Die vorliegende Arbeit, die Goethes „Italienische Reise“ als zentralen Text zum Gegenstand hat, untersucht die Gemeinschaft der Künstler hinsichtlich der Berechtigung des Begriffs der Künstlerfreundschaft für diese spezielle, zeitlich begrenzte Verbindung. Um die Gemeinschaft Goethes und Tischbeins sowie den Bruch näher zu definieren und zu gewichten, existieren in der Forschungsliteratur unterschiedliche Deutungsansätze, welche dargelegt und diskutiert werden sollen. Die Arbeit stellt zunächst die gemeinsamen Reise-Lehr- und (Er-) Lebensphasen Goethes und Tischbeins dar; untersucht werden weiterhin die wechselseitigen Zeugnisse der Künstler und ihre Sicht aufeinander, Momente der Überschneidung, Ergänzung, Vervollständigung durch den anderen bis hin zum Bruch. Dazu zählt neben der Auswertung der IR, der Briefe Goethes an Freunde in Weimar und biografischer Aufzeichnungen Tischbeins auch die Darstellung der Freundschaft und das Zeugnis der künstlerischen Gemeinschaft in und durch das Bild. Außerdem wird Bezug nehmen zu sein auf die gemeinsame „Vorgeschichte“ der Künstler, um beider Vorbegriffe voneinander sowie diesbezügliche Erwartungshaltungen zu konkretisieren und zu begründen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Goethe und Tischbein: Verlauf einer „Künstlerfreundschaft“
2.1. Standort Rom: die Künstlerkolonie
2.2. Gemeinschaft im Alltag, Gemeinschaft in der Kunst: Goethes erster römischer Aufenthalt mit Tischbein
2.3. Die Reise nach Neapel
2.4. Distanzierung der Künstler und Bruch
3. Wechselseitige Wahrnehmung der Künstler
3.1. Vorgeschichte: Zürich-Weimar
3.2. Wechselseitige Zeugnisse der Freundschaft
3.3. Die gegenseitige Vervollständigung der künstlerischen Persönlichkeit
3.4. Zeugnisse im Bild: Tischbein sieht Goethe
3.5. Der Bruch: Distanzierung und Neubestimmung der Wege
3.6. Exkurs: zu Tischbeins familiärem Hintergrund
4. Goethe und Tischbein: eine „Künstlerfreundschaft“?
4.1. Zum Begriff der Freundschaft
4.2. Erwartung und Bedingung: was bietet der Moment?
4.3. Das Verhalten der Künstler im Moment der Trennung
4.4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Berechtigung des Begriffs der Künstlerfreundschaft für die zeitlich begrenzte, intensive Verbindung zwischen Johann Wolfgang Goethe und dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein während Goethes Italienischer Reise. Dabei wird der Fokus auf die gemeinsame Schaffensphase, die wechselseitige künstlerische Wahrnehmung und die Gründe für den abrupten Bruch der Beziehung gelegt.
- Historische und soziale Kontextualisierung der Begegnung in Rom und Neapel.
- Analyse der wechselseitigen künstlerischen Einflüsse und Vervollständigung.
- Untersuchung der visuellen Dokumentation der Freundschaft durch Tischbeins Werke.
- Deutung der Motive für die zunehmende Distanzierung und den letztlichen Bruch.
- Definition des Freundschaftsbegriffs im Kontext der Zeit und der individuellen Bedürfnisse der Akteure.
Auszug aus dem Buch
3.4. Zeugnisse im Bild: Tischbein sieht Goethe
Der Blick Tischbeins auf Goethe während der italienischen Zeit wird bestimmt durch zwei sich in nichts gleichende Formen zeichnerisch-malerischer Produktion. Zum einen ist Tischbein Chronist des gemeinsam verbrachten Alltags in der Künstlerkolonie mittels seiner spielerisch- leichten Skizzen und Zeichnungen, welche dem Betrachter einen gleichsam privaten, persönlichen Zugang gewähren. Es sind unverstellte, wie unbeobachtete Momentaufnahmen, die Geschichten erzählen über Goethe in seinem römischen Domizil, und in deren- einer wortlosen Bildergeschichte gleichenden- anspielungsreichen Details sich die Beschriebenen wiedererkennen mögen. Tischbein ist der einzige Maler aus dem römischen Kreis, der Goethe in dieser heiteren und beiläufigen Weise zeichnerisch wiedergibt.
Auch Tischbeins Bild „Goethe am Fenster“ scheint dem spontanen Festhalten einer Alltagssituation entsprungen zu sein. Goethe lehnt entspannt, nur halb bekleidet in Pantoffeln, Kniehose und weitem Hemd, am offenen Fenster und blickt hinaus. Das schattige Zimmer wird durch das von draußen hereinfallende Licht erhellt. Die dem Maler zugewandte „Rückseite“ Goethes vermittelt dem Betrachter einen Zustand von Vertrautheit, Ruhe und Offenheit; gleichzeitig bleibt der Betrachtete ganz für sich. Die für die Zeit ganz und gar untypische Rücken-Ansicht kann auch als Ausdruck von Tischbeins Distanzierung vom zeitgenössischen Portraitierungs- Ideal und Lavaters Theorien zur Physiognomie verstanden werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung legt das Ziel der Arbeit fest, die Berechtigung des Begriffs "Künstlerfreundschaft" zwischen Goethe und Tischbein anhand der historischen Fakten und der Forschungsliteratur kritisch zu beleuchten.
2. Goethe und Tischbein: Verlauf einer „Künstlerfreundschaft“: Dieses Kapitel skizziert die gemeinsamen Lebens- und Arbeitsstationen in Rom und Neapel sowie die Umstände, die zu einer anfänglichen engen Bindung und schließlich zur Distanzierung führten.
3. Wechselseitige Wahrnehmung der Künstler: Hier wird analysiert, wie sich beide Künstler gegenseitig wahrnahmen, ergänzten und in der Kunst (insbesondere im Bild) porträtierten, wobei auch die Vorgeschichte beleuchtet wird.
4. Goethe und Tischbein: eine „Künstlerfreundschaft“?: Das abschließende inhaltliche Kapitel diskutiert den Freundschaftsbegriff im historischen Kontext und zieht auf Basis der vorangegangenen Untersuchungen ein Fazit über die Natur ihrer Verbindung.
Schlüsselwörter
Johann Wolfgang Goethe, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Italienische Reise, Künstlerfreundschaft, Rom, Neapel, Klassik, Bildungsreise, Künstlerkolonie, bildende Kunst, Literatur, Freundschaftsbegriff, Portraitmalerei, Wechselseitige Wahrnehmung, Bruch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die zwischenmenschliche und künstlerische Beziehung zwischen Goethe und dem Maler Tischbein während Goethes Italienreise und hinterfragt, ob die Bezeichnung "Künstlerfreundschaft" für dieses zeitlich begrenzte Verhältnis zutreffend ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Bedingungen der Bildungsreise im 18. Jahrhundert, die Dynamik zwischen Dichter und Maler, die gegenseitige Beeinflussung in ihrer Arbeit sowie die Gründe für das Scheitern ihrer Gemeinschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Berechtigung des Begriffs der Künstlerfreundschaft für die spezielle Verbindung zwischen Goethe und Tischbein zu definieren, indem die Erwartungshaltungen, die tatsächliche Zusammenarbeit und die Faktoren des Bruchs analysiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Textanalyse von Primärquellen wie Goethes "Italienischer Reise", Briefen, Tagebucheinträgen und biografischen Aufzeichnungen sowie der Einordnung dieser Quellen in den Kontext relevanter Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Reiseverlaufs, die Untersuchung der wechselseitigen Wahrnehmung – inklusive der künstlerischen Auseinandersetzung – sowie eine kritische Reflektion über das Verhalten beider Akteure im Moment der Trennung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Künstlerfreundschaft", "Italienische Reise", "Goethe", "Tischbein", "Wechselseitige Wahrnehmung" und "Klassik" charakterisiert.
Wie beeinflusste Tischbein Goethes Arbeit in Italien?
Tischbein fungierte als Cicerone und Lehrer, der Goethes Blick auf die Kunst schulte, ihn beim Zeichnen anleitete und als Gesprächspartner für ästhetische und inhaltliche Fragen zur Verfügung stand.
Warum kam es zum Bruch zwischen Goethe und Tischbein?
Der Bruch resultierte aus divergierenden Interessen: Goethe suchte nach künstlerischer Selbstklärung und Bildung, während Tischbein durch eine unsichere finanzielle Lage gezwungen war, eigene berufliche Wege und Mäzene in Neapel zu suchen.
Welche Rolle spielt Tischbeins "Campagna-Porträt" in dieser Analyse?
Das Porträt dient als zentrales Beispiel für die wechselseitige, vielschichtige Wahrnehmung der Künstler; es visualisiert Goethes Identität als Weltbürger und sein Streben nach Erkenntnis vor dem Hintergrund antiker Ruinen.
Wie bewertet die Autorin die Beziehung rückblickend?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es sich weniger um eine Freundschaft im strengen Sinne, sondern vielmehr um eine zeitlich begrenzte "Gemeinschaft auf Zeit" handelte, die von gegenseitigem Nutzen geprägt war.
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- Sabine Swoboda (Author), 2015, Johann Wolfgang Goethe und der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein in Italien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373392