Die Fehlinterpretation des Laokoontodes und ihre Folgen bei Vergil


Hausarbeit, 2016
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Verortung
2.1 Inner- und außerepischer Kontext der Textstelle
2.2 Textkritik

3. Die Implikationen
3.1 Das Missverstehen des Schlangenwunders
3.2 Der ambivalente Einzug
3.3 Die ekstatische Klage

4. Schluss

5. Quellenverzeichnis
5.1 Primäre Quellen
5.2 Übersetzungen
5.3 Sekundäre Quellen
5.4 Nachschlagewerke

1. Einleitung

Wer sich mit Vergil beschäftigt, der hat sich gleichzeitig mit der wohl umfangreichsten Sammlung von Sekundärliteratur zu beschäftigen, die ein Text – ausgenommen Ilias und Odyssee sowie die Bibel – überhaupt haben kann. Der älteste erhaltene Kommentar stammt noch aus der Antike, genauer aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. und wurde von Maurus Servius Honoratus verfasst. Der aktuellste Kommentar von Nicolas Horsfall, datiert auf das Jahr 2008, bemüht sich, alle früheren Arbeiten zu berücksichtigen und einen Überblick zu geben.

Es ist mir nicht möglich gewesen, 1.700 Jahre Auseinandersetzung mit dem Text aufzuarbeiten. Somit habe ich mich damit begnügt, die beiden erwähnten Eckpfeiler der Kommentare zu konsultieren und exemplarisch weitere Werke in Anschlag zu bringen. Dabei ging es mir naturgemäß nicht um eine vollständige Übersicht über Lesarten, oder Klärungen jeder einzelnen Phrase, sondern vielmehr darum, eine eigene Lesart der Textstelle zu entwickeln und sie dem Verständnis der anderen Kommentatoren vor mir anzubinden. Kurz gesagt glaube ich, unter der Stimme der pietas, die an der behandelten Stelle wie überall deutlich aus der Aeneis spricht, eine leisere Stimme ausgemacht zu haben, die vor der religio eher warnt, der die Verpflichtung zum Gehorsam gegen die Götter eher suspekt zu sein scheint und die von der Unmöglichkeit spricht, tatsächlich pius zu sein. Wie schon die Terminologie erkennen lässt, ist natürlich auch die vorliegende Arbeit nicht unberührt geblieben von Adam Parrys sogenannter two-voices -Theorie. Ich maße es mir nicht an, diese be- oder entkräften zu wollen, nutze sie aber als im Raume stehende Theorie.

Nach einer Verortung der Textstelle innerhalb des Epos und im Kontext anderer zeitgenössischer Literatur, die den Fall Troias behandelt, widmet sich die vorliegende Arbeit der Textstelle Vers 228 bis 249. Innerhalb dieser 21 Verse lassen sich drei thematische Schwerpunkte ausmachen – Fehlinterpretation des Laokoontodes, Einzug des Pferdes in Stadt und Bug, Klage über Fehlinterpretation und Einzug – die nacheinander thematisiert werden, bevor im Schluss der Versuch einer Zusammenfassung erfolgt.

2. Zur Verortung

2.1 Inner- und außerepischer Kontext der Textstelle

Zur Verortung unserer Textstelle im Geschehen der Aeneis möge man sich zunächst vor Augen führen, dass die gesamte Aeneis zweigeteilt ist: während in den Gesängen I bis VI Aeneas' Weg in die neue Heimat beschrieben ist, erzählt Vergil in den Gesängen VII bis XII von den Kämpfen und Bündniskriegen der Troianer in Italien, die zur Gründung der neuen Stadt notwendig sind. Um dieser Zweiteilung gerecht zu werden, spricht man allgemein mit Bezug auf „Homer“[1], das griechische Vorbild von Vergils Aemulatio, von einer römischen Odyssee und einer römischen Ilias.[2]

Der erste Teil seinerseits, die römische Odyssee, ist so strukturiert, dass im ersten Buch der Schiffbruch und die Landung in Karthago berichtet werden. Von der narrativen Struktur her entspricht Vergils Karthago „Homers“ Insel der Phaiaken. An beiden Stellen erfährt der Rezipient in einer ausführlichen Erzählung des jeweiligen Titelhelden die Vorgeschichte bis zum Einsetzen der Handlung im Epos. Während es sich für Odysseus aber um die letzte Station seiner Reise handelt, bevor er von den rudertüchtigen Phaiaken an den Strand seiner Heimat Ithaka gebracht wird, wird Aeneas nach Karthago noch in Süditalien Abenteuer zu bestehen haben, bevor er endlich seine neue Heimat erreicht und nun erstreiten muss. Odysseus' Begegnung mit den Phaiaken vollzieht sich im zehnten Jahr nach dem Fall Troias, Aeneas hingegen gelangt schon im siebten Jahr nach der Eroberung der Stadt nach Karthago[3]. Zudem bleibt Odysseus nur wenige Tage bei Nausikaa, gerade so lange wie er braucht, um seine Geschichte zu erzählen, während Dido den Aeneas zu einem weit längeren Aufenthalt bewegt, der sogar seine Weiterfahrt insgesamt in Frage stellt.

Entsprechend der Odyssee wird Aeneas bei seinem Aufenthalt am Hofe Didos gastlich bewirtet und zum Erzählen aufgefordert. Ein eigenständiger Aspekt Vergils besteht dabei darin, dass nicht der König und Vater der potentiellen Geliebten der Gastgeber ist – wie es Alkinoos, der Vater Nausikaas, bei „Homer“ ist – sondern vielmehr Dido als potentielle Geliebte selbst über die Macht und den Wohlstand verfügt, die Troianer zu bewirten und die Geschichte des Untergangs von Troia einzufordern.

Wie „Homers“ Phaiaken leben auch Vergils Punier in einer vernetzten Welt, so dass beiden die Geschichte des troianischen Krieges nicht nur bekannt, sondern bereits in ihre eigene kulturelle Identität übergegangen ist. Den Phaiaken schildert der Rhapsode Demodokos die Geschichten,[4] die Punier haben die Geschichten ihrerseits im Fries des Iunotempels nachgebildet.[5] Odysseus Erzählung beschränkt sich auf seine eigenen Irrfahrten nach dem Fall Troias, nachdem zuvor Demodokos vom Ende Troias berichtet hatte, wobei dieser Bericht in indirekter Rede gehalten und wie die kurze Zusammenfassung einer altbekannten Geschichte gestaltet ist. Aeneas' Erzählung vom Fall Troias, zu der dieser von Dido am Ende des ersten Buches aufgefordert wird, erscheint hingegen eigentlich redundant.

Die Motivation Vergils, seinen Aeneas ausführlich vom Falle Troias erzählen zu lassen, bevor er im dritten Gesang auf seine den Irrfahrten des Odysseus nachempfundene Reise zu sprechen kommt, dürfte eine doppelte sein. Zum einen ist es die Neugier Didos auf den Mann Aeneas, die aus ihrem Wunsch nach seinem Bericht spricht, auf seine Perspektive der Ereignisse ebenso wie auf seine Besonderheit gegenüber allen anderen Troianern. Diese Neugier ist für Vergil nicht nur erotisch motiviert, sondern antzipiert vielmehr – und dies ist sein zweites Movens – die Neugier seiner Rezipienten, nun in Kontrast zur „homerischen“ und damit graecozentrischen Schilderung des Falls Troias die Geschehnisse aus troianischer (und damit römischer) Sicht gedeutet zu bekommen.

So neu und unerhört diese Perspektivverschiebung Vergils auch ist, so kann er doch seine Motive aus Quellen jenseits der marginalen Schilderung des Demodokos bei „Homer“ schöpfen. Er kann zurückgreifen auf die Schriften des sogenannten „Epischen Zyklus“, einer Gruppe von mindestens sechs einzelnen Epen, die die Ereignisse des Troianischen Krieges in daktylischen Hexametern wiedergeben. Insbesondere die sogenannte „Kleine Ilias“ (Ἰλιὰς μικρά) und die Iliupersis (Ἰλίου πέρσις), die beide möglicherweise im 7. Jhrd v. Chr. entstanden, konsultiert Vergil.[6]

Leider sind alle nicht-“homerischen“ Texte des Episches Zyklus verschollen, nachvollziehen lässt sich die Verwandtschaft der Motive aber anhand von Zitaten und Zusammenfassungen in anderen Werken. Insbesondere Schulbücher sind uns hierbei hilfreich, so fasst eine Chrestomathie, die mit dem Namen Proklos in Verbindung gebracht wird, die zwei Bücher der Iliupersis in groben Zügen zusammen.[7] Aber auch im Zuge der „Homer“-überlieferung sind nicht-“homerische“ Fragmente tradiert. Die umfangreichste Quelle hierfür ist die Handschrift, die als “Codex Marcianus Graecus 454 [=822]“ in der Biblioteca Marciana in Venedig katalogisiert ist, und die man im Allgemeinen als „Venetus A“ bezeichnet. Sie enthält neben der Ilias auch eine Zusammenfassung des Epischen Zyklus.[8]

Das zweite Buch der Aeneis umfasst also Aeneas' Erzählung vom Untergang Troias, bevor das dritte Buch die Irrfahrten schildert. Aber auch dieses zweite Buch lässt sich in drei Abschnitte unterteilen.[9] Im ersten Teil (V 3 – 267) geht es allgemein um die List der Griechen, das hölzerne Pferd, und die allgemeine Beratung, wie mit diesem zu verfahren sei. In diesem Teil treten als Personen Laokoon und Sinon besonders hervor, die Partei ergreifen. Der Rest der handelnden Figuren inklusive Aeneas wird mit einem indifferenten „wir“ bezeichnet, auf das noch einzugehen sein wird. Ausschlaggebend für den allgemeinen Entschluss, das Pferd in die Mauern zu holen, ist das missdeutete Schlangenzeichen, das Vergil den an Dido gerichteten Aeneas nicht ausdeuten lässt und somit dem Rezipienten die korrekte Deutung des Prodigium schuldig bleibt. Allein der Kontext legt nahe, dass es wohl das exakte Gegenteil besagt hätte. Keinerlei Reminiszenz ist bei Vergil an ältere Bearbeitungen, etwa die des Lyrikers Bakchylides oder des Tragikers Sophokles, zu spüren, nach denen Laokoons Tod Strafe für eine ganz andere Verfehlung, nämlich eine nicht vom Gott genehmigte Ehe, ist.[10] Eher scheint es einer zunächst nicht näher bezeichneten Gottheit darum zu gehen, den Seher zum Schweigen zu bringen, um zu verhindern, dass die Troianer Verdacht schöpfen und die List der Griechen misslingt. Durch ihren Verbleib nach der Tötung Laokoons lenken die Schlangen den Verdacht auf Minerva, auf Pallas Athene.

Im zweiten Teil nun (V. 268 – 633), der von den Straßenkämpfen in Troia berichtet, ringt Aeneas sich unter Anleitung verschiedener göttlicher Zeichen dazu durch, seine Familie aus dem Inferno herauszuführen. Hierzu tritt der Held aus der Masse des Wir heraus und nennt sich erstmalig in V. 271 selbst: mihi. Erst nach dem Tod des Priamus und deutlichen Worten seiner Mutter Venus kann der pius Aeneas diesen Entschluss fassen, bevor er im dritten Teil (V. 633 – 804) noch seinen Vater Anchises davon überzeugen muss, ihn aus dem Untergang Troias heraus zu begleiten. Auch dies gelingt nur mit Hilfe eines göttlichen Zeichens.

Unsere Textstelle befindet sich am Ende des ersten Teils. Sie umfasst die Reaktion der Troianer auf das Schlangenwunder, wobei es spannend zu sehen ist, dass der erzählende Aeneas sich selbst durch die dritte Person Plural des conclamant (V. 233) aus der Gruppe derer, die die Ereignisse initiieren, ausnimmt. Sie umfasst den vieldiskutierten Fakt der Maueröffnung und den Einzug des hölzernen Pferdes in die Stadt in seiner ambivalenten Gestaltung zwischen Festzug und Leichenzug, Schließlich umfasst sie die Klage über das Vaterland und die ungehört verklungenen Warnungen. Unsere Stelle endet vor dem Einbruch der Katastrophe, bevor Sinon die Griechen aus dem Bauch der Pferde befreit, bevor sich diese Vorhut durch das Öffnen der Tore mit dem gesamten Heer der Griechen vereinigt und Vergil den allgemeinen Schauplatz der Öffentlichkeit verlässt, um einen Einblick in Aeneas' Traum zu geben und damit endlich zu dem Mann zu kommen, den er dem erwartenden Rezipienten bereits in seinem ersten Vers angekündigt hatte: Arma virumque cano, der also im Zentrum nicht nur Didos sondern auch des Rezipienten Interesses steht und er sich selbst bisher in jenem diffusen „Wir“ versteckt hatte.

2.2 Textkritik

Zunächst muss festgestellt werden, dass es keinerlei Unklarheiten in der Überlieferung der von uns zu bearbeitenden Textstelle gibt. Alle drei Hauptquellen des Werk Vergils, die Handschrift „Florentinus Laurentianus xxxix“, die heute Teil des „cod . Vaticani lat. 3225“ ist, die Handschrift „Vaticanus Palatinus lat. 1631“ aus dem vierten oder fünften Jahrhundert, als auch die Handschrift „Vaticanus vat. lat. 3867“ aus dem fünften Jahrhundert, enthalten die Passage im exakt gleichen Wortlaut.[11]

Allerdings gibt Henry Nettleship in seiner Ausgabe von 1963 in Vers 241 divom statt divum, nutzt also die archaisierende Wortform, ohne allerdings eine Begründung für diese Abweichung zu nennen.

3. Die Implikationen

3.1 Das Missverstehen des Schlangenwunders

Der erste Teil unserer Textstelle beinhaltet die Missdeutung des Schlangentodes, den Laokoon erduldet. Es ist dabei interessant zu sehen, dass Vergil der vermutlich erste Bearbeiter des Mythos ist, der die Interpretation der Strafe Laokoons zum entscheidenden Moment für die Zerstörung Troias macht. In früheren Versionen starb Laokoon erst, als das Pferd bereits in Troia war (etwa bei Arktinos), sein Tod wurde als entscheidender Hinweis darauf angesehen, dass Troia zerstört würde, woraufhin sich Aeneas mit den seinen auf den Berg Ida zurückzog.[12] Dass Vergil den Auszug des Aeneas vom Schlangenwunder entkoppelt, hat sicherlich damit zu tun, dass er „keinen Aeneas [hat] brauchen können, der auf einen Wink der Götter hin leichthin das unselig verblendete Troja im Stich lässt und sich davonmacht.“[13]

[...]


[1] Wenngleich es inzwischen zum common sense gehört, dass ein einheitlicher Dichter der sogenannten homerischen Epen nicht angenommen wird und Odysee und Ilias vielmehr aus mindestens zwei, wenn nicht mehreren Dichtungen oder Bearbeitungen zusammengesetzt sind, so sieht sich diese Wahrheit im allgemeinen Sprachgebrauch nur unzureichend gewürdigt. Die vorliegende Arbeit versucht hierin korrekt zu arbeiten und setzt als Zeichen hierfür den Namen „Homer“ in Anführungszeichen, um damit anzudeuten, dass sie ihn nicht als historische Entität begreift, sondern vielmehr als Zitat einer jahrtausendewährenden Tradition.

[2] vgl. z.B. M.P. Schmude, Homerische Motive und Entsprechungen in Vergils Aeneis, Boppard, o.J.

[3] vgl. P. Vergili Maronis Aeneidos, I, 755 (zumindest in den drei Haupthandschriften Mediceus, Palatinus und Romanus)

[4] Homer, Die Odysee, VIII, 498ff

[5] Aeneis, I, 456ff

[6] vgl. Schmude

[7] vgl. http://www.gutenberg.org/files/348/348-h/348-h.htm#link2H_4_0076 (Zugriff am 7.8.2016)

[8] vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Epischer_Zyklus (Zugriff am 7.8.2016)

[9] Zu dieser Unterteilung vgl. Friedrich Klingner, Virgil. Bucolica Georgica Aeneis, Zürich und Stuttgart 1967, S. 414

[10] vgl Klingner, S. 412

[11] vgl . P. Vergili Maronis opera recognovit brevique adnotatione critica instruxit R.A.B. Mynors

[12] Zu den früheren Interpretationen des Laokoontodes vgl. P. Vergili Maronis Aeneidos, liber secundus, with a commentary by R.G. Austin, Oxford 1964, S. 109

[13] Klingner, S. 413

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Fehlinterpretation des Laokoontodes und ihre Folgen bei Vergil
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Vergil Aeneas, GK
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V374478
ISBN (eBook)
9783668517974
ISBN (Buch)
9783668517981
Dateigröße
857 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergil Aeneas Laokoon Pietas Religio Frömmigkeit Schicksal Gehorsam two-voices Religionskritik
Arbeit zitieren
Norbert Krüßmann (Autor), 2016, Die Fehlinterpretation des Laokoontodes und ihre Folgen bei Vergil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374478

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