Heiner Müllers 'Lohndrücker' und 'Philoktet'


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Heiner Müller: Sein politischer Standort
(a) Der Lohndrücker: Entstehung und Rezeption
(b) „DER LOHNDRÜCKER“ 1988

II. Philoktet: Die Weiterentwicklung einer kritischen Beobachterposition
(a) Der Mythos als kollektive Erfahrung

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Heiner Müller sagt 1982 von sich selbst, er hätte „da angefangen, wo Brecht aufgehört hat“ (Müller „Irrtümer 129), doch sein „Verhältnis zu Brecht ist selektiv von Anfang an.“.(Müller „Krieg 225) Mit Brecht gemeinsam hat er sicher eine politische Grundeinstellung, und er bezeichnet den „LOHN-DRÜCKER“ als seinen unmittelbaren Anschluß an Brecht (vgl. Müller „Krieg“ 229). Dies bedeutet nicht, daß sein darauf folgendes Werk nur im Geiste von Brecht geprägt ist; Müller hat jedoch Brecht’s Stücke im Hinterkopf und weiß, wo er sich von ihm unterscheidet. Dies ausführlich zu erörtern ist aber nicht Thema dieser Arbeit.

Das Werk Heiner Müllers ist von der Auseinandersetzung mit seiner sicherlich privilegierten Situation in der DDR geprägt; auch wenn er die Staatsmacht nie direkt angriff, brauchte er sie doch, um sich an ihr zu reiben. Als der Untergang der DDR bereits abzusehen war, fiel ihm der Abschied davon nicht nur aus sentimentalen Gründen schwer: „Plötzlich fehlt ein Gegner, fehlt die Macht, und im Vakuum wird man sich selbst zum Gegner.“ (Müller „Krieg“ 351)

Bei aller Parteinahme für die DDR blieb Müller gleichzeitig eine Art hoffnungsloser Optimist, ein Beo-bachter. Auch die Ereignisse vom 17. Juni 1953 lassen ihn merkwürdig kalt: „Ich hatte selbst keine Hoffnungen, auch keine zerschlagenen, ich war ein Beobachter, nichts weiter.“ (Müller „Krieg“ 134)

Diese Grundeinstellung zeigt sich im „LOHNDRÜCKER“ als auch im „Philoktet“, und ist sicher nur eine Facette seines Wesens. Wenn er sich selbst als Marxisten bezeichnet, so sieht er sich auch hier klar in der Rolle der Opposition: „Der Marxismus ist vom Staat, von der Partei, allmählich zersetzt worden, der revolutionäre Diskurs vom staatlichen erstickt. Gefährlich waren die Marxisten. Auch das Subver-sive an Brecht war sein Marxismus. Politische Gefangene durften Marx nicht lesen.“. (Müller „Krieg“ 123)

Es geschieht nicht oft, daß sich Heiner Müller unzweideutig zu seinen Stücken äußert; für viele seiner Äußerungen lassen sich ebenso gut gegenteilige Behauptungen finden, und häufig gibt er nur die vage Erklärung „der Text weiß mehr als der Autor“, als ob dieser getrennt von ihm ein Eigenleben führte. Dies zeigt zwar, daß er sich nicht zu wichtig nimmt, führt aber auch leicht zu der bequemen Position eine Interpretation anderen zu überlassen, zu denen er sich dann sekundär äußert.

Nach Erfolg hat Müller nicht gestrebt, er versuchte ihn eher zu vermeiden., da Erfolg einen „Text zum Tode verurteilen kann“. Deshalb wehrt er sich dagegen, als erfolgreicher Autor bezeichnet zu werden: „Wenn ich das tatsächlich wäre, wäre ich wirkungslos. Erfolg setzt Einverständnis voraus. Wirkung dagegen erreicht man nur durch Spaltung. Aber ich werde ja fortwährend nur zum Erfolg erklärt, von Kritikern und Germanisten, und damit um die Wirkung gebracht.“ (Müller „Irrtümer“ 125-26)

Die Interpretation anderer kann auch so gehässig ausfallen wie die von Gerhard Stadelmaier, der Müller 1990 als „vergangener Autor“ einordnet, dessen rechtmäßiger Platz „im geistigen Museum der Ge-schichte der DDR“ ist. (13) Hier soll wohl in einem Aufwasch ein Autor mitsamt seinem geschichtlichen Kontext entsorgt werden. „Mit dem Untergang der DDR wird nicht zugleich der Untergang der gesam-ten, in der DDR entstandenen Literatur besiegelt. Vielmehr gehören die ästhetisch anspruchsvollen, poetischen Texte nach wie vor zur einen deutschen Literatur.“ (Keller 286) Dieser Sichtweise kann ich mich nur anschließen.

I. Heiner Müller: Sein politischer Standort

Eine eindeutige politische Zuordnung Heiner Müller ist nicht einfach, da er sich stets gegen eine dogma-tische Festlegung gesperrt hat. Auf die Frage, warum er sich gerade für die DDR entschieden hat, gibt er jedenfalls kaum eine politische Begründung. So behauptet er einmal, er wäre im Osten geblieben, da es eine gute Art war, seine Eltern loszuwerden (vgl. Müller „Irrtümer“ 91), oder er nennt als wesent-lichen Grund, in der DDR zu bleiben, daß er dort keine Steuererklärung zu schreiben braucht, woran ja viele Intellektuelle scheitern würden (vgl. Müller „Irrtümer“ 113-14). Dies sind natürlich auch gewollt selbstironische Antworten, da er sich darüber klar ist, daß sein Gegenüber nur zu gerne ein politisches Statement hören würde. Aus seiner antikapitalistischen Einstellung hat er jedenfalls nie ein Geheimnis gemacht; er war jedoch immer weit davon entfernt, bloße Parteifloskeln nachzuplappern. Vor die Wahl zwischen einem Aufenthalt im „befreundetem sozialistischem Ausland“ und einem kapitalistischem Land gestellt, entscheidet er sich lieber für letzteres; „auch eine Verweigerung vielleicht, weil ich wußte, daß mir in der sozialistischen UdSSR mein Marxismus leichter abhanden kommen konnte als in den kapitalistischen USA.“ (Müller „Krieg“ 300) Eine Äußerung Müllers Mitte der 80er Jahre verdeutlicht diesen Standpunkt: „Wenn ich gefragt werde, sind Sie Christ oder Marxist, würde ich natürlich sagen, ich bin Marxist. Aber es ist wirklich eine Frage der Alternative. Aber wenn ich gefragt werde, sind Sie Marxist, kann ich nicht sagen Ja. Wenn es eine Alternative gibt, bin ich immer Marxist.“ (Müller „Irr-tümer“ 157)

Heiner Müller kannte sich durchaus unter der Stimmung der Normalbevölkerung aus, da er wohnungs-los im Nachkriegs-Berlin in Kneipen übernachtete; hier lernte er „ungeheuer viele Leute ganz anders kennen“. Auch damals schon war er der SED gegenüber kritisch eingestellt, daß er das Proletariat und die Jugend als „Hauptfeinde der Partei“ bezeichnet, ist nicht gerade ein marxistischer Standpunkt (vgl. Müller „Krieg“ S.89-90).

Ihm war schon früh bewußt, daß die Indoktrinationsversuche von oben herab eher auf Ablehnung stos-sen. Als er einige Jahre nach dem Krieg vor „mürrischen Werktätigen“ eine Rede anläßlich der Oktober-Revolution halten muß, weiß er genau, wie groß sein Anklang ist. „Ich habe es sehr deutlich empfunden, daß sie überhaupt nicht interessiert waren. Die standen da herum, haben mich angeglotzt und sich das angehört. Solange ich redete, mußten sie nicht arbeiten. Die Situation war klassisch. Da steht man als junger Kommunist - ich fühlte mich als Kommunist - und langweilt die Leute.“ Aber im gleichen Atem-zug sagt er auch: „Ich konnte nie sagen, ich bin Kommunist. Es war ein Rollenspiel. Es ging mich im Kern nie etwas an.“(Müller „Irrtümer“ 61)

Über die stalinistischen Auswüchse des „realen Sozialismus“ war er schon früh im Bilde; ein Anhänger der Person Stalins ist er nie gewesen, und über dessen Tod sagt er, daß er für ihn „...eigentlich keine große Rolle [spielte]. Er war für mich schon lange tot.“(Müller „Krieg“ 137)

Zumindest zu der Zeit, als „DER LOHNDRÜCKER“ entstand, ergriff Müller eindeutig Partei für die junge DDR, nicht zuletzt mit diesem Stück..

Dieses Parteiergreifen für die DDR hing mit Brecht zusammen, Brecht war die Legitimation, warum man für die DDR sein konnte. Das war ganz wichtig. Weil Brecht da war, mußte man dableiben. Damit gab es einen Grund, das System grundsätzlich zu akzeptieren. [...] Ich habe nie daran gedacht, wegzugehen. Vielleicht ging es gar nicht darum, ob der Sozialismus in der DDR gewinnen könnte oder nicht, das ist schon eine zu praktische oder politische Überlegung. Brecht war das Beispiel, daß man Kommunist und Künstler sein konnte - ohne das oder mit dem System, gegen das System oder trotz des Systems. (Müller „Krieg“ 112)

Auf die Frage, ob er nicht längst im Niemandsland zwischen beiden deutschen Staaten lebe, antwortet Müller:

Natürlich hat das Pendeln zwischen zwei sehr verschiedenen deutschen Wirklichkeiten eine schizo-phrene Wirkung. Die DDR ist mir wichtig, weil alle Trennlinien der Welt durch dieses Land gehen. Das ist der wirkliche Zustand der Welt, und der wird ganz konkret an der Berliner Mauer. In der DDR herrscht ein viel größerer Erfahrungsdruck als hier, und das interessiert mich ganz berufs-mäßig: Erfahrungsdruck als Voraussetzung zum Schreiben. (Müller „Irrtümer“ 135)

Auch als Autor ist Müller nicht auf eine bestimmte Position festzulegen; er hat sich immer gegen eine allzu gezwungene Interpretation seiner Stücke gewehrt: „Es ist doch Quatsch, jeden neuen Text mit der aktuellen gesellschaftlichen Situation oder der Situation des Autors immer in Zusammenhang zu bring-en. Daraus entstehen gerade in meinem Fall viele Mißverständnisse, weil ich häufig bestimmte Projekte über Jahre hinweg bewege und plane und ausführe. Das läuft viel unabhängiger von Politik und Ge-schichte, als man annimmt.“ (Müller „Irrtümer“ 125)

Zumindest im PHILOKTET ist dies aber nicht der Fall, wie Müller selbst sagt: „Die Konfrontation mit der Macht - das ist für mich Geschichte als persönliche Erfahrung. Nehmen Sie zum Beispiel meine Version von Sophokles’ PHILOKTET.“ (Müller„Irrtümer“ 96)

Andererseits scheinen Mißverständnisse Heiner Müller ganz willkommen zu sein, als scheinbar Unbetei-ligter beobachtet er die Interpretation seiner Stücke von außen, um ab und zu einen Kommentar abzuge-ben. Für ihn ist das die „Absurdität der Existenz eines Autors“, denn: „Ruhm besteht aus Mißverständ-nissen. Ich bin froh über jede falsche Interpretation. Weil die eine andere falsche Interpretation nach sich zieht. Irgendeiner hat immer das Bedürfnis, einer Interpretation zu widersprechen.“ (Müller„Irrtümer“ 127)

Der Kulturpolitik der SED war Müller wie alle DDR-Autoren unterworfen, aber er nutzte auch die Freiräume, die eine solche Kulturpolitik zuließ.

Kulturpolitik in der DDR versteht sich als Instrument der Erziehung im Dienste ökonomischer, sozi-aler, politischer und ideologischer Ziele, die im Namen des Marxismus/Leninismus und/oder Stali-nismus unter wechselnden historischen Bedingungen von der SED aufgestellt und mit wechselnden, in der jeweiligen Situation als zweckmäßig angesehenen Mitteln angestrebt, wenn auch nicht immer durchgesetzt werden. (Buddecke 243)

Heiner Müller ist laut Selbstaussage kein politischer Dichter, aber dies hat selbst Brecht von sich be-hauptet (vgl. Müller „Krieg“ 183). Angesprochen auf sein politisches Engagement, antwortet er:„es gibt da einen Kern, der von allem unberührt war bei mir. Der war von der Nazizeit unberührt und von der Zeit danach auch. [...] Was dieser Kern war, weiß ich nicht. Wahrscheinlich das Schreiben, ein Bereich von Freiheit und Blindheit gleichzeitig, völlig unberührt von allem Politischem, von allem, was draußen vorging. Meine Sache war die Beschreibung.“ (Müller „Krieg“ 64)

Das heißt aber nicht, daß er sich aus allem heraushielt; dazu ist er zu oft in Konflikte geraten. 1961 kommt es zu einem Skandal um sein Stück „Die Umsiedlerin“; Müllers einzige Rettung ist, daß er sich zur Selbstkritik zurückzieht und öffentlich Buße tut. Selbst diese Erfahrungen sind für Müller einfach nur Material, und durch diese Distanz hat er den Kopf frei für seine Arbeit. Auch bei der erniedrigenden Verurteilung zur öffentlichen Selbstkritik bewahrt er sich diese Distanz, und läßt ein Gefühl der Scham nicht zu: „Ich habe das Ganze als dramatisches Material betrachtet, ich selbst war auch Material, meine Selbstkritik ist Material für mich. “(Müller „Krieg“ 183) Allen Widerständen zum Trotz engagiert sich Müller aus einer marxistischen Grundposition heraus, und dies bedeutet unter Umständen auch ein En-gagement für eine DDR, der er weiterhin kritisch gegenübersteht. Engagement hält Müller für

eine Selbstverständlichkeit. Wer sich nicht engagieren will, wird engagiert, unter Umständen gegen sein Interesse als Person und Autor. Nicht ganz so selbstverständlich ist vielleicht, daß Literatur auf die Praxis nur wirken kann, wenn sie sich orientiert an einem realem Entwurf von der Welt und vom Menschen, und ich sehe da keinen, in unsrer Epoche, als den von Marx und Lenin, in dessen Reali-sierung wir stehn. Literatur muß also gemessen werden an diesem Programm und seiner Realität hier. (Müller „Produktion 1“ 137)

Was aber ist Engagement, wenn nicht politisch ? Dies ist natürlich ein Widerspruch. Aber mit Wider-sprüchen konnte Heiner Müller immer ganz gut leben.

(a) Der Lohndrücker: Entstehung und Rezeption

Geschrieben hat Heiner Müller sein Stück 1956 allein. Seine damalige Ehefrau Inge hatte in dem Be-trieb Siemens-Plania, in dem die Handlung spielte, gearbeitet; deshalb fühlte er sich verpflichtet, sie als Mitautorin zu nennen. Das geschilderte Arbeitermillieu war ihm nicht fremd; er kannte ihre Sprache und näherte sich ihnen nicht von oben herab, da er selbst in dieser Welt aufgewachsen war (vgl. Müller „Krieg“ 143). Das Fragment von Brecht kannte Müller damals noch nicht.

(Brecht hatte 1951 zum selben thematischen Komplex ein sozialistisches Gegenwartsstück entworfen, das er wegen seiner „skeptisch-realistischen Einschätzung der Kulturbürokratie und des Publikums im SED-Staat“ (Buddecke 251) letztendlich nicht ausführte.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Heiner Müllers 'Lohndrücker' und 'Philoktet'
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Übungen zum deutschen Drama nach 1945
Note
1
Autor
Jahr
1996
Seiten
20
Katalognummer
V37486
ISBN (eBook)
9783638368148
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
UT: "Die Weiterentwicklung einer kritischen Beobachterposition" Ein Vergleich der beiden Stücke Heiner Müllers unter Berücksichtigung seines politischen und zeitgeschichtlichen Standpunkts.
Schlagworte
Heiner, Müllers, Lohndrücker, Philoktet, Drama
Arbeit zitieren
Marcus Knoche (Autor), 1996, Heiner Müllers 'Lohndrücker' und 'Philoktet', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37486

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