Das Problem der negativen Stereotype über Personen mit Migrationshintergrund. Interkulturelle Kompetenz als Lösungsbeitrag


Hausarbeit, 2017
23 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Entdeckungszusammenhang
1.2 Problem-/Fragestellung
1.3 Aufbau der vorliegenden Arbeit

2 Problemstellung
2.1 Negative Stereotype über Personen mit Migrationshintergrund
2.1.1 Personen mit Migrationshintergrund
2.1.2 Negative Stereotype über Personen mit Migrationshintergrund am Beispiel klassischer Medienberichterstattung
2.2 Stereotype in sozialpsychologischer Hinsicht
2.2.1 Einstellungen
2.2.2 Stereotype
2.3 Raffung des Problems zu vier Thesen

3 Lösung des Problems
3.1 Ansätze
3.1.1 Ein unmoralisches Angebot
3.1.2 Ansatz an Missverständnissen
3.2 Interkulturelle Kompetenz
3.2.1 Konzeptionelle Ansatzpunkte
3.2.2 Alternatives Konzept auf Basis eines zeitgemäßen Kulturbegriffes
3.3 TOPOI-Modell
3.3.1 Grundriss
3.3.2 Ordening

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Entdeckungszusammenhang

Die österreichische Gesellschaft ist im Wandel zur Migrationsgesellschaft begriffen. Der öffentliche Diskurs rankt sich vor allem um eine Implikation dieses Wandels, die unter Integration firmiert. (Vgl. Sprung 2012, S. 11)

Einem Expertenrat des österreichischen Bundesministeriums erscheint „Integration“ als Synonym für „gesellschaftliche Partizipation“. Bestrebungen zur Erhöhung der Chancen auf diese umfassende Teilhabe werden unter „integrationsfördernde Maßnahmen“ rubriziert; zu den zentralen Prämissen der Chancenerhöhung wiederum werden Deutschkenntnisse gerechnet. (Vgl. Integrationsbericht 2016, S. 85)

Im Vorwort des Integrationsberichts 2016 mahnt Österreichs Außenminister Sebastian Kurz, der kontemporäre „Strukturwandel der Wirtschaft“ (ebd., S. 12) verwehre Personen mit Migrationshintergrund und niedrigem Deutscherwerbsstand günstige Aussicht auf Platzierung am hiesigen Arbeitsmarkt (vgl. ebd.). In der Tat bildet Sprache „einen zentralen Aspekt der Integration von Migranten, womöglich sogar den wichtigsten. Sie ist selbst Teil wie auch Bedingung und Folge anderer Prozesse der Integration.“ (Esser 2006, S. 23) Als Medium der Kommunikation dient Sprache nämlich der Sicherstellung von Verständigung, mithin von Sozialintegration (vgl. ebd., S. 53).[1]

1.2 Problem-/Fragestellung

Dass Personen mit Migrationshintergrund und niedrigem Deutscherwerbsstand günstige Aussicht auf Platzierung am hiesigen Arbeitsmarkt verwehrt bleibt, ist allerdings nur eine von vielen Herausforderungen, wovor der „migrationsgesellschaftliche Wandel“ (Sprung 2012, S. 11) stellt:

Ein weiteres exemplarisches Problem, das sich mit dem migrationsgesellschaftlichen Wandel stellt, besteht in negativen Stereotypen über Personen mit Migrationshintergrund. Diese sozialen Konstruktionen manifestieren sich u.a. in der Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund. Paradigmatisch für diese Kalamität ist das restriktive österreichische Migrationsregime, welches faktische Ungleichstellung von ausländischen Arbeitskräften und faktische ethnischen Segmentierung des Arbeitsmarktes nach sich zieht (vgl. Ateş 2016, S. 150).

In der vorliegenden Seminar-Arbeit wird daher die folgende Forschungsfrage gestellt: Welchen Beitrag zur Lösung des Problems negativer Stereotype über Personen mit Migrationshintergrund leistet Interkulturelle Kompetenz?

Obschon die Antwort auf diese Frage auf dem methodischen Wege einer Literaturanalyse erschlossen wird, trägt diese Arbeit dennoch keinen rein theoretischen Charakter, ergeht doch auch Hinweis auf Bearbeitung von Stereotypen in der pädagogischen Praxis.

1.3 Aufbau der vorliegenden Arbeit

Der erste Abschnitt (2) besteht in einem Aufriss des Problems (negative Stereotype über Personen mit Migrationshintergrund). Das Vorgehen umfasst eine Klärung des Begriffes ‚Migrationshintergrund‘, eine Exemplifizierung des Problems, eine Eingrenzung des Phänomens der Stereotype sowie dessen Abgrenzung von verwandten sozialpsychologischen Gegenständen.

Der zweite Abschnitt (3) entwickelt via Ausscheidung eines ersten Problemlösungs-ansatzes (Abbau von Stereotypen durch einstellungskonträre Argumentation, 3.1.1), eine Problemlösung, welche sich in Missverständnisse in interkulturellen Interaktionssituationen einklinkt (3.1.2), Interkultureller Kompetenz Vertrautheit mit Bedeutungen einschreibt (3.2) und das TOPOI-Modell als praktikable Option zum Aufbau dieser Vertrautheit identifiziert (3.3).

Der dritte Abschnitt (Kap. 4) zieht Bilanz unter diese Arbeit, indem die Meilensteine dieser Arbeit zu einer Antwort auf die eingangs gestellte Forschungsfrage verschmolzen werden.

2 Problemstellung

2.1 Negative Stereotype über Personen mit Migrationshintergrund

2.1.1 Personen mit Migrationshintergrund

Der Begriff ‚Person mit Migrationshintergrund‘ bezeichnet im weitesten Sinne MigrantInnen, i.e. Personen, die ihre Lebensmittelpunkte aus bestimmten Gründen (z.B. wegen politischer Verfolgung, z.B. aus ökonomischem Kalkül) in ein anderes Land verlegt haben (vgl. Grill 2005, S. 136f.). Die Verlegung des Lebensmittelpunktes in einen anderen Nationalstaat heißt ‚Internationale Migration‘, die Verlegung innerhalb eines Nationalstaates heißt ‚Binnenmigration‘ (vgl. Sprung 2011, S. 22f.).

MigrantInnen lassen sich in ‚MigrantInnen der ersten Generation‘ und ‚MigrantInnen der zweiten Generation‘ unterscheiden: Für Erstere ist charakteristisch, dass sowohl sie selbst als auch ihre Eltern im Ausland geboren wurden. Die Eltern Zweiterer wurden zwar im Ausland geboren, sie selbst aber im Inland. (Vgl. Statistik Austria 2017).

Gemäß diesen Bestimmungen gilt der Verfasser der vorliegenden Arbeit als Binnenmigrant, insofern er vor zwei Jahren von Graz nach Klagenfurt gezogen ist. Arnold Schwarzenegger gilt hingegen als Internationaler Migrant, insofern er Österreich den Rücken gekehrt und sich eine sportliche, schauspielerische und politische Karriere in den Vereinigten Staaten aufgebaut hat. Schwarzenegger gilt des Weiteren als Migrant der ersten Generation, insofern er 1947 im steiermärkischen Thal geboren wurde und auch seine Mutter Aurelia und sein Vater Gustav dort das Licht der Welt erblickten. Schwarzeneggers Kinder gelten nicht als Migrantinnen der zweiten Generation, da deren Mutter Maria Shriver in Chicago das Licht der Welt erblickte.

2.1.2 Negative Stereotype über Personen mit Migrationshintergrund am Beispiel klassischer Medienberichterstattung

Eine Inhaltsanalyse (N=285) hat gezeigt, dass Stereotype über MigrantInnen in der klassischen Medienberichterstattung in extrem negativer (formaler und inhaltlicher) Aufmachung erscheinen. In den folgenden vier Dimensionen des Nachrichtendiskurses (Ruhrmann/Sommer 2009, S. 420ff.) wurden nachstehende negative Stereotype erhoben:

(1) Auf der ersten Ebene der Themen tritt Devianz (Verbrechen, Nicht-Integrierbarkeit) von MigrantInnen in Erscheinung.
(2) Auf der Akteur-Ebene werden Personen aus exotisch anmutenden Territorien überrepräsentiert und in ein enges Repertoire von Rollen gedrängt.
(3) Auf der Ebene der Bewertungen wird die journalistische Selektion von einem Nachrichtenwertfaktor dominiert, welcher dem landläufigen Aphorismus ‚Bad news are good news‘ nahekommt.
(4) Auf der Ebene der Frames lassen sich journalistische Deutungsschemata in vier Cluster einteilen, die u.a. Verletzungen von Normen, Aggressivität und Konflikt beinhalten.

2.2 Stereotype in sozialpsychologischer Hinsicht

Es folgt eine modifizierte Abbildung Erlemeiers (1998, S. 25). Das Abgebildete ist ein Fragment einer Taxonomie grundlegender Termini des sozialpsychologischen Diskurses.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Stereotype als spezifische Einstellungen

Abb. 1 impliziert u.a. einen Umstand, den etwa auch Kulbe (2009, S. 113) anerkennt: Der Einstellungsbegriff subsumiert den Begriff des Stereotyps. Ergo: Jedes Stereotyp ist auch eine Einstellung, aber nicht jede Einstellung ist auch ein Stereotyp. Eingedenk dieser Relation dürfte eine Analyse des Einstellungsbegriffes en passant ein Bestimmungsstück des Stereotypbegriffes enthüllen.

2.2.1 Einstellungen

Definitionen des Einstellungsbegriffes sind Legion in der Sozialpsychologie (vgl. Bonfadelli 2004, S. 96).[2] Einer der Gründer der Sozialpsychologie hat die folgende Definition (Allport 1935) vorgelegt:

Eine Einstellung ist ein mentaler und neuraler Bereitschaftszustand, der durch die Erfahrung strukturiert ist und einen steuernden und dynamischen Einfluss auf die Reaktionen eines Individuums gegenüber allen Objekten und Situationen hat, mit denen dieses Individuum eine Beziehung eingeht. (zit. n. Bonfadelli 2004, S. 96)

Als gemeinsamer Nenner der sozialpsychologischen Definitionen des Einstellungsbegriffes lässt sich anführen, dass sich Einstellungen als Bewertungen ausnehmen (vgl. Bonfadelli/Friemel 2011, S. 139f.). Dieser Gedanke kehrt auch in der oben abgebildeten Systematik wieder. Bewertet werden „können Akteure wie Personen, Gruppen, […] soziale Systeme, aber auch Sachverhalte wie Ideen oder Programme“ (Bonfadelli 2004, S. 97), und zwar Merkmale (traits) oder Verhaltensweisen (acts) des Einstellungsobjekts (vgl. ebd.). Außer diesem Objektbezug gibt es die folgenden Einstellungsdimensionen (ebd., S. 97ff.): „Systemcharakter“, „Einstellungsmessung“, „Hypothetisches Konstrukt“, „Komplexität“, „Lernbarkeit“, „Funktionalität“, „Disposition“;

Dass Einstellungen „Systemcharakter“ tragen, bedeutet mindestens Zweierlei: Eine Einstellung kann erstens eines der Elemente einer Menge von interdependenten Einstellungen sein – sprich: Eine Einstellung ist Teil eines Einstellungssystems. Eine Einstellung kann zweitens eine Menge von interdependenten Elementen sein. M.a.W.: Eine Einstellung ist selbst ein System. Je nach Einstellungsbegriff variieren Quanti- und Qualität der Teile dieses Systems:

Ein Einstellungsbegriff kann ein- oder mehrdimensionalen Charakter tragen. Ist er eindimensional, fasst er Einstellungen reduktionistisch – als positive oder negative Empfindungen (Affekte). Mehrdimensionale Einstellungsbegriffe sind komplexer, rubrizieren sie doch emotionale Bewertungen, Überzeugungen, Meinungen, strukturierende Vorstellungen, Wissensgehalte plus die Bereitschaft, sich gegenüber dem Einstellungsobjekt in einer bestimmten Weise zu verhalten. Die emotionalen Bewertungen bilden die affektive Komponente von Einstellungen; die Meinungen, strukturierenden Vorstellungen und Wissensgehalte bilden die kognitive Komponente; die Bereitschaft, sich gegenüber dem Einstellungsobjekt in einer bestimmten Weise zu verhalten, bildet die konative Komponente. (Vgl. Bonfadelli/Friemel 2011, S. 141).[3]

Summa summarum: „Einstellungen beinhalten das, was Personen über soziale Umweltobjekte denken, fühlen und wie sie sich gegenüber solchen Objekten verhalten wollen.“ (ebd., S. 156)

Ein Beispiel (Aronson et al. 2008, S. 194) möge die drei Einstellungskomponenten illustrieren:

Denken Sie beispielsweise an Ihre Einstellung zu einem bestimmten Automodell, etwa zum Toyota Prius. Was ist Ihre affektive Reaktion auf dieses Auto? Vielleicht sind Sie begeistert. Wenn Sie ein Arbeiter der europäischen Autoindustrie sind, der sich ein neues ausländisches Modell ansieht, verspüren Sie vielleicht Wut und Ablehnung. Was ist Ihre kognitive Reaktion? Welche Ansichten haben Sie hinsichtlich der Eigenschaften dieses Wagens? Vielleicht bewundern Sie den Hybridantrieb des Prius, der ihn zu einem der treibstoffsparendsten Wagen macht, die erhältlich sind. Und wie sieht ihre Verhaltensreaktion aus? Gehen Sie zu einem Autohändler, machen eine Probefahrt und kaufen das Auto dann tatsächlich? All diese Komponenten bilden ihre Gesamteinstellung gegenüber dem Prius.

Je nach Einstellung dominiert die affektive, kognitive oder konative Komponente. So beruht eine gegebene Einstellung überwiegend auf Gefühlen und Wertvorstellungen (affektiv basierte Einstellung) oder überwiegend auf Annahmen über Eigenschaften des Einstellungsobjekts (kognitiv basierte Einstellung) oder überwiegend auf Eigenbeobachtungen, wie man sich selbst gegenüber dem Einstellungsobjekt verhält (verhaltensbasierte Einstellung). (Vgl. ebd., S. 194ff.)

[...]


[1] Unter Rekurs auf Essers (2006) soziologischen Versuch, die Bruchlinien des – wie er schreibt: „unklaren und umstrittenen“ (S. 23) – Integrationsbegriffes zu rekonstruieren, lässt sich das Phänomen Integration in (1) System- und (2) Sozialintegration differenzieren, wobei erstere auf den Zusammenhalt sozialer Systeme abhebt, zweitere auf die Relation zwischen individuellen Akteuren und sozialen Systemen. Sozialintegration unterscheidet der Wahl-Mannheimer Esser wiederum in (2.1) kategoriale und (2.2) individuelle Sozialintegration; zweitere subsumiert die Einbettung einzelner Akteure in soziale Systeme bzw. den Einschluss Einzelner in gesellschaftliche Bereiche und Institutionen, desgleichen Eigenschaften, Fertigkeiten und Ressourcen, die aus dieser „Inklusion“ resultieren. (Vgl. ebd., S. 23f.)

[2] Sozialpsychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie. Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen, Sozialpsychologie die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten im sozialen Kontext. (Vgl. Femers 2008 S. 51)

[3] Das Drei-Komponenten-Modell stammt von Milton J. Rosenberg und Janis C. Hovland (1960).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Problem der negativen Stereotype über Personen mit Migrationshintergrund. Interkulturelle Kompetenz als Lösungsbeitrag
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (IfEB)
Veranstaltung
SE Interkulturelle Kompetenz
Note
1
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V373934
ISBN (eBook)
9783668514652
ISBN (Buch)
9783668514669
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
problem, stereotype, personen, migrationshintergrund, interkulturelle, kompetenz, lösungsbeitrag
Arbeit zitieren
Jürgen Hopfgartner (Autor), 2017, Das Problem der negativen Stereotype über Personen mit Migrationshintergrund. Interkulturelle Kompetenz als Lösungsbeitrag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/373934

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