeinheit ein“[28] und stellt sie der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung.[29] Die Notwendigkeit für einen Wissensvermittler ergibt sich aus einer

Informationspflicht gegenüber der Allgemeinheit - nur wenn eine solche Pflicht besteht, ist die Existenzberechtigung für einen Wissensvermittler gegeben.[30] Das Aufgabenfeld des Wissensvermittlers besteht infolgedessen primär daraus, Forschungen und Erkenntnisse aus der Wissenschaft der breiten Öffentlichkeit anschaulich zu kommunizieren;[31] der überwiegende Verzicht auf den Gebrauch von Wissenschaftssprache respektive wissenschaftlichen Fachsprachen geht mit diesem Aufgabenfeld beinahe zwangsläufig einher.

Die Rolle des Wissensvermittlers übernimmt die Populärwissenschaft; sie ist die vermittelnde Instanz zwischen der Welt der Wissenschaft und der alltäglichen Lebenswelt.[32] Dabei übernimmt sie auch in einer gesellschaftlichen Hierarchie eine spezifische Rolle,[33] da sie die Distanz zwischen diesen beiden Welten durch einen bestimmten Sprachgebrauch dezimieren muss, um einen verständlichen Wissenstransfer garantieren zu können.[34] Die Populärwissenschaft muss in ihrer Rolle als Wissensvermittler bewusst Komplexität eindämmen, um somit das Maß an Verständlichkeit seitens der breiten Öffentlichkeit zu fördern und die Informationspflicht zu erfüllen.[35] Dennoch muss ein Mindestmaß an Wissenschaftlichkeit vorhanden sein, sodass die Populärwissenschaft ihr Ziel erfüllt sieht, die Distanz zwischen der Welt der Wissenschaft und der Welt der breiten Öffentlichkeit zu reduzieren, gleichwohl ohne sich in allzu hoher Komplexität zu verlieren, die wiederum zu geringerem Verständnis bezüglich wissenschaftlicher Forschungen und Erkenntnisse führt.[36] Populärwissenschaftliche Texte müssen infolgedessen einerseits vom Pol maximaler Wissenschaftlichkeit deutlich entfernt sein, sich andererseits aber ebenso vom Pol minimaler Wissenschaftlichkeit distanzieren.[37]

Im nachfolgenden Kapitel dieser Seminararbeit soll nun, nachdem das theoretische Fundament dieser Seminararbeit weitestgehend errichtet wurde, der Operationalisierungsvorschlag erläutert werden, der dazu dienen soll, den Gebrauch von Wissenschaftssprache innerhalb schriftlicher Erzeugnisse zu messen, um somit gegebenenfalls einen Grad an Wissenschaftlichkeit in den jeweiligen Texten zu ermitteln. Sowohl die für die Seminararbeit relevanten Parameter zur Messung als auch das methodische Vorgehen gilt es nachfolgend aufzuzeigen.

3. Schaffen der empirischen Arbeitsgrundlage in Anlehnung an Czicza, Hennig, Emmrich und Niemann: Zwr Verortung von Texten zwischen den Polen maximaler und minimaler Wissenschaftlichkeit. Ein Operationalisierungsvorschlag

Die in dieser Seminararbeit vorgenommene Methode zur Messung von Wissenschaftssprachlichkeit in ausgewählten Texten ist angelehnt an die Abhandlung Zur Verortung 'von Texten zwischen den Polen maximaler und minimaler Wissenschaftlichkeit. Ein Operationalisierungsvorschlag von Dániel Czicza, Mathilde Hennig, Volker Emmrich und Robert Niemann, deren Ziel es ist, „eine Methode zu erarbeiten, die es ermöglicht, beliebige Texte auf der Basis der Analyse einschlägiger grammatischer Merkmale zwischen den Polen maximaler und minimaler Wissenschaftlichkeit zu verorten.“[38] Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass dieser Operationalisierungsvorschlag, wie bereits in einem vorangegangenen Abschnitt angesprochen wurde, auf die schriftliche Wissenschaftskommunikation beschränkt ist.[39] Außerdem muss an dieser Stelle deutlich gemacht werden, dass sich mittels der vorgeschlagenen Methode von Czicza et. al. Wissenschaftssprachlichkeit, nicht aber die tatsächliche Wissenschaftlichkeit des Textes zumindest unzweifelhaft messen und verorten lässt, auch wenn sich die idealtypischen Merkmale von Wissenschaftssprache nach Peter von Polenz weitestgehend auf Wissenschaft als solche übertragen lassen - nicht zuletzt muss man aber bei einer Analyse von der Wissenschaftlichkeit eines Textes insgesamt weitere Aspekte miteinbeziehen, welche in Kapitel 3.2 näher erläutert werden. Im Laufe dieser Seminararbeit wird der Operationalisierungsvorschlag dementsprechend darauf beschränkt werden, die Wissenschaftssprachlichkeit diverser Texte zu ermitteln.

Laut Czicza et. al. existieren primär vier sogenannte pragmatische Gebote, die mit den grammatischen Merkmalen wissenschaftlich anmutender Texte korrelieren, die wiederum für das methodische Vorgehen des Operationalisierungsvorschlages von Belang sind - diese pragmatischen Gebote lauten Ökonomie, Präzision, Origo-Exklusivität und Diskussion.[40] Für die vorliegende Seminararbeit wird sich auf das pragmatische Gebot der Origo-Exklusivität konzentriert; das Legen des Schwerpunktes auf die Origo-Exklusivität liegt nahe, da der thematische Rahmen des Seminars die Ich-Vermeidung in der Wissenschaftskommunikation fokussiert und die Origo-Exklusivität in erster Linie Kategorien umfasst, die die grammatischen Merkmale beinhalten, welche zur Ich- Vermeidung genutzt werden können - nicht umsonst wird wissenschaftlichen Texten oftmals ein

[...]


[1] Vgl. Hennig, Mathilde/Niemann, Robert: Unpersönliches Schreiben in der Wissenschaft: Eine Bestandsaufnahme.

In: Informationen Deutsch als Fremdsprache Nr. 4, 40. Jahrgang. München: Iudicium Verlag August 2013. S. 440f.

[2] Vgl.ebd., S.444ff.

[3] Vgl. ebd., S. 440.

[4] Vgl. Czicza, Dániel/ Hennig, Mathilde/Emmrich, Volker/Niemann, Robert: Zur Verortung von Texten zwischen den Polen maximaler und minimaler Wissenschaftlichkeit. Ein Operationalisierungsvorschlag. In: Fachsprache 2012, 1­2. S. 31f.

[5] Vgl. ebd., S. 4.

[6] Vgl. Bungarten, Theo: Zur Einleitung. In: Bungarten, Theo (Hrsg.): Wissenschaftssprache: Beiträge zur Methodologie, theoretischenFundierungundDeskription. München: Fink 1981. S. 9.

[7] Vgl. ebd., S. 12.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd., S. 11.

[11] Vgl. von Polenz, Peter: Über die Jargonisierung von Wissenschaftssprache und wider die Deagentivierung. In: Bungarten, Theo (Hrsg.): Wissenschaftssprache: Beiträge zur Methodologie, theoretischen Fundierungund Deskription. München: Fink 1981. S. 85.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd., S. 86.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. Bungarten, Theo: Zur Einleitung. S. 11.

[21] Vgl. ebd., S. 9.

[22] Vgl. Bungarten, Theo: Wissenschaft, Sprache und Gesellschaft. In: Bungarten, Theo (Hrsg.): Wissenschaftssprache: Beiträge zurMethodologie, theoretischen FundierungundDeskription. München: Fink 1981. S. 16f.

[23] Vgl. ebd., S. 19.

[24] Vgl. ebd., S. 20.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. ebd.

[27] Vgl. ebd., S. 24.

[28] Ebd., S. 25.

[29] Vgl. ebd.

[30] Vgl. ebd.

[31] Vgl. ebd.

[32] Vgl. Czicza, Dániel et. al.: Zur Verortung von Texten zwischen den Polen maximaler und minimaler Wissenschaftlichkeit. S.32.

[33] Vgl. Bungarten, Theo: Wissenschaft, Sprache und Gesellschaft. S. 24.

[34] Vgl. Czicza, Dániel et. al.: Zur Verortung von Texten zwischen den Polen maximaler und minimaler Wissenschaftlichkeit. S.32.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. ebd.

[37] Vgl. ebd.

[38] Ebd., S. 2.

[39] Vgl. ebd.

[40] Vgl. ebd., S. 4.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Ich-Gebrauch und grammatische Merkmale der Origo-Exklusivität in populärwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Texten
Untertitel
Eine vergleichende Analyse
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Ich-Vermeidung in der Wissenschaftskommunikation
Note
11,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V373334
ISBN (eBook)
9783668523210
ISBN (Buch)
9783668523227
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaftskommunikation, Populärwissenschaft, Wissenschaftlichkeit von Texten, Ich-Gebrauch, Origo-Exklusivität
Arbeit zitieren
Sarah Insacco (Autor), 2015, Ich-Gebrauch und grammatische Merkmale der Origo-Exklusivität in populärwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Texten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373334

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