Die Aufgabe der vorliegenden Diplomarbeit soll darin bestehen, dem Streit um die eschatologische Vorstellung der Apokatastasis panton nachzugehen und zu einem eigenen Antwortversuch zu gelangen. Muss die Vollendung „zweipolig“ gedacht werden: als Aufteilung der Menschheit in eine Gruppe ewig Glücklicher und in eine andere Gruppe, die auf Grund ihrer Freiheitsentscheidung ewig unglücklich sein wird? Oder gibt es eine übergreifende Perspektive, in der diese Aufteilung noch von einer universalen Hoffnung überholt wird?
Folgt man den Bedingungen für Glaubenswahrheiten im Römischen Katholizismus, so müssen Schrift, Tradition und das Lehramt befragt werden. Aus diesem Grund werden in der Arbeit Teile der Tradition, anschließend der exegetische Befund und schließlich die heutigen lehramtlichen Auffassung Hinzu kommen weitere allgemeine pastorale Argumentationen.
Wie verhält sich die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden und Hoffenden zu all jenen, die nicht glauben und nicht hoffen? Oder anders glauben und hoffen? Oder vielfach die christlichen Gebote gebrochen haben? Können, dürfen Christen diese Unterschiede einfach hinnehmen? Oder gibt es keine Unterschiede zwischen „Nicht-Christen“ und „Christen“? Sind die „Glaubenden“ und „Nicht-Glaubenden“ in einen Zukunftsplan Gottes integriert und bietet sich ihnen eine gemeinsame Perspektive?
Grundsätzlich müssen alle Religionen, die Erlösung versprechen, die Frage beantworten, wer in den Genuss ihrer Verheißungen kommt und wer von ihnen ausgeschlossen wird. Für die einen ist Erlösung an die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk oder Stand gebunden, andere schließen einzelne Geschlechter oder Berufe aus, fast alle verlangen die Erfüllung bestimmter Voraussetzungen, ethischer Qualifikationen, Gesetzesbefolgung oder Tugendübungen.
Eine von diesen Voraussetzungen losgelöste Alternative bietet die altkirchliche Vorstellung der Allversöhnung (griech. Apokatastasis panton). Deren Hauptaussage ist, dass nichts und niemand letzten Endes von Gottes Heil ausgeschlossen bleibe. Dies erscheint für die Allversöhner seit jeher als Konsequenz der Universalität der Erlösung, die Jesus Christus nicht nur seinen Getreuen, sondern „für alle“ gebracht habe.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
I.1. Problemaufriss
I.2. Begriffsdefinition
I.3. Der biblische Ursprung
II. Origenes
II.1. Sein Umfeld - Altkirchliche Glaubensbekenntnisse
II.2. Sein Lehrer Clemens von Alexandria
II.3. Origenes und das Ziel der Schöpfung
II.4. Origenes und der Prozess hin zum Ziel
II.5. Seine exegetischen Methoden
II.6. Seine Gegner – Augustinus
III. Der exegetische Befund
III.1. Biblische Stellen contra Allversöhnung am Beispiel von Mt 25, 31- 46
III.1.1. Erster Einwand: Nur ein Gleichnis
III.1.2. Zweiter Einwand: Kein Jesuwort
III.1.3. Dritter Einwand: Relativität
III.1.4. Vierter Einwand: Die Übersetzbarkeit von aionos
III.1.5. Die infernalistische Perspektive auf aion
III.1.6. Erstes Zwischenfazit
III.2. Die exegetische Sicht der Allversöhner
III.2.1. Erster Einwand: Falsche Absolutheit
III.2.2. Gegenerwiderung
III.2.3. Zweites Zwischenfazit
III.2.4. Zweiter Einwand: Unangebrachte Verknüpfungen
III.3. Exkurs: Das Zweite Testament
III.4. Zusammenfassung des exegetischen Befundes
IV. Pastorale Gründe
IV.1. Einleitung
IV.2. Die Anzweifelung der Sinnhaftigkeit einer ewigen Hölle
IV.3. Der Sinn einer extensiv-durativ ewigen Strafe
IV.4. Absolute Straftheorien
IV.4.1. Als Rache
IV.4.2. Kritik an der Rachetheorie: das Liebesargument
IV.4.3. Als Freiheitsentscheidung
IV.4.4a. Kritik an der Freiheitstheorie: die soteriologische Ohnmacht des Menschen
IV.4.4b. Problematisierung der soteriologischen Ohnmacht
IV.4.5. Als Strafe für die Beleidigung Gottes
IV.4.6. Kritik an der Beleidigungstheorie: das Menschenbild
IV.4.7. Besondere Verschärfung
IV.4.8. Fazit des antropologischen Arguments
IV.5. Relative Straftheorien
IV.5.1. Besserung der Menschen durch Abschreckung
IV.5.2. Kritik an der Besserungstheorie
IV.5.3. Als Steigerung der Seligkeit der Geretteten
IV.5.4. Kritik an der Theorie der Seligkeitssteigerung
IV.6. Fazit zu den Straftheorien: Das Gottesbild
IV.7. Argumente pro Gericht
IV.8. Probleme der Gerichtsrede
IV.9. Argumente contra klassisches Gericht: Überwindung des Dualismus
IV.10. Problem der Unversöhnbarkeit der Menschen?
V. Die Position des Römisch- Katholischen Lehramtes
V.1. Einleitung
V.2. Das Zweite Vatikanum
V.3. Die Uneindeutigkeit des Zweiten Vatikanums
V.4. Katholische Kirche heute
V.5. Papst Benedikt XVI.
V.6. Die lehramtliche Verurteilung
V.7. Exkurs: Einige evangelische Stimmen
V.8. Fazit: Die Eschatologie in der heutigen Dogmatik
VI. Gesamtfazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die theologische Kontroverse um die eschatologische Lehre der Allversöhnung (Apokatastasis) zu untersuchen. Ausgehend von einer künstlerischen Installation, die zur kritischen Reflexion über göttliche Vergebung anregt, analysiert die Autorin die exegetischen, pastoralen und dogmengeschichtlichen Argumente, um zu einem eigenen Antwortversuch in Bezug auf die christliche Eschatologie zu gelangen.
- Biblischer Ursprung und exegetische Deutungen der Allversöhnung
- Historische Positionierung des Origenes und seines Gegners Augustinus
- Systematische Analyse absoluter und relativer Straftheorien
- Die Positionierung des römisch-katholischen Lehramts vom Zweiten Vatikanum bis heute
- Vergleich der Modelle "doppelter Ausgang" versus "universale Versöhnung"
Auszug aus dem Buch
I.3. Der biblische Ursprung
Die einzige Stelle im Neuen Testament, bei der das Hapaxlegomenon Apokatastasis panton ausdrücklich vorkommt, ist Apostelgeschichte (Apg) 3,21: „Hon dei ouranon men dexasthai achri chronon Apokatastasis panton hon elalesen ho theis dia stomatos ton hagion ap` aions autou propheton.“
In der Elberfelder Übersetzung wird dies wiedergegeben mit: „Den [Jesus Christus] muss freilich der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung [griech: Apokatastasis] aller Dinge [griech: panton] von denen Gott von jeher geredet hat.“
Man kann abgewandelt übersetzen mit der „Wiederherstellung von allem, wovon Gott seit jeher gesprochen hat“, eine Formulierung, welche in fast allen Übersetzungen auch gebraucht wird. Für ganz wenige Exegeten mag dabei ein Unterschied bestehen: So argumentiert Manfred Klatt gegen die These der Allversöhnung mit dem Hinweis darauf, dass die „Wiederherstellung aller Dinge" nicht von einer schlussendlichen Wiederherstellung von Menschen spreche. Menschen seien seiner Ansicht nach doch keine Dinge! Man muss ihm grammatikalisch insofern Recht geben, als dass der griechische Begriff panton auf zwei verschiedene Weise verstanden werden kann. Einerseits existiert eine maskuline wie feminine Fassung, worunter Personen oder personenbetreffende Aussagen fallen. Daneben existiert andererseits eine neutrische Grammatikform, bei der von Dingen, Sachverhalten und Angelegenheiten gesprochen wird. Das Problem wird jedoch (u.a.) dadurch gelöst, dass unter Dingen ebenfalls der Mensch gemeint sein kann – beinhaltet doch auch die neutrische Lesart neben den Angelegenheiten von Personen implizit die Personen selbst.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Allversöhnung ein, indem es die Forschungsfrage anhand eines zeitgenössischen künstlerischen Impulses umreißt und den theoretischen Rahmen absteckt.
II. Origenes: Der Fokus liegt auf dem kirchengeschichtlichen Ursprung der Lehre bei Origenes, seinem intellektuellen Umfeld und der späteren Auseinandersetzung mit Augustinus.
III. Der exegetische Befund: Dieses Kapitel bietet eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der biblischen Exegese, insbesondere unter Berücksichtigung von Matthäus 25 und dem biblischen Begriff "Äon".
IV. Pastorale Gründe: Hier werden ethische und praktische Überlegungen zu Straftheorien und dem christlichen Gottesbild gegenübergestellt.
V. Die Position des Römisch- Katholischen Lehramtes: Die Untersuchung befasst sich mit der Entwicklung der lehramtlichen Haltung von der Tradition bis hin zum Zweiten Vatikanum und der aktuellen dogmatischen Einordnung.
VI. Gesamtfazit: Das abschließende Kapitel bündelt die gewonnenen Erkenntnisse und formuliert eine dialektische Position zur Eschatologie.
Schlüsselwörter
Allversöhnung, Apokatastasis, Eschatologie, Hölle, Origenes, Augustinus, Straftheorien, Erlösung, Gerechtigkeit, Gnade, Zweites Vatikanum, Gericht Gottes, biblische Exegese, Dogmatik, Heilsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die theologische Debatte darüber, ob Gott am Ende der Zeit alle Menschen erlöst ("Allversöhnung") oder ob es eine dauerhafte Trennung in Himmel und Hölle gibt ("doppelter Ausgang").
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die neutestamentliche Exegese, die Patristik (Kirchenväter), dogmatische Straftheorien und die lehramtliche Position der römisch-katholischen Kirche.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Argumente beider Lager (Allversöhner vs. "Infernalisten") dogmatisch und exegetisch zu durchdringen, um eine differenzierte Beurteilung der eschatologischen Hoffnung zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen dogmatisch-theologischen Ansatz, der biblische Texte, traditionsgeschichtliche Quellen und aktuelle theologische Literatur systematisch vergleicht und kritisch auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die exegetische Analyse zentraler Bibelstellen (z.B. Apg 3,21; Mt 25,46), die Untersuchung der kirchlichen Tradition (Origenes, Augustinus) sowie eine Diskussion pastoraler und dogmatischer Argumente rund um das Gottesbild.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Apokatastasis, Eschatologie, Gnade, göttliche Gerechtigkeit, Straftheorien und der "doppelte Ausgang" des Weltgerichts.
Welche Rolle spielt Origenes für die Argumentation?
Origenes fungiert als "geistiger Stammvater" der Apokatastasis-Lehre; die Arbeit reflektiert seine philosophisch-theologischen Ansätze und setzt sie in den Kontext der späteren lehramtlichen Kritik.
Wie geht die Autorin mit der "Höllen-Problematik" um?
Die Autorin erkennt das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Gerechtigkeit (Gericht) und der christlichen Hoffnung auf universale Liebe und erörtert die Hölle eher als pädagogisch-paränetisches Instrument denn als bloße Rache Gottes.
Welche Bedeutung kommt dem Zweiten Vatikanum zu?
Das Zweite Vatikanum wird als wichtiger Wendepunkt zur Liberalisierung und zu einer inklusiveren Heilslehre analysiert, auch wenn die Hölle offiziell Lehrmeinung bleibt.
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- Peter Hubertus Erdmann (Autor), 2009, Apokatastasis. Einführung in die Allversöhnung Gottes, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374499