Diderots These, dass ein Schauspieler nur dann wirklich „groß“ auf der Bühne ist, wenn dieser seine eigenen Empfindungen, also sein Innenleben, von sich abspalten kann, soll im Folgenden dargestellt und kritisiert werden. Es geht um die Frage, ob das diderotische „modèle idèal“ nicht der menschlichen Natur widerspricht und wie es in der Praxis möglicherweise umgesetzt wurde. Hierzu soll am Beispiel von dem Schauspieler Jaques Copeau, einem ebenbürtigem Kritiker Diderots, eine Kontradiktion sichtbar werden.
Inhaltsübersicht
1 Einleitung
2 Das Paradox
2.1 Die Grundeigenschaften eines großen Schauspielers
2.2 Das Modèle Idéal
2.3 Die Empfindsamkeit (sensibilité)
3 Jacques Copeau - Überlegung eines Schauspielers zu Diderots Paradox
4 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert Denis Diderots Schauspieltheorie, insbesondere sein „Paradox über den Schauspieler“, welches die Notwendigkeit von Selbstkontrolle und technischer Distanz gegenüber echter emotionaler Empfindung auf der Bühne postuliert. Ziel ist es, die theoretischen Annahmen Diderots darzustellen, kritisch zu hinterfragen und ihnen die Perspektive des Schauspielers und Kritikers Jacques Copeau gegenüberzustellen.
- Diderots Konzept des „Paradox über den Schauspieler“
- Die Rolle von Reflexion, Urteilskraft und technischer Distanz
- Kritische Analyse des diderotischen „modèle idéal“
- Gegenüberstellung mit Jacques Copeaus Überlegungen zur Schauspielerarbeit
- Die Problematik der Empfindsamkeit in der schauspielerischen Praxis
Auszug aus dem Buch
Die Empfindsamkeit (sensibilité)
Die „wahre“ Empfindsamkeit verderbe das Schauspiel und die Garantie auf eine stetige, gute Leistung auf der Bühne. Ein Schauspieler, der wirklich empfindet, anstatt diese Empfindungen nachzuahmen ist, in Diderots Augen, kein großer Darsteller. Denn es geht auf der Bühne um eine Nachahmung des Lebens und nicht um das Leben selbst.
„Übertriebene Empfindsamkeit macht mittelmäßige Darsteller; mittelmäßige Empfindsamkeit macht die Masse schlechter Schauspieler, und das vollständige Fehlen von Empfindsamkeit ist die Voraussetzung für erhabene Schauspieler.“ So beginnt der „Erste“ den „Zweiten“ mit dem wirklichen Paradox zu konfrontieren.
Mit dem, im Jahre 1757, verfassten „Le fils naturel“ (Der natürliche Sohn) hatte Diderot jedoch zuvor den veristischen Versuch gewagt, ein quasi authentisches Ereignis, von den betroffenen Personen spielen zu lassen, in dem Glauben, dass sie sich selbst am besten und natürlichsten verkörpern und somit eine besonders große Leistung auf der Bühne zeigen könnten.
Zu dieser Zeit vertrat Diderot demnach auch noch die Meinung, dass eine eigene Empfindsamkeit beim Spiel notwendig ist, um Empfindungen darstellen und beim Publikum hervorrufen zu können. Diese konventionelle These wurde nun im „Paradox über den Schauspieler“ durch seine scheinbar widersinnige These abgelöst: Ein Schauspieler kann gerade dann die größten Empfindungen beim Publikum hervorrufen - indem er sie überzeugend nachahmt - wenn er selbst nichts empfindet und sich von seinem „eigenen Selbst“ distanziert. Denn „von Natur ist der Mensch er selbst; der Mensch der Nachahmung ist ein anderer: das Herz das er sich zuschreibt ist nicht das Herz, das er hat.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in Denis Diderots „Paradox über den Schauspieler“ ein und stellt die zentrale Fragestellung zur Rolle von Selbstkontrolle und Empfindung auf der Bühne vor.
2 Das Paradox: Dieses Kapitel erläutert Diderots Anforderung an Schauspieler, durch Urteilskraft und technische Distanz ein „ideelles Modell“ umzusetzen, anstatt sich von echter Empfindsamkeit leiten zu lassen.
3 Jacques Copeau - Überlegung eines Schauspielers zu Diderots Paradox: Hier wird die kritische Perspektive von Jacques Copeau präsentiert, der Diderots strikte Ablehnung von Empfindsamkeit hinterfragt und eine Ergänzung von Technik und emotionaler Hingabe vorschlägt.
4 Schlussbemerkung: Die Schlussbetrachtung reflektiert die andauernde Relevanz dieser Diskussion für das heutige Theater und stellt fest, dass eine absolute Antwort auf die Frage nach der idealen Arbeitsweise des Schauspielers weiterhin aussteht.
Schlüsselwörter
Diderot, Schauspieltheorie, Paradox über den Schauspieler, Empfindsamkeit, Reflexion, Jacques Copeau, Modèle Idéal, Schauspielkunst, Selbstkontrolle, Imitation, Natürlichkeit, Bühnendarstellung, Theaterwissenschaft, Rollenarbeit, Technik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Schauspieltheorie von Denis Diderot und seinem Werk „Paradox über den Schauspieler“ sowie dessen kritischer Auseinandersetzung durch Jacques Copeau.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von echter Empfindung und spielerischer Nachahmung, die Bedeutung von Selbstkontrolle („réflexion“) und die theoretische Fundierung schauspielerischer Qualität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Diderots Thesen zu hinterfragen, zu analysieren, wie ein Schauspieler seine Rolle erarbeitet, und die Kontroverse um die notwendige Distanz des Darstellers aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literarische und theoretische Analyse schauspieltheoretischer Basistexte, die durch eine vergleichende Perspektive zweier Autoren (Diderot und Copeau) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die „Grundeigenschaften“ des großen Schauspielers, das „Modèle idéal“ des Dichters, die Ablehnung von Empfindsamkeit durch Diderot sowie die kritischen Gegenargumente von Jacques Copeau.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Schauspieltheorie, Paradox, Empfindsamkeit, Reflexion und Rollenarbeit charakterisiert.
Warum sieht Diderot Empfindsamkeit als Hindernis für den Schauspieler?
Diderot argumentiert, dass echte Empfindsamkeit chaotisch und unberechenbar ist, was den Verlust der Selbstkontrolle zur Folge hat und somit eine gleichbleibende, hohe Qualität der Darbietung gefährdet.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Jacques Copeau von der Diderots?
Copeau lehnt die strikte Trennung ab; für ihn ergänzen sich Verstand und Empfindsamkeit, da die Emotion die Ideen des Künstlers belebt und den Verstand gerade schärfen kann.
- Citation du texte
- M.A. Katharina Rose (Auteur), 2004, Die Empfindung des Schauspielers. Denis Diderots Paradox, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374642