Ist Brünhild eine Amazone? Ein Vergleich der Königin "uber sê" mit dem kriegerischen Frauenvolk der Antike


Hausarbeit, 2016

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der antike Amazonenmythos und seine Verarbeitung im Mittelalter

3. Beurteilung von Brünhilds Amazonenstatus
3.1 Abgrenzung der Brünhild des Nibelungenliedes zu anderen Versionen der Brünhildsage
3.2 Die relevanten Eigenschaften Brünhilds
3.3 Vergleich mit den Eigenschaften einer Amazone

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die unbändige Kraft und außergewöhnliche Schönheit, die Brünhild, der gewaltigen Königin von Î senstein, im Nibelungenlied1 gleichermaßen zuteil werden, machen sie nicht nur für König Gunther zu einer reizvollen Frau. Der Betrug, den sie durch ihren Freier und dessen Schwager Siegfried erleidet, ist ein wichtiges Glied in der Kette von Ereignissen, die letztlich zum blutigen Untergang der Burgunden führt.

Sowohl die außergewöhnliche Erscheinung Brünhilds als auch ihre Schlüsselfunktion für den Mord an Siegfried veranlassten zu zahlreichen Aufsätzen, um die kuneginne gesezzen uber s ê (324,1) zu charakterisieren. Auffallend oft wird Brünhild dabei mit den Frauen des kriegerischen Volks der Amazonen in Verbindung gebracht. Am deutlichsten äußert dies URSULA SCHULZE2 durch die Bezeichnung als „domestizierte Amazone“3. In einem späteren Aufsatz relativiert sie diese Bezeichnung zu „eine[r] amazonenhaften Königin im Norden“4.

Diese Relativierung veranlasst zu der Frage, ob eine Charakterisierung Brünhilds als Amazone gerechtfertigt ist. Dem Mythos der Amazonen haften Aspekte an, die nur schwer oder teilweise auch gar nicht mit den höfischen Moralvorstellungen vereinbar sind. Eine Gleichsetzung mit den Amazonen spräche Brünhild möglicherweise Eigen- schaften zu, für die es im Nibelungenlied keine Anhaltspunkte gibt. Auch eine Annä- herung durch das Attribut amazonenhaf t wäre nicht unproblematisch. Beide Punkte sollen deshalb durch einen Vergleich zwischen Brünhild und den Amazonen auf ihre Angemessenheit geprüft werden.

Hierfür müssen zunächst konkrete Beurteilungskriterien ausgearbeitet werden. Sie werden durch eine gründliche Auseinandersetzung mit dem antiken Amazonenmythos und dessen Verarbeitung im Mittelalter gewonnen. Für den angestrebten Vergleich wäre eine Vermischung von Brünhilds Merkmalen im Nibelungenlied mit den Merk- malen ähnlicher Varianten der Brünhild-Sage höchst schädlich. Als zweiter Schritt wird deshalb eine Unterscheidung zwischen Brünhild aus dem Nibelungenlied und Brynhild aus der Edda, aus der Thiedreks Saga und aus der Wölsungensaga vorge- nommen. Als letzter vorbereitender Schritt erfolgt eine Ausarbeitung der für den Ver- gleich in Frage kommenden Merkmale Brünhilds, die sich vornehmlich aus der Ana- lyse der sechsten bis einschließlich zehnten  ventiure des Nibelungenliedes ergeben.

Diese Vorgehensweise soll die Aufmerksamkeit für den Untersuchungsgegenstand, sein Referenzobjekt und die dem Vergleich zu Grunde liegenden Bewertungskriterien schärfen, um in dem abschließenden Vergleich zu einer möglichst klaren und fehler- resistenten Beurteilung von Brünhilds vermeintlichem Amazonenstatus zu gelangen.

2. Der antike Amazonenmythos und seine Verarbeitung im Mittelalter

Die gängige Explikation des Begriffs Amazone lautet: „mythisches Volk von Kriege- rinnen [...] und [wird] definiert durch das Epitheton anti á neirai, »Männern gleichwer- tig«“5. Einher mit der Gleichwertigkeit gehen im antiken Mythos große Tapferkeit und ein herausforderndes Verhalten gegen die Männlichkeit der Griechen.6 Dieser herausfordernde Aspekt verweist auf eine zweite Übersetzungsmöglichkeit von an- ti á neirai mit männerfeindlich 7.

Auch für den Begriff Amazone gibt es mehrere Übersetzungsmöglichkeiten. Die be- kannteste Variante geht auf das griechische Wort a-mazos, das brustlos bedeutet, zu- rück. Es bezieht sich auf eine Überlieferung, nach der die Amazonen eine ihrer Brüste verstümmeln, um ihre Hauptkampfwaffe, den Bogen, zuverlässig kontrollieren zu können8. Ein weiterer Erklärungsansatz auf der Basis der griechischen Sprache führt Amazone auf zon é - das Wort für Gürtel - zurück. So musste beispielsweise der grie- chische Heros Herakles als neunte seiner zwölf Arbeiten den Gürtel der Amazonen- königin Hippolyte stehlen9. Außerdem existieren Hinweise auf ein kaukasisches Rei- tervolk unter denen es weibliche Kriegerinnen gab, die sich mit auf die griechischen Soldaten exotisch wirkenden Gürteln schmückten.10

Der Hinweis auf den Kaukasus ist in zweierlei Hinsicht interessant. Oftmals wurde auf die Region um das Schwarze Meer als Heimat des kriegerischen Frauenvolkes verwiesen. Schon der griechische Historiker Herodot11 erwähnte sexuelle Verbindung zwischen den Amazonen und dem Stamm der Skythen, deren Nachkommen, die Sau- romaten, die amazonische Lebensweise fortführten12. In einer anderen Version heißt es, die Amazonen seien die Witwen skythischer Krieger, die ihre gefallenen Männer rächten13. Zusätzlich legitimiert der Lokalisierungsversuch eine dritte Interpretati- onsmöglichkeit für den Begriff Amazone. Hierbei wird ein Ursprung im indo- iranischen Begriff Hamazan (Kämpferin) nahegelegt. Dies ist ein direkter Verweis auf das Hauptmerkmal der Amazonen: ihre Widerspenstigkeit, die bis hin zu einer aktiven Teilhabe an kriegerischen Handlungen ging.14

Die exotischen, kämpfenden Frauen hinterließen nachhaltiges Erstaunen bei der patri- archalisch organisierten griechischen Gesellschaft. In einer „Jahrhunderte andauern- de[n] Beschäftigung mit ihnen [den Amazonen] in Literatur und Kunst“15 mussten sich neben Herakles auch viele andere Heroen wie Achilles und Theseus gegen die Amazonen beweisen. Die Kriegerinnen waren dabei nicht nur ernstzunehmende Geg- nerinnen, sondern auch Objekte männlicher Begierde. Obwohl Achilles sie in der Schlacht um Troja erschlug, verliebte er sich in die Amazonenkönigin Penthesilea.16 Theseus’ Zuneigung zu Antiope führte zu einer großen Schlacht gegen die Amazo- nen, nachdem dieser die schönen Amazonenkönigin raubte, um sie zu seiner Frau zu nehmen.17

Die besagte Schlacht, bei der Attika beinahe vernichtet wurde, steht auch stellvertre- tend für einen Kampf der Geschlechter, an dessen Ende die Verliererinnen für die griechische Gesellschaft domestiziert wurden.18 Die Unterwerfung der unfügsamen Frauen war dringend notwendig. Durch ihre Lebensweise störten die Amazonen das traditionelle Geschlechterverhältnis empfindlich: „Frauen werden [...] begehrt, geraubt und »um-kämpft«, kämpfen aber niemals selbst“19.

Nicht nur der kriegerische Lebensstil irritierte. Auch ihre gleichzeitig praktizierte se- xuelle Enthaltsamkeit und Promiskuität verwunderte die Griechen sehr. In der Ge- meinschaft der Amazonen wurden keine Männer geduldet. Die Kriegerinnen blieben Jungfrauen, bis sie drei Feinde töteten20. Gleichzeitig trafen sie sich zur Aufrechter- haltung ihres Frauenstaates im Frühling zu Fortpflanzungsritualen mit den Männern eines Nachbarsvolkes.21 Die Töchter dieser Verbindungen wurden zu Amazonen her- angezogen, während die Söhne „getötet (oder zum Kriegsdienst untauglich gemacht oder den Vätern zurückgeschickt) [wurden]“22. Praktiken wie diese wurden von der in eine Identitätskrise geratenen griechischen Polis zur Propaganda gegen den Amazo- nenstaat genutzt, der als die „Verkörperung von undisziplinierten triebhaften Kräf- ten“23 galt und dem „Disziplin aufgezwungen werden [musste], um die bestehende Weltordnung zu gewährleisten“24.

Es ergaben sich folgende Merkmale, nach denen Brünhilds Status als Amazone im folgenden Kapitel beurteilt werden wird: Die Amazonen stehen für eine wilde, ver- kehrte Welt. Als kampfbereite und mehrfach kriegserprobte Kämpferinnen waren sie äußerst gefährlich. Die in ihren männerlosen Staaten praktizierte, unabhängige - und damit unweibliche - Lebensweise sorgte in der patriarchalischen griechischen Gesell- schaft für großes Unbehagen. Gleichzeitig weckte die Widerspenstigkeit der Amazo- nen auch Bewunderung und sogar erotische Anziehungskraft. Als Fremde am Rande der griechischen Welt waren die Amazonen buchstäblich Ausnahmefrauen.

Auch im Mittelalter setzte man sich fasziniert mit dem Amazonenmythos auseinan- der. Die Meinung über die kriegerischen Frauen war in jener Zeit nicht weniger am- bivalent als in der Antike. Die Verachtung der Ehe, ihre unkeuschen Fortpflanzungs- praktiken, die Diskriminierung und Tötung von Männern und besonders ihr kriegeri- sches Leben machten die Amazonen zur „Verkörperung des Kardinallasters der sur- perbia“25. Auf der anderen Seite sah man in dem Gedanken von der keuschen, wehr- haften Jungfrau „den Phänotyp eines von der Kirche propagierten Frauenideals“26.

Um für eine Beschäftigung mit ihm akzeptabel zu sein, wurde der Amazonenmythos erheblich bearbeitet27. Pikante Stellen wie das Fortpflanzungsritual wurden „gegen- über der antiken Tradition abgeschwächt und mittelalterlichen Gesellschaftsnormen angepasst“28. Abgesehen von ihrer kriegerischen Tätigkeit kamen Amazonen sogar die gleichen Merkmale zu wie der mittelalterlichen frouwe. In Rudolf von Ems Ale- xanderroman29 , der unter anderem von dem Aufeinandertreffen von Alexander dem Großen und der Amazone Thalistria handelt, wird diese beispielsweise mit Attributen wie höfesch (RvE, 17783) oder zühtec (RvE, 17765) und im Besitz von w î pl î che tu- gent (RvE, 17787) beschrieben.

Trotz dieser positiven Konnotationen hatten Frauen einen fest zugeschriebenen Platz in der göttlichen Ordnung. Sie galten als dem Mann untergeordnete Wesen. Damit standen sie unter permanenter Vormundschaft des Mannes und hatten seinen Befehlen folge zu leisten30. Ungehorsame und dazu noch kämpfende Frauen wie die Amazonen waren ein nicht hinnehmbarer Verstoß gegen diese Ordnung, der mit Vergewaltigung oder Tötung durch Helden wie Alexander bestraft wurde.31

3. Beurteilung von Brünhilds Amazonenstatus

Die Informationslage zur literarischen Brünhild-Figur ist in ähnlich komplex und vielschichtig wie bei den Amazonen. Um Verwechslungen vorzubeugen, wird die Brünhild des Nibelungenliedes im ersten Teil dieses Kapitels von ihren Vorkommnis- sen in anderen Sagen abgegrenzt. Im zweiten Teil werden die für den angestrebten Vergleich in Frage kommenden Merkmale Brünhilds herausgearbeitet. Der abschlie- ßende Vergleich zwischen Brünhild und den Amazonen findet sich im dritten Teil des Kapitels.

3.1 Abgrenzung der Brünhild des Nibelungenliedes zu anderen Versionen der Brünhildsage

Die Sage von Brünhild und Siegfried (in der nordischen Tradition Sigurd und Bryn- hild) geht zurück bis in die germanische Vorzeit. Im Sigrd í fum á l der Ä lteren Edda32 ist Brynhild eine für ihren Ungehorsam von Odin verfluchte Walküre, die von Sigurd aus einem tiefen Schlaf erweckt wird.33 Die Überlieferung der Edda bricht kurz nach dieser Stelle ab. In der Wölsungensaga, die diese Szene aufgreift, verloben sich Bryn- hild und Sigurd kurz darauf.34 In der wie das Nibelungenlied aus dem 13. Jahrhundert stammenden Thidreks Saga bricht Sigurd diesen Eid und heiratet stattdessen Gudrun (Kriemhild)35.

Der Hinweis auf diese drei Versionen der Brünhildsage soll zwei Dinge verdeutli- chen:

1) Brünhild ist eine sehr inkonsistente Figur. Je nach Version werden unterschiedliche Aspekte betont, weggelassen oder hinzugedichtet. Die frühere Verbindung zwischen Brynhild und Sigurd wird im Nibelungenlied nicht explizit erwähnt. Auf der anderen Seite ist der Wettkampf um Brünhilds Hand eine Besonderheit des Nibelungenliedes.
2) Ein Vergleich zwischen Brünhild und den Amazonen ist nur fruchtbar, wenn man die Brünhild des Nibelungenliedes als Untersuchungsobjekt wählt.

[...]


1 Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch. Nach der Handschrift B hrsg. von Ursula Schulze. Ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart: Reclam 2011 (= Reclams UB 17604). Alle mhd. Nibelungenlied-Zitate im Rahmen dieser Arbeit beziehen sich auf diese Ausgabe und erscheinen im Schema (Strophe, Vers) hinter den entsprechenden Zitaten.

2 Weitere Autor/innen, die Brünhild mit den Amazonen in Verbindung und setzen sind beispielsweise CHRISTINA TUCZAY (Tucazy 1998: 311-317) oder JAN-DIRK MÜLLER (Müller 2009: 159).

3 Schulze 2002: 121.

4 Schulze 2013: 184.

5 Blok 1996: 575.

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. Schneider 2010: 75.

8 Vgl. ebd. 74.

9 Siehe: von Geisau 1979(c): 1172.

10 Schneider 2010: 74.

11 Für eine Karte Herodots, die die bekannte Welt der Griechen zur Zeit der Antike widerspiegelt: Schneider 2010: 9.

12 Vgl. Schneider 2010: 81.

13 Vgl. Reinle 2000: 5.

14 Vgl. Schneider 2010: 74.

15 Ebd. 75.

16 Der Kampf zwischen Achill und Penthesilea wird in der Aithiopis des Arktionos von Milet - einem epischen Gedicht, das nicht erhalten geblieben ist - geschildert. Eine Zusammenfassung findet sich in Raoul Schrotts Übersetzung der Ilias (Schrott 2010: S. 521). Dass Achilles sich in Penthesilea verliebte, ist in dieser Zusammenfassung nicht enthalten. Belege dafür lassen sich jedoch an anderer Stelle finden. Siehe hierfür beispielsweise: von Geisau 1979(d): 618f.

17 Siehe: von Geisau 1979(b): 394.

18 Vgl. Schneider: 2010: 88.

19 Ebd. 75.

20 Vgl. von Geisau 1979(a): 292.

21 Vgl. Ebd.

22 Ebd.

23 Tuczay 1998: 307f.

24 Ebd.

25 Tuczay 1998: 307f.

26 Brinker- von der Heyde 1997: 424.

27 Hans Blumberg prägte für dieses Phänomen den Begriff Arbeit am Mythos (Siehe Blumberg 2006: 165-238).

28 Brinker- von der Heyde 1997: 405.

29 Rudolf von Ems (im Folgenden mit RvE abgekürzt): Alexander. Ein höfischer Versroman des 13. Jahrhunderts. Hrsg. von Victor Junk. Leipzig: Hiersemann 1928. Die folgenden mhd. Zitate zu diesem Werk beziehen sich auf diese Ausgabe und werden im Schema (RvE, Vers) zitiert.

30 Vgl. Weddige 2014: 179.

31 Vgl. Reinle 2000: 19.

32 Siehe: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda 2011: 286-295.

33 Obwohl Brünhild nicht namentlich erwähnt wird, wird allgemein angenommen, dass sie die schlafende Walküre ist (vgl. ebd. 263).

34 Vgl. ebd. 295 (Fußnote 44). An dieser Stelle ist außerdem zu vermerken, dass Brynhild hier allerdings keine Walküre, sondern ein „Menschenkind“ (Thidreks Saga 2009: 156.) ist.

35 Thidreks Saga 2009: 193.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ist Brünhild eine Amazone? Ein Vergleich der Königin "uber sê" mit dem kriegerischen Frauenvolk der Antike
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V374079
ISBN (eBook)
9783668512870
ISBN (Buch)
9783668512887
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
brünhild, amazone, vergleich, königin, frauenvolk, antike
Arbeit zitieren
Jeremias Düring (Autor), 2016, Ist Brünhild eine Amazone? Ein Vergleich der Königin "uber sê" mit dem kriegerischen Frauenvolk der Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374079

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