Die Empfindung des Schauspielers. Denis Diderots Paradox


Hausarbeit, 2004
17 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Paradox
2.1 Die Grundeigenschaften eines großen Schauspielers
2.2 Das Modèle Idéal
2.3 Die Empfindsamkeit (sensibilité)

3 Jacques Copeau - Überlegung eines Schauspielers zu Diderots Paradox

4 Schlussbemerkung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das zwischen den Jahren 1770 bis 1773 verfasste „Paradox über den Schauspieler“ ist eine ästhetische Schrift, in der Denis Diderot eine Schauspieltheorie des natürlichen Spiels entwirft, die eine genaue Selbstkontrolle, Beobachtung, Überlegung („réflexion“)[1] und „bewußte Gestaltung“[2] zur Grundvoraussetzung darstellerischer Fähigkeiten erklärt .

Diderots These, dass ein Schauspieler nur dann wirklich „groß“ auf der Bühne ist, wenn dieser seine eigenen Empfindungen, also sein Innenleben, von sich abspalten kann, soll im Folgenden dargestellt und kritisiert werden. Es geht um die Frage, ob das diderotische „modèle idèal“[3] nicht der menschlichen Natur widerspricht und wie es in der Praxis möglicherweise umgesetzt wurde. Hierzu soll am Beispiel von dem Schauspieler Jaques Copeau, einem ebenbürtigem Kritiker Diderots, eine Kontradiktion sichtbar werden.

Das aus dem griechisch-lateinisch stammende Wort „Paradoxon“ bezeichnet eine scheinbar falsche Aussage, die aber bei genauerer Analyse auf eine höhere Wahrheit hinweist. Der Frage, ob dies auch auf Diderots Paradox zutrifft soll sich am Ende, auf subjektive Art und Weise, genähert werden.

Denis Diderot wurde durch Lessings Übersetzungen seiner Schauspiele und seiner Schauspieltheorie in Deutschland berühmt und beherrschte „das dramaturgische Denken für über ein Jahrzehnt.“[4] Er beeinflußte unter anderem Bertolt Brecht, der „die Bewußtheit der Theaterarbeit“[5] von ihm übernahm, mit dem Unterschied, dass Brecht „ein genauso bewußtes Publikum haben wollte.“[6] Diderot hingegen wollte eine „Illusion erzeugen um die Menschen zu „rühren“ und dadurch moralisch [zu] bessern“.[7] Jedoch hatte er es schwer, sich in seiner Heimat - dem Frankreich des 18. Jahrhunderts - als erfolgreicher Autor zu behaupten. Diderot wurde nie in die Académie-Francaise aufgenommen.

Die Zeiten haben sich geändert, so findet man heutzutage den Namen Diderot in fast jedem Lexikon. Dort wird er als Bühnen- und Romanautor, Dramentheoretiker, Erzähler, Kunstkritiker und Philosoph betitelt. Er arbeitete von 1751-1780 an der „Enzyklopädie“, eine der bedeutendsten Publikation der französischen Aufklärung. Diderot wurde sogar reformierend tätig und versuchte 1773 die Gedanken der französischen Aufklärung in Rußland zu verbreiten.

Interessant ist die Frage, warum sich Diderots Auffassung in einer Zeitspanne von knapp fünfzehn Jahren[8] so drastisch ins Gegenteil gewandelt hat: Ist es in dem „Le fils naturel“ der extreme Ausdruck der Empfindungen, der zur moralischen Einsicht führen soll und die „Tugend reizvoll zu machen“[9] scheint, so ist die Empfindung im „Paradox über den Schauspieler“„nicht eben die Eigenschaft eines großen Genies.“[10] Es wird vermutet, daß eigene Erfahrungen und Beobachtungen, die er als Kunstkritiker machte, diesen „Wandel“ hervorriefen.[11]

Die äußere Form des Paradoxes ist im Dialog geschrieben zwischen einem „Ersten“ und einem „Zweiten“ Gesprächspartner. Hierbei scheint „Der Erste“ die Ansichten der schauspieltheoretischen Position Diderots zu vertreten, die er so in persönlicher Erzählform ausdrücken konnte und „Der Zweite“ eine Art kritische Gegenposition zu bilden.

2 Das Paradox

2.1 Die Grundeigenschaften eines großen Schauspielers

Im Paradox werden von Diderot die Fragen aufgeworfen, wie ein Schauspieler natürlich wirkt, was den großen Schauspieler an sich kennzeichnet und welche Fähigkeiten dieser besitzen muss, um „groß“(artig) zu sein.

Zur Beantwortung dieser Fragen stellt Diderot zunächst eine Reihe von „Grundeigenschaften eines großen Schauspielers“ auf . Er verlangt von ihm „sehr viel Urteilskraft“ und „Scharfblick“, „nicht aber Empfindsamkeit“. Dieser Mensch muß „ein kühler und ruhiger Beobachter sein, [...] [der imstande ist], „alles nachzuahmen, oder – was auf dasselbe hinausläuft – eine gleiche Befähigung für alle möglichen Charaktere und Rollen“[12] vorweisen können. Er sollte also „die Fähigkeit [besitzen], alle Naturen zu erkennen und zu kopieren“[13].

Um ein großer Schauspieler zu werden, sollte der angehende Darsteller sich also nach einer rationalen, technischen Vorgehensweise die Rolle erarbeiten. Da Diderot einen großen Schauspieler als einen tragischen oder komischen „Imitator, dem der Dichter die Worte vorgeschrieben hat“[14], bezeichnet, gilt es für den angehenden großen Darsteller, sich dem vom Dichter erschaffenen ideellen Modell[15] so weit wie möglich anzunähern. Hat er dies geschafft, sollte der Schauspieler bei den Aufführungen ausschließlich aus der „Überlegung (réflexion)“, „der Einbildungskraft und aus dem Gedächtnis“[16] heraus spielen, um die künstlerische Qualität zu sichern, welche gegeben ist, wenn ein Darsteller bei jeder Aufführung, seine Rolle mit derselben Intensität und Kraft verkörpern kann, wie bei der Vorherigen.

2.2 Das Modèle Idéal

Um eine Rolle irgendwann verkörpern zu können, steht an allererster Stelle die intensive Auseinandersetzung mit dem vom Dichter erschaffenem Werk, dem Rollentext. Das heißt für den Schauspieler, er muß das dramatische Schriftstück lesen und verstehen, die Worte seiner Rolle auswendig lernen und muß von der Figur und ihrem Charakter, die er verkörpern soll, und die zunächst nur auf dem Papier in schriftlicher Form existiert, eine Vorstellung entwickeln, welche idealer Weise mit der des Autors übereinstimmen sollte. Diese Möglichkeit ist allerdings höchst selten gegeben, wenn der Autor des Stückes zum Beispiel selbst Regie führt oder seine Vorstellungen in einer anderen Weise, direkt oder indirekt, vermitteln kann.

Andernfalls kann sich der Schauspieler nur an dem Text orientieren und muß sich mit seinen eigenen Vermutungen über „unausgeschriebene“ und verdeckte Eigenschaften der Figur zufrieden geben. Diderot geht davon aus, dass jeder Dichter sein individuelles „ideelles Modell“ geschaffen hat, wenn er ein Stück geschrieben hat. Dieses Modell basiert auf der Tatsache, dass der Dichter Figuren erschaffen hat, die nur aus aneinandergereihten Buchstaben, Wörtern und Sätzen bestehen und ohne Stimme aus sich selbst heraus und für sich sprechen. Die „imaginären Phantome der Poesie“[17], wie Hamlet, Emilia Gallotti, Danton oder Medea sind von Dichtern wie Shakespeare, Lessing, Büchner und Euripides erschaffen worden. Sie sind und bleiben „Phantome“, solange kein Schauspieler mit seinem Körper und Geist bereit ist sie zu „erwecken“.

„Was ist also das Wahre auf der Bühne? Es ist die Übereinstimmung der Handlungen, der Reden, der Gestalt, der Stimme, der Bewegung, der Gebärde mit einem vom Dichter erdachten ideellen Modell, das vom Schauspieler oft übertrieben dargestellt wird.“[18] Wie der Dichter sein ideelles Modell auf dem Papier verwirklicht hat, so soll auch der Schauspieler ebenfalls ein „modèle idéal“ bei der Arbeit an seiner Rolle verfolgen.

[...]


[1] Vgl. Bassenge, Friedrich: Die Entwicklung von Diderots Ästhetik. In: Einführung in die Ästhetik Diderots, Ästhetische Schriften, Band 1, S.XXXI

[2] Ebd

[3] Ebd., S.V

[4] Ebd., S.XXXI

[5] Bassenge: Die Entwicklung, S.XXXI

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] „Dorval und ich“ (1757), verglichen mit „Das Paradox über den Schauspieler“ (1773)

[9] Bassenge: Die Entwicklung, S.XXX

[10] Vgl. Diderot, Denis: Das Paradox über den Schauspieler. In: Bassenge, Friedrich (Hrsg.): Ästhetische Schriften, Band 2, S.487

[11] Vgl. Bassenge: Die Entwicklung, S.XV

[12] Vgl. Diderot, Denis: Das Paradox über den Schauspieler. In: Bassenge, Friedrich (Hrsg.): Ästhetische Schriften, Band 2, S.484

[13] Ebd., S.510

[14] Ebd., S.501

[15] Das „Modèle idéal“ wird im nächsten Kapitel noch genauer erläutert.

[16] Vgl. Diderot: Das Paradox, S.485

[17] Vgl. Diderot: Das Paradox, S.491

[18] Ebd., S.492

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Empfindung des Schauspielers. Denis Diderots Paradox
Hochschule
Universität Leipzig  (Philologisches Institut)
Veranstaltung
"Sei wie Du bist!" Basistexte zur (schauspielerischen) Selbstdarstellung
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V374642
ISBN (eBook)
9783668543140
ISBN (Buch)
9783668543157
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das zwischen den Jahren 1770 bis 1773 verfasste „Paradox über den Schauspieler“ ist eine ästhetische Schrift, in der Denis Diderot eine Schauspieltheorie des natürlichen Spiels entwirft, die eine genaue Selbstkontrolle, Beobachtung, Überlegung („réflexion“) und „bewußte Gestaltung“ zur Grundvoraussetzung darstellerischer Fähigkeiten erklärt.
Schlagworte
Schauspielkunst, Denis Diderot, Diderot, Paradox, Jaques Copeau
Arbeit zitieren
M.A. Katharina Rose (Autor), 2004, Die Empfindung des Schauspielers. Denis Diderots Paradox, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374642

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Empfindung des Schauspielers. Denis Diderots Paradox


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden