Stress als Krankheitsauslöser. Das Diathese-Stress-Modell bei Traumatisierungen in der Kindheit


Hausarbeit, 2017

19 Seiten


Leseprobe

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INFÜHRUNG
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RKLÄRUNGSMODELLE UND IHRE
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UNKTION
... 3
2 D
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RANKHEIT
... 3
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TRESS UND
K
RANKHEIT
... 5
3.1 Stress und Angstreaktionen ... 6
3.2 Hinweise aus der Psychoneuroimmunologie ... 8
4 D
IATHESE
-S
TRESS
-M
ODELLE
... 9
4.1 Stress als Bewertungsprozess ... 9
4.2 Diathese-Stress-Modelle (Vulnerabilitäts-Stress-Modelle) ... 10
4.3 Zusammenfassung Diathese-Stress-Modell ... 13
5 V
OM
M
ISSBRAUCH ZUR
K
RANKHEIT
... 13
5.1 Die Spätfolgen einer Schweren Kindheit ... 13
5.2 Eine Fall-Vignette ... 13
5.3 Die Zusammenhänge zwischen den körperlichen und seelischen Leiden ... 14
5.3.1 ACE-Studie (Adverse Childhood Experiences) ... 14
5.3.2 Risikogene für erhöhte Stressanfälligkeit ... 16
5.3.3 Botenstoffe hinterlassen bleibende Spuren ... 16
6 F
AZIT
... 17
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ITERATURVERZEICHNIS
... 19

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So wie es Straßenkarten, Wetterkarten, geografische Karten gibt, sind auch bei dem Phänomen
,,Krankheit" diverse Betrachtungsweisen möglich. Alle heute bekannten Annahmen, die das
Phänomen ,,Krankheit" betreffen, lassen sich auf sogenannte Paradigmen, d. h. Modellvorstel-
lungen, mit denen ein Teil der Realität beschrieben und erklärt werden kann (Plassmann 2016,
S. 63), zurückführen.
Medizin, Biologie, Physik und andere wissenschaftliche Disziplinen nähern sich ihren Unter-
suchungsgegenständen mithilfe von Modellen, die so lange eine Daseinsberechtigung haben,
wie sie nützlich sind. Da sie keine Glaubenssysteme sind, beziehen sie ihren Wert nicht aus
sich selbst, sondern aus ihrer Erklärungskraft. Sie sind Hilfsmittel, die nur einen bestimmten
Ausschnitt der Wirklichkeit mit nur bestimmten Aspekten erfassen. Manche Paradigmen ver-
lieren ihre Gültigkeit und es gibt Paradigmenwechsel. Beispiele sind das Ptolemäische Weltbild,
die Theorie von der Entstehung der Arten oder die berühmten Urey-Miller-Versuche von 1953
(Plassmann 2016, S. 64).
Die Realität sorgt dafür, dass uns vertraut gewordene Erklärungsmodelle obsolet werden und
ihre Tauglichkeit immer wieder aufs Neue beweisen müssen. Es ist wichtig, nicht nur ein bzw.
nicht zu viele Modelle in der Arbeit zu benutzten. Ein Modell reduziert die Anzahl der Fälle,
mit denen man arbeiten kann. Zu viele Modelle zu kennen, birgt die Gefahr, Beliebigkeit zu
schaffen, und schadet damit auch der Professionalität. Man sollte sich bewusst sein, mit wel-
chem Modell man vertraut ist und in welcher Weise man es im konkreten Fall anwendet.
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Der oben genannte Paradigmenwechsel betrifft ebenso die Definition von ,,Krankheit". Dieser
Begriff verändert sich nicht nur durch die Entwicklung der Medizin, sondern auch durch poli-
tische, religiöse, gesellschaftliche und philosophische Einflussnahme. Historisch ging der De-
finition und der Konzentration auf die Krankheit die Konzentration auf die Gesundheit voraus,
als die Gesundheitslehren auf die Prävention, also auf die Aufrechterhaltung der Gesundheit
fokussierten.
Für den großen römischen Arzt Galen (129­199 n. Chr.) war die Medizin eine Lehre von der
Gesundheit. Gesundheit verstand er als Homöostase und Krankheiten waren Zustände, in denen
der Körper aus dem Gleichgewicht, der Homöostase geraten ist.
Krankheiten hat man als Gesamtstörungsvorgang und nicht als Organstörung interpretiert. In-
sofern wurden Krankheit und Gesundheit nicht als konträre Zustände, sondern eher als Konti-
nuum verstanden (Franke 2012, S. 59). Diese Sichtweise hat bis zum Mittelalter ihre Gültigkeit

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behalten und erst die Aufklärung hat in der Entstehung von Krankheiten nicht nur der indivi-
duellen Lebensführung, sondern auch anderen, bspw. sozialen Faktoren, Bedeutung zuge-
schrieben.
Die uns bekannte biologisch-somatische Sichtweise ist in der Neuzeit entstanden. Die Erkennt-
nisse der Bakteriologie, die bahnbrechenden Charakter hatten, haben das Verständnis von
Krankheiten verändern und geprägt: Krankheiten haben erkennbare Ursachen und können im
Verlauf behandelt bzw. beeinflusst werden. Es ist heute immer noch so, dass keine allgemein-
gültige Definition von ,,Krankheit" vorliegt. Erklärung dafür findet sich ein Stück weit darin,
dass man eine Diskussion über Krankheiten auf mindestens vier Ebenen führen kann: medizi-
nisch, psychologisch, juristisch und soziologisch. Krankheit entzieht sich einer endgültigen De-
finition, weil sie ein medizinisches, historisches und ein kulturelles Phänomen ist (Franke 2012,
S. 60). Aber welche Definitionen gibt es überhaupt? Als Erstes ist das Wort Krankheit zu un-
tersuchen: Etymologisch führt der Wortstamm auf das mittelhochdeutsche ,,kranc" zurück, was
so viel wie schwach, schmal, schlank, leidend bedeutet. Im Folgenden seien einige aktuelle
Definitionen von Krankheit kurz vorgestellt.
,,Als Krankheit wird das Vorliegen von Symptomen und/oder Befunden bezeichnet, die als Ab-
weichung von einem physiologischen Gleichgewicht oder einer Regelgröße (Norm) interpretiert
werden können und die auf definierte Ursachen innerer oder äußerer Schädigungen zurückgeführt
werden können. [...] Abweichungen von einem physiologischen Gleichgewicht, einer Regel-
größe, einer Organfunktion oder einer Organstruktur sind oft schwer zu beurteilen, weil manche
physiologischen Regelgrößen eine beachtliche Streuung aufweisen." (Schmidt/Unsicker 2003)
Im Versicherungsrecht der GKV wird Krankheit definiert als ,,objektiv fassbarer, regelwidriger,
anomaler körperlicher oder geistiger Zustand, der die Notwendigkeit einer Heilbehandlung er-
fordert und zur Arbeitsunfähigkeit führen kann." Dabei wird die Aufmerksamkeit auf die Be-
handlungsbedürftigkeit gelenkt. In diesem Sinne liegt Krankheit nur dann vor, wenn Behand-
lungsbedürftigkeit besteht, um beispielsweise Schmerzen zu beheben, zu lindern, die Arbeits-
fähigkeit zu erhalten oder wiederherzustellen oder die zukünftige Erwerbsfähigkeit zu beein-
flussen. Ungeachtet dessen, dass es sehr schwierig ist, objektiv zu bestimmen, wo Gesundheit
aufhört und damit Krankheit anfängt, wird die Krankheit als Abweichung von der Norm ver-
standen (Franke 2012, S. 61):
,,Krankheit (Morbus) ist definiert als Störung des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbe-
findens. Bei der Abgrenzung der Krankheit von Gesundheit ist eine bestimmte, aus einer Vielzahl
von Beobachtungen mithilfe statistischer Methoden gewonnene Schwankungsbreite zu berück-
sichtigen, innerhalb derer der Betroffene noch als gesund angesehen wird. Bei der Beschreibung
einer Krankheit muss zwischen ihren Ursachen (Krankheitsursache) und ihren sichtbaren Anzei-
chen (Symptomen) unterschieden werden. Außerdem können sich unterschiedliche Verläufe zei-
gen: Eine akute Krankheit setzt plötzlich und heftig ein. Eine chronische Krankheit (Malum)
beginnt langsam und verläuft schleichend. Manche Krankheiten verlaufen in Schüben, d.h., es
wechseln sich Phasen der Besserung mit Phasen der Verschlechterung (Exazerbationen) ab, oder

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sie treten nach scheinbarer Ausheilung erneut auf (Rezidiv). Die Feststellung einer Krankheit
(Diagnose) beruht auf der Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) sowie der Untersuchung
des Betroffenen mit Auswertung der geschilderten und festgestellten Symptome. Die erhobene
Diagnose dient der Festlegung einer evtl. notwendigen Behandlung, der Voraussage über den
Verlauf der Krankheit (Prognose) und Maßnahmen der Krankheitsverhütung (Prävention). (In-
formationssystem der Gesundheitsberichterstattung des Bundes)
Unabhängig von der Definition spielen bei der Beschreibung von Krankheit folgende Kriterien
eine Rolle:
- Das Vorhandensein eines Befunds, also einer objektiven Feststellung einer Störung bzw.
mehrerer Störungen im seelischen, körperlichen oder geistigen Bereich.
- Die Störung des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens.
- Es besteht die Notwendigkeit einer medizinischen und sozialen (menschlichen) Betreuung
(Franke 2012, S. 62).
Außerdem gibt es einige therapie- und rehabilitationsrelevante Fragen nach Ursachen, Syste-
matiken, zeitlichem Verlauf, Auftreten, therapeutischen Optionen und Prognosen. Neben die-
sen Kriterien sind bei der Definition von Krankheit auch juristische Aspekte relevant, die aller-
dings nicht mit medizinischen Gesichtspunkten gleichgestellt werden dürfen. Hier eröffnen sich
die Fragen nach der Schuldunfähigkeit, die durch eine Krankheit bedingt werden kann. Ein
weiterer Aspekt ist, dass bei akut und chronisch Kranken andere Bedürfnisse und Gegebenhei-
ten in der Behandlung und Rehabilitation berücksichtigt werden müssen. Nicht zuletzt ist
Krankheit auch ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Phänomen.
Das am weitesten verbreitete Klassifikationssystem für Krankheiten ist die ICD-10 der WHO.
Die ICD-10 unterscheidet 21 Gruppen von Krankheiten und beansprucht, gelöst von ätiologi-
schen Ansätzen, deskriptive Diagnosen zu stellen (Franke 2012, S. 63.)
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Das Zusammenspiel von Psyche und Körper ist uns intuitiv vertraut und drückt sich in beliebten
Sprüchen wie ,,Das geht mir an die Nieren", ,,Das hat mir auf den Magen geschlagen", ,,Ihm
ist eine Laus über die Leber gelaufen" usw. aus. Auch sind Volksweisheiten wie ,,Stress macht
krank" oder ,,Wer wenig Stress hat, lebt länger" weit verbreitet. Es gibt aber auch schon lange
empirische Belege für den Zusammenhang zwischen Stress und Krankheit: Stress im Examen
wirkt sich bekanntlich negativ auf das Immunsystem aus. Bei MedizinstudentInnen im Examen
waren die natürlichen Killerzellen (NK) und die T-Lymphozyten signifikant reduziert. Ebenso
dauerte die Heilung kleiner Wunden, die ZahnmedizinstudentInnen in der Zeit ihres Examens
erlitten hatten, im Durchschnitt elf Tage statt der acht Tage bei Verletzungen während der Se-
mesterferien (Diegelmann/Isermann 2010, S. 62).

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Welche Erklärungsansätze können für derartige Zusammenhänge von Bedeutung sein? Folgend
soll ein Konzept der wechselseitigen Wirkung von Stress und Immunsystem vorgestellt werden:
das Diathese-Stress-Modell. Um das Konzept zu verstehen, ist es notwendig, die Stressmecha-
nismen und ihre Funktionen zu beleuchten.
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Der Begriff ,Stress` wird in diversen Modellen zur Erklärung von Krankheits- und Gesund-
heitsphänomenen verwendet, wenngleich er in verschiedenen Theorien unterschiedlich verstan-
den und verwendet wird.
Das Wort ,,Stress" geht auf das lateinische stringere zurück und bedeutet so viel wie ,etwas eng
ziehen` oder ,zusammenziehen`. Das Wort hatte nicht immer eine medizinische bzw. psycho-
logische Verwendung: Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es vor allem in den Ingenieur-
wissenschaften benutzt, um Beanspruchungen von Maschinen zu beschreiben. Es gibt aller-
dings Hinweise, dass schon im 17. und 18. Jahrhundert das Wort zur Beschreibung von Hun-
gersnot und sozialer Not in England und Skandinavien verwendet wurde. Die Beschreibungen
im technischen und sozialen Bereich teilen die zugrundeliegende Idee, dass Stress zu einer
Schwächung des Systems führen kann (Franke 2016, S. 105.) Heute kursiert eine umgangs-
sprachliche Bedeutung, wonach Stress im weitesten Sinne etwas ist, das uns unter Druck setzt,
uns hetzt und vielleicht auch nervt, aber auch eine Reaktion hervorruft, uns in Aktion versetzt,
also mobilisiert. Der Begriff wurde wissenschaftlich das erste Mal 1944 in den Psychological
Abstracts verwendet. Populär wie das Wort ist, besteht nach mittlerweile 60 Jahren Forschung
in diesem Bereich aber noch kein definitorischer Konsens. Es gibt allerdings drei Gruppen von
Stressdefinitionen:
- Stress als Reaktion auf ein Ereignis, also als Antwort;
- Stress als Auslöser für emotionale Reaktionen;
- Stress als Prozess, in dem der Organismus mit Aufforderungen einer Situation konfrontiert
wird, auf die er mangels Ressourcen nicht adäquat reagieren kann (Franke 2016, S. 106).
Stress als Antwort des Organismus auf alles, was ihn aktiviert und eine emotionale Reaktion
hervorruft, untersuchte vor allem Hans Selye, der als Vater der modernen Stressforschung gilt.
Er entwarf 1936 eine erste Version des allgemeinen Adaptionssyndroms (AAS), die er dann
weiter untersuchte und erweiterte. Beim AAS handelt sich um ein koordiniertes physiologi-
sches Antwortmuster aus den drei Phasen Alarmreaktion, Widerstandsphase und Erschöpfung
(Franke 2016, S. 106).
Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Stress als Krankheitsauslöser. Das Diathese-Stress-Modell bei Traumatisierungen in der Kindheit
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V374709
ISBN (eBook)
9783668528796
ISBN (Buch)
9783668528802
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stress, Diathese, Krankheit, Salutogenese, Psychoneuroimmunologie
Arbeit zitieren
Ewa Budna (Autor), 2017, Stress als Krankheitsauslöser. Das Diathese-Stress-Modell bei Traumatisierungen in der Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374709

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