Rekonstruktive Soziale Arbeit. Ethnografische Biografieforschung und narrative Interviewstrategien. Was bedeutet Religion für junge muslimische Erwachsene?


Forschungsarbeit, 2017

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Abstract

1. Theoretischer Hintergrund

2. Forschungsdesign
2.1 Forschungsfrage
2.2 Interviewpartner
2.3 Interviewleitfaden

3. Interviewsituation

4. Passage I
4.1 Abdruck
4.2 Argument der Passagenauswahl
4.3 Formulierende Interpretation
4.4 Reflektierende/dokumentarische Interpretation
4.5 Fazit

5. Passage II
5.1 Abdruck
5.2 Argument der Passagenauswahl
5.3 Formulierende Interpretation
5.4 Reflektierende/dokumentarische Interpretation
5.5 Fazit

6. Passage III
6.1 Abdruck
6.2 Argument der Passagenauswahl
6.3 Formulierende Interpretation
6.4 Reflektierende/dokumentarische Interpretation
6.5 Fazit

7. Quintessenz

Literaturverzeichnis

0. Abstract

Hintergrund: Die empirische Sozialforschung ist geprägt von einem Dualismus zwischen quantitativen und qualitativen Methoden. Intention der qualitativen Forscher ist es, an die eigentlichen Phänomene mit „Beobachtungsverfahren und Fallstudien heranzukommen, die die Handlungsabläufe in ihrem situativen Kontext so weit wie möglich zu erhalten versuchen" (Krappmann,1974). Während die Forscher lange Zeit strikt nur eine Richtung verfolgten, ist man inzwischen dazu übergegangen, im Verlauf des Forschungs­prozesses eine Kombination beider Methoden vorzunehmen. „Qualitatives Forschen kann für sich alleine stehen, in vielen Forschungsprojekten ergänzen sich jedoch quantitative und qualitative Forschungsmethoden " (Meier Kruker/Rauh 2005, S.13). So ist es vom jeweiligen Untersuchungsziel und dem Untersuchungsgegenstand abhängig, welche Methode zum Einsatz kommt. „Akzeptiert werden muss, dass einerseits quantitative Verfahren qualitative Vorstrukturierungen immer schon voraussetzen und andererseits quantitative und qualitative Verfahren in einem Verhältnis wechselseitiger Ergänzung stehen " (Heinze 1995, S.14).

Methode: Für das Forschungsinteresse wird das narrative Interview als Methode der qualitativen Sozialforschung eingesetzt. Das narrative Interview ist offen und wenig strukturiert und eignet sich somit zur Exploration bisher unerforschter Themengebiete. Es wird vor allem im Zusammenhang von Untersuchungen der Lebensgeschichte von Personen angewendet. Grundlage des narrativen Interviews ist das freie und spontane Erzählen des Befragten. Der Forscher hat dabei die Aufgabe, sein Gegenüber zum Erzählen zu animieren und versucht den Redefluss zu erhalten. Er fungiert dabei nicht als Gesprächspartner, sondern nur als Zuhörer, der eventuell am Ende noch einmal auf bestimmte Passagen zurückverweist.

Schlussfolgerungen: Das Interview gehört zu den reaktiven Verfahren, das heißt, die untersuchten Personen sind sich bewusst darüber, dass sie Gegenstand einer Untersuchung sind und haben die Möglichkeit auf den Erhebungsvorgang zu reagieren. Das „Ziel von narrativen Interviews ist das Verstehen, das Aufdecken von Sichtweisen und Handlungen von Personen sowie deren Erklärung aus eigenen sozialen Bedingungen " (Hermanns 1981, S.16). „Es gibt - so die Grundidee - subjektive Bedeutungsstrukturen, die sich im freien Erzählen über bestimmte Ereignisse herausschälen, sich einem systematischen Abfragen aber verschließen würden" (Mayring 1990, S.50).

1. Theoretischer Hintergrund

Das Handeln von Menschen ist von ihrer Konstruktion der Wirklichkeit determiniert. Demzufolge müssen „inhaltlich wie methodisch genau diese sozialen Konstruktionen, Regionalisierungen und Repräsentationen ins Zentrum der Untersuchung rücken" (Pfaffenbach/Reuber 2005, S.32). Die Umweltwahrnehmung einer Person ist als ein Konstrukt seiner Erfahrungen und Einstellungen zu sehen.

Der Begriff der Rekonstruktiven Sozialpädagogik zielt auf den Zusammenhang derjenigen methodischen Bemühungen im Bereich der Sozialen Arbeit, denen es um das Verstehen und die Interpretation der Wirklichkeit geht. Als ein Ereignis, dass von handelnden Subjekten sinnhaft konstruiert und intersubjektiv vermittelt wird. Es handelt es sich dabei um den Versuch rekonstruktive Verfahren der qualitativen Sozialforschung für den Bereich der Praxis Sozialer Arbeit nutzbar zu machen. Eberhard Nölke manifestiert 2002, dass die Biografieanalyse ein sozialwissenschaftliches Verfahren der Einzelfallrekonstruktion darstellt (ebd., S. 167). Hierbei handelt es sich vornehmlich um Methoden, die „mittels spezifischer Verfahren die Konstruktion der Biografie durch die Subjekte [Klienten] selbst aufdecken und verstehbar machen" (ebd., S. 199). Nölke schreibt, dass der Professionelle, um die lebenspraktischen Probleme seines Klienten verstehen zu können, sowohl die sichtbaren als auch die latenten Sinnenszusammenhänge der Problemlagen unter maximaler Mitwirkung des Klienten rekonstruieren muss (ebd., S. 166).

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, eine konkrete praktische Erprobung dieser ethnografischen Biografieforschung bzw. narrative Interviewstrategien detailliert vorzustellen. Die zugrundeliegenden Wirkmechanismen narrativer Interviews dienen der Annäherung an die Beantwortung der Forschungsfrage: Was bedeutet Religion für unsere Zielgruppe? Im ersten Teil dieser Arbeit wird das Forschungsinteresse und das daraus entwickelte Forschungsdesign vorgestellt. Im Folgenden steht die formulierende und reflektierende Interpretation der ausgewählten drei Passagen im Mittelpunkt. Im Zusammenhang damit wird die jeweilige Passage abgedruckt und die Passagenauswahl entsprechend argumentiert. Im Fazit wird dargelegt, welches Verständnis sich für die Situation entwickelt hat. Abschließend wird in der Quintessenz ein Resümee aus dem Interview gezogen.

Das Interview ist der Grundstein für den handlungsorientierten Verstehensprozess. Um zu verstehen braucht es das Rekonstruieren von Gegebenheiten, Ereignissen oder Lebensumständen, beeinflusst von der Gegenwarts- und Zukunftsperspektive, aus der Entstehungsgeschichte heraus. Knapp gesagt besteht der Nutzen dieser Analyse also ganz schlicht im „klar sehen".

2. Forschungsdesign

Seit mehreren Jahren beschäftigte ich mich aus ganz persönlichem Interesse sehr viel mit Religion und Glauben. Zudem habe ich dazu von Kindheit an auch einen sehr engen Bezug. Im Rahmen meines dualen Studiums „Sprache und Sprachförderung in Sozialer Arbeit" belegte ich Seminare, wie z. B. Weltreligionen, in denen ich mein theoretisches Wissen darüber erweitern konnte. Als es im Seminar „rekonstruktive Soziale Arbeit" um die Ideenfindung bzw. das Forschungsinteresse ging, kam mir sofort Religion in den Sinn. Da ich mit dem evangelischen und katholischen Glauben sehr vertraut bin, wollte ich den Fokus auf eine andere Religion legen. Im Zusammenhang mit der medien-politischen Diskussion darüber, dass Terror und Islam in Beziehung stehen, sah ich das als Möglichkeit, mich näher damit zu beschäftigen, dieser Frage nachzugehen. Im Seminar Weltreligionen ist mir ferner bewusst geworden, wie wenig wir über andere Religionen, Glauben oder Traditionen tatsächlich wissen. Oft bilden wir uns Urteile, haben „Bilder im Kopf", die sich auf Äußerlichkeiten bzw. einzelne Episoden beziehen. Schlussendlich werden Vorurteile konstruiert und auf die jeweilige Religion oder alle Menschen mit Migrationshintergrund insgesamt übertragen. Und das, ohne fundiertes Hintergrundwissen oder wirklich zu verstehen. Hinter jedem steckt seine eigene Geschichte, seine eigene Familie und damit seine ureigene Entwicklung. Spannend ist, eine davon näher kennen zu lernen und verstehen zu lernen. Spannend ist, Fragen nachzugehen, wie: Welchen Umfang nimmt die Religion im Leben eines Muslims ein? Wird man in die Religion hineingeboren? Was spielt die Religion in der Familie für eine Rolle? Gehören Gewalt und Terror zur Religion? Ist Tradition gleich Religion?

Kerstin, Tabea und Denise teilten das Interesse an dem Thema Religion. Aus diesem Grund schlossen wir uns zu einer Forschungsgruppe zusammen. Unser Anliegen bestand darin, junge muslimische Erwachsene ab 18 Jahre zu interviewen. Im Mittelpunkt sollten dabei die ganz persönlichen Erfahrungen mit Religion vom ersten Kontakt bis heute stehen. Zum einen wollten wir uns hiermit einen tieferen Einblick in die Lebenswelt mit und in der Religion verschaffen. Zum anderen erhofften wir uns, verschiedene traditionell, religiös oder familiär begründete Lebensweisen näher kennen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten verstehen zu lernen.

Wertschätzend, vorurteilsfrei und vor allem frei von der persönlichen Denkweise des Interviewenden ist das narrative Interview optimal geeignet, sich diesem Forschungsinteresse anzunähern. Der Habitus und die Lebenswelt des jeweiligen jungen Erwachsenen wird damit genau und wertfrei abgebildet. Es befördert die Grundlage dafür, die jungen Erwachsenen, ihre Religion, ihre Handlungs- und Lebensweisen nachvollziehen und tolerieren zu können. Psychologisch ergiebig sind narrative Interviews vor allem, weil sie einen Zugang zur impliziten Weltsicht und zu impliziten subjektiven Theorien liefern.

2.1 Forschungsfrage

Was bedeutet Religion für unsere Zielgruppe?

2.2 Interviewpartner

In unserer Forschungsgruppe verständigten wir uns auf junge muslimische Erwachsene ab 18 Jahren als Interviewpartner. Die Kenntnisse der deutschen Sprache sollten beim potentiellen zu Interviewenden so gut sein, dass eine Gesprächsführung ohne Dolmetscher möglich ist.

Die Kontaktaufnahme bzw. die Ansprache potentieller Interviewpartner erfolgte per E­Mail, Telefon und persönliche Ansprache.

Als mögliche Interviewpartner eruierten wir zwei muslimische junge Frauen aus dem Bekanntenkreis der Mitglieder unserer Forschungsgruppe oder/und vier junge Erwachsene aus dem Verein der Muslime Potsdam e. V. Um die Ergebnisse der Interviews auf eine optimal vergleichbare Ebene zu stellen, wurde festgelegt, dass die Gespräche mit den jungen Erwachsenen aus dem Verein der Muslime Potsdam e.V. durchgeführt werden. Somit stand für jedes Mitglied der Forschungsgruppe ein Gesprächspartner zur Verfügung. Für die vier Interviews wurde 6. Juli 2016 ab 15.00 Uhr vereinbart. Sie sollten in der Moschee des Vereins der Muslime Potsdam e.V. durchgeführt werden. Die Örtlichkeiten sind keinem der Gruppe vorher persönlich bekannt gewesen. Die Vorgespräche zu Thema, Termin und Teilnehmerzahl erfolgten telefonisch und per Mail. Dementsprechend war der Interviewtermin gleichzeitig der erste direkte Kontakt.

Nachdem sich im Verein der Muslime Potsdam e. V. die beiden Interviews des ersten Teils der Forschungsgruppe als nicht verwendbar erwiesen, wurden weitere Kontakte aktiviert. Zum einen persönliche Kontakte zu muslimischen jungen Erwachsenen und zum anderen über meinen neuen Arbeitgeber. Der Wertewandel - Soziale Innovation und Entwicklung e.V. verfügt über jahrelange praktische Erfahrungen und damit direkte Kontakte zu Menschen mit Flüchtlingshintergrund muslimischen Glaubens. Die Kontaktaufnahme erfolgte zuerst per Mail, dann telefonisch und persönlich.

Eine Woche nach dem ersten Interview erklärte sich eine junge Erwachsene Muslimin, welche Denise kontaktiert hatte, zu einem Gespräch bereit. Wir verabredeten uns für den 12. Juli 2016 auf Hermanswerder.

2.3 Interviewleitfaden Vorgespräch

- Small Talk
- Selbstpräsentation der Interviewenden, des Forschungsinteresses, der Forschungsfrage
- Zusicherung der Anonymitätswahrung
- Information über Ablauf des Interviews
- Einverständnis einholen, dass Gespräch auf T onträger aufgenommen wird

Erzählgenerierende Eingangsfrage/Erzählstimulus

Ich interessiere mich für deine persönlichen Erfahrungen mit Religion. Vielleicht kannst du mir von dem Zeitpunkt erzählen, als du das erste Mal damit in Kontakt gekommen bist oder angefangen hast, dich dafür zu interessieren bis heute...

Nachfragephase I - Narrative bzw. immanente Nachfragen

In dieser Phase können Detaillierungsfragen gestellt werden. Erzählungsimmanent sind Nachfragen, die sich auf bisher Erzähltes, das unklar geblieben ist oder nicht erzählt wurde, beziehen.

Nachfragephase II - Exmanente Nachfragen

Erst wenn die Detaillierungsfragen abgearbeitet sind, besteht die Möglichkeit, anhand von vorbereiteten Leitfadenfragen Themen anzuschneiden, die in der Erzählung vielleicht nicht berührt wurden, die Sie aber aus Ihrem speziellen Forschungsinteresse für wichtig halten.

- Erzähl mir bitte welche Rolle Religion in deinem Alltag hat?
- Kannst du mir von wichtigen Lebensentscheidungen erzählen, in der deine Religion eine Rolle gespielt hat?
- Magst du mir von deinen neg. Erfahrungen mit deiner Religion erzählen?
(Wenn nichts kommt, nach Beispielen fragen.)
- Magst du mir von deinen positiven Erfahrungen mit deiner Religion erzählen?

(Wenn nichts kommt, nach Beispielen fragen.)

- Wie verhältst du dich, wenn Nichtgläubige anwesend sind? Verhältst du dich anders? (konkretes Beispiel: Schule/Verein usw./Gefühle)
- Wie hast du Religion in deiner Familie erlebt? Wie erlebst du Religion in deiner Familie?
- Wie stehen Freunde zu deiner Religion? Wie erlebst du Religion in deinem Freundeskreis?
- Welche Themen rund um Religion spielen für dich noch eine Rolle?

(Aus welchen Gründen lebst du deine Religion?)

- Welche Funktion hat Religion für dich?
- Wie hat sich Religion im Laufe deines Lebens verändert?

Nachfragephase III - Klärung von Widersprüchen

In dieser Phase erfolgt der Rückgriff auf Sequenzen des Interviews, die widersprüchlich oder in anderer Weise „auffällig" erscheinen. Hierbei ist ein Höchstmaß an Sensibilität erforderlich! Erstmals und einmalig können hier durch die Interviewenden/ Forschenden Propositionen (inhaltliche Stellungnahmen) eingebracht werden. Diese Phase kann ausgelassen werden, falls kein „Klärungsbedarf" besteht!

Zum Abschluss des Interviews besteht die Möglichkeit, nach einer Beurteilung oder Bilanzierung der Geschichte zu fragen. Das ist dann eine andere Ebene, nicht mehr das Darstellungsschema der Erzählung, sondern das der Argumentation. Die Bilanzierungsfrage ist fakultativ, gehört nicht zwingend zum narrativen Interview.

Nachgespräch

- Dank an den/die Interviewte(n) für seine/ihre Mühe und Bereitschaft
- Orientierung an Bedürfnissen des Befragten (ob schnelles Ende oder weiteres Gespräch)
- Falls Kopie der Aufnahme/der T ranskriptteile gewünscht wird, dies zusichern
- Ggf. Vereinbarung über Nachkontakt (Telefongespräch oder zweites Interview)

Erstellung eines Interviewprotokolls

Das Interviewprotokoll wird zeitnah nach dem Interview ohne Interviewpartner erstellt.

Es enthält Informationen zu:

- Vorkontakte
- Dauer des Aufenthalts
- Dauer des Interviews
- Beschreibung des Settings
- Interviewverlauf - Interaktion (Eindruck)
- Interviewpartner - Reflektion (Wirkung)
- Interviewender - Reflexion (Rolle)
- Interview - emotionale Eindrücke
- Fazit
- Feedback

3. Interviewsituation

Die ersten Interviews

Für das Interview waren Denise und ich am 6. Juli 2016 ab 15.00 Uhr in der Moschee des Vereins der Muslime Potsdam e.V. in Potsdam am Kanal 61 verabredet. Ein junger Erwachsener Muslim wartet mit uns vor der Tür auf den Imam. Nach seinem Eintreffen führte er uns einen eher dunklen Raum. Nachdem er einen Klapptisch aufgestellt und Stühle zusammengesucht hatte, befragte er uns, worum es geht. Während des gesamten ersten Interviews blieb der Imam im Raum. Die ständigen Unterbrechungen, entweder dadurch, dass er unsere Fragen wiederholte und übersetzte, den Raum verließ, weil jemand etwas von ihm wollte, gestalteten die Interviewsituation sehr schwierig. Der junge Muslim wirkte angespannt und beobachtete bei jeder Antwort die Reaktion seines Imams. Seine Aussagen wirkten „einstudiert“. Ein Modus des Erzählens zu initiieren war nicht möglich. Zudem beherrschte der junge Erwachsene Muslim die deutsche Sprache noch nicht so gut, dass er die Fragen verstehen immer konnte. Er ist erst vor wenigen Monaten nach Deutschland gekommen. Mehrfache Erläuterungen und Wiederholungen ließen keine flüssige Gesprächssituation entstehen. Das Interview dauert ca. 45 Minuten. Einen großen Teil der Zeit jedoch nahm der Imam damit in Anspruch, darüber aufklären zu wollen, dass der Koran die einzig wahre Schrift unter allen religiösen Schriften sei.

Inwieweit das Interview ohne den Imam selbstläufiger geworden und Erzählungen entstanden wären, lässt sich schwer sagen. Da wir uns mit den Regularien in einer Moschee nicht so gut auskannten, wussten wir nicht, ob wir den Imam hätten auffordern können, uns mit dem Interviewpartner allein zu lassen. Es entstand der Eindruck, dass der junge Mann entspannter wurde, wenn der Imam den Raum verließ.

Im Anschluss stellte sich ein zweiter junger Muslim zum Interview zur Verfügung. Allerdings sprach und verstand er so schlecht Deutsch, dass wir das Gespräch nach knapp 20 Minuten beendeten. Die wenigen Antworten, die wir bekommen bzw. verstanden hatten, ähnelten dem ersten Gespräch.

Unser Aufenthalt dauerte insgesamt eineinhalb Stunden. Abschließend bedankten wir uns für die Bereitschaft und die Zeit. Dem Imam war es wichtig, noch einmal nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass sein Glaube, der einzig richtige ist und schenkte uns jedem zum Abschied einen Koran.

Nachdem wir die Moschee verlassen hatten, setzten wir uns noch zu einer Auswertung zusammen. Übereinstimmung bestand darüber, dass wir uns in der Interviewsituation unwohl gefühlt hatten. Die empfundene Beaufsichtigung durch den Imam vermittelte uns ein unangenehmes Gefühl. Wir waren uns zudem einig darüber, dass wir uns um ein weiteres Interview bemühen. Für unsere Forschungsfrage waren diese Gespräche nicht verwendbar.

Das dritte Interview

Für das neue Interview verabredeten wir uns mit F. am 12. Juli 2016 um 13.00 Uhr. Da sie an der Berufsschule der Hoffbauer Stiftung eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert, lag es nahe, sich vor dem Gebäude der FHCHP zu treffen. Als Interviewort konnten wir einen freien Seminarraum der FHCHP nutzen. Um eine angenehme Gesprächsathmosphäre zu schaffen, hatten wir, wie beim ersten Mal, Getränke und Gebäck mitgebracht. Wir setzten uns gegenüber und stellten die Erfrischungen sowie das Aufnahmegerät auf dem Tisch vor uns bereit. Das gesamte Interview verlief störungsfrei.

Während des Smalltalks vor dem Interview berichtete die 20-Jährige F., dass sie erfolgreich eine Ausbildung zur Sozialassistentin bei der Hoffbauer Stiftung absolviert und jetzt eine Ausbildung zur Erzieherin begonnen hat. F hat zwei ältere, drei jüngere Schwestern und zwei Brüder. Ihre Mutter stammt ursprünglich aus Jordanien und ihr Vater aus Syrien. Sie haben aus Liebe geheiratet. Aufgewachsen ist F. in Berlin. Dort wohnt ihre Familie auch heute noch. Mit knapp 18 Jahren verließ F. das Elternhaus, weil sie zwangsverheiratet werden sollte. Sie suchte Unterstützung beim Jugendamt und verbrachte dann einige Zeit in den Beelitzer Heilstätten. Jetzt lebt sie allein in einer kleinen Wohnung in Potsdam. Nur ihre Schwestern wissen davon. Die Eltern gehen davon aus, dass sie noch in Beelitz ist. Das Verhältnis zu ihnen ist schwierig. Sie besucht ihre Familie inzwischen wieder häufiger.

F. wirkte anfangs sehr aufgeregt. Es lag daran, dass sie davon ausging, bestimmte Erwartungen erfüllen zu müssen. Das legte sich sehr schnell, nachdem wir sie darüber aufgeklärten, dass sie frei erzählen könne. F. sprach sehr klar und deutlich. Ich bekam schnell das Gefühl, dass sie sich mit dem Thema sehr intensiv auseinandersetzt und gesetzt hat. Überwiegend wirkte sie sehr reflektiert. Während des Interviews wurde gelacht, gelächelt, aber es gab auch kurz Tränen. Das Thema ist für F. eine Herzensangelegenheit und so wurde es ein sehr emotionales Gespräch. Im Großen und Ganzen machte Fatma einen selbstbewussten Eindruck. Es verblüffte mich, wieviel innere Stärke, Wärme und Lebensfreude sie ausstrahlte.

Insgesamt verbrachten wir knapp zwei Stunden miteinander. Das Interview selbst dauerte 57, 21 Minuten und geriet nie ins Stocken. Auf die meisten Fragen kam F. sehr schnell in den Erzählmodus. Durchgängig herrschte eine entspannte Atmosphäre. Im Anschluss unterhielten wir uns noch ganz zwanglos miteinander und verließen gemeinsam das Gelände. Wir gingen mit Bedauern darüber, dass die gemeinsame Zeit vorbei ist, auseinander. Es fühlte sich an, wie nach einem Gespräch unter sehr guten Freunden, die sich lange nicht gesehen haben und denen die Themen einfach nicht ausgehen wollen. F. bedankte sich abschließend für das Interesse an ihrer Religion und bestätigte, dass sie sich dabei sehr wohl gefühlt hat.

4. Passage I

4.1 Abdruck

I: Ich interessiere mich für deine ganz persönlichen Erfahrungen mit Religion. Vielleicht kannst du mir von dem Zeitpunkt erzählen, als du das erste Mal damit in Kontakt gekommen bist oder angefangen hast, dich dafür zu interessieren bis heute. Stell dir einfach vor, wir wissen ja von deiner Religion nichts. #00:00:59-6#

IP Ja. O.K. (1) Also na ja es ist so, dass ich da hinein geboren wurde, ne. Ich hab' nich irgendwie mich entscheiden können oder so. Ähm (.). Ich bin aber auch glücklich drüber. Es war früher schon so, dass ich, ähm (.) dass meine Eltern sehr viel Wert daraufgelegt hatten, dass wir die Religion kennen lernen, näher kennenlernen. Deswegen gingen wir auch von klein auf in die arabische Schule, quasi. Und haben da Religionsunterricht gehabt, irgendwie, schreiben, sprechen und alles Mögliche halt. Ähm. (1) Und hat gutgetan. Also man wusste, wo man steht und was die Aufgaben im Leben sind und was der Sinn dahinter ist und so. Ähm, ja und ich weiß halt, (1) ich kenn die Verbote, ich kenn die, ich kenn die (1) ähm, (1) ähm, Gebote. Und (1) ähm, ja es tut halt gut zu wissen, dass man nichts für umsonst macht und dass alles was man macht, halt entweder später 'ne Belohnung oder Bestrafung halt geben wird dafür (2). So. Ja. Also so viel dazu erst mal. #00:02:14-9#

I: Und wenn du jetzt zum Beispiel sagst, das alles 'ne Belohnung oder 'ne Bestrafung hat, kannst da noch ein bisschen was drüber erzählen #00:02:21-3#

IP Mhm ((atmet)) also na ja Gutes tun ist ja richtig und wichtig und (.) also wir haben quasi (.) genau, es ja im Islam so, dass man zwei Engel hat, auf den Schultern sitzen, auf der rechten Schulter sitzt der Engel der alle guten Taten aufschreibt, und auf der linken der Engel, der alle bösen Taten aufschreibt. und man fühlt sich halt gut, wenn man was Gutes gemacht hat, weil man weiß, dass der Engel auf der rechten Schulter das aufgeschrieben hat und dass man später halt (3) also was Gutes tun ist vielleicht auch ne Ameise nich mit Absicht, also nich mit Absicht auf ne Ameise treten und so. und wenn man das mit Absicht macht, dann schreibt der Engel auf der linken Schulter das auf, weil's auch ne böse Tat ist. Zum Beispiel, also das wären böse Taten halt.ne. Und die ganzen ähm Islamisten und wie die sich alle nennen, ne, das sind alles böse Menschen. Und es gibt ja nur zwei Arten von Menschen. Einmal die guten, die Gutes tun und die bösen, die Böses tun. Und das sind böse Menschen. Und die haben nichts mit der Religion zu tun. Und deswegen fühlt man sich als Moslem da auch so angegriffen von den Islamisten, quasi, ne, so. und denn versucht man Gutes zu tun, indem man, weiß ich nich, andern zeigt, dass es nicht so ist. Dass der Islam des nich sagt. So. die Antwort ist bestimmt voll falsch, aber...mhm #00:03:44-6#

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Rekonstruktive Soziale Arbeit. Ethnografische Biografieforschung und narrative Interviewstrategien. Was bedeutet Religion für junge muslimische Erwachsene?
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V374190
ISBN (eBook)
9783668515642
ISBN (Buch)
9783668515659
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rekonstruktive, soziale, arbeit, ethnografische, biografieforschung, interviewstrategien, religion, erwachsene
Arbeit zitieren
Birthe Zenker (Autor), 2017, Rekonstruktive Soziale Arbeit. Ethnografische Biografieforschung und narrative Interviewstrategien. Was bedeutet Religion für junge muslimische Erwachsene?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374190

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