Über den Wandel der Arbeit aufgrund von Industrie 4.0

Wie hat sich Arbeit in den letzten Jahrzehnten verändert und wo liegen im Zuge dessen berufspädagogische Aufgaben


Essay, 2017
5 Seiten

Leseprobe

Über den Wandel der Arbeit aufgrund Industrie 4.0

In diesem Essay wird der Frage nachgegangen, warum Arbeit ein wichtiges Bezugsfeld der Berufspädagogik ist und dabei auf folgende zwei Aspekte eingegangen: Zum Einen, wie sich die Arbeit seit dem Taylorismus verändert hat und zum Anderen, wo dabei eine berufspädagogische Aufgabe besteht. Im Taylorismus gab es one-best-way, die „ Vorgabe eines einzigen besten Weges zur Erledigung der Arbeit “ (Kirchler, S. 33). Damals spielte bereits die „Optimierung von Arbeitstätigkeiten“ eine Rolle. Dazu gehörte „strikte Arbeitsteilung“ und das wiederum führte zu dem Nachgehen einer simplen Tätigkeit der Arbeitnehmer, bei welcher es nicht nötig war den Verstand einzuschalten. Im Gegenteil – das Einschalten des Verstandes, das Nachdenken und Reflektieren war sogar hinderlich für das Ausführen der Arbeit (vgl. Geschichte vom Pennsylvania Dutchman). Das Denken übernahm das Management für den Arbeiter. Das ist heute komplett anders. Warum? Da Maschinen die monotonen, „[r]epetitive[n] Tätigkeiten“ (Dräger (2015)) ersetzten und die Arbeiter lediglich die Maschinen, welche die eigentliche Arbeit am Produkt machen, betätigen und Anweisungen geben müssen (vgl. Sennett, S. 85-97).

Dieser Wandel der Arbeit ist heute geprägt durch den Marktbegriff Industrie 4.0 (Bender: Wirtschaftslexikon.gabler.com). In der folgenden Grafik wird der Wandel von der Ersten Industriellen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts (Industrie 1.0) durch die Einführung mechanischer Produktionsanlagen bis hin zur Vierten Industriellen Revolution (Industrie 4.0) bildlich dargestellt. Die Zweite Industriellen Revolution (Industrie 2.0) setzte durch die Einführung arbeitsteiliger Massenproduktion mit Hilfe von elektronischer Energie ein. Der Beginn des Fließbandeinsatzes 1870 war maßgeblich für diesen Veränderungsprozess. Die Dritte Industrielle Revolution (Industrie 3.0) ist mit dem Einsatz von Elektronik und IT zur weiteren Automatisierung der Produktion. Beim Betrachten der Grafik, lässt sich vermuten, dass die Komplexität der Arbeit zunimmt, da die verwendeten Maschinen auch immer komplexer werden.

Abb.: der technische Verlauf von Industrie 1.0 zu Industrie 4.0

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: www.plmportal.org/de/integrated-industry.html

Durch die Roboterisierung und Automatisierung der Produktion wurde Industrie 4.0 eingeleitet (vgl. Kurz; Rieger (2013), S. 242). Aufgrund eines rasanten technischen Fortschrittes und dem daher bedingten Wandel der Arbeitswelt, trifft der Arbeitnehmer in der heutigen Zeit auf steigende kognitive Anforderungen sowie auf eine größere Komplexität der Tätigkeiten. Es wird in Zukunft nicht mehr reichen, ein einzelnes Spezialgebiet zu haben, sondern es müssen umfassende und vielschichtige Systeme durchschaut werden. Es findet zunehmend eine Vernetzung der virtuellen Computerwelt mit der physischen Welt der Dinge durch sogenannte Cyber-physische-Systeme (CPS) (vgl. Abb.) statt. Dadurch sollen wissensintensive Berufe zunehmen, so mindestens die Meinung einiger Experten über die Entwicklung der Arbeit aufgrund von Industrie 4.0 (vgl. Hirsch-Kreinsen; Weyer (2014), S. 12ff.).

Generell wird davon ausgegangen, dass sich das Wissen im Betrieb beispielsweise über Produktionsanlagen erweitern und erneuern muss, wenn sich auch das wissenschaftliche Wissen über diese Anlagen erweitert und erneuert (vgl. Fischer (2015), S. 124). Bei genauerer Betrachtung der tatsächlichen Arbeitsanforderung eines Arbeitsplatzes stellt sich allerdings heraus, dass sich die Anforderungen an den Arbeitsnehmer – auch im Rahmen von Industrie 4.0 – nicht unbedingt erhöhen. Dazu muss allerdings erwähnt werden, dass für die meisten Arbeitsplätze keine genaue Tätigkeitsbeschreibung existiert und deshalb im Bereich Wissensmanagement noch großer Arbeits- und Forschungsbedarf besteht. Genauer ausgedrückt, wäre eine „ large scale -Untersuchung für die relevanten Berufe und Berufsfelder“ (ebd.) von Nöten, um herausfinden zu können, ob akademisch gebildete Arbeitnehmer die Arbeitstätigkeiten besser bewältigen können, als Nicht-Akademiker. In diese Richtung gibt es allerdings noch großen Forschungsbedarf im Bereich der Berufspädagogik.

Dass sich die Verwissenschaftlichung von Produktion und Dienstleistung nicht automatisch in beruflichen Handlungsanforderungen niederschlägt, welche dann ausschließlich auf Basis einer akademischen Ausbildung zu bewältigen sind, zeigen folgende Untersuchungen aus der Automobilindustrie (vgl. Teggemann (2001)): Es zeigte sich, dass trotz des exponentiellen Anstiegs des vergegenständlichen Wissens in der Kraftfahrzeugtechnik die Kenntnis, welche für die Reparatur moderner Fahrzeuge erforderlich ist, sich nicht in der gleichen Weise verändert. Ausschlaggebend dafür sind Diagnosesysteme, welche für die Fehlererkennung entwickelt worden sind (vgl. Schreier (2001)) und in den Werkstätten eingesetzt werden oder sich gleich am Bordcomputer im Auto befinden. Das Gerät liefert die Aufgabe zur Fehlerbehebung, welche die Arbeitskräfte im Routinebetrieb erledigen. Dazu sind weder wissenschaftlich fundierte Kenntnisse zum diagnostizierenden Gegenstand, also dem Auto, noch zum Diagnosesystem selbst notwendig. Das Schließen von einer wissensintensiven Produktion, welche die Automobilproduktion ohne Zweifel ist, auf eine wissensintensive Instanthaltung ist folglich mehr als fragwürdig (vgl. Fischer (2015), S. 125).

Es stellt sich allerdings nicht nur die Fragen, an welchen Berufsgruppen zukünftig noch Bedarf sein wird, sondern auch, wie die Arbeit dann aussehen wird. Sennett beschreib in dem Kapitel „Unlesbarkeit“ sehr umfassend, wie er die Veränderung der Einstellungen der Arbeitnehmer in der Bäckerei wahrgenommen hat und zwar einmal der griechischen Bäcker, die per Handarbeit mit rauen Bedingungen Brot buken und ein weiteres Mal fast 20 Jahre später, als das Brot backen Maschinen übernahmen. In seinem Bericht werden Aspekte genannt, wie Klassenzugehörigkeit, Arbeitsstolz, enge Zusammenarbeit, Arbeitsgemeinschaft und Beschämung bei Fehlern, welche eine entscheidende Rolle spielte, als Brot backen Handarbeit war. In dem High-Tech-Betrieb allerdings stelle Sennett unter anderem fest, dass sich die Arbeiter mit dem Produkt Brot und ihrem Beruf – im Gegensatz zu den griechischen Bäckern – nicht identifizierten (Sennett, S. 90).

Aspekte wie Klassenzugehörigkeit, Arbeitsstolz, enge Zusammenarbeit, Arbeitsgemeinschaft und Beschämung bei Fehlern, fielen weg. Seitens des Managers ist von Entfremdung die Rede. Entfremdung ist ohnehin ein Begriff, der im Zusammenhang mit dem Wandel der Arbeit sehr häufig genannt wird. Worin besteht Entfremdung? Mir fällt da immer ein Kollege ein, der mir jeden Tag auf ein Neues erzählt, er wüsste gar nicht, was genau er hier tue. Dabei ist er einer der Ersten, der jeden Tag im Büro ist und ich weiß nicht, wann er eigentlich geht, weil ich jeden Tag vor ihm das Büro verlasse. Studiert habe er BWL, nach dem Studium als Unternehmensberater gearbeitet. Jetzt ist er irgendwie im Controlling einer großen Firma tätig. Aber was genau er hier täte, könne er mir nicht erklären. In der Auseinandersetzung mit Entfremdung und der Frage, wie Mitarbeiter eigentlich motiviert werden können, zu einer Arbeit, von der sie (sehr platt gesprochen) gar nicht wissen, wie diese bezeichnet wird, sehe ich eine weitere aktuelle und wichtige Aufgabe von Berufspädagogiken. Wie können „subjektive Kompetenzen wie Selbstverantwortung“, „Selbstregulierung und Selbstorganisation“, welche „wesentliche Elemente des Wandels von Arbeit“ (Böhle, S. 2) sind, bei dem Arbeitnehmer hervorgerufen werden?

Literatur:

Böhle, Fritz (2008): Facharbeit im Wandel – Komzepte und Ergebnisse industriesoziologischer Forschung, S. 1-13. In Fischer, Martin; Spöttl Georg (Hrsg.): Forschungsperspektiven in Facharbeit und Berufsbildung. Strategien und Methoden der Berufsbildungsforschung. Frankfurt a.M.: Peter Lang. S. 48-62.

Fischer, Martin (2015): Zur Bedeutung und zum Verständnis von Wissen und Erfahrung im Kontext beruflicher Arbeit und Ausbildung. In: Dietzen, A.; Powell, J.; Bahla, A.; Lassnigg, L. (Hrsg.) (2015): Soziale Inwertsetzung von Wissen, Erfahrung und Kompetenz in der Berufsbildung, Weinheim: Beltz Juventa.

Hirsch-Kreinsen; Weyer (2014),

Kirchler, Erich (Hrsg.) (2008): Arbeits- und Organisationspsychologie (2. Aufl.). Facultas.wuv.

Kurz, Constanze; Rieger, Frank (2013): Arbeitsfrei. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzten, München: Riemann Verlag.

Sennett, Richard (2000): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Siedler.

Teggemann, Wolf (2001): Die historische Entwicklung des Arbeitsprozesswissens im Kfz-Service – untersucht an der Entwicklung der Service-Dokumentation. ITB-Arbeitspapiere Nr.34. Bremen: Institut Technik und Bildung der Universität Bremen.

Internet:

Deutschlandfunk: Dräger, Jörg: Studium als Normalfall (2015), online im Internet: http://www.deutschlandfunk.de/akademisierungswahn-studium-als-normalfall.724.de.html?dram:article_id=315749, zuletzt aufgerufen am 29.10.2016.

Springer Gabler Verlag (Hrsg.): Sichtwort: Industrie, Gabler Wirtschaftslexikon, online im Internet: Springer Gabler Verlag (Hrsg.): Sichtwort: Berufsbildung , Gabler Wirtschaftslexikon, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/1064/berufsbildung-v11.html, zuletzt aufgerufen am 29.10.2016.

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Details

Titel
Über den Wandel der Arbeit aufgrund von Industrie 4.0
Untertitel
Wie hat sich Arbeit in den letzten Jahrzehnten verändert und wo liegen im Zuge dessen berufspädagogische Aufgaben
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Berufspädagogik)
Autor
Jahr
2017
Seiten
5
Katalognummer
V374461
ISBN (eBook)
9783668521711
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrie 4.0, Wandel der Arbeit, Berufspädagogik, Taylorismus, Optimierung von Arbeitstätigkeiten, Cyber-physische-Systeme, Automobilindustrie
Arbeit zitieren
Cornelia Endres (Autor), 2017, Über den Wandel der Arbeit aufgrund von Industrie 4.0, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374461

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