Im Folgenden werden die Verzahnung zwischen EZB, ESZB und Eurosystem erläutert und die aktuellen geldpolitischen Entscheidungen der EZB vorgestellt und bewertet.
Ein Gespenst geht um in Europa. Doch anders als vor über 150 Jahren ist dieses Gespenst heute keine Ideologie. Das Gespenst ist vielmehr die Furcht vor der zukünftigen geldpolitischen Entwicklung in Europa. Außerdem wechselt dieses Gespenst immer schneller seine Gestalt: Während 2011 noch das Gespenst der Inflation, also eine anhaltende Phase der Preisniveausteigerung, die über eine gewünschte Marge hinausgeht, durch Europa geisterte, war es 2012 bereits das Gespenst der negativen Leitzinsen. Seit 2014 geht bei den geldpolitischen Entscheidungsträgern Europas das Gespenst der Deflation um, also die Angst vor einer Zeitperiode mit negativer Inflationsrate, die aus historischer Erfahrung zu einer wirtschaftlichen Krise führen kann.
Bei diesen unterschiedlichen Ängsten zeigt sich bereits eine Besonderheit der Europäischen Zentralbank (EZB) bzw. des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) im Vergleich zu anderen Zentralbanken: In den dortigen Ländern diskutieren Personen über die größten Ängste und den erfolgreichsten Kurs der Zentralbank für das jeweilige Land. Bei der europäischen Geldpolitik diskutieren ebenfalls Personen über die notwendigen Entscheidungen, jedoch repräsentieren sie gleichzeitig bereits Länder. Daher fürchten sich schlimmstenfalls zur selben Zeit verschiedene europäische Länder vor konträren finanzpolitischen Entwicklungen. So versucht ein Land, eine drohende Inflation zu verhindern (z.B. aufgrund von Erinnerungen aus der Vergangenheit wie Deutschland), während andere Länder eine Inflation in Kauf nehmen, um eine Deflation zu verhindern (z.B. aufgrund von aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen und der Hoffnung auf Schuldenabbau wie Griechenland und Italien). Diese unterschiedlichen Meinungen und Ängste ernst zu nehmen und miteinander zu vereinbaren, ist eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit der EZB bzw. der ESZB.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die EZB
2.1 Rechtsgrundlagen, Aufgaben und Unterschiede zwischen EZB, ESZB und dem Eurosystem
2.2 Der organisatorische Aufbau und die Beschlussorgane der EZB
2.3 Ziele der EZB
3 Die aktuelle Geldpolitik der EZB
3.1 Der Leitzins
3.2 OMT
3.3 SSM
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die geldpolitische Rolle und die aktuellen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) im Kontext der europäischen Finanz- und Staatshaushaltskrise. Ziel ist es, die institutionelle Verzahnung von EZB, ESZB und Eurosystem zu erläutern und die Wirksamkeit sowie die Risiken geldpolitischer Instrumente wie den Leitzins, OMT und SSM kritisch zu bewerten.
- Struktur und rechtliche Grundlagen des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB)
- Theoretische Wirkungsweisen von Leitzinsänderungen auf die Wirtschaft
- Analyse unkonventioneller geldpolitischer Instrumente (OMT-Programm)
- Der einheitliche Bankenaufsichtsmechanismus (SSM) und dessen Auswirkungen
- Unabhängigkeit und Zielkonflikte der EZB im europäischen Kontext
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Leitzins
Das vorrangige Ziel der Preisstabilität wird „in der Praxis (…) über die Zinspolitik verfolgt.“ Aufgrund seiner Aufgabe zur Festlegung der Geldpolitik innerhalb der EU nach Art. 127 Abs. 2 AEUV und Art. 3.1. PSEE hat der EZB-Rat damit das Recht, die (Leit-)Zinssätze der EZB festzusetzen. Sie stellen einen Teil der Offenmarktgeschäfte der EZB dar und zählen somit zu den „konventionellen“ Instrumenten der Geldpolitik. Die drei EZB-Zinssätze sind hierbei:
- Satz der Einlagefazilität
- Satz der Hauptfinanzierungsgeschäfte (der Leitzins)
- Satz der Spitzenrefinanzierungsfazilität.
Der Leitzins legt den Zinssatz fest, zu welchem sich Banken Geld von der EZB leihen können. Hierzu veröffentlicht die EZB einen wöchentlichen Standardtender, der eine festgelegte Summe an Geld beinhaltet, das verliehen werden kann.
Ergeben sich bei den Banken eine höhere Summe an Finanzierungswünschen als der Standardtender bereithält, kann die EZB im Rahmen des wöchentlichen Hauptfinanzierungsgeschäfte nicht alle Wünsche erfüllen. In diesem Fall haben Banken zwei Möglichkeiten: Zum einen können Banken versuchen, sich Geld von anderen Banken am Interbankenmarkt zu leihen. Zum anderen können Banken sich ihre restliche Finanzierungssumme ebenfalls bei der EZB leihen, jedoch zu dem Zinssatz der Spitzenrefinanzierungsfazilität. Dieser Zinssatz ist standardmäßig höher als der Leitzins, dafür steht bei der Spitzenrefinanzierungsfazilität eine unbegrenzte Summe Geld für die Banken bereit. Daher bildet dieser Zinssatz „in der Regel die obere Schranke für (…) Kreditzinsen am Interbankenmarkt.“ Voraussetzung für diese Geldleihe ist die Hinterlegung gleichhoher Sicherheiten der Bank bei der EZB, wie z.B. Wertpapiere und Staatsanleihen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Sorgen vor instabilen geldpolitischen Entwicklungen in Europa und führt in die Arbeit ein, in der die Verzahnung von EZB, ESZB und Eurosystem sowie deren aktuelle Entscheidungen analysiert werden.
2 Die EZB: Dieses Kapitel erläutert die rechtlichen Grundlagen, den organisatorischen Aufbau der Beschlussorgane und die Ziele der EZB im Vergleich zum ESZB und Eurosystem.
3 Die aktuelle Geldpolitik der EZB: Das Hauptkapitel untersucht die konventionelle Zinspolitik sowie unkonventionelle Instrumente wie OMT und SSM hinsichtlich ihrer Wirkungsweise und der damit verbundenen Risiken.
4 Fazit: Das Fazit stellt fest, dass die EZB eine zentrale Rolle in der Bewältigung der Finanz- und Staatshaushaltskrise spielt, auch wenn das Handeln der Organe mit Unsicherheiten behaftet bleibt.
Schlüsselwörter
Europäische Zentralbank, EZB, ESZB, Eurosystem, Geldpolitik, Leitzins, Preisstabilität, Finanzkrise, OMT-Programm, Bankenaufsicht, SSM, Finanzstabilität, Währungsunion, Staatsanleihen, Unabhängigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Aufgaben, die institutionelle Struktur und die geldpolitischen Maßnahmen der EZB im Rahmen der europäischen Krise seit 2007.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Schwerpunkte sind die rechtliche Abgrenzung von EZB und ESZB, die Wirksamkeit der Zinspolitik sowie neuartige Instrumente wie der OMT und der einheitliche Bankenaufsichtsmechanismus (SSM).
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Erläuterung der Verzahnung der europäischen Institutionen und eine kritische Bewertung, wie geldpolitische Instrumente die Euro-Zone in Krisenzeiten beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dem Bericht verwendet?
Es handelt sich um einen Studienbericht, der auf einer fundierten Literaturanalyse basiert, inklusive der Auswertung von EU-Rechtsgrundlagen, EZB-Dokumenten und Sekundärliteratur zur Geldpolitik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der institutionellen Rahmenbedingungen (EZB/ESZB) und eine detaillierte Analyse spezifischer geldpolitischer Instrumente wie Leitzins, OMT-Programm und SSM.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Zentrale Begriffe sind Geldpolitik, Preisstabilität, Unabhängigkeit der Zentralbank, Bankenaufsicht, Euro-Krisenländer und Finanzstabilität.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen bedeutenden und weniger bedeutenden Instituten im SSM?
Bedeutende Institute werden anhand von Kriterien wie einer Bilanzsumme von über 30 Milliarden Euro oder einer hohen Relevanz für die nationale Wirtschaftsleistung definiert und direkt durch die EZB beaufsichtigt.
Welches Problem identifiziert der Autor bei der Wirksamkeit der Leitzinssenkungen?
Der Autor weist darauf hin, dass Banken aufgrund restriktiver bankenrechtlicher Vorgaben die niedrigen Zinsen möglicherweise nicht als Kredite an die Realwirtschaft weitergeben, wodurch die geldpolitischen Impulse wirkungslos verpuffen können.
- Citation du texte
- Brank Anders Wernersson (Auteur), 2015, Globalisierung und Verwaltungspolitik. Die Europäische Zentralbank und deren (Geld-)Politik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373755