Schweizerische Arbeitersolidarität. Eine Untersuchung zur humanitären Kinderhilfe des Schweizerischen Arbeiter-Hilfswerkes im spanischen Bürgerkrieg


Seminararbeit, 2016

19 Seiten, Note: 5.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Humanitäre Tradition in der Schweiz: Faktum oder Politikum

3 Solidarisches Engagement des Schweizerischen Arbeiter-Hilfswerks
3.1 Duale Hilfsleistungen vor Ort
3.2 Intranationale Spendenaufrufe und -sammlungen

4 Selbstverständnis und Hilfsmotivation
4.1 Solidarität und Kollektivschuld
4.2 Klassenkampf als Kampf für Demokratie und Freiheit
4.3 Kinder als Ideologisierungparadigma?

5 Fazit

6 Bibliographie
6.1 Quellenverzeichnis
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Internetseiten

1 Einleitung

Das schweizerische Engagement im spanischen Bürgerkrieg von 1936 - 1939 ist bereits Bestandteil zahlreicher historischer Untersuchungen, welche sich aber vor allem mit den freiwilligen Kämpfern in den Internationalen Brigaden beschäftigen.1 Die Frage nach der humanitären Partizipation der Schweiz in diesem Konflikt wurde erst partiell gestellt, wobei die einschlägig schlechte Dokumentation sicherlich ein Grund dafür darstellt.2 Aus dem Faktum einer breiten Beteiligung von sozialistischen Gruppierungen an der Unterstützung spanischer «Genossen» mag dieser Sachverhalt dennoch überraschen und kann zum Teil aus der politischen Motivation der Schweiz am Vorabend des Zweiten Weltkriegs erklärt werden, wo eine reine Neutralität zu den umliegenden faschistischen Regimen von zentraler aussenpolitischer Signifikanz war.3 Das Schweizerische Arbeiter- Hilfswerk (SAH) war nur eine dieser Gruppierungen, welche sich selbst aus zahlreichen kleineren Genossenschaften und Parteien konstituierte.

Am 3. Dezember 1932 wurde «im Einvernehmen mit der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund, unter Mithilfe der Sozialistischen Frauengruppen, der Naturfreunden und der Kinderfreunde, die ‘Proletarische Kinderhilfe’ gegründet»4, welche sich ein Jahr später in «Arbeiterkinderhilfe» umbenannte und schliesslich im Jahre 1936 seinen heutigen Namen erhielt. Zunächst lag die Konzentration der Unterstützung in der Schweiz, wo die Bevölkerung unter den verspäteten Folgen der Weltwirtschaftskrise, die im Jahr 1929 in den USA ihren Ursprung hatte, litt. Die Juragemeinde Grenchen war beispielsweise stark von den verminderten Absatzzahlen der Uhrenindustrie betroffen, wo ein Grossteil der lokalen Bevölkerung angestellt war.5 Der «flehende Hilferuf» des hiesigen Lehrers an die sozialistischen Frauen von Zürich wurde mit der Aufnahme von angeblich 400 Kindern von Grenchen in Stadt und Umgebung von Zürich beantwortet.6 Diese waren die spontanen Anfänge von frühen Gruppierungen des späteren SAH, dessen Unterstützung in der Ostschweiz, wo vor allem die Textilindustrie schwer unter der Krise zu leiden hatte, und weiteren Regionen, weitergeführt wurde und sich zunehmend professionalisierte. Knapp 15 Jahre später habe das SAH nach eigenen Angaben bereits ungefähr «10'000 Schweizer Kindern zur Stärkung der Gesundheit, zu Jugendfreude und zum Glauben an die Hilfsbereitschaft der Menschen verholfen»7. Schon früh manifestierte sich der überregionale Charakter des SAH, als 1931 aus Styr in Österreich wiederum von Vorgruppen des SAH «einige hundert halbverhungerte, ärmlich gekleidete Kinder hereingeholt, zumeist nach Zürich und in die Ostschweiz, und an den Tischen sozialistischer Familien gefüttert»8 wurden. Den Anfängen dieser sozialistisch geprägten humanitären Hilfen ist gemein, dass vielmehr von einer auf Kinder ausgerichteten dezentralen Flüchtlingspolitik gesprochen werden kann. Von einer faktischen «humanitären Intervention» im Ausland kann noch nicht gesprochen werden. Dies änderte sich in der Unterstützung des Schweizerischen Arbeiter-Hilfswerks während des Spanischen Bürgerkriegs. In den Worten des SAH selbst: «Eine alte Aufgabe in neuer Form hat sich […] uns gestellt: Hilfe an das kriegsgeschädigte, an das durch den Fascismus geschädigte Kind unserer ausländischen Genossen»9.

Dieses Zitat beschreibt in zweierlei Weise die Aufgabe dieser Untersuchung. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der Kinderhilfe des SAH, ihre Motivation und ihr Selbstverständnis, den Familien der «Arbeiterklasse» zu helfen. Mit dieser Fragestellung soll unter anderem Folgendes beantwortet werden: Wie lässt sich die spanische Kinderhilfe des SAH in die «humanitäre Tradition» der Schweiz einbetten, und kann überhaupt von solch einer Tradition gesprochen werden? Wurde den Kindern geholfen, weil sie notleidend oder Proletarierkinder waren? Aus welcher Motivation und welchem Selbstverständnis handelte das SAH und wie sah die Hilfe konkret aus? Von welcher Bedeutung war der sozialistische Hintergrund dieser Organisation?

Diese Arbeit situiert sich also in einem ideologischen Spannungsfeld zwischen Tradition und Selbstverständnis, welche als grundlegende Interventionsmotivation bei humanitären Einsätzen angesehen werden können.

2 Humanitäre Tradition in der Schweiz: Faktum oder Politikum

«Als Bewahrerin der Genfer Konvention von 1949 und als Gastgeberland für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verfügt die Schweiz über eine lange humanitäre Tradition.»10 Dieses Zitat des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten umreisst die aktuellen Probleme des Begriffes der «humanitären Tradition», denn in der Schweiz wird diese in erster Linie mit Henri Dunant und dem Roten Kreuz, sowie mit den Genfer Kriegskonvention assoziiert. Oder sie reichen gar - wenn auf der tagespolitischen Agenda das Asylrecht steht - bis zur hugenottischen Emigration und deren Aufnahme im Gebiet der heutigen Schweiz im 17. Jahrhundert zurück.11

Das wohl herausstechendste Beispiel für den Anfang einer ideologisierten humanitären Tradition ist im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 anzusetzen. Am 1. Februar 1871 flüchteten 85'000 Soldaten der französischen Armee unter General Bourbaki von den vorrückenden deutschen Soldaten in die Schweiz, wo sie entwaffnet und interniert wurden.12 Dies wurde als «Wunder der Hingebung»13 der schweizerischen Regierung bezeichnet und könnte als aussenpolitisch identitätsstiftendes Ereignis bezeichnet werden. Das in verschiedenen Gazetten zu jener Zeit abgedruckte Dankeswort der französischen Regierung unterstreicht eine solche Hypothese: «Ja, die Schweiz ist nicht bloss eine Regierung, sondern ein Volk; die Schweiz richtet sich nicht nach den Regeln der Tagespolitik, sondern nach den Gesetzen der ewigen Sittlichkeit. Frankreich wird dies nie vergessen»14. Auch ein Kreisschreiben der Bundesregierung an die Kantone aus der frühesten Phase des schweizerischen Bundesstaates (28. Februar 1848) scheint auf eine humanitäre Grundeinstellung hinzudeuten: «Von woher immer Flüchtlinge, bewaffnet oder unbewaffnet, das Gebiet der Eidgenossenschaft überschreiten, so wäre denselben, in Handhabung des Asylrechts und nach dem Gesetz der Humanität, ruhiger Aufenthalt zu gewähren»15.

70 Jahre später wäre eine solche Aussage wohl nicht mehr denkbar. 1917 wurde die schweizerische Fremdenpolizei geformt und mit ihr die Geburtsstunde des Überfremdungsgedanken.16 Falls also jemals eine auf Regierungsebene gelebte und ausgeführte humanitäre Tradition in der Schweiz existiert hatte, dann war sie sicherlich ab dem Ersten Weltkrieg zu Ende. Die vielen Tausend Flüchtlinge, welche vor und während des Ersten Weltkrieges aus den angrenzenden Staaten in die Schweiz kamen, wurden eher geduldet als willkommen geheissen.17 Im Ausländergesetz der 30er Jahre mündete diese staatliche Abwehrhaltung in der Ausländer- und Flüchtlingspolitik zu einem vorläufigen Höhepunkt. Der Rechtswissenschaftler und Migrationsexperte Marc Spescha kommt daher zum Schluss, dass «es primär einzelnen zivilcouragierten Beamten und einfachen Bürgerinnen und Bürgern vorbehalten blieb, verfolgten Menschen im Widerspruch zur offiziellen Politik und dem Buchstaben des Gesetzes Schutz zu gewähren»18. Deshalb ist das Schweizerische Arbeiter-Hilfswerk auch nicht als eine staatliche Organisation zu verstehen. Auf dessen Zusammensetzung aus zahlreichen verschiedenen Vereinen und Gewerkschaften, die sich aus privater oder wirtschaftlicher Motivation dezentralisiert bildeten, stützt Speschas Aussage.19

Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass die humanitäre Tradition der Schweiz eher als politische Rhetorik gewertet werden muss und nicht als staatliches Faktum. Humanitäre Interventionsbeispiele lassen sich von jedem Land in gewisser Weise anführen, doch die Faktenlage, dass die Schweiz in diesem Aspekt herausstach, lässt sich nicht eindeutig nachweisen. Der Begriff ist immer auch in Distinktion zu anderen Staaten zu verstehen, denn damit konnte die Schweiz ihren Neutralitätsstatus legitimieren und so das Risiko einschränken, in Konflikte als aktive Partei einbezogen zu werden. Dennoch ermöglichte die Neutralität der Schweiz sicherlich eine stärker differenzierte Auseinandersetzung mit den Schrecken des Krieges für die betroffene Bevölkerung, und so konnten nichtstaatliche Organisationen sich dem Ziel der humanitären Versorgung uneingeschränkter widmen.20

3 Solidarisches Engagement des Schweizerischen Arbeiter-Hilfswerks

Die Umbenennung der «Arbeiterkinderhilfe» in Schweizerisches Arbeiter-Hilfswerk suggeriert eine Schwerpunktverschiebung im Selbstverständnis und der Hilfeleistung der Organisation. Diese zumindest rhetorische Verschiebung relativiert sich aber teilweise mit der Gründung der «Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Spanienhilfe», welche vom SAH zusammen mit zahlreichen Hilfsorganisationen erschaffen wurde. Die Spanienhilfe des SAH kann somit in Ergänzung von Speschas Aussage gesehen werden, denn es «sei eine schweizerische Art, in gleichzeitig föderalistischer und zentralistischer Weise grosse Aufgaben gemeinsam anzupacken»21. Es kann also nicht darüber hinweggetäuscht werden, dass der primäre Fokus auch beim SAH, zumindest in der öffentlichen Kommunikation, auf der Hilfe für Kinder lag.

Um dieses Verständnis vertiefend zu untersuchen und die Motivation zu dieser Kinderhilfe besser verstehen zu können, wird im Folgenden das effektive Engagement des SAH in der Heimat und in Spanien exemplarisch untersucht werden.

3.1 Duale Hilfsleistungen vor Ort

Die Hilfeleistungen in Spanien können in zwei konsekutive Aspekte geteilt werden, welche vom SAH mindestens in ihrer Rhetorik den Vorrang hatten. Erste Priorität waren die Evakuationsfahrten der Kinder- «das Kernstück der ganzen Spanienaktion»22 - aus dem kriegsversehrten Gebiet, vor allem aus Madrid. Zweite Priorität war daraufhin die Bewahrung der Kinder vor Gefahr an Leib und Leben, sowie deren Unterstützung mit Lebensmitteln und Gebrauchsgütern.

Schon im September 1936, kurz nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs, hatte das SAH einen Waggon Pulvermilch und 2300 Wolldecken nach Spanien gesandt.23 Es bedeutete aber eine «Verschlechterung von Mitteln und Kraft, wenn man einfach Waren nach Spanien schickt und sie einmal dieser, einmal jener Institution zugute kommen lässt»24. Aus dieser Erkenntnis wandte sich das SAH lokalen Organisationen in Spanien zu, die schon vor Ort Flüchtlingsheime betrieben. Solche Heime waren an der ganzen Levante, von Murcia bis Katalonien in leerstehenden Villen und Häusern eingerichtet worden.

[...]


1 Vgl. Hug, Schweizer, S1ff.

2 Schmidlin, Andere Schweiz, S.56; Batou, guerre civile, S.45.

3 Zschokke, Bürgerkrieg, S.7ff.

4 SAH, 15 Jahre, S.VI.

5 SAH, Nicht vergessen, S.1.; Vgl. SAH, 15 Jahre, S.5ff.

6 Ebd.

7 SAH, Nicht vergessen, S.1.

8 SAH, 15 Jahre, S.10.

9 SAH, Nicht vergessen, S.1.

10 Eidgenössisches Departement für auswertige Angelegenheiten (EDA), Humanitäre Tradition.

11 Vgl. Spescha, Humanitäre Tradition, S.271; Madej, Schlüsselbegriffe, S.192ff; Wehrli, Sisyphusarbeit, S.65ff.

12 Spescha, Humanitäre Tradition, S.271; Madej, Schlüsselbegriffe, S.194.

13 Zit. nach: Spescha, Humanitäre Tradition, S.271.

14 Deicher, Bourbaki-Armee, S.54.

15 Craig, Liberalismus, S.92.

16 Spescha, Humanitäre Tradition, S.272.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Zur Zusammensetzung des SAH Vgl. SAH, Nicht vergessen, S.13-21.

20 Vgl. Schmidlin, Kinderhilfe, S.55ff.

21 SAH, 15 Jahre, S.34.

22 Ebd., S.35.

23 Der Aufstieg, Nr.31 (1938), S.722.

24 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Schweizerische Arbeitersolidarität. Eine Untersuchung zur humanitären Kinderhilfe des Schweizerischen Arbeiter-Hilfswerkes im spanischen Bürgerkrieg
Hochschule
Universität Zürich
Note
5.5
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V374390
ISBN (eBook)
9783668515253
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Note (Schweiz): 5.5 entspricht ~Note: 1,5 (im dt. Notensystem)
Schlagworte
schweizerische, arbeitersolidarität, eine, untersuchung, kinderhilfe, schweizerischen, arbeiter-hilfswerkes, bürgerkrieg
Arbeit zitieren
Matthias Weilenmann (Autor:in), 2016, Schweizerische Arbeitersolidarität. Eine Untersuchung zur humanitären Kinderhilfe des Schweizerischen Arbeiter-Hilfswerkes im spanischen Bürgerkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374390

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