Das Politische in Eichendorffs Lyrik am Beispiel "Ahnung und Gegenwart"


Bachelorarbeit, 2012

37 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ahnung und Gegenwart
2.1. Zur Entstehung
2.2. Struktur des Romans

3. Gedichte
3.1. Befreiungskriege und patriotische Waldauffassung
3.2. Zwischen Natur und Stadt
3.3. Das Abbild unserer Zeit

4 Abschließende Betrachtung

5 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der schlesische Romantiker Joseph von Eichendorff ist bis heute vor allem als Lyriker bekannt, obwohl er neben seinem bekanntesten Prosawerk Aus dem Leben eines Taugenichts elf andere Erzählungen geschrieben hat. Gerhard Schulz erscheint der Erzähler Eichendorff „sekundär gegenüber dem Lyriker Eichendorffwas jedoch nichts über die Qualität seiner Prosastücke aussagen muss. Ähnlich wie der Erzähler Eichendorff im Laufe der Rezeptionsgeschichte in den Hintergrund rückte, kann dies auch über den aufmerksamen Beobachter und Zeitkritiker Eichendorff behauptet werden. Franz Ries betont in diesem Zusammenhang, dass die Gefahr in Deutschland besonders groß war, „den Zeitkritiker Eichendorff für bestimmte gesellschaftspolitische und kulturhistorische Positionen zu vereinnahmen oder ihn eindimensional ideologisch festlegen zu wollen.“[3] [4] Auf welche Weise dies auch tatsächlich zu gefährlichen Tendenzen führte, hat Martin Hollender 1997 ausführlich gezeigt.[5] [6] [7] Vielleicht liegt gerade deshalb „eine systematische und fach­übergreifende Gesamtbetrachtung über den Zeitkritiker Eichendorff“4 noch nicht vor, weder über sein theoretisch-politisches Schaffen, noch in Bezug zu seinem literarischen Werk. Eine solche Betrachtung könntejedoch in vielerlei Hinsicht ergiebig sein, denn auffällig ist,

„daß sich [Eichendorffs] Prosaarbeiten in gewissen Zeitabschnitten und abhängig von historischen Situationen zusammenballen; in der Zeit der napoleonischen Kriege, in den frühen Restaurationszeit, in den Jahren nach der Pariser Julirevolution und zuletzt noch einmal um 1848. Die Entstehungszeiten weisen also deutlich aufPolitik und Zeitgeschichte“5.

Im Gegensatz zu den Entstehungszeiten der Prosatexte ist die lyrische Produktivität Eichendorffs durch ein kontinuierliches Schaffen gekennzeichnet. Kindlers Literaturlexikon ist zudem zu entnehmen, dass die stilistische Entwicklung der Lyrik um 1815 abgeschlossen ist. Seitdem „wurden die Bild- und Verssprache Eichendorffs nur noch entfaltet und differenziert, nicht mehr entwickelt.“[8] Die letzte thematisch-stilistische Wende der Gedichte ist für Frühwald die „zu den politischen Gedichten der Revolutionsjahre 1848/1849“[9]. Damit gemeint ist im Grunde Eichendorffs kritischer Gedichtzyklus 1848, der eine poetische Reflexion des Revolutionsgeschehens darstellt und neun Gedichte beinhaltet. Ries machte bereits 1997 darauf aufmerksam, dass diese Gedichte in der Forschung „bislang keine breitere Resonanz hervorgerufen“[10] haben. Diese Zusammenfassung suggeriert ein Eichendorff-Bild, das sich weitgehend mit dem eingangs skizzierten Lyriker-Eichendorff-Bild deckt. Bekannt ist seine Naturlyrik, ein schmaler „Vorrat an Bildern und Motiven“[11], „voll von weiten Landschaften oder Waldeinsamkeit, von rauschenden Wäldern, wogenden Kornfeldern, funkelnden Flüssen und schroffen Abgründen“[12], der laut Alewyn auf Grund seiner ständigen Wiederkehr zu einer „scheinbaren formelhaften Erstarrung“[13] führe. Der politische Eichendorff, der sich auch lyrisch mit seiner Gegenwart auseinandersetzte, findet dagegen weniger Beachtung. Klaus-Dieter Krabiel unterstellt der Eichendorff-Kritik sogar den Vorwurf, Eichendorffs Werk immer für „unpolitische Dichtung par excellence“[14] gehalten zu haben. Eine aus dieser Darstellung resultierende Aufteilung von Eichendorffs Lyrik in einen naturbezogenen, romantischen und unpolitischen Zeitraum von 1815 bis 1848 und ein politisches lyrisches Schaffen nach 1848 soll in dieser Arbeit untersucht, kritisch hinterfragt und letztlich widerlegt werden.

Wie mit Schulz bereits gezeigt, lassen sich Eichendorffs Prosawerke in ihrer Entstehung einem politischen und zeitgeschichtlichen Kontext zuweisen. Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass sich seit Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre in Deutschland eine Tradition entwickelte, Gedichte in Romanerzählungen einzubeziehen. Eichendorffs Gedichte kamen lange Zeit nur integriert in Erzählungen an die Öffentlichkeit und wurden erst später in Gedichtsammlungen gesondert verlegt. Es ist folglich wenig sinnvoll, die Prosaproduktion völlig gelöst von der lyrischen Entwicklung zu betrachten. Unter erneuter Berücksichtigung der zeitgeschichtlichen Ereignisse fallen nun zwei Daten auf, die für Eichendorff in mehrfacher Hinsicht bedeutsam sind, denn besonders „in den Jahren von 1803 bis 1815 - neben den Revolutionsjahren von 1848/49 - drohen dem deutschen Adel einschneidende Krisen.“[15] Eichendorff, der selbst einem schlesischen Adelsgeschlecht angehörte, sah sich in seinen jungen Jahren nicht nur persönlich mit dem Übergang von der Ständegesellschaft zur Klassengesellschaft konfrontiert. Er setzte sich auch kritisch mit seinem eigenen Stand, dem Adel, auseinander, was, wie noch zu zeigen sein wird, einen wesentlichen Bestandteil seiner politischen Kritik ausmacht. In Bezug auf das literarische Werk Eichendorffs ist nun interessant, dass sowohl vor 1815 als auch 1848 Werke entstanden, die sich inhaltlich eindeutig auf das Zeitgeschehen beziehen und kritisch damit auseinandersetzen. Neben dem bereits erwähnten Gedichtzyklus 1848 ist dies Eichendorffs erster, 1815 veröffentlichter, Roman Ahnung und Gegenwart, der mit 52 Gedichteinlagen Goethes Wilhelm Meister weit übertraf.[16]

Für die Frage, inwieweit nicht auch schon die frühe Lyrik Eichendorffs als politisch bezeichnet werden kann, ist Ahnung und Gegenwart in mehrfacher Hinsicht relevant. Zunächst kann festgehalten werden, dass Eichendorff die „Lage des eigenen Standes, die Frage nach seiner „adeligen“ Identität“ darin reflektiert und „ein erstaunliches Problembewusstsein [offenbart], sowohl beim kritisch-diagnostischen Zugriff wie auch bei der Suche nach Orientierungsmöglichkeiten.“[17] Des weiteren muss schon hier nach der Funktion der Gedichte innerhalb eines Romans gefragt werden. Schulz weist beispielsweise daraufhin, dass sich die Gedichte in Ahnung und Gegenwart nicht nur quantitativ deutlich von Goethes Wilhelm Meister unterscheiden, sondern darin auch eine andere Rolle spielen. Denn während bei Goethe die Gedichte zum Verständnis nicht auf den Rahmen der Handlung verzichten können, kann bei Eichendorff „umgekehrt der epische Kontext nicht auf das Gedicht verzichten“[18]. In „den Gedichteinlagen der Romane“, so Schulz weiter, „intensiviert und konzentriert Eichendorff nur jene Bilder, Metaphern und Symbole, die er auch in der Prosa verwendet.“[19] Inwieweit dies auch für zeitkritische und politische Bilder zutrifft, soll im Folgenden berücksichtigt werden.

Was ist das Politische in Eichendorffs Lyrik? Wie stellt es sich dar und welche Funktionen hat es? Die folgende Arbeit soll zeigen, inwiefern auch das frühe Werk Eichendorffs von seinen politischen, geschichts- und staatsphilosophischen Ansichten durchdrungen ist und wie diese darin wirken. Im Zentrum der Untersuchung stehen ausgewählte Gedichte aus Ahnung und Gegenwart, die in ihrem epischen Zusammenhang gelesen und gedeutet werden sollen. Unabhängig davon, wie offensichtlich zeithistorische Bezüge und politische Positionen auch im literarischen Werk Eichendorffs erkennbar sind, sollen die folgenden Überlegungen kein Versuch sein, die Lyrik Eichendorffs als verkürzte Version seiner politischen Aussagen darzustellen. Sie bleibt ein Ausdrucksmittel, das sich wie Literatur im Allgemeinen auf alle Bereiche des menschlichen Daseins beziehen kann, dabei aber nie eindeutig oder faktisch werden muss. Subjektives und Ambivalenzen auszudrücken und dabei uneindeutig zu lassen zeichnet nicht nur die Lyrik Eichendorffs aus und soll ihr auch hier nicht abgesprochen werden.

2. Ahnung und Gegenwart

2.1. Zur Entstehung

Eichendorff konzipierte seinen Roman zwischen 1810 und 1812 und ließ ihn 1814 mit Hilfe und Fürsprache des Friedrich Baron de la Motte Fouqués in Druck geben. Im Jahr 1815 erschien Ahnung und Gegenwart schließlich zur Ostermesse.[20] Für die Fragestellung dieser Arbeit lassen sich dabei mehrere Beobachtungen machen. Bereits im Frühjahr 1810 zeichnete sich der wirtschaftliche Verfall der elterlichen Güter Eichendorffs ab, was die Familie und besonders die beiden noch studierenden Brüder Joseph und Wilhelm in eine zunehmend prekäre finanzielle Situation brachte. Diese sollte sowohl auf Eichendorffs verfassungs­historischen Ansichten als auch auf sein literarisches Schaffen in Ahnung und Gegenwart Auswirkungen haben.[21] Reinhard Siegert zeigt in seiner Arbeit, wie Eichendorffs Herkunft sich in seinem Adelsbild widerspiegelt und auf welche Weise sie Zusammenhängen. Das Bewusstsein eines depossedierten Feudalen und das Gefühl des persönlichen Verlusts stellen nach Siegert die Grundlage für Eichendorffs Kritik am neuzeitlichen Adel dar.[22] Eichendorff sah, so Siegert, im altständischen Adel einen verfassungsgeschichtlichen Typus, dem der neuzeitliche Adel seiner Zeit nicht mehr gerecht wurde. Im Kern richtete sich diese Kritik „gegen das finanzielle Gebaren der Generation der Väter“[23], womit das Spekulieren und Handeln des Kleinadels mit ländlichen Gütern gemeint ist. Zu Beginn des 18. Jh. griffen überwiegend kleinere, an Macht und Einfluss verlierende Landadlige zu derartigen Maßnahmen, um sich finanziell zu rehabilitieren. Gleichzeitig büßten sie durch ihr Vorgehen Partizipation an der Zentralgewalt ein. Die Stellung des Adels wurde auch deshalb fragwürdig, weil adlige Landgüter immer schneller den Besitzer wechselten, ihre Herrschaft aber eigentlich aufKontinuität angewiesen war.[24]

Konrad Schaum macht zudem darauf aufmerksam, dass auch die zeitgeschichtlichen Ereignisse einen unmittelbaren Einfluss auf die Entstehung von Ahnung und Gegenwart ausgeübt haben: „Dem jugendlichen Eichendorff, der während den juristischen Studien in Wien seinen ersten Roman verfaßte, mußte die triviale, geschichtliche Gegebenheit weit näher, unmittelbarer und herausfordernder erscheinen, als dies seine betont objektive, ironisch distanzierte Erzählhaltung vermuten läßt.“[25] Bei Betrachtung des Briefwechsels zwischen Eichendorff und seinen Freunden aus der Zeit vor der Veröffentlichung des Romans lassen sich in dieser Hinsicht aussagekräftige Beobachtungen machen. In seinem Brief vom 03.10.1814 an seinen Verleger Fouqué erklärt Eichendorff, dass zur Zeit der Entstehung des Romans niemand sein Werk veröffentlichen wollte, „da [er] darin Anspielungen auf die neuesten Begebenheiten nicht vermeiden konnte und wollte.“[26] Weiter schreibt Eichendorff: „Endlich faßte der Strom unserer großen Zeit mich selbst und ließ mich nicht mehr los [...].“ Im selben Brief schreibt Eichendorff von „jener seltsamen gewitterschwülen Zeit der Erwartung, Sehnsucht und Schmerzen“[27]. Es war Eichendorff also durchaus ein Anliegen, das realhistorische und in gewisser Weise auch das politische Geschehen seiner Zeit in seinem Roman anzusprechen und darzustellen.[28] Markus Schwering weist dabei auf die Spanne zwischen Entstehungs- und Veröffentlichungszeitpunkt hin: Dass Eichendorff „vor der Eröffnung von Napoleons Rußlandfeldzug im Jahre 1812 offenbar keinen Verleger fand, der - wohl aus Angst vor den Zensurmaßnahmen der französischen Besatzungsbehörden - die Drucklegung riskieren wollte“, zeigt, „daß der Roman von den Zeitgenossen als das intendierte panoramatische Bild der Zeit vor den Befreiungskriegen aufgefaßt wurde.“[29] Darüber hinaus wird auch deutlich, dass die Darstellung der Zeit stark von seiner persönlichen Wahrnehmung beeinflusst und mit seinem Hoffen und Leiden in Verbindung gebracht wird. In einem Begleitbrief an seinen Freund Loeben vom 03.10.1814 beleuchtet Eichendorff den Gegenwartsbezug seines Romans aus einem weiteren Blinkwinkel, wenn er von ihm schreibt, dass er „leider von aller mystischer Romantik eben so weit entfernt [ist], als die Zeit, in welcher er handelt, von jener alten wunderbaren Welt“[30]. Neben der historisch-zeitlichen Gegenwart, in die die Handlung des Romans einzuordnen ist, eröffnet Eichendorff hier zwei weitere Bezugsgrößen, von denen er seinen Roman abzugrenzen versucht. Diese Beobachtung ist auch insofern interessant, als dass der Ton des Romans verschiedene Freunde und Leser Eichendorffs unabhängig voneinander an die unmittelbare Zeit vor den Befreiungskriegen zu erinnern schien.[31] Zunächst ist es Loeben, der in seiner Antwort auf Eichendorffs bereits erwähnten und zitierten Brief am 20.10.1814 in dem Roman „ein Abbild unseres Zustandes vor dem Ausbruche des rettenden Kriegs“[32] sieht und den im Roman beschriebenen Krieg für den von 1809 hält. Aufschlussreich sind auch die eigenhändigen Kommentierungen, die Eichendorff an bestimmten Stellen des Briefes hinzufügte. Auf die Beobachtung Loebens, „dass die gesamte Darstellung anstatt an lösender Ruhe zu gewinnen, sich und den Leser vielmehr wachsend verwickelt“,[33] erwidert Eichendorff in seinem Kommentar: „Natürlich, wie die verworrene, unbefriedigende Zeit, deren Bild der Roman sein soll. [...] Die jetzige Zeit ist und sollte der 2. Teil meines Romanes sein.“[34] Der bereits angedeutete Bezug zur realhistorischen Gegenwart in Ahnung und Gegenwart wird hier von Eichendorff selbst konkretisiert, wobei er den zweiten Teil seines Romans besonders hervorhebt, was auch für die folgenden Analysen von Bedeutung ist.

2.2. Struktur des Romans

Eichendorffs Roman besteht insgesamt aus drei Teilen, die in mehrere Kapitel untergliedert sind. Im Zentrum steht die Geschichte des jungen Grafen Friedrich, der nach seinem Universitätsstudium eine große Reise unternimmt. Auf ihr begegnet er scheinbar zufällig dem Grafen Leontin, der genauso wie Friedrich um eine romantisch-poetische Lebensform bemüht ist. Im Laufe der Handlung erweist sich ihre Begegnung jedoch als Folge einer geheimnisvollen Vorgeschichte. An verschiedenen Orten, in der freien Natur, in einer Residenzstadt und zuletzt im Gebirge begegnen die jungen Grafen verschiedenen Personen, werden in Kriegshandlungen verwickelt und wenden sich letztlich von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Gegenwart ab, indem sie abgelegene Orte in der Natur aufsuchen: Friedrich findet Frieden in einem Kloster und Leontin geht in das noch unbekannte Amerika.

Bereits der Titel deutet darauf hin, dass die Erfahrung der Zeit und insbesondere der Gegenwart eine entscheidende Rolle in Eichendorffs Roman spielen. Wie anhand des Briefwechsels gezeigt, entspricht dabei das zweite Buch aus Sicht des Autors am ehesten der historischen Gegenwart. Trotz dieser Feststellung enthält Ahnung und Gegenwart in keiner Weise eine chronologische Struktur geschichtlicher Ereignisse.[35] Historische Daten sind darin überhaupt nicht zu finden: „Vielmehr scheint es im Roman darum zu gehen, die realgeschichtlichen Ereignisse und Symptome einer allgemeinen Krise zu verwerten“[36] [37] [38]. Darüber hinaus lassen sich aber auch die anderen Teile des Romans zeitlichen Dimension zuordnen. Grundlage dafür ist die Idee romantischer Geschichtskonzeption. Beste und Schwering zeigen auf, wie das seit Novalis' Aufsatz Die Christenheit oder Europa geläufige triadische Geschichtsbild auch Eichendorffs Roman strukturiert.35 36 Dabei entspricht jedes Buch „einer der drei Stufen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft als wiedergewonnene Vergangenheit.“[39] Dieses Geschichtsbild wird von Schwering dann nochmals auf zwei Ebenen betrachtet. Zum einen umfasst es eine universalgeschichtliche Ebene, die sich in den durchweg positiven Motiven „der alten Zeit“, des „Ritterlichen“, dem „Alten“ überhaupt zeigt. Diese deuten auf die Zeit des Mittelalteralters, die von den Romantikern als paradiesische Urzeit universeller Einheit und Harmonie gesehen wurde. Die Gegenwart dagegen empfand man als krisenhafte Zeit der Zerrissenheit und Entzweiung, in der man die Rückkehr des Goldenen Zeitalters erwartete und gleichzeitig sehnsüchtig an vergangene Zeiten dachte. Neben der universalgeschichtlichen Ebene ist das triadische Geschichtsbild auch auf individualgeschichtlicher Ebene erkennbar. Hier spiegelt es sich in der Lebensgeschichte des Protagonisten Friedrich, der sich durch das Erlebte an seine glückliche Heimat und Kindheit erinnert, die er verloren hat, die ihn aber auch an eine künftige Wiederkehr hoffen lassen und damit Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart zusammenbringen.

Auf inhaltlicher Ebene ergeben sich aus diesem Aufbau folgende Konsequenzen für die Fragestellung dieser Arbeit: Die Einordnung der Handlung in eine krisenhafte Gegenwart und die stetige Rückbesinnung auf eine bessere, im romantischen Mittelalter verortete Vergangenheit beinhaltet auch eine politische Aussage. Galt in der Aufklärung noch die Antike mit ihrem republikanischem Staatssystem, auf das auch die Französische Revolution hinführte, als mustergültiges Vorbild, nahm diesen Platz in der Romantik auch im politischen Sinn eine idealisierte Vorstellung des Mittelalters ein. Das mittelalterliche Kaisertum proklamierte man als ideale Staatsform, die Ständegesellschaft des Mittelalters wurde als ein „pulsierende^] Organismus“ in einer ,,allgemeine[n] Harmonie menschlicher Fähigkeiten“[40] verklärt. Eichendorff, der seine Hinwendung zum Mittelalter besonders in seiner autobiographischen Schrift Der Adel und die Revolution[41] zum Ausdruck brachte, fand diese Mittelalteridee zu Beginn seines literarischen Schaffens 1805 bereits ausformuliert vor und verband diese mit den persönlichen Erfahrungen des Verlusts der elterlichen Güter. Für die Analyse der Gedichte ist die Erkenntnis wichtig, dass sie, als Bestandteile der Handlung, auch in den geschichtsphilosophischen und romantisch-politischen Zusammenhang eingebunden sind. Obwohl sich jedes Gedicht auch gelöst von der Rahmenhandlung deuten lässt, kann umgekehrt die Rahmenhandlung auch Deutungen universalgeschichtlicher und gegebenenfalls politischer Zusammenhänge in Bezug auf die Gedichte ermöglichen.

Auf formaler Ebene liefert das triadische Geschichtsbild als Struktur des Romans auch eine Deutungsstruktur für die Gedichte, da sie durch ihre Einbindung bereits einer spezifischen topographischen und zeitlichen Sphäre zugeordnet werden. Bedacht werden muss jedoch, dass Menschheitsgeschichte und Individualgeschichte nicht unabhängig voneinander dem triadischen Geschichtsbild folgen, sondern einander darin entsprechen, wie es bereits bei Schiller, Herder und Goethe der Fall ist.[42] Die Denkfigur dieser Entsprechung kann insofern für die Analyse der Gedichte von Bedeutung sein, als dass sie darauf aufmerksam macht, dass persönliche Vergangenheitserfahrung des Protagonisten und Vergangenes in historischer Dimension zusammen auftreten und nicht voneinander losgelöst betrachtet werden können. Es muss darauf geachtet werden, dass universalgeschichtliche und damit auch zeitkritische politische Ansprüche nicht mit dem Leiden, Hoffen und Ahnen des Protagonisten gleichgesetzt werden, wenngleich beide Sphären einander beeinflussen.

[...]


[1] Gerhard Schulz: Der Erzähler Eichendorff in der Geschichte. In: Michael Kessler/Helmut Koopmann (Hrsg.): Eichendorffs Modernität. Akten des internationalen, interdisziplinären Eichendorffs Symposiums 6-8. Oktober 1988, Akademie derDiözese Rottenburg-Stuttgart. In: Stauffenberg Colloquium 9 (1989), S. 158.

[2] Franz Xaver Ries: Zeitkritik bei Joseph von Eichendorff. In: Schriften zur Literaturwissenschaft 11 (1997), S. 11.

[3] Vgl. Martin Hollender: Die politische und ideologische Vereinnahmung Joseph von Eichendorffs. Einhundert Jahre Rezeptionsgeschichte in der Publizistik. Frankfurt am Main 1997.

[4] Ries 1997, S. 9.

[5] Schulz 1989, S. 158.

[6] Wolfgang Frühwald: Das lyrische Werk von Joseph von Eichendorff. In: Kindlers Neues Literaturlexikon. Bd. 5. München 1989, S. 69.

[7] Ebd., S. 69.

[8] Ries 1997, S. 217.

[9] Frühwald 1989, S 69.

[10] Schulz 1989, S. 159.

[11] Richard Alewyn: Eichendorffs Symbolismus. In: Alewyn, Richard.: Probleme und Gestalten. Frankfurt am Main 1974. S. 232-244.

[12] Klaus-Dieter Krabiel: Tradition und Bewegung. Zum sprachlichen Verfahren Eichendorffs. In: Studien zur Poetik und Geschichte der Literatur 28 (1973), S. 120.

[13] Ries 1997, S. 13.

[14] Vgl. Schulz 1989, S. 158.

[15] Ries 1997, S. 13,

[16] Schulz 1989, S. 158.

[17] Ebd., S. 158.

[18] Hier und im Folgenden zitiert nach: Joseph von Eichendorff: Ahnung und Gegenwart. In: Wolfgang Frühwald/Brigitte Schilbach (Hrsg.): Joseph von Eichendorff. Sämtliche Erzählungen I. Frankfurt am Main 2007, S. 613. (Im Folgenden Sigle „E“)

[19] Im Jahr 1805 schrieben sich die beiden Brüder Eichendorff an derjuristischen Fakultät Halle ein. Die finanzielle Situation der Familie war für diese Wahl entscheidend. Während ihres Studiums erfuhren die Brüder den Untergang der väterlichen Güter unmittelbar. Ab 1807 studierten sie in Heidelberg. Im Jahr 1809 ging Joseph nach Berlin und beendete sein Studium zwischen 1810 und 1812 in Wien. Nach dem Tod des Vaters 1818 begann das Liquidationsverfahren über das Vermögen, Schloss und Gut Lubowitz wurden 1823 zwangsversteigert. Vgl. Reinhard Siegert: Die Staatsidee Joseph von Eichendorffs und ihre geistigen Grundlagen. In: Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft: Neue Folge, 115 (2008), S 23-24.

[20] Ebd., S 19.

[21] Siegert 2008, S. 30.

[22] Vgl. ebd., S. 30.

[23] Konrad Schaum: Poesie und Wirklichkeit in Joseph von Eichendorffs „Ahnung und Gegenwart“, Heidelberg 2008, S. 7.

[24] E 617.

[25] E 617.

[26] In der Entstehungszeit des Romans beherrschte Napoleon mit Ausnahme Englands beinahe ganz Westeuropa. Die Erhebung Österreichs 1809 war erfolglos geblieben und Preußen seit 1806/07 kein Widerstand mehr. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ist 1806 unter dem Druck Napoleons aufgelöst worden. Die Jahre vor 1812 sind durch ein neu entstehendes Nationalbewusstsein in den okkupierten Ländern geprägt, das sich beispielsweise in den Volksaufständen 1808 in Spanien und 1809 in Tirol zeigt. In dieser Zeit vollziehen die deutschen Romantiker die Wende vom Kosmopolitismus zum Nationalgedanken. Nach Napoleons Niederlage im Russlandfeldzug 1812 setzten zwischen 1813 und 1815in ganz Europa die Befreiungskriegen ein, die 1815 mit dem Wiener Kongress und der Neuordnung Europas endeten. Vgl. Markus Schwering: Epochenwandel im spätromantischen Roman: Untersuchungen zu Eichendorff, Tieck und Immermann. In: KGS 19 (1985), S. 66-67.

[27] Schwering 1985, S. 65.

[28] E 618.

[29] Vgl. E 629.

[30] E 619.

[31] E 619.

[32] E 625.

[33] Im Zusammenhang der Handlung des Romans und seiner Entstehungszeit verweist Gisela Beste darauf, dass für Eichendorffs Roman keine konventionelle zeitliche Logik gilt. Die in Ahnung und Gegenwart erwähnten Freikorps gab es beispielsweise historisch erst nach dem Ende des Deutschen Reiches 1806/07. Im Roman tritt Friedrichs Bruder aber in einer weit zurückliegenden Vorgeschichte einem solchen Freikorps bei, womit die Ereignisse in eine Vorzeit verlagert werden. Dadurch verlängert sich der Abstand zwischen diesem und anderen historischen Ereignissen, wie dem Tiroler Aufstand gegen Napoleon 1809, auf den der Roman ebenfalls anspielt. Vgl. GiselaBeste: Bedrohliche Zeiten. Literarische GestaltungvonZeitwahmehmungund Zeiterfahrung zwischen 1810 und 1830 in Eichendorffs Ahnung und Gegenwart und Mörikes Maler Nolten. In: Epistemata 104 (1993). S. 22-23.

[34] Ebd.,S.23.

[35] Vgl. Schwering 1985, S. 12.

[36] Vgl. Beste 1993, S. 18.

[37] Schwering 1985, S. 22.

[38] Gerard Kozielek: Ideologische Aspekte der Mittelalterrezeption zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In: Peter Wapnewski: Mittelalterrezeption. Stuttgart 1986, S. 119-120.

[39] Vgl. Joseph von Eichendorff: Der Adel und die Revolution In: Wolfdietrich Rasch: Joseph von Eichendorff. Werke invierBänden. Vierter Band. München 1981.

[40] Vgl. bsd. Schwering 1985, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Das Politische in Eichendorffs Lyrik am Beispiel "Ahnung und Gegenwart"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
37
Katalognummer
V373360
ISBN (eBook)
9783668518056
ISBN (Buch)
9783668518063
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eichendorff, Lyrik, Befreiungskriege, Politik, Ahnung und Gegenwart
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Thomas Byczkowski (Autor), 2012, Das Politische in Eichendorffs Lyrik am Beispiel "Ahnung und Gegenwart", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373360

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