Entdeckung der Unterschicht und die Metaphorik des Mülls


Essay, 2017
89 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Entdeckung der Unterschicht

Methoden der Entdeckung

Soziale Konstruktion der Unterschicht

Moralische Bewertung von Armut und Arbeit

Überwachung und Homogenisierung

Besondere Bedeutung von literarische Quellen und Schmutz

Perspektive der Entdeckung

Müll als Struktur- und Ordnungsbegriff

Perspektivierung des Müllbegriffs

Metapher der sozialen Exklusion und

die Metaphorik des Mülls bei Niklas Luhmann

Ausgrenzung statt Integration - das

Lumpenproletariat bei Marx

Symbolische Bedeutung von Schmutz

Hygiene

Geruch und Affekte

Othering als Darstellungsmuster und Abgerenzungsritual

Ambivalenz des Schmutzes bei Alexandre

Parent-Duchâtelet

Coda

Literaturverzeichnis

Entdeckung der Unterschicht

„Es müht sich der Packer mit den Möbeln, der Garagist windet sich unter den Rädern. Ganz unsensibel sind sie doch. Recht gern begebe ich mich in ihre Nähe und genieße dort meinen Abstand. (..) Wie günstig der Vergleich jedes mal für mich ausfällt! Dank sei dem Schmutz“ Enzensberger (1968), S.57.

Die jüngste Entdeckung der Unterschicht, die ab 1970 in den USA ihren Ausgang nahm, ist, so schreibt Loïc Wacquant, nichts anderes als die „Erfindung der Unterklasse“[1], ein „wissenschaftlicher Mythos“[2] im Sinn Pierre Bourdieus, also eine diskursive Formation, die sich wissenschaftlicher Methoden und Sprache bedient, um bestehende Vorurteile und Ressentiments zu reformulieren.

Um Gegenstand einer Entdeckung oder Erfindung zu werden, muss es sich bei der Unterklasse zwangsläufig um eine „neue Entität [handeln], die vom Rest der Gesellschaft abgesondert ist“[3]. Man unterstellt ihr eine eigene homogene Kultur, die sie „auf pathologisch zerstörerische und selbstzerstörende Verhaltensweisen festlegt.“[4]

Nach Wacquant dient die Erfindung der Unterklasse aber keineswegs nur dazu, den Diskurs zu dramatisieren, sondern dazu konkrete politische Maßnahmen zu rechtfertigen, um eine soziale Gruppe zu isolieren, und als „Disziplinierungsinstrument im Foucaultschen Sinn“[5] für all jene, die sich von sozialem Abstieg bedroht sehen. Die Wirkmächtigkeit des Begriffs und des damit verbundenen Konzeptes erschließt sich, so Wacquant, zum einen aus der semantischen Unbestimmtheit des Begriffs, der es erlaubt, die Unterklasse beliebig zu erweitern oder einzuschränken, zum anderen in der damit verbundenen Moralisierung von sozialer Ungleichheit, die in einem Prozess der Dämonisierung, dem s.g. Othering, eine radikale Andersheit diskursiv herstellt.

Auch für den jüngsten Unterschichtendiskurs in Deutschland und Europa, Anfang des 21. Jahrhunderts, war die These einer angeblich neuen und andersartigen sozialen Gruppe von Bedeutung. So wurde als Urheber der sozialen Unruhen in London 2011, Athen 2008 und Paris 2005 eine Gruppe der sozial Abgehängten, die amoralisch und ökonomisch nicht zu gebrauchen sei, ausgemacht.[6] Die mediale Darstellung, aber auch wissenschaftliche Beschreibung dieser neuen sozialen Gruppe thematisierte nicht nur ihre angeblichen moralischen, sondern auch immer wieder ihre hygienischen Defizite. Bescherer weist, nicht zuletzt aufgrund dieser Parallele darauf hin, dass das verwendete Darstellungsmuster große Ähnlichkeit zum Konzept des marxistischen Lumpenproletariats aufweist[7] und so zumindest die spezifische Darstellung keineswegs neu ist.

Allgemeiner formuliert es Markus Schroer, der darauf hinweist, dass die Darstellung urbaner sozialer Marginalität „letztlich das Produkt eines Zusammenspiels von Wissenschaft und Massenmedien [ist], die in einer Art Kulminationsprozess für die Reproduktion der immer gleichen Bilder sorgen.“[8] Obwohl sich Ursachen, Quantität und Qualität des Phänomens sozial marginalisierter Gruppen in den letzten 150 Jahren gewandelt haben, blieb die Sprache, in der darüber geschrieben und gesprochen wird, erstaunlich unverändert[9], was sich in der den Diskurs begleitenden Rhetorik und Metaphorik deutlich widerspiegelt.

Eine ähnliche Kontinuität weist auch die von Wacquant kritisierte Dämonisierung der Unterschicht und der ideologische Missbrauch des Diskurses auf. In Deutschland entdeckte der Berliner Historiker und Publizist Paul Nolte zunächst 2003 in seinem Essay „Das große Fressen“, später auch in seinem Werk „Riskante Moderne: die Deutschen und der neue Kapitalismus“ eine „Neue Unterschicht“.

Noltes Argumentation, diese „neue Form der Marginalität“[10] sei auch Folge mangelnder Verbindlichkeit von moralischen, konkret bürgerlichen Moralvorstellungen und des Verlusts von Attraktivität des bürgerlichen Kulturmodells, folgt dabei jener häufig zu beobachtenden Tendenz zur „Moralisierung und Kulturalisierung sozialer Ungleichheit.“[11] Nolte, bringt seine These von der „Neuen Unterschicht“ auf die griffige Formel: „Nicht Armut ist das Hauptproblem der Unterschicht. Sondern der massenhafte Konsum von Fast Food und TV.“[12] Der moralischen Verkommenheit und den kulturellen Defiziten der „Neuen Unterschicht“ setzt er die bürgerliche Leitkultur entgegen. Schließlich, so Nolte, habe die Attraktivität und der „Sog der bürgerlichen Kultur“[13] auch erheblichen Anteil an der Integration des klassischen Proletariats vom 18. bis in die sechziger Jahre des 20 Jahrhunderts gehabt.

Moralisierung und Kulturalisierung sozialer Ungleichheit und die Instrumentalisierung des Diskurses über die Unterschicht oder eine vermeintlich Neue Unterschicht, scheinen keineswegs lediglich von Wissenschaftlern oder Medien, die dem politisch konservativen Lager zuzuordnen sind, auszugehen. So zielen „postmoderne Debatten entfremdeter Intellektueller“ viel häufiger auf „literarisch gebildete Formkritik ab (…) haben aber mit den drängenden Krisen der innerstädtischen Arbeitslosen nicht das geringste zu tun.“[14] Nicht selten verklärt die Moralisierung des Diskurses die Unterschicht, auch zu einem sozialromatischen Mythos, ähnlich dem von Hebdige zynisch beschrieben, im Ghetto lebenden Afroamerikaner: „An diesem Ort führte der Neger ein freies Leben (…) obwohl er in einer grausamen Umwelt schäbiger Straßen und Mietskasernen gefangen war (...) entkam er der Kastration und der einengenden Existenz, die das Leben der Mittelschicht zu bieten hatte.“[15]

Auch die „kritiklose Identifikation“[16] mit den Benachteiligen der Gesellschaft, wie sie Eckardt etwa bei dem amerikanischen Soziologen Mike Davis ausmacht, verweist nicht nur auf eine vermeintliche philanthropische Einstellung, sie lässt sich auch als Kritik der eigenen Kultur und Lust am Anderen verstehen. So schreibt Wacquant während seiner Feldforschung in den Chicagoer Slums: „die Perspektive eines Umzugs nach Harvard (…), das Verfassen von Artikeln, das Lesen von Büchern, die Teilnahme an Konferenzen und das ganze universitäre tutti frutti [scheint] so sinnentleert, deprimierend, trübselig und leblos, dass ich aufgeben möchte, nur um in Chicago zu bleiben.“[17] Nicht nur Wacquants Ausführungen, der mit dem Gedanken spielte seine akademische Karriere aufzugeben um „one of the boys“[18] zu bleiben, zeugen von jener Faszination die sich mit der Unterschicht und deren vermeintlicher Lebenswelt verbindet, man kann diese Faszination, die „zusammen mit dem Ekel ein seltsames, unauflösbares Amalgam bildet“[19] bereits in den Beschreibungen der viktorianischen Slums entdecken. Nicht nur der Erfolg zahlreicher literarische Beschreibungen der viktorianischen Ära, und in jüngerer Zeit von Filmen, des New Black Cinema zeugen von einem scheinbar kontinuierlichen und in weiten Teilen der wohlhabenderen Bevölkerung verbreiteten Interesse an dem Leben der Unterschicht. So erfährt der Slumtourismus, das s.g. Slumming, in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. Neu ist diese Form der geführenten Elendstouren, das „soziales Bungee-Jumping“[20] nicht, so wurden in London und New York bereits im Jahr 1884 vergleichbare Touren durch die Quartiere der städtischen Armen angeboten. Dabei scheint die Motivation der Teilnehmer solcher Touren damals wie heute ganz ähnlich zu sein, nach Steinbrink geht es ihnen um die Erfahrung des „Echten“, des „Fremden“[21].

Die Erfahrung starker sozialer Differenz stößt nicht nur ab, mit ihr verbindet sich auch die Anziehung des Exotischen, eine einzigartige Andersheit, das Versprechen von Authentizität, die sich mit Armut zu verbinden scheint.

Aus den bisherigen Bemerkungen ist andeutungsweise ersichtlich geworden, dass in den unterschiedlichen Diskursen über die Unterschicht, gleich in welchem Jahrhundert sie geführt wurden, Fragen und Probleme einen großen Raum einnehmen, die keinen oder nur einen entfernten Bezug zum vermeintlichen Kern, nämlich materieller Verteilungsgerechtigkeit und einer gerechten Gesellschaft, aufweisen.

Nicht selten kommt der Unterschicht dabei die Funktion der Repräsentation des symbolischen Anderen zu. Der Charakterisierung dieses Anderen liegt und lag fast immer die Perspektive des bürgerlichen Selbst zugrunde. Diese Arbeit soll zum einen der Frage nachgehen, die Schroer im Bezug auf Reproduktion der immer gleichen Bilder in denen die Unterschicht dargestellt wird stellt, nämlich „wie die Bilder die alle zu teilen scheinen überhaupt entstehen“[22] und in der Vergangenheit entstanden sind. Um einen Beitrag zum Nachweis der Kontinuität dieser Bilder zu geben und weil im Rahmen dieser Arbeit Schroers Frage nicht erschöpfend beantwortet werden kann, nähert sich diese Arbeit der Deutung der Unterschicht über die nähere Betrachtung eines häufig verwendeten Darstellungsmusters der Unterschicht, nämlich das der Metaphorik von Müll und Exkrementen. Durch Betrachtung der Zeit der frühen Industrialisierung, in dem die Unterschicht, wie in den siebziger Jahren des 20. und der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts entdeckt wurde, soll auf die Kontinuität der sprachlichen Darstellung der Unterschicht und ihrer symbolischen Funktion im Diskurs hingewiesen werden.

Die, mit der Unterschicht verbundenen, und von einer großen Allgemeinheit geteilten Bilder, taugen nicht nur als Schreckgespenster im Urbanisierungsdiskurs, der Debatte um öffentliche Sicherheit, Einwanderung oder Armut, mit ihnen verbindet sich auch die Aussicht auf die Entdeckung einer fremden, exotischen Welt, die nur einen Steinwurf weit entfernt liegt. Es sind Bilder die Angst machen aber auch die Neugier auf jene „mysteriösen, gefährlichen und deprimierenden [Stadt]gebiete“[23] erzeugen. Es sind diese Bilder, die die Welt der Armen und deren Quartiere homogen scheinen lassen und in dem begleitenden Diskurs sowie der öffentlichen Wahrnehmung fast unverändert die Zeit überdauert zu haben scheinen.[24]

In den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts glichen die Elendsviertel der Städte und deren Bewohner aus Sicht des Bürgertums noch den weißen Flecken auf der Landkarte, jener „terra incognita“, deren Erforschung der Ehrgeiz zahlreicher Forschungsreisender galt[25]. In den besseren Vierteln der Stadt wusste man über die arme Stadtbevölkerung „ebenso wenig (…) wie von den Wilden Australiens oder der Südsee-Inseln“.[26] Bezeichnender weise wird die literarische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Elendsvierteln auch als Entdeckung der Unterschicht genannt. [27]

Methoden der Entdeckung

„Schon die kleinste, vom öffentlichen Interesse abweichende Verhaltensweise, etwa im Moralischen, werde daher als Randstelle empfunden und als schmutzig gebrandmarkt.“

Enzensberger (1968), S.90.

Die Perspektive der Erforschung ist gekennzeichnet durch den „Blick von außen“, jene einseitige Forschungsrichtung die auch Schroer im Bezug auf die gegenwärtige Erforschung und „Deutung der Vorstädte“[28] bemängelt. Gesundheitskommissionen und die, zunächst in England, später in nahezu jeder europäischen Großstadt entstandenen Statistischen Gesellschaften beginnen, die als Orte der Seuchen und Ansteckung identifizierten Slums, sowie die Wohn- und Lebensbedingungen ihrer Bewohner zu untersuchen, um sie „dem registrierenden Blick“[29] zu unterwerfen.

So entstehen in Übersichtsstudien, „Survey“ genannt, detaillierten Erhebungen zu den Wohn- und Lebensverhältnissen, aber auch zur moralischen Verfasstheit der Slumbewohner. Erklärtes Ziel war die „von höherer Inspektion und öffentlicher Beobachtung verborgenen“[30] Lebensbedingungen im Slum zu erfassen und den verkommenen sittlichen Zustand der Slumbewohner, zu dokumentieren[31]. Moralische Gesamtverfasstheit, Krankheiten und Reinlichkeit der Wohnungen, Familienverhältnisse, Anzahl der unehelichen Kinder und deren potentielle Vernachlässigung, sowie wilde Eheverhältnisse wurden detailliert erfasst und im Sinn dieses Forschungsziels interpretiert.[32]

So wurde beispielsweise von der engen Wohnraumbelegung und der zeitgleichen Nutzung eines Bettes auf sexuelle Ausschweifungen, Inzest, Kindesmissbrauch und homosexuellen Verkehr geschlossen[33]. An dieser Interpretation der Daten lässt sich erahnen, dass zwar die zeitgenössischen Kriterien für Wissenschaftlichkeit erfüllt wurden, dass die Untersuchungsobjekte jedoch vollständig von jedem sozialen Kontext befreit betrachtet wurden. Alle sozialen Bezüge jenseits des für die Surveys „essenzialistischen Moralisch-Sittlichen“[34] wurden ausgespart.

So deutet vieles darauf hin, dass die statistische Registrierung, neben der Generierung von Herrschaftswissen einzig dazu diente, das bereits feststehende Untersuchungsergebnis, die Andersartigkeit der Unterschicht, wissenschaftlich zu bestätigen, um die Bewohner der Slums als die unzivilisierten Anderen, als gefährliche Klasse, zu stigmatisieren.

Bei ihren Untersuchungen entdecken die Ermittler der Gesundheitsbehörden und statistischen Gesellschaften so Menschen „die nicht nach den Regeln der Betrachter“[35] zu leben schienen. Die Entdecker dokumentieren eine Antikultur, die im Stile kolonialer Forschungsreisender zur fremden Ethnie stilisiert wurden. Konstitutiv für diese Kultur ist zum einen die Verdichtung aller Merkmale moralischer Verkommenheit, wie moralische Laxheit, Trägheit, Sorglosigkeit, Unmäßigkeit, sexuelle Freizügigkeit, Spiel- und Trunksucht, zu einer totalen Antithese bürgerlicher Moralvorstellungen. Diese Charakterisierung der Unterschicht als Antithese bürgerlicher Moralvorstellung weist eine erstaunliche Kontinuität auf, so nennt Wacquant, als gängigsten Vorteile, beziehungsweise Erkennungsmerkmale des afroamerikanischen Subproletariats um 1970, „unkontrollierte Sexualität, weibliche Familienoberhäupter, (…) Drogenkonsum, Drogenhandel [und] eine Neigung zu Gewaltverbrechen“[36].

Soziale Konstruktion der Unterschicht

„Die Gesellschaft werde immer undurchsichtiger. Die ganze viktorianische Zeit sei auf der Suche nach einer Erklärung gewesen.“

Enzensberger (1968), S.90.

Der gesellschaftliche Wandel von Stände- zu Klassengesellschaft spiegelt sich auch in einer generell veränderten Sicht auf Armut und die Armen wieder. Wie bereits angedeutet, fällt das verstärkte Interesse der bürgerlichen Gesellschaftsschichten an der Unterschicht, in eine Zeit die geprägt ist von den Folgen des strukturellen gesellschaftlichen Wandels von Stände- zu Klassengesellschaft, eine Zeit der krisenhaften Konstituierung von Identitäten.

Mit der beginnenden Neuzeit sind in den Städten des 16. Jahrhunderts zwei Tendenzen zu beobachten, die ihren Niederschlag in der sozialen Konstruktion der Unterschicht im 19. Jahrhundert finden: Milieus der Armen werden zunehmend als eine homogene „Gegenkultur der Gauner (…), die die bekannte Welt der sozialen Ordnung auf den Kopf stellt“[37], betrachtet. Davon zeugt ein insgesamt zunehmend repressiver Umgang vor allem mit Bettlern und Vagabunden. An die Tendenz, Armut als ein Milieu der Halbwelt, als eine homogene Gegenkultur aufzufassen, knüpft der bürgerliche Beobachter im 19. Jahrhundert an, um in einem, in der Soziologie als Othering bezeichneten Darstellungsmuster die Unterschicht als die Anderen zu konstruieren.

Auch die sogenannten „Schelmenliteratur“, die von 1480 bis 1620 in ganz Europa verbreitet war und auf ein bereits damals bestehendes Interesse der Eliten an peripheren sozialen Gruppen hindeutet, prägt die Vorstellung dieser Halbwelt und entwickelt Deutungs- und Darstellungsmuster, die von den Entdecker der Unterschicht aufgegriffen und fortgeschrieben werden[38].

Als zweite Tendenz ist zu beobachten, dass Armut ihren aus der christliche Lehre der Barmherzigkeit abgeleiteten, moralisch zwar ambivalenten, aber überwiegend positiv bewerteten Stellenwert verliert. Es entwickelt sich ein moralisches Differenzkriterium um zwischen „würdigen“ und „unwürdigen Armen“[39] zu unterscheiden.

Moralische Bewertung von Armut und Arbeit

„Diese Art der Beschmutzung dringe besonders tief in die Person ein, weil sie nicht vom Vorwurf eines fehlerhaften Verhaltens, sondern eines fehlerhaften Seins begleitet sein.“

Enzensberger (1968), S.77.

Entsprechend der christlichen Lehre und ihrer Ökonomie des Seelenheils galt es zu unterscheiden, ob ein Armer seine Bedürftigkeit nur vortäuschte, oder tatsächlich unverschuldet, etwa durch Arbeitsunfähigkeit auf Unterstützung angewiesen war. Unterstützung der Armen war durch die christliche Lehre der Barmherzigkeit als Akt der Nächstenliebe geboten und versprach dem Wohltäter praktischen Nutzen, da zu erwarten war, dass der unterstütze Arme ihn in seine Gebete einschloss und um das Seelenheil des Spenders bat. Allerdings versprachen, der christlichen Glaubenslehre folgend, nur die Fürbitten von gottesfürchtigen Armen Aussicht auf Erfolg.

Die „dämonische Mobilität“[40] von Armen und Bettlern, die körperliche Gebrechen vortäuschten, um Unterstützung zu erhalten, und so zwischen krank und gesund, zwischen Wahrheit und Betrug pendeln, ist von Bedeutung für das moralische Urteil.

Die moralische Bewertung der Unterschicht und ihre Klassifizierung durch ein sittliches Differenzkriterium war also bereits zu Beginn der Neuzeit nicht nur ein gebräuchliches Mittel zur Strukturierung der Gesellschaftsordnung, sondern vielmehr auch eine vermeintliche Notwendigkeit zur „Systematisierung und Kontrolle des Almosenwesens“.[41]

Auch die besondere Beziehung zu Schmutz und Fäkalien klingt in einzelnen Beschreibungen an, auch wenn die entsprechende Metaphorik häufiger das parasitäre Wesen der Bettler und Landstreicher im Zusammenhang mit animalischen Metaphern dargestellt. So heißt es in einer 1764, in Frankreich anonym erschienenen „Denkschrift über Landstreicher und Bettler“: „Sie scheinen aus dem Muff und nicht aus der Liebe zu entstehen (…) und noch im eigenen Kot verfetten sie.“[42]

Die Verbindung zwischen Arbeitsfähigkeit und dem Recht auf Unterstützung, die bis heute nachwirkt, gewann durch die Neubewertung der Arbeit und des Primats des Leistungsprinzips in der aufkommenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung zunehmend an Bedeutung. Sie setzt sich in der Differenzierung der Unterschicht in „honest“ und „dishonest“, „respectable“ und „rough working class“, in „deserving und in undeserving poor“[43], die den Diskurs über die Unterschicht in der zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts prägte, weiter fort und ist bis zum heutigen Tag von Relevanz bei der Differenzierung sozial schwacher gesellschaftlicher Gruppen. So greift der konservative nordamerikanische Politikwissenschaftler Charles Murray diese Unterscheidung wieder auf und verwendet sie für seine These der „new lower class“[44].

Auch wenn sich die zentrale Rolle der Moral im Zuge der sozialen Konstruktion der Unterschicht nicht aus der Verbindung zwischen Leistungsprinzip und sittlichem Status ergibt, stellte diese Entwicklung Begriffe und Vorstellungen zur Verfügung, die von zentraler Bedeutung waren.

Die unterstellte Passivität schlug und schlägt sich, nach Ansicht zahlreicher Politiker und Wissenschaftler, nicht nur im Unwillen zu ehrlicher Erwerbstätigkeit nieder, sondern war und ist auch verantwortlich für die unterstelle Unfähigkeit zu sozialpolitischen Protesten[45]. So kann in den unwürdigen Armen ein Vorläufer jener sozialen Gruppe erkannt werden, die Marx als Lumpenproletariat beschreibt, und die Vorstellung von einer homogenen Gegenkultur der Armut als Vorwegnahme der vermeintlichen Halbwelt der Slums des 19. Jahrhunderts.

Auch ist bereits zur Zeit der Ständegesellschaft die Strategie zu erkennen, sozial marginalisierte Gruppen einander anzugleichen, beziehungsweise Verbindungen zwischen ihnen zu behaupten und in einem Bild des sozial, medizinisch und moralisch Abartigen, des Monströsen, zusammenzufassen um so die Ausschlussfaktoren zu vervielfältigen. So soll die Geheimsprache der Bettler aus dem Hebräischen abgeleitete sein, Ketzern wird häufig Homosexualität unterstellt, Juden und Prostituierte eint nicht nur der moralisch unredliche Umgang mit Geld sondern auch unmäßige Lüsternheit.[46]

Überwachung und Homogenisierung

„Mit dem Gedanken der Besudelung betreten wir das Reich des Schreckens. In diesem Satz von Paul Ricoer, sagte er, (…) sei die ganze Rolle des Schmutzes in der Gesellschaft zusammengefasst.“

Enzensberger (1968), S.48.

Auch am Beispiel der Verwendung einer Metaphorik von Reinheit und Schmutz lässt sich die Fortsetzung des Prozesses der Homogenisierung einzelner, marginaler, sozialer Gruppen zu einer Sammelkategorie nachvollziehen.

Illustriert und symbolisiert wird der scheinbar verkommenen sittlichen Zustand, am häufigsten durch die Nähe zum aber auch eine Vorliebe für Schmutz, so verfügen die von Engels beschreiben Iren, die Vorwegnahme jener sozialen Gruppe die Marx als Lumpenproletariat beschreibt, zu sein scheinen, über die „wunderbare Fähigkeit den Standard des Komforts und der Reinlichkeit in jedem Hof, in jeder Straße und in jeder Siedlung, in der sie erscheinen, zu senken“.[47]

Analog zur Erforschung außereuropäischer Völker wurden die Bewohner der Slums einseitig zu Forschungsobjekten erklärt, und dem als „rein erachteten Blick“[48] des bürgerlichen Ethnographen vorgeführt. Diese Einseitigkeit der Betrachtung und Ausrichtung der Erforschung ist bis zum heutigen Tag eine der Konstanten in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit sozialen Gruppen, denen ein niedrigerer sozialer Status zugeschrieben wird als ihrem Betrachter. Diese „Einbahnstraßenforschung“, die zu jener Zeit ihren methodengeschichtlichen Ausgangspunkt nimmt, wird heute in der akademischen Soziologie als „studying down“[49] bezeichnet.

In der Terminologie, der sich bereits hier andeutenden Nähe zum hygienischen Diskurs und den sanitären Krisen jener Zeit, drückt Olsen die einseitige Erfassung und Inspektion der Slumbewohner und deren Lebensverhältnisse, denen keine entsprechende Erforschung des bürgerlichen Milieus gegenübersteht, pointiert als „vollständige Öffentlichkeit für die Ungewaschenen“ und „größtmögliche Privatsphäre für die Zivilisierten“[50] aus.

Lindner weist, aus soziologischer Sicht, auf den verfälschenden Einfluss der neuen sozialwissenschaftlichen, in den „Surveys“ angewandten Methoden, wie beispielsweise die verdeckte teilnehmende Beobachtung in Gestalt des sozialen Entdeckungsreisenden, aber vor allem in der Darstellung der Ergebnisse mittels thematischer Karten hin. Diese thematische Kartierung der Städte, sollte sich als folgenschwer und mit mitverantwortlich für jene Idealisierung des Raumes, der Gruppe und der Einheit erweisen, die Schroer als ursächlich für die Behauptung der Homogenität des Bildes der Unterschicht und deren sozialen Räumen sieht.[51]

Als Folge dieser Methode der Darstellung veränderte sich die Wahrnehmung der Armenviertel grundlegend. Ging man zuvor von einigen „verstreuten Nestern“[52] aus, setzte sich die Wahrnehmung eines homogenen Raums durch, der auf ganze Wohngebiete ausgedehnt wurde.

Diente die thematische Kartierung zunächst der Darstellung von Sterberaten und Opferzahlen während der Cholerapandemien, wurden sie schon bald genutzt, um die Sozialtopografie der Stadt und moralische Statistiken darzustellen. Ihr methodengeschichtlicher Entstehungskontext verweist daher, wie Lindner es ausdrückt, zum einen auf die „Verbindung von topographischer und sozialer Toilette“[53], zum anderen auf den „kolonialen Charakter“[54] der räumlichen Erschließung der urbanen Elendsviertel. Jene thematische Kartierung der Städte, deren Einfluss als gebräuchliche Methode zur Erforschung der Slums und der Stadt noch bis ins 20. Jahrhundert hinein reichen wird, ist auch Ausdruck dessen, was die damalige statistische Erfassung antrieb: das Bestreben, einen disziplinarischen Überblick zu gewinnen[55].

Legitimiert wird die Einseitigkeit der Erforschung, neben der hierarchischen Struktur der Klassengesellschaft, auch durch eine entsprechende, vordergründig an gesundheitspolitischen Aspekten orientierte Gesetzgebung, die „zur Beseitigung aller Quellen der Seuchen“[56] die Rechte des Einzelnen mit der gleichen Schärfe, einschränkt wie zum Zweck der Verfolgung von Kapitalverbrechen.

Die Entdeckung der Unterschicht, insbesondere der regelrechte „Boom [ihrer] wissenschaftlichen Erforschungen“[57] ab Mitte des 19. Jahrhunderts, steht in engem Zusammenhang mit den Pandemien jener Zeit, insbesondere mit dem Auftreten der Cholera. Dass die städtischen Elendsviertel, trotz des bis dahin ungeklärten Verbreitungswegs der Cholera, als Brutstätten und Zentren der Seuche identifiziert wurden, ist ursächlich auch auf die verwendeten wissenschaftlichen Methoden zur Erforschung der Unterschicht, vor allem der thematischen Kartierung zurückzuführen. Topographische und sozioökonomische Verteilung der Todesopfer wiesen die Cholera als eine Seuche des Proletariats aus. Auch wenn die tatsächlichen Übertragungswege der Cholera, über fäkalverseuchtes Trinkwassers zunächst bestenfalls erahnt wurden[58], griff die Furcht vor der Ansteckung durch Kontakt mit Menschen der „arbeitenden Klasse“[59] um sich. „Man erinnerte sich auf einmal der ungesunden Wohnungen der Armen und zitterte bei der Gewissheit, dass jedes schlechte Viertel ein Zentrum für die Seuche bilden würde, von wo aus sie ihre Verwüstungen nach allen Richtungen in die Wohnsitze der besitzenden Klasse ausbreite,“[60] schrieb Engels im Jahr 1845. Hier ist bereits ein erster Hinweis auf das Miasma, als fester Bestandteil des Darstellungsmusters, in dem die Unterschicht beschrieben wurde und wird gegeben, was später vertieft werden soll.

Für die problemorientierte Darstellung der Unterschicht ist die Cholera nicht nur als ein Auslöser ihrer verstärkten Erforschung relevant, sie ist aus bürgerlicher Perspektive auch eine Bestätigung des negativen Werturteils über das Proletariat, gilt sie doch als eine vulgäre und obszöne Krankheit. Ähnlich wie der Leprakranke in mittelalterlichen Darstellungsmustern, bis ins 16. Jahrhundert hinein, in Zusammenhang mit lasterhaften Lebenswandel gesetzt wird und den „moralischen Auswurf verkörpert“[61], wird auch die Cholera politisch und sozial gedeutet.

Während Lindner mit Verweis auf Evans[62] vor allem ihren signifikanten Krankheitsverlauf, der üblicherweise durch das massenhafte Ausscheiden flüssiger Exkremente und beständiges Erbrechen gekennzeichnet ist, für diese Wahrnehmung verantwortlich macht, weist Sarasin auf die Furcht der wohlhabenden Bevölkerungsschichten hin, an einem massenhaften Leiden „unwürdig, wie das Proletariat zu sterben“[63]. Neben dem Krankheitsverlauf, spielte auch der Ursprung des „indischen Todesengels (…) in der asiatischen Barbarei“, der vornehmlich „Wahlverwandte“[64], die Barbaren der eigenen Kultur, befiel, eine Rolle bei der Bewertung der Cholera.

Übereinstimmung herrscht bei Lindner, Evans und Sarasin darin, dass sich in der Wahrnehmung der Cholera die assoziative Verbindung von „topographischer Toilette“ und „sozialer Toilette“, von Slum und Kloake, zu einer Analogie zwischen „Fiebersumpf“ und „Sündenpfuhl“[65] verdichtet. Zwischen dem vulgären und obszönen Wesen der Krankheit und ihren Opfern wird ein Zusammenhang hergestellt, ein unsittlicher bzw. aus hygienischer Sicht ein exzessiver Lebenswandel wird als Ursache unterstellt. Im Krankheitsbild der Cholera verdichtet und verbindet sich so einerseits die Rede von den durch Unrat verunzierten schmutzigen Vierteln, sittlicher Verkommenheit und die Furcht vor der Ansteckung, auf der anderen Seite produziert und bestätigt die Seuche die „Vorstellung von starker sozialer Differenz“[66]. Die Cholera lieferte „den Beweis, dass das Proletariat und seine Misere wirklich gefährlich waren“[67], und verstärkte die Tendenz der Moralisierung.

Besondere Bedeutung von literarische Quellen und Schmutz

„Wie überall beweise der Schmutz auch hier seine eigene List. Gerade in den ständig neu ausgewechselten Wörtern bleibe eine Anstößigkeit erhalten, die der reiche bildliche Gebrauch des Vulgären in anderen Sprachen schon längst verschliffen habe.“

Enzensberger (1968), S.60.

Nicht nur die sich entwickelnden Sozial- und Medizinwissenschaften setzen sich ab jener Zeit mit den Slums und ihrer Bewohnern auseinander, auch Literaten entdecken sie als darstellungswürdiges Thema. Dabei fällt die Entdeckung der Unterschicht aber keineswegs mit dem Zeitpunkt ihrer Entstehung zusammen, auch wenn es in den Städten des frühen 19. Jahrhunderts aufgrund der Stadt-Land-Flucht, die die einsetzende Industrialisierung flankierte, zu einer massiven Zunahme von Armut in den Städten kam, die sich in den entstehenden Slums manifestierte.

[...]


[1] Wacquant (2006), S.73.

[2] Wacquant (2006), S.79.

[3] Wacquant (2006), S.74.

[4] Wacquant (2006), S.74.

[5] Wacquant (2006), S.80.

[6] Bescherer (2013), S. 10f. Und S. 29 f..

[7] Bescherer (2013), S. 11f. Und S. 29 f..

[8] Schroer (2005), S.250.

[9] Farzin (2016), S.144.

[10] Nolte (2006), S.98.

[11] Bescherer (2013), S.12.

[12] Nolte (2003), in DIE ZEIT 17.12.2003 Nr.52.

[13] Nolte (2003), in DIE ZEIT 17.12.2003 Nr.52.

[14] Bourgeois (1999), S. 14, bei Lindner (2004), S. 208.

[15] Hebdige (1979), S. 47f. nach Lindner (2004), S.206.

[16] Eckardt (2014), S. 134.

[17] Wacquant (2003), S. 10., nach Lindner (2004) S.206.

[18] Wacquant (2003), S. 10., nach Lindner (2004) S.206.

[19] Lindner (2004) S.19.

[20] Steinbrink (2012), im Interview mit der ZEIT, Nr. 3/2012.

[21] Steinbrink (2012), im Interview mit der ZEIT, Nr. 3/2012.

[22] Schroer (2005), S.250.

[23] Lindner (2004), S. 150.

[24] Petersen (2013), S.7.

[25] Lindner (2004), S.27.

[26] Engels, (1974) [1845], S. 261, nach Lindner (2004) S.32.

[27] Trotz der Problematik des Begriffs Unterschicht, der an sich schon auf die Annahme eines Schichtschemas der Gesellschaft verweist, da er Ober-, Mittel- untere Mittelschicht etc. voraussetzt (vgl. hier Lindner, (2008), S.9), wird dieser Begriff in der sozialgeschichtlichen Forschung „ganz selbstverständlich verwendet“ (Bescherer, 2012, S.17).

[28] Schroer (2005), S.249.

[29] Lindner (2004), S.28.

[30] Chadwick (1842), bei Lindner (2004), S.28.

[31] Lindner (2004), S.28f..

[32] Habermas (2008), S. 109.

[33] Habermas (2008), S.113 vgl. auch Lindner (2004), S.30.

[34] Habermas (2008), S.116.

[35] Habermas (2008) S.115

[36] Wacquant (2006), S.73

[37] Kronauer (2008), S.42.

[38] Gludin (1999) S. 204

[39] Kronauer (2008), S.42.

[40] Gludin (1999) S. 205.

[41] Lindner, (2004) S.47.

[42] Nach Guldin (1999), S. 206.

[43] Lindner, (2004), S.31 und S.47.

[44] Murray, (2012), Charles Murray greift das eigentlich von politisch linker Seite häufig verwendete Argument der Homogenisierung auf, indem er behauptet die einzige zulässige Unterscheidung zur Differenzierung der armen Bevölkerung sei, „durch linksliberale Diskursverbote“ die Differenzierung in arm und nicht arm. Die Unterscheidung in tugendhafte und lasterhafte Arme sei nie hinfällig gewesen. Murray (1997) S. 122, nach Kessl S. 32f..

[45] So argumentiert Bescherer, dass die Unruhen in London 2011, Athen 2008, und Paris 2005 häufig nicht als soziale Unruhen wahrgenommen wurden, sondern als „pure Kriminalität“ (Premierminister David Cameron), von „enttäuschten Konsumenten“ (Thumfahrt, 2011) und sieht darin Parallelen zu dem marxschen Lumpenproletariat. Vgl. Bescherer (2013), S. 10-16.

[46] Nach Guldin (1999) S. 204f. und S. 228f..

[47] Wohl (1977), S.9, bei Lindner, (2004), S.30.

[48] Stallybrass und White, (1986), S. 200.

[49] Lindner (2004), S.32, Vgl auch Lindner S. 34 und S. 40.

[50] Olsen (1974), S.12, bei Lindner, (2004), S.32.

[51] Schroer (2005), S.249.

[52] Lindner (2004), S. 33. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Sprache des Diskurses wider, so löste der Begriff „Slum“, in der englischsprachigen Unterschichtendebatte den Begriff „back Slum“ als Bezeichnung für einzelne verwahrloste Hinterhöfe ab.

[53] Lindner (2004), S.23.

[54] Lindner (2004), S.86.

[55] Lindner, (2004), S.84f. und S.207. Lindner weist auch darauf hin, dass diese Praxis Züge des von Foucaults beschriebenen Panoptismus trägt, jedoch verbindet sich mit der Entdeckung der Unterschicht, mit ihrer Sichtbarmachung, mehr als deren Unterwerfung, nämlich jene Sehnsucht nach dem Anderen.

[56] Stallybass und White, (1986), S.199. Beispiele für eine entsprechende Gesetzgebung stellen die wird beispielsweise in England mit den „Conttagious Disease Acts“ von 1864, 1866 und 1869 dar. Vgl. Stallybass und White, (1986) S. 202. Auch die Gesetzgebung zur Überwachung der öffentlichen Prostitution in zahlreichen europäischen Städten, die im Verlauf der Arbeit noch Erwähnung findet, ist ein Hinweis auf vordergründig gesundheitspolitischen motivierter Gesetzgebung.

[57] Habermas (2008), S. 108.

[58] Lindner (2004), S.23.

[59] Lindner (2004), S.23f, Dettke weist darauf hin dass die Todesangst, der wohlhabenden Gesellschaftsschichten vor der Seuche zur Entstehung eines unabhänigen Krankheitsbildes, des der Cholera-Phobie führte. Dettke, (1995), S. 263.

[60] Engels 1974 [1845] S.295, bei Lindner, (2004) S.28

[61] Guldin (1999), S. 188. Für die Deutung der Lepra als moralische Krankheit liefert, mit der galenischen Lehre, ein spezifisches medizinisches Deutungssystem, die Vorlage, das auf vier menschlichen Temperamenten aufbaut und Krankheiten als Symptomatik dieser betrachtet. So ist die Übertragung auf das Feld des sozialen bzw. der moralischen Verfasstheit des Erkrankten in der galenischen Lehre angelegt. Vgl. Ebd. S. 188f..

[62] Evans (1990), Tod in Hamburg.: Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910, S. 298, bei Lindner (2004) S.24.

[63] Sarasin (2001), S. 235.

[64] Dettke (1995), S.264, nach Sarasin S. 235. Der erste Ausbruch der Cholera um 1830, traf Europa unvorbereitet, da man davon ausgegangen war, dass das zivilisatorische Niveau, im Gegensatz zu den Ursprungsländern der Seuche, hoch genug sei um einen pandemischen Ausbruch zu verhindern.

[65] Lindner (2004) S.22 und S.25.

[66] Sarasin (2001), S. 236.

[67] Sarasin (2001), S. 236.

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Entdeckung der Unterschicht und die Metaphorik des Mülls
Autor
Jahr
2017
Seiten
89
Katalognummer
V374326
ISBN (eBook)
9783668544376
ISBN (Buch)
9783668544383
Dateigröße
887 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Randgruppe, Michael Thompson, Lumpenproletariat Marx Engels, Geschichte der Hygiene, luhmann, zygmunt bauman
Arbeit zitieren
Ben Breuer (Autor), 2017, Entdeckung der Unterschicht und die Metaphorik des Mülls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374326

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