Die "Res gestae divi Augusti" als ein Zeugnis der Selbstdarstellung des Kaisers Augustus


Seminararbeit, 2017

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 ZU DEN RES GESTAE DIVI AUGUSTI
2.1. Entstehung, Veröffentlichung und (Wieder-) Entdeckung
2.2 Aufbau und Inhalt

3 DIE SELBSTDARSTELLUNG DES KAISERS ANHAND AUSGEWÄHLTER TEXTSTELLEN MIT BEZUGNAHME AUF DIE HISTORISCHE REALITÄT
3.1. Fragwürdige Machterlangung
3.2. Augustus als "Friedensfürst"
3.3. Die Verschleierung der Monarchie

4 ZUSAMMENFASSUNG

LITERATURVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

Imperator Caesar Divi Filius Augustus - ein Kaiser, "der in der dankbaren Erinnerung der Nachwelt als ein < übermenschlich erhabenes Wesen > (so könnte man das Prädikat Augustus umschreiben) weiterlebt."[1] Diese Äußerung von Andreas Alföldi wäre mit Sicherheit im Sinne Augustus' gewesen, beschreibt sie ihn doch so, wie er sich selbst mit Freude darstellte. Bereits im Titel lässt sich erkennen, welche Stellung er seiner Person zuschrieb, denn der Divi Filius erhob sich selbst in Bezug auf seinen Adoptivvater Julius Caesar, dessen Erbe er annahm und auch den Namen mit Stolz trug, in die Sphäre des Göttlichen.

Geboren als Gaius Octavius am 23. September 63 v. Chr. in Rom, schuf er als erster römischer Kaiser die Grundlagen für das Kaisertum und begründete die julisch - claudische Dynastie. Auf eine gezielte und taktisch durchaus clevere Manipulation des Volkes konnte er vor und während seiner Regierungszeit nicht verzichten, denn er stellte die Republik lediglich formal wieder her, um seine monarchische Herrschaftsform zu verschleiern. Ohne Schwierigkeiten integrierte er das bereits vorhandene System in das Prinzipat [2] und verankerte darin seine Alleinherrschaft.[3] Zum Zwecke der Sicherung seiner Stellung im Staat nutzte Augustus insbesondere Bild und Wort; ersteres kam überwiegend in Statuen und Bauwerken zur Geltung. Zur Demonstration seiner Gott - gleichen Stellung präsentierte er sich mit Vorliebe auf Münzen; sie ermöglichten, seine Ideologie im gesamten römischen Reich zu propagieren. Trotz der Selbstinszenierung, in der er wahrhaftig ein Meister war, wirkte der Princeps [4] dank taktischer Klugheit stets bescheiden.

Unabdingbar für die Betrachtung der Selbstdarstellung des Kaisers sind jedoch auch die Res gestae divi Augusti, oder auch als Index rerum gestarum bezeichnet, die den Leistungs- und Tatenbericht des Augustus verkörpern. In der Arbeit soll insbesondere zu folgenden Fragen Stellung genommen werden: Wie stellt sich Augustus in seinem Tatenbericht dar? Inwieweit korrelieren seine Äußerungen mit der historischen Realität?

Zunächst wird ein kurzer Überblick zu Entstehung, Veröffentlichung und Entdeckung sowie zum Aufbau und Inhalt der Res gestae gegeben. Aufgrund des geringen Umfangs der Arbeit ist eine vollständige Analyse nicht möglich; daher werden im dritten Kapitel nur einzelne Aussagen aus dem Tatenbericht mit Bezugnahme auf die historische Wirklichkeit hinsichtlich Machterlangung, Augustus als "Friedensfürsten" und Verschleierung der Monarchie analysiert. Als Vorlage dient die deutsche Übersetzung von Ekkehard Weber in Augustus - meine Taten.[5]

2 ZU DEN RES GESTAE DIVI AUGUSTI

2.1. Entstehung, Veröffentlichung und (Wieder-) Entdeckung

Kaiser Augustus starb am 19. August 14 n. Chr. im Alter von 76 Jahren im Beisein seiner Frau Livia und einiger Würdenträger eines natürlichen Todes in Nola bei Neapel. Als Nachlass verfasste er zuvor fünf Schriften: ein Testament, Auskünfte über die finanzielle und militärische Situation des römischen Reiches, Anweisungen dahingehend, wie sein Begräbnis zu organisieren sei sowie einen Leistungs- bzw. Tatenbericht.[6] Letzterer ist bekannt als Res gestae (divi Augusti) und wurde bis spätestens 3. April 13 n. Chr. zusammen mit den anderen Nachlässen im Vestatempel hinterlegt.[7] Eine weitere, durchaus berühmte Bezeichnung der Res gestae als "Königin der Inschriften" wurde von Theodor Mommsen etabliert.

Bezüglich des Entstehungszeitraums sind sich Forscher unschlüssig. Friedrich Vittinghoff bspw. begrenzt die Spanne auf die letzten Jahre vor dem Tod: "Die Form jedoch, die wir heute lesen, ist eine Selbstdarstellung aus den letzten Jahren des Augustus."[8] Dahingegen trifft Jochen Bleicken eine Datierung der letzten Fassung des Berichts auf den Monat April 13 n. Chr..[9]

Die Angabe "Da ich dies niederschreibe, befinde ich mich in meinem sechsundsiebzigsten Lebensjahr." [10] im Tatenbericht könnte darauf hindeuten, dass das Schriftstück im 76. Lebensjahr abgeschlossen wurde.

Sichtbar für die Öffentlichkeit, wurde der Tatenbericht nach dem Tod des Kaisers von seinen Erben auf zwei Bronzetafeln vor dem Mausoleum, seiner Grabstätte, eingemeißelt. Im Testament hatte Augustus dieses Vorgehen befohlen.[11] Der Text wurde nach dem Tod als Vermächtnis an die Nachwelt von den amtierenden Konsuln im gesamten Reich publiziert[12] und galt durchaus als Maßstab und Leitbild für folgende Herrscher, diente jedoch ebenso dazu, die Leistungen des Kaisers für die Ewigkeit zu konservieren. Einzigartig ist das Schriftstück auch in der Hinsicht, dass es einen Einblick in sein politisches Denken und die Ideologie mittels seiner eigenen Worte gewährt und somit eine direkte Verbindung schafft.

Das Original ist nicht mehr erhalten, jedoch, so Ekkehard Weber, wurde von einer Gesandtschaft des späteren römischen Kaisers Ferdinand I. eine Abschrift des Tatenberichts im Jahr 1555 in Ancyra, dem heutigen Ankara, an den Wänden an einem der Tempel der Göttin Roma entdeckt. Die als Monumentum Ancyranum bezeichnete Kopie ist die umfangreichste aller Abschriften und besteht aus einer lateinischen und einer griechischen Inschrift. Erstere war in jeweils drei Kolumnen an den Innenseiten der Vorhalle eingemeißelt; die griechische Version an der rechten Außenwand des Tempels.[13] Aufgrund zahlreicher Beschädigungen im Laufe der Zeit weist der Text unzählige Lücken auf. Der Tempel, in dem die Abschrift gefunden wurde, ist seit dem 15. Jahrhundert Bestandteil der Hacı Beiram - Moschee in Ankara und wurde zu einem Museum umgestaltet.[14]

Im Jahr 1821 wurden wenige Reste einer griechischen Durchschrift der Res gestae in Apollonia (Pisidien) gefunden; 1930 konnten weitere, deutlich größere Bruchstücke gesichert werden. Die als Monumentum Apolloniense gekennzeichnete Kopie war in sieben Kolumnen an einer Vorrichtung angebracht, die ebenfalls Träger der Standbilder des Augustus und seiner Familie war. Anhand der Fragmente konnte der griechische Text der Abschrift des Tatenberichts im Gesamten rekonstruiert werden. Infolgedessen gelang es Wissenschaftlern, bis dahin unschlüssige Textstellen der lateinischen Version zu sichern.

Bei Ausgrabungsarbeiten, die 1914 und 1924 in Antiochia (Pisidien) durchgeführt wurden, ließen sich in etwa 270 Splitter einer lateinischen Variante der Abschrift des Tatenberichts auffinden. Mithilfe dieser Stücke konnte der ursprüngliche Wortlaut der lateinischen Version nachempfunden werden.[15] Diese Überreste des Monumentum Antiochenum, wie die dritte Kopie bezeichnet wird, waren vermutlich am Sockel eines Reiterstandbildes des Augustus oder am Durchgang eines prunkvollen Tores angebracht.[16]

Die Bruchstücke des Monumentum Ancyranum, Apolloniense und Antiochenum erlaubten eine inhaltliche Rekonstruktion des verlorenen Originals der Res gestae, mit nachträglichen Ergänzungen einzelner Buchstaben und Satzteile.[17] Ekkehard Weber selbst stützt sich in seiner Ausgabe auf die Fassung von Volkmann, Hans (1969). Res gestae divi Augusti. Berlin.

2.2 Aufbau und Inhalt

Die Res gestae bestehen aus 35 Kapiteln, gegliedert in eine kurze Einleitung und drei Hauptteile, in denen Augustus seine Taten und den Aufstieg vom einfachen Senator zum Vater des Vaterlandes zwischen dem 19. und 76. Lebensjahr in der Ich-Form schildert. Der Sprachstil ist sachlich und nüchtern. Interessanterweise befand sich auf der Originalabschrift womöglich keine Einleitung oder Überschrift; beim Monumentum Ancyranum erstreckte sie sich jedoch über die Kolumnen I bis III und beim Monumentum Antiochenum über die Kolumnen I und II[18] und lautet: "Nachstehend die Abschrift des auf zwei in Rom aufgestellten Bronzepfeilern eingegrabenen Berichtes von den Taten des göttlichen Augustus, durch welche er den Erdkreis der Herrschaft des römischen Volkes unterwarf, und von den Aufwendungen die er für Staat und Volk von Rom machte." [19]

Bereits hier weist Augustus einerseits auf seine Vergöttlichung hin, andererseits stellt er seine außenpolitische Macht dar, indem er auf die Eroberungen unzähliger Gebiete anspricht. Ebenfalls leitet er den Tatenbericht mit dem Hinweis auf die Aufwendungen, die er für Staat und Volk erbrachte, ein und möchte somit seinen Dienst für den Staat hervorheben.

Im Tatenbericht beruft er sich auf seine auctoritas principis; die Macht seiner Autorität, Leistungen und Anerkennung.[20] In den Kapiteln eins bis 14 zählt Augustus sämtliche ihm zugetragene Ehrungen auf und stellt die von ihm besetzten Ämter dar; wobei die ersten drei Kapitel die frühen Jahre des Octavian nach der Ermordung Caesars beschreiben. Finanzielle Aufwendungen des Kaisers (impensae) für den Staat und insbesondere der plebs urbana finden sich in den Kapiteln 15 bis 24. Die eigentlichen Taten (res gestae), einschließlich der offensiven Außenpolitik, sind in den Kapiteln 25 bis 35 enthalten.

Die Res gestae setzen sich im Gesamten aus Euphemismus gepaart mit historischer Realität zusammen, wobei letztere aufgrund der ausschließlich subjektiven Darstellung des Kaisers oftmals verschleiert oder verdreht wird. Augustus war darauf bedacht, ein positives Bild seiner Selbst zu hinterlassen und sein Ansehen auch nach dem Tod nicht dem Zufall zu überlassen. Die außerordentliche Selbstinszenierung zu Lebzeiten ermöglichte ihm, die Öffentlichkeit zu beeinflussen sowie Herrschaftsstellung und Ansehen bis nach dem Tode zu sichern. Allein die Befestigung des Tatenberichts vor seiner eigenen Grabstätte verdeutlicht die hohe Meinung, die er von sich selbst hatte und auch von der Bevölkerung zugetragen bekommen wollte. Es ist der einzige Tatenbericht dieser Art, der von einem römischen Herrscher erhalten ist.

3 DIE SELBSTDARSTELLUNG DES KAISERS ANHAND AUSGEWÄHLTER TEXTSTELLEN MIT BEZUGNAHME AUF DIE HISTORISCHE REALITÄT

"Hat das Ganze euch gefallen, nun so klatschet Beifall unserm Spiel, Und entlaßt uns alle nun mit Dank." [21] Mit diesem oder ähnlichen Wortlaut, mit dem zu seiner Zeit üblicherweise Schauspieler von der Bühne gingen, soll sich Augustus kurz vor seinem Tode von Frau und Begleitern verabschiedet haben. Bei näherer Betrachtung der Fakten wird ersichtlich, dass er ohnegleichen vieles im Staat erreichen konnte, jedoch ein Mensch war, der Schauspiel und Manipulation beherrschte. Das Wichtigste war nach der umstrittenen Machterlangung die Verschleierung der Errichtung einer monarchischen Herrschaftsform, indem er öffentlich vor Volk und Senat, vorgab, die res publica wieder herzustellen. Jeglicher Verdacht, der seine Position hätte gefährden können, wurde abgewandt. Die Res gestae sollten daher den Schein einer fortlaufenden Republik auch nach seinem Tod wahren, um das Bildnis, das der Kaiser größtenteils aus eigener Anstrengung erschaffen hatte, aufrecht zu erhalten.

Im Folgenden werden unterschiedliche Auszüge aus dem Tatenbericht erläutert und in Zusammenhang mit der Realität gebracht, um aufzuzeigen, dass Augustus für die römische Bevölkerung reichlich geleistet hatte, andererseits bedenkliche Ereignisse und Taten in den Res gestae nicht mit einbezog, die seine bewusste Selbstinszenierung infrage gestellt hätten.

3.1. Fragwürdige Machterlangung

Um die Widersprüchlichkeit in Augustus als "Friedensfürsten" und die Verschleierung der Monarchie mit scheinbarer Wiederherstellung der Republik darstellen zu können, ist es unabdingbar, einen Blick auf die Erlangung der Machtposition des Octavian zu werfen, mit der er im Tatenbericht folgendermaßen beginnt: "Im Alter von neunzehn Jahren habe ich als Privatmann aus eigenem Entschluß und aus eigenen Mitteln ein Heer aufgestellt, mit dessen Hilfe ich den durch die Willkürherrschaft einer bestimmten Gruppe versklavten Staat befreite." [22] Augustus behauptet, den Staat von der angeblich tyrannischen Herrschaft unter Antonius befreit zu haben, obwohl dieser zu der Zeit rechtmäßig gewählter Konsul war. Er stellt sich als Befreier des römischen Volkes dar und versucht somit frühzeitig, seine Position als "Retter" zu etablieren. Der Konflikt zwischen dem jungen Octavian und seinem Konkurrenten verschärfte sich in dieser Zeit zunehmend, wobei ersterer gekonnt die parallel auftretenden Spannungen[23] zwischen Senat und Antonius auszunutzen wusste.

Bedenklich ist überdies die Aufstellung eines Heeres als Privatmann. Das war ein rechtswidriger Akt, da ein Heer nur vom Senat aufgestellt und ausgerüstet werden durfte.[24] Die Gesamtfinanzierung aus "eigenen" Mitteln scheint nahezu utopisch, da Octavian sich mit der Annahme des Erbe Caesars gleichzeitig auch anderer, großer finanzieller Aufwände verpflichtete.

Der Senat hätte sich für die "Befreiung der tyrannischen Herrschaft" erkenntlich gezeigt und Octavian, "unter ehrvollen Beschlüssen im Konsulatsjahr des C. Pansa und A. Hirtius (43 v. Chr.) in seine Reihen aufgenommen" [25] und zum Konsul ernannt. Augustus rühmt sich, mithilfe eines gesetzeswidrigen Vorgangs den Staat, den er durch Antonius gefährdet sah, gesichert und folglich den konsularischen Rang und die militärische Befehlsgewalt verdient zu haben. Das Konsulat hätte er wohl jedoch nicht erhalten, wäre es nicht erzwungen gewesen: Mit seinen Legionen marschierte er auf Rom und erzwang unter Druck vom Senat, ihm den konsularischen Rang zu verleihen und machte sich mit diesem Vorgang des Hochverrats schuldig.[26] Die Senatsaufnahme setzte nämlich die Erfüllung gewisser Bedingungen, bspw. Mindestalter und vorherige Bekleidung von Ämtern, voraus.

Auffällig, jedoch nicht verwunderlich in Hinblick auf seine narzisstische Darstellung, ist die Schilderung, er solle "als Proprätor zugleich mit den Konsuln Sorge tragen" [27], um den Staat zu schützen. Augustus stellt sich hier nicht nur über die Konsuln, indem er sich als Proprätor zuerst nennt; er erwähnt zudem auch nicht, dass er mit einem proprätorischem Rang den Konsuln unterstellt war und ebenso eine geringere Kommandogewalt besaß. Geschickt lenkt er in den Res gestae die Aufmerksamkeit und Bedeutung für das Imperium jedoch auf seine Person und verhüllt die Tatsachen, um sich schon am Beginn seiner politischen Karriere in positivem Licht zu präsentieren.

Jochen Bleicken findet, insbesondere für die Zeit um 43 v. Chr., in seiner Biografie deutliche Worte dafür, wie das Handeln Octavians einzuschätzen sei. Ihm zufolge entspräche der überwiegende Teil der Angaben, die Augustus im Tatenbericht macht, "nur in einem sehr oberflächlichen Sinne dem, was damals geschehen war"[28] ; manches könne laut Bleicken nicht einmal geltend gemacht und müsse als falsch gekennzeichnet werden.

Der Inhalt des Tatenberichts sagt viel über Augustus und sein politisches Leben aus. Dennoch zeigen auch die Ereignisse, die er nicht erwähnt, dass er stark darauf bedacht war, sein positives Bild, dass er sich mühevoll erschaffen hatte, für die Nachwelt unsterblich zu machen. Insofern erwähnt er im Bericht bspw. zwar zwei Mal, dass er Mitglied des Triumvirats zur angeblichen Neuordnung des Staates[29] war, jedoch nicht, dass er seine "Verbündeten", Lepidus und Antonius, ausschaltete, um die alleinige Herrschaft zu übernehmen. Es war im Grunde genommen ein Bündnis, das ihm nur als Mittel zum Zweck diente und Octavian in seiner politischen Laufbahn weiter voran treiben sollte. Erst wurden die Gegner Caesars eliminiert ("Die meinen Vater ermordet haben, trieb ich in Verbannung [...] besiegte [ich] sie zweifach in offener Feldschlacht." [30] ), danach sollten Lepidus und schlussendlich Antonius folgen. Letzteren besiegte Octavian 31 v. Chr. in der Schlacht bei Actium.

Die Schilderungen im Tatenbericht lassen vermuten, dass Octavian von Anfang an bewusst handelte und sich taktisch vom Erben Caesars zum Sieger über Antonius und andere Gegner entwickelte. Ein Gerüst aus ausschließlich positiven Leistungen baute er sich, wie die Res gestae eindeutig bezeugen, schon vor der Übernahme des Prinzipats auf und schuf somit die Grundlagen für weitere Schritte der Selbstinszenierung.

3.2. Augustus als "Friedensfürst"

Die Schließung des Ianus - Tempels erfolgte dann, wenn "zu Wasser und zu Lande ein durch Siege gefestigter Friede" [31] bestand. Dies wird von Augustus ausführlich im Kapitel 13 der Res gestae beschrieben. Er verzichtet nicht darauf zu erwähnen, dass die Schließung des Tempels drei Mal vom Senat (unter seiner Regierung) während seiner Zeit angeordnet wurde, dies jedoch zuvor erst zwei Mal seit der Gründung Roms geschehen sein soll. Mit seiner Ausführung hebt er hervor, dass unter seiner Regierung ein überwiegender Frieden im Landesinneren herrschte und er sich mit dieser Leistung deutlich von seinen Vorgängern abhob. Er war bestrebt, als "Kaiser des Friedens"[32] in Erinnerung der Nachwelt zu bleiben.

Die Darstellung als "Friedensfürst" im Tatenbericht lässt die tatsächlichen Geschehnisse weitgehend außen vor. Zur Erlangung seiner Herrschaftsstellung eliminierte Octavian schon frühzeitig skrupellos sämtliche Gegner und vermeintliche Gefährder seiner Position. Im Rahmen des Triumvirats, dem Dreimännerkollegium zusammen mit Antonius und Lepidus, sollte die Strafverfolgung der Gegner und Caesarmörder Brutus und Cassius voranschreiten und die Machtstellung des Octavian gefestigt werden. Anders als Antonius, soll er nach der Ermordung Brutus' kaltblütig dessen Kopf abgetrennt und ihn in Rom als Totenopfer vor die Statue Caesars geworfen lassen haben.[33] "Keine einzige Geste von Mitgefühl und Großmut weiß die Mit- und Nachwelt von diesem "Peiniger" aus jenen blutigen Jahren zu berichten"[34], erläutert Friedrich Vittinghoff in seiner Darstellung über den Kaiser.

Das Kollegium leitete aber auch die letzte und wohl blutigste Phase des Bürgerkrieges, den der junge Triumvir später durch Eigenleistung als beendet deklarierte ("[...] nachdem ich den Bürgerkriegen ein Ende gesetzt hatte [...]" [35] ), ein. Mithilfe von Proskriptionen wurde ein Massenmord an Gegnern und Verdächtigen verübt, dem in etwa 2000 Ritter und 300 Senatoren, u.a. auch Marcus Tullius Cicero [36], zum Opfer fielen. "Niemals in der wahrhaft nicht friedfertigen Geschichte dieses Jahrhunderts hat die nackte Gewalt so gewütet wie in den folgenden Monaten"[37], beschreibt Vittinghoff das brutale Vorgehen. Ähnliches beschreibt der römische Schriftsteller Gaius Suetonius Tranquillus in seiner Kaiserbiografie: Octavian hätte sich zwar einige Zeit lang gegen die Proskriptionen ausgesprochen, übte sie dann jedoch "härter als die beiden anderen" aus und bestand darauf, "daß keiner geschont werde"[38]. Er billigte zur Etablierung seiner Position mittels Triumvirat erneute gewaltsame und tödliche Unruhen, die er dann durch einen gewonnen Krieg, den er jedoch selbst entfachte, als abgeschlossen verkündete. Bei diesem Krieg handelte es sich um die gegen Antonius und Kleopatra geführte Schlacht bei Actium [39]. Nach dem Sieg Octavians, wodurch der Kampf um Rom und somit auch innere Unruhen beendet schienen, ließ er sich von Volk und Senat als Friedensbringer des römischen Reiches feiern.[40] Octavian hatte zu diesem Zeitpunkt keine Gegner mehr, die ihn politisch oder militärisch ernsthaft gefährden konnten. Der "Triumph" über Antonius und Kleopatra selbst wird in den Res gestae nicht erwähnt; doch die Wahrheit hinter der beschönigenden Darstellungen im Tatenbericht zeigt Octavian als einen hinterhältigen, barbarischen Mann, der sich auf die alleinige Herrscherposition im römischen Reich fokussierte und kaltblütig Gegner und Widersacher beseitigte, um sich darüber als Retter des Friedens zu profilieren.

[...]


[1] Zitat aus: Alföldi, Andreas (1976). Oktavians Aufstieg zur Macht. In: Antiquitas Reihe 1. Abhandlungen zur Alten Geschichte Bd. 25. Rudolf Habelt. Bonn. S. 9.

[2] Herrschaftsstruktur im römischen Reich begründet durch Kaiser Augustus.

[3] Böhme, Christian (1995). Princeps und Polis. Untersuchungen zur Herrschaftsform des Augustus über bedeutende Orte in Griechenland. In: Quellen und Forschungen zur antiken Welt. Bd. 17. tuduv Verlagsgesellschaft. München. S. 169.

[4] So lautete der offizielle Titel der römischen Kaiser während der Prinzipatszeit und bedeutete "erster Bürger".

[5] Weber, Ekkehard (Hrsg.) (1989). Augustus. Meine Taten. Res Gestae Divi Augusti. Sammlung Tusculum. Artemis. München / Zürich.

[6] Rehrmann, Franz Anton (1937). Kaiser Augustus: Neuschöpfer Roms, Retter des römischen Reiches und der abendländischen Kultur, Ideal eines genialen und sozialen Friedensfürsten. Jubiläumsschrift zum 2000 jährigen Geburtstage des ersten römischen Kaisers am 23. September 1937. Franz Borgmeyer. Hildesheim. S. 625.

[7] Vittinghoff, Friedrich (1959). Kaiser Augustus. Persönlichkeit und Geschichte Bd. 20. Muster-Schmidt. Göttingen / Zürich. S. 11.

[8] Ebd. S. 11.

[9] Bleicken, Jochen (2000). Augustus. Eine Biografie. Alexander Fest. Berlin. S. 509. Anmerkung: Dieser Datierung zufolge wurde der Tatenbericht kurz zuvor oder sogar am Tag der Hinterlegung im Vestatempel fertig gestellt.

[10] Zitat aus: Weber, E. (Hrsg.) (1989). S. 42. Kapitel 35.

[11] Eck, Werner (1998). Augustus und seine Zeit. C.H. Beck. München. S. 7. oder auch: Vittinghoff, F. (1959). S. 10.

[12] Vgl.: Ebd. S. 7. Ergänzung: Später wurden die unterschiedlichen Publikationen als Monumentum Ancyranum, Apolloniense und Antiochenum identifiziert. Die griechische Variante des Tatenberichts ermöglichte es der nicht lateinsprachigen Bevölkerung, den Text zu verstehen.

[13] Weber, E. (Hrsg.) (1989). S. 6.

[14] Ebd. S. 6.

[15] Mit der Entdeckung des Monumentum Apolloniense im Jahr 1930 wurde der lateinische Wortlaut vollständig rekonstruiert.

[16] Weber, E. (Hrsg.) (1989). S. 6 ff.

[17] Es ist zu erwähnen, dass unterschiedliche Übersetzungen einzelner Abschnitte des Tatenberichts existieren. Zu den verschiedenen Translationen und Interpretationsvarianten sind folgende Texte zu empfehlen: Adcock, Frank E. (1951). Die Interpretation von Res gestae divi Augusti, 34,1.; Berve, Helmut (1936). Zum Monumentum Ancyranum; sowie Hohl, Ernst (1947). Das Selbstzeugnis des Augustus über seine Stellung im Staat. Allesamt in: Schmitthenner, Walter (1969). Augustus. In: Wege der Forschung. Band CXXVIII. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt.

[18] Weber, E. (Hrsg.) (1989). S. 54.

[19] Zitat aus: Ebd. S. 11.

[20] Christ, Karl (2001). Die Römische Kaiserzeit. Von Augustus bis Diokletian. C.H. Beck. München. S. 18.

[21] Zitat aus: Suetonius Tranquillus, Gaius (2004). Sämtliche erhaltene Werke. Mit einer Einführung von Franz Schön. Magnus. Essen. S. 118.

[22] Zitat aus: Weber, E. (Hrsg.) (1989). S. 11. Kapitel 1.

[23] Die Spannungen resultierten daraus, dass Antonius die Nachfolge als Statthalter der Provinz Gallia Cisalpina per Volksbeschluss zugetragen wurde, die Provinz jedoch unter der Verwaltung Brutus', einem der Mörder Caesars,

stand.

[24] Vgl. Bleicken, J. (2000). S. 510.

[25] Zitat aus: Weber, E. (Hrsg.) (1989). S. 11. Kapitel 1.

[26] Vgl. Bleicken, J. (2000). S. 510. und Huttner, Ulrich (2008). Römische Antike. Reihe Studium Geschichte. Narr Francke Attempto. Tübingen. S. 199.

[27] Zitat aus: Weber, E. (Hrsg.) (1989). S. 11. Kapitel 1.

[28] Zitat aus: Bleicken, J. (2000). S. 509.

[29] siehe Weber, E. (Hrsg.) (1989). S. 11, Kapitel 1 sowie S. 17, Kapitel 7.Weitere Ausführungen zum Triumvirat im Kapitel 3.3. dieser Arbeit.

[30] Zitat aus: Ebd. S. 11. Kapitel 2. Anmerkung: In diesem Abschnitt täuscht Augustus vor, er allein wäre für die Rache an den Caesarmördern verantwortlich gewesen; die Strafverfolgung wurde jedoch im Rahmen des Zweiten Triumvirats endgültig eingeleitet.

[31] Zitat aus: Ebd. S. 21. Kapitel 13.

[32] Vgl. Vittinghoff, F. (1959). S. 85.

[33] Ebd. S. 31.

[34] Zitat aus: Ebd. S. 31.

[35] Zitat aus: Weber, E. (Hrsg.) (1989). S. 41. Kapitel 34.

[36] Cicero konnte bewirken, dass Octavian im Zuge der privaten Aufstellung des Heeres nachträglich ein imperium verliehen wurde, um diesen Akt zu legalisieren. Er erhoffte sich somit die Unterstützung Octavians im Kampf gegen Antonius. Das Vorgehen Octavians zeigt seine rücksichtslose und brutale Seite gegenüber Cicero, der ihm anfänglich wohlwollend zur Seite stand, jedoch (wenn auch durch Antonius) aufgrund des unersättlichen Willens Octavians, Herrscher über das römische Reich zu werden, Opfer der Proskriptionen wurde.

[37] Zitat aus: Vittinghoff, F. (1959). S. 30.

[38] Zitate aus: Suetonius Tranquillus, G. (2004). S. 69.

[39] Daraufhin wurde der Krieg gegen Kleopatra, Geliebte des Antonius, erklärt und folglich Alexandria eingenommen. Antonius und Kleopatra begingen als Konsequenz Selbstmord und Octavian wurde zum Alleinherrscher.

[40] Im Zuge seines Aufstiegs als "Friedensfürst" des Volkes legte die Grundlagen für den Pax Augusta, der identisch mit dem Pax Romana war. Die Umbenennung des Pax, der zuvor das gesamte römische Reich bezeichnete, auf den Namen des künftigen Kaisers zeigt deutlich, dass Augustus sämtliche Geschehnisse auf seine Person zu lenken wusste und Anerkennung als Friedensbringer ersuchte.

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Details

Titel
Die "Res gestae divi Augusti" als ein Zeugnis der Selbstdarstellung des Kaisers Augustus
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V373432
ISBN (eBook)
9783668510975
ISBN (Buch)
9783668510982
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustus, Res gestae, Philologie, Altertum, Kaiser, Caesar, Divi Filius, Res gestae divi Augusti
Arbeit zitieren
Josephine Koch (Autor), 2017, Die "Res gestae divi Augusti" als ein Zeugnis der Selbstdarstellung des Kaisers Augustus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373432

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