Der Begriff der Gnade ist sehr facettenreich. Obwohl er in der Alltagssprache keine besondere Bedeutung zu haben scheint, ist er jedoch besonders im religiösen Kontext seit jeher von außerordentlicher Wichtigkeit. In dieser Arbeit wird in besonderem Maße der durch Augustin christlich geprägte Gnadenbegriff in den Mittelpunkt gerückt.
Augustins Auseinandersetzung mit der Gnade darf nicht als die bloße Aneinanderreihung voneinander verschiedener Stadien verstanden werden. Vielmehr lässt sich eine ständige Entwicklung beobachten. Da Augustin kein Werk mit dem Titel „De gratia“ verfasst hat, in welchem er sein Verständnis göttlicher Gnade systematisch hätte bearbeiten können, finden sich seine gnadentheoretischen Ansichten in vielen voneinander verschiedenen Schriften, wobei bedacht werden sollte, dass der Bezug auf Gnade nicht immer offensichtlich ist. Dies erkennt man allein schon daran, dass das Wort „gratia“ in den Schriften vor 391 äußerst selten vorkommt.
Daher findet man auch in "De libero arbitrio", der Schrift über den freien Willen, die Augustin im Jahre 388 begonnen hat, keine wörtliche Erwähnung der Gnade. Doch vor allem im dritten Buch dieses Werkes setzt sich Augustin, wenn auch nicht offensichtlich, mit der Gnade Gottes auseinander. Die Darstellung der Art und Weise dieser Auseinandersetzung stellt den ersten Wegpunkt dieser Arbeit dar. Wenige Jahre nach "De libero arbitrio", zwischen Ende 395 und Anfang 398, widmet sich Augustin wesentlich offensichtlicher der Gnadenlehre und zwar in der "Quaestio I, 2" der Schrift "De diversis quaestionibus ad Simplicianum". Dass es dabei zu einigen erheblichen Veränderungen gegenüber seiner in De lib. arb. III zum Ausdruck gebrachten Ansichten kommt, wird im zweiten Teil dieser Arbeit unter Beweis gestellt.
Mit welchem Ziel? Augustin entwickelte im Laufe seines Schaffens seinen Gnadenbegriff, wie gesagt, stets weiter. Indem das in den beiden erwähnten Schriften vorgestellte Verständnis göttlicher Gnade näher beleuchtet und gegenübergestellt wird, soll ein Einblick in diese Entwicklung gewährleistet werden.
Der dritte Teil der Arbeit ist in Form eines Ausblicks gestaltet. Da man im Falle Augustins die seltene Möglichkeit besitzt, in den am Ende seines Lebens verfassten Retractationes sein eigenes Resümee bezüglich seines Schaffens zu erfahren, wird anhand ausgewählter Zitate untersucht, wie Augustin selbst seine eigene, frühere Meinung bewertet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. De libero arbitrio – Über den freien Willen
Allgemeines zum Werk
Der freie Wille – die Möglichkeit des Bösen
Der böse Wille
2. Das dritte Buch De libero arbitrio – Die verschiedenen Erscheinungsformen der Gnade
Warum sündigt man - Das göttliche Vorherwissen
Die Gerechtigkeit und Güte Gottes
Gott hilft den Dankbaren
Erbsünde und Erlösung
Lob und Tadel
Der Mensch ist Gott etwas schuldig
Unwissen und Ohnmacht
Die Gnade als göttliche Hilfe
Wie kommt die Seele in den Körper – vier Hypothesen
2.10. Gott – das höchste Ziel der Seele
2.11. Der Mensch vor der Erbsünde
2.12. Der Abschluss: Der freie Wille – Ein Resümee
3. Augustins Verständnis göttlicher Gnade in De lib. arb. III
4. De diversis quaestionibus ad Simplicianum – Quaestio I, 2
4.1. Gottes Gnade durch Berufung als Gegenstück zum menschlichen Glauben (12-107)
4.1.1. Niemand soll sich seiner Werke rühmen – Gnade als Voraussetzung für gutes Handeln
4.1.2. Die ungeschuldete, rechtfertigende Gnade
4.2. Gnade durch Erwählung oder Erwählung durch Gnade? (112-215)
4.2.1. Natürliche Erwählungskriterien – Die Präszienz als Erwählungsgrund – Gibt es überhaupt eine Erwählung?
4.2.2. Die Erwählung als Folge des durch die Rechtfertigung Gottes verursachten guten Handelns
4.2.3. Der menschliche Glaube als Grund der Rechtfertigung – Die Gleichstellung von Glauben und Werken
4.3. Gnade durch das Erbarmen Gottes (216-491)
4.3.1. Ist bei Gott Ungerechtigkeit?
4.3.2. Göttliches Erbarmen: berufen werden– glauben – gut handeln
4.3.3. Die Einordnung des Willens: berufen werden – glauben wollen – gut handeln
4.3.4. Gott erbarmt sich, wessen er will! – Der göttliche Wille als einziges Kriterium für das Erbarmen
4.3.5. Die Menschheit als ein Sündenhaufen – Zwingt Gott die Menschen zum Sündigen?
4.4. Gefäße zur Ehre – Gefäße zur Schande (496-735)
4.4.1. Die Liebe und der Hass Gottes
4.4.2. Die Verwerfung als Nutzen
4.4.3. Bekenntnis des Herzens und des Mundes
4.4.4. Das göttliche Urteil – Die Unterscheidung zwischen Verworfenen und Erlösten
4.5. Augustins erläuternde Zusammenfassung von Simpl. I, 2 (736-817)
5. Augustins Verständnis göttlicher Gnade in Simpl. I, 2
6. Zusammenfassung - Vergleich zwischen De lib. arb. III und Simpl. I, 2
7. Ein Ausblick - Augustins eigene Auslegung anhand der Retractationes
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser wissenschaftlichen Hausarbeit ist die Untersuchung der Entwicklung des Gnadenbegriffs bei Augustinus. Anhand der chronologischen Analyse der Schriften "De libero arbitrio" und "De diversis quaestionibus ad Simplicianum" (Simpl. I, 2) wird aufgezeigt, wie sich sein Verständnis göttlicher Gnade und menschlicher Willensfreiheit im Laufe seines Schaffens gewandelt hat.
- Vergleich der Gnadenlehre in "De libero arbitrio III" und "Simpl. I, 2"
- Analyse des Verhältnisses von göttlicher Gnade und menschlicher Freiheit
- Untersuchung der Erbsündenproblematik und deren Auswirkung auf das Gottesbild
- Diskussion der Bedeutung von Prädestination und göttlichem Erbarmen
- Einordnung Augustins eigener späterer Bewertung seiner Werke in den "Retractationes"
Auszug aus dem Buch
Die Gerechtigkeit und Güte Gottes
Ausgehend von dieser Erörterung folgt nun die Aufarbeitung des zentralen Themas des dritten Buches De libero arbitrio: die Beschreibung des uneingeschränkten, gerechten und guten Wirkens Gottes. Augustin möchte die der Welt zugrunde liegende Ordnung aufzeigen. Es soll daran deutlich werden, dass die Gesamtheit der Schöpfung einer wohlgeordneten Differenziertheit unterliegt, die sich in Form von stark und schwach, gut und schlecht usw. ausdrückt. Wie bereits angedeutet, hat diese Untersuchung das Ziel, sicherzustellen, dass trotz der Existenz der verschiedenen Formen des Übels die Gerechtigkeit Gottes in keiner Weise anzuzweifeln ist. Dass diese Überlegungen das zentrale Anliegen Augustins darstellen, kann man schon allein daran erkennen, dass er sich über weite Strecken des dritten Buches (5,12 – 16,46) im Grunde nichts anderem widmet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Begriff der Gnade wird eingeführt und die Relevanz Augustins für das christliche Gnadenverständnis im Kontext von AT und NT dargelegt.
1. De libero arbitrio – Über den freien Willen: Das Werk wird in seinen Grundzügen vorgestellt, wobei der Fokus auf Augustins Antwort zur Entstehung des Bösen und der Rolle des freien Willens liegt.
2. Das dritte Buch De libero arbitrio – Die verschiedenen Erscheinungsformen der Gnade: Eine detaillierte Untersuchung des dritten Buches, das sich mit der göttlichen Ordnung, dem Vorherwissen und ersten Ansätzen zur Gnadenproblematik befasst.
3. Augustins Verständnis göttlicher Gnade in De lib. arb. III: Eine zusammenfassende Reflexion über das in De libero arbitrio III implizit vorhandene Gnadenverständnis als göttliche Hilfe.
4. De diversis quaestionibus ad Simplicianum – Quaestio I, 2: Analyse der Schrift als explizites Werk zur Gnadenlehre, welches einen deutlichen Wandel in Augustins Denken hin zur Prädestination aufzeigt.
5. Augustins Verständnis göttlicher Gnade in Simpl. I, 2: Synthese der verschiedenen Bedeutungen und Formen der Gnade, wie sie in dieser Schrift explizit herausgearbeitet wurden.
6. Zusammenfassung - Vergleich zwischen De lib. arb. III und Simpl. I, 2: Ein direkter Gegenüberstellung der beiden untersuchten Schriften, um die Gemeinsamkeiten und vor allem die signifikanten Unterschiede in der Gnadenlehre zu verdeutlichen.
7. Ein Ausblick - Augustins eigene Auslegung anhand der Retractationes: Untersuchung der späten Selbstreflexion Augustins über seine früheren Schriften, um die Beständigkeit oder den Wandel seiner Überzeugungen zu bewerten.
Schlüsselwörter
Augustinus, Gnade, De libero arbitrio, De diversis quaestionibus ad Simplicianum, freier Wille, Erbsünde, Prädestination, göttliches Erbarmen, Rechtfertigung, Weltordnung, Retractationes, göttliches Vorherwissen, Gerechtigkeit, Glaube, Willensfreiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und den Wandel des augustinischen Gnadenbegriffs durch den Vergleich zweier bedeutender Schriften: "De libero arbitrio" und "De diversis quaestionibus ad Simplicianum".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Fragen nach der Freiheit des menschlichen Willens, dem Ursprung des Bösen, der Erbsünde und der souveränen Wirkweise der göttlichen Gnade und Erwählung.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Wandel in Augustins Verständnis von Gnade nachzuzeichnen – von einer stärker auf den freien Willen ausgerichteten Sicht in früheren Werken hin zu einer stärkeren Betonung der göttlichen Vorherbestimmung und Gnadenwirkung.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor wendet eine textnahe, chronologische Analyse an, um die Entwicklung der Gedankengänge Augustins direkt aus den Quellen heraus zu rekonstruieren und zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse von "De libero arbitrio" (Schwerpunkt auf dem 3. Buch) und die eingehende Untersuchung von "Simpl. I, 2", ergänzt durch einen Vergleich der Positionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Kernbegriffe sind Augustinus, Gnade, freier Wille, Erbsünde, Prädestination, göttliches Vorherwissen und Rechtfertigung.
Warum ist das "dritte Buch" von De libero arbitrio für die Forschung so wichtig?
Es enthält zentrale Äußerungen Augustins zur göttlichen Gerechtigkeit, die zwar nicht explizit "Gnadenlehre" genannt werden, aber die Grundbausteine für seine spätere, detailliertere Lehre legen.
Wie unterscheidet sich die "Gnadenlehre" in den beiden untersuchten Werken signifikant?
Während der Mensch in "De libero arbitrio" noch aktiv an seinem Heil mitwirken kann, erscheint er in "Simpl. I, 2" als in der Erbsünde Gefangener, dessen Besserung und Aufstieg vollständig von der willkürlichen Gnadenwahl Gottes abhängen.
- Citation du texte
- Alexander Brembach (Auteur), 2006, Die Gnadenlehre Augustins im Wandel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373476