Gewalttätige Frauen in Heinrich Kaufringers "Drei listige Frauen"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

3
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 4
2 Was ist Gewalt ... 5
3 Geschlechtermodell des Mittelalters ... 6
3.1 Das Konzept der bösen Frau ... 7
4 Formen von Gewalt... 8
4.1 Performative Sprache und Austins Sprechakttheorie ... 8
4.2 Körperliche Gewalt ... 11
5 Fazit... 14
6 Literaturverzeichnis ... 15

4
1 Einleitung
Kaufringers schwankhaftes Märe Drei listige Frauen ist die Erzählung dreier Bauern, die von
ihren Ehefrauen mit aller Dreistigkeit und zuweilen auch Brutalität hinters Licht geführt
werden.
Frau Jüt, Frau Hiltgart und Frau Mächilt bleiben nach einem Markttag, an dem sie Eier
verkauft haben, mit einem überzähligen Heller zurück. Sie beschließen, dass diejenige, die
sich für ihren Mann die beste List ausdenkt, das Geldstück bekommen soll.
Frau Hiltgart schreitet als erste zur Tat und überredet ihren Mann, sich vom Knecht einen
angeblich faulen Backenzahn ziehen zu lassen, dessen Gestank sie umbrächte, würde er nicht
entfernt. Aus Liebe willigt der Bauer ein, doch kaum ist der Zahn entfernt, gibt seine Frau
vor, sich getäuscht zu haben; und so wird ihm noch ein zweiter Backenzahn gezogen. In
seinem Schmerzdelirium redet Frau Mächilt ihrem Gatten ein, dass er nun stirbt, woraufhin
sich dieser für tot hält und aus dem Sarg heraus mitansieht, wie sich seine Frau dem Knecht
hingibt.
Frau Jüt baut ihren Plan darauf auf und macht ihren Mann betrunken, so dass sie ihm, als er
tief und fest schläft, heimlich eine Tonsur schneiden kann. Sie macht ihm glaubhaft, dass er
der Pfarrer sei und nun das Totenopfer für Frau Hiltgarts Mann entgegennehmen müsse. Trotz
seines starken Zweifels lässt er sich durch die Beharrlichkeit seiner Frau und die Beweiskraft
seiner Frisur schließlich davon überzeugen und geht zur Kirche.
Frau Mächhilt hat indes die Nacht zuvor alle Kleidung ihres Mannes versteckt und weckt
diesen nun in aller Eile, um ihn ebenfalls zur Kirche zu schicken. Als der Mann seine
Bekleidung sucht und nicht findet, behauptet die Bäuerin, er wäre längst bekleidet und müsse
nun zur Messe, wo er, natürlich auch wieder nach einiger Überredungskunst seiner Frau, dann
auch nackt auftaucht. Als er seine Opferspende abgeben will, greift er sich an die Hoden und
kriegt den vermeintlichen Geldbeutel nicht auf, woraufhin seine Gemahlin im mit einem
Messer behilflich wird und den Hodensack aufschneidet.
Durch den folgenden Schmerzensschrei wird allen drei Bauern bewusst, dass sie von ihren
Frauen überlistet wurden und sie laufen in den Wald.
Wer den Heller bekommen hat, bleibt offen.

5
Gewalt ist eine zentrale Komponente in Kaufringers Mären. Besonders interessant an Drei
listige Frauen ist, dass die Gewalt fast ausschließlich von Frauen ausgeht, aber auch die
Vielfalt der Ausübung von Gewalt ist bemerkenswert. In dieser Arbeit möchte ich mich den
verschiedenen Formen der Gewalt in Kaufringers Werk widmen mit zusätzlichem Augenmerk
auf die Frau als ausübende Person.
Dazu wird zuerst eine Gewalt-Definition festgelegt, mit der nachfolgend gearbeitet werden
soll. Ich werde auf Geschlechterkonzeptionen des Mittelalters eingehen und das Phänomen
der ,,bösen Frau" in der Märendichtung, als die Rolle, in der üblicherweise weibliche Gewalt
ausgeübt wird.
Danach wird am Text aufgezeigt, wo anhand der Sprechakttheorie durch Sprache Gewalt
ausgeübt wird, wo, wie und durch wen auch körperliche Gewalt zum Zuge kommt und welche
Bedeutung diese trägt.
2 Was ist Gewalt
Duden definiert Gewalt als Macht, Befugnis, das Recht und die Mittel, über jemanden, etwas
zu bestimmen, zu herrschen
1
und bringt sie mit den Begriffen ,,Rücksichtlosigkeit" und
,,Unrechtmäßigkeit" in Verbindung. Das halte ich für eine sehr offene, noch nicht
hinreichende Definition. Im Zusammenhang mit der Märendichtung wird der Begriff der
Gewalt meist erheblich enger gefasst; so beschränkt er sich aber auch oft ausschließlich auf
körperliche Gewalt, wie etwa Silvan Wagner in seiner Publikation zu Ehestandsmären und
Gewalt es tut: In diesem Zusammenhang begreife ich Gewalt als eine spezifische, nonverbale
Kommunikationsform, die unignorierbar und unhinterfragbar ist.
2
Für diese Arbeit soll aber die nicht-physische Gewalt unbedingt in den Gewaltbegriff
miteingeschlossen werden, da, wie sich in der späteren Ausführung zeigen wird, sie der
körperlichen Gewalt in ihrer Macht und Grausamkeit in nichts nachsteht ­ die enge
Verbundenheit mit der Kommunikation aus Wagners Definition wird hierbei aber
übernommen. Ebenfalls wichtig ist ein Element, auf welches Sybille Krämer aufmerksam
1
http://www.duden.de/rechtschreibung/Gewalt
(Zuletzt abgerufen am 31.03.17).
2
Wagner, Silvan: Ehestands-Mären und Gewalt. Autoaggressive Gewaltgemeinschaften und ihre gewalthafte
Transformation ­ in Gewaltgemeinschaften, in: Cora Dietl und Titus Knäpper: Rules and violence. On the cultural
history of collective violence from late antiquity to the confessional age, Berlin/ Boston 2014, S.115-130. S.118.

6
macht; Gewalt [] muss nicht nur verübt, sondern sie muss auch erlitten werden.
3
Eine
Schädigung des Rezipienten halte ich für einen elementaren Bestandteil von Gewalt.
Mit dem Begriff der Gewalt sei hier also die Macht oder Mittel zur absichtlichen oder in Kauf
nehmenden Schädigung einer Person gemeint.
4
3 Geschlechtermodell des Mittelalters
Um die Frau als Gewalt ausübende Person überhaupt charakterisieren zu können, ist es
unerlässlich zu verstehen, was ,,Frau" im Kontext der mittelalterlichen Literatur überhaupt
bedeutet, statt selbstverständlich von unserem heutigen Geschlechtermodell auszugehen.
Einer der bekanntesten Autoren zu Geschlechterkonzepten im Verlaufe der Zeit ist Thomas
Laquer. Seine Forschungsarbeiten zum Ein-Geschlecht-Modell sind umstritten, aber nicht
minder bemerkenswert. Demnach wurde das Zwei-Geschlecht-Modell, dessen Grundsätze wir
heute kennen und als selbstverständlich ansehen, erst im 18. Jahrhundert geläufig; zuvor ging
man davon aus, dass der weibliche Körper im Wesentlichen gleich aufgebaut sei wie der
männliche. So nahm man beispielsweise an, die primären Geschlechtsteile der Frau seien
identisch mit denen des Mannes, nur eben nach Innen gestülpt: Der Penis wird zu Cervix und
Vagina, die Vorhaut zur Vulva.
5
Eine klare Differenzierung in Mann und Frau bestand aber
dennoch schon, historisch gesehen ging also die soziale Geschlechterdifferenzierung der
biologischen voraus.
6
Statt der körperlichen Differenzierung wurde vielmehr von einer
Zweitteilung der Seele ausgegangen. Ein Teil sei der männlich-rationale und als Gegenstück das
Weibliche als Irrationales.
7
Die Frau unterscheidet sich vom Manne also primär durch ihre
Unvollkommenheit; sie ist lediglich eine schlechtere Version des Mannes.
3
Krämer, Sybille: Sprache als Gewalt oder: Warum verletzen Worte?, in: In Hannes Kuch, Sybille Krämer & Steffen
K. Herrmann: Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung, Bielefeld 2007, S.31-48. S. 34.
4
Vgl. Ritter, Joachim: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3 G-H, Basel 1974, S.562-570.
5
Vgl. Laquer, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud,
Frankfurt/Main 1992, S. 39ff.
6
Vgl. Ebd., S.78.
7
Vgl. Haag, Christine: Das Ideal der männlichen Frau in der Literatur des Mittelalters, in: Ingrid Bennewitz und
Helmut Trevooren: Manlîchiu wîp, wîplîch man. Zur Konstruktion der Kategorien "Körper" und "Geschlecht" in der
deutschen Literatur des Mittelalters, Berlin 1999, S.228-249. S.232.

7
3.1 Das Konzept der bösen Frau
Kaufringer ist mit der überzeichneten Darstellung seiner drei gewalttätigen Protagonistinnen in
bester Gesellschaft ­ das Konzept des ,,üblen wîp", der bösen Frau, die ihrem Ehemann nicht
gehorcht oder ihm Schaden zufügen will, ist in der Literatur des Mittelalters, besonders in der
Gattung der Märendichtung, ein beliebtes Modell.
Dessen Grundlage stammt aus dem Christentum und dem Glauben, dass Eva aus Adam
erschaffen worden und die Frau deswegen dem Mann unterlegen und zu Gehorsam verpflichtet
sei.
8
In einer Ehe agiert der Mann
i
m Idealfall als Haupt der Familie, der seine Macht nutzen und
Verantwortung übernehmen soll, ohne aber zum Gewaltherr zu verkommen, während die Frau
sich selbstverständlich unterordnet, sich aber nicht bedingungslos unterwerfen muss.
9
Emanzipatorische Bestrebungen seitens der Ehefrau werden dennoch klar abgelehnt. Da die
Hierarchie der Geschlechter als gottgegeben angesehen wird, werden aufmüpfige Frauen oft mit
dem Teufel in Verbindung gebracht. Er ist es, der in die Frau hineinfährt und sie dann zum
Ungehorsam anstiftet ­ oft gleichen Erzählungen über Frauenzüchtung deswegen dem Prozess
einer Teufelsaustreibung.
10
Kaufringer allerdings geht in seinem Werk nicht auf die Ursache der
Boshaftigkeit der drei Frauen ein.
Die böse Frau richtet ihr Unheil in vielen Fällen durch ihre Sprachgewalt an und nicht selten
handelt es sich bei dem ,,üblem wîp" zeitgleich um eine Ehebrecherin. Das entspricht der
mittelalterlichen Vorstellung einer Engführung von vaginaler und oraler Geschwätzigkeit.
11
Von den drei listigen Frauen trifft diese Charakterisierung zumindest auf Frau Hiltgart zu.
Im Falle von Kaufringers Märe ist die Frau alleine aber nicht für das ganze Ausmaß des
Schadens verantwortlich. Der Autor arbeitet hier mit dem passenden Gegenstück zum ,,üblen
wîp" und bedient sich der Figur des dummen Bauers, der sich töricht täuschen und überlisten
lässt.
12
Neben der bösen Frau ist also auch das Versagen des Ehemanns in seiner dominierenden
Rolle gegenüber der Frau ausschlaggebend für das Gelingen der List.
13
8
Vgl. Brietzmann, Franz: Die böse Frau in der deutschen Literatur des Mittelalters, New York 1967, S.120
9
Vgl. Londner, Monika: Eheauffassung und Darstellung der Frau in der spätmittelalterlichen Märendichtung. Eine
Untersuchung auf der Grundlage rechtlich-sozialer und theologischer Voraussetzungen, Berlin 1973, S.339.
10
Vgl. Brietzmann, S.121 f.
11
Schnyder, Mireille: Märenforschung und Geschlechterbeziehungen, in: Sieglinde Hartmann und Ulrich Müller:
Oswald-von-WolkensteinGesellschaft, Jahrbuch, Frankfurt/Main 2000, S.123-134. S.125.
12
Vgl. Von Müller, Mareike: Schwarze Komik in Heinrich Kaufringers ,,Drei listige Frauen B", in: Zeitschrift für
deutsches Altertum und deutsche Literatur, Band 142, Stuttgart 2013, S.194-216. S.204.
13
Vgl. Londner, S. 336.
Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Gewalttätige Frauen in Heinrich Kaufringers "Drei listige Frauen"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V374639
ISBN (eBook)
9783668528758
ISBN (Buch)
9783668528765
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich Kaufringer, Kaufringer, drei listige Frauen, Gewalt, Frauenfiguren, Mediävistik
Arbeit zitieren
Luana Siegrist (Autor), 2017, Gewalttätige Frauen in Heinrich Kaufringers "Drei listige Frauen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374639

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