Haftungsfragen bei der Bewerbung des freien Skiraums


Seminararbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1. Organisierter Schiraum vs. freier Schiraum
2.2. Freeriden
2.3. Gefahrenquellen im Schiraum
2.3.1. Typische und atypische Gefahren
2.3.2. Natürliche und künstliche Gefahren

3. Aktuelle Formen der Bewerbung des freien Schiraumes
3.1. Allgemeine und konkrete Werbung am Beispiel von Schigebietsbetreibern
3.1.1. Allgemeine Werbung
3.1.2. Konkrete Werbung
3.2. Maßnahmen von sonstigen Bewerbern

4. Haftungserweiterung durch konkrete Bewerbung
4.1. Deliktische Haftung
4.2. Ingerenzprinzip
4.3. Vertragliche Haftung

5. Eigenverantwortlichkeit der Wintersportler

6. Fazit - wo liegt die sinnvolle Grenze zwischen Haftung und Eigenverantwortlichkeit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Tirol ist das Schifahren[1] seit Jahrzehnten ein Massenphänomen, sowohl unter Einheimischen als auch den zahlreichen Touristen. Die Schigebiete locken mit modernen Liftanlagen, bestens präparierten, kilometerlangen Pistenabfahrten und einem breiten Unterhaltungs- und Verpflegungsprogramm. In den letzten Jahren wurde aber auch ein weiteres Thema immer lauter - der freie Schiraum. Zusehends häufiger findet man auf diversen Werbeflächen unverspurte Hänge mit glitzerndem Pulverschnee wieder, die geradezu darauf warten, von einem Schifahrer befahren zu werden. Was früher in weiter Ferne lag, kommt nun durch den Ausbau von Liftanlagen und die gezielte Bewerbung von Tiefschneeabfahrten bzw. sogenannten „Freeride-Runs“ immer näher. Man muss kein „Local“ (=Ortsansässiger) mehr sein, um seine Spuren im Tiefschnee zu hinterlassen, sondern man kann sich einfach aus der großen Auswahl an Werbeangeboten bedienen und sich problemlos dorthin führen lassen.

Die vorliegende Arbeit soll nun beleuchten wie sich die gezielte Werbung vonseiten der Schigebiete selbst bzw. durch Print- und digitale Kartenwerke auf die zivilrechtliche Haftung der Bewerber gegenüber den Wintersportlern auswirkt. Zu Beginn werden zum besseren Verständnis einige relevante Begriffe definiert und ein Überblick über verschiedene Werbeformen gegeben. Im Anschluss werden die möglichen Haftungstatbestände, die sich aus der deliktischen Haftung bzw. dem Ingerenzprinzip oder aus der vertraglichen Haftung ergeben können, diskutiert. Besondere Betrachtung dabei findet, ob und inwieweit sich die Sicherungspflichten des Schigebietbetreibers durch die konkrete Werbung auf den freien Schiraum ausdehnen. Hinsichtlich der Sicherungspflichten wird auch auf einige Fälle in der Judikatur Bezug genommen. Selbstverständlich darf auch der Aspekt der Eigenverantwortlichkeit bei diesem Thema nicht vergessen werden, auf den daher am Ende der Arbeit eingegangen wird.

2. Begriffsbestimmungen

Zum besseren Verständnis und um eine einheitliche Terminologie in dieser Arbeit zu schaffen, werden an dieser Stelle die wichtigsten Begriffe kurz umrissen. Die Unterscheidung nachfolgender Begriffe ist deshalb wichtig, weil sie speziell im Hinblick auf die Haftung des Schigebietbetreibers eine bedeutende Rolle spielen.

2.1. Organisierter Schiraum vs. freier Schiraum

Der organisierte Skiraum umfasst allgemein das Leistungsangebot des Schigebietbetreibers, das im Pistenplan (auch: Panoramaplan) genau bestimmt wird. Dazu gehören also sämtliche Pisten und Skirouten[2], Übungsgelände sowie Fun-Parks jeglicher Art. Dieses Leistungsangebot stellt gleichsam den Inhalt des Beförderungsvertrages zwischen Schigebietsbetreiber und Wintersportler dar. Dabei zu beachten ist, dass es für oben genannte Begriffe keine anerkannte Definition gibt. Allerdings kann auf die ÖNORM[3] S 4611 verwiesen werden.

Laut dieser Norm sind Schipisten allgemein zugängliche, üblicherweise präparierte und vor atypischen Gefahren (siehe 2.3.) gesicherte Flächen, die zur Befahrung mit Schiern oder Snowboards gewidmet sind und deren Schwierigkeit in drei Klassen durch die Farbe der runden, nummerierten Randmarkierungstafeln angegeben wird: blau für leicht, rot für mittelschwierig und schwarz für schwierig. Schirouten hingegen sind allgemein zugängliche, zur Abfahrt mit Schiern oder Snowboards vorgesehene und geeignete Strecken, die in der Mitte durch orangerote Rauten markiert und nur vor Lawinengefahr gesichert sind. Fun-Parks sind Sonderflächen, die mit Hindernissen oder speziellen Einrichtungen versehen sind und deren Benützung auf eigene Gefahr erfolgt.[4]

Des Weiteren zählt auch der Pistenrandbereich zum organisierten Schiraum, obwohl er bereits außerhalb der Markierungen liegt. Er stellt somit den Übergang zum freien Schiraum dar, der aber noch von den Sicherungspflichten des Schigebietbetreibers über eine Breite von 2m neben den Markierungen erfasst ist.[5]

Der freie Schiraum ist im Umkehrschluss also jener Schiraum, der nicht als organisierter Schiraum verstanden wird. Er erfasst somit das gesamte Schigelände, Varianten bzw. wilde Abfahrten. Der freie Schiraum ist somit weder markiert, präpariert, kontrolliert, noch vor Gefahren (auch nicht vor Lawinengefahr) geschützt. Dieser Bereich ist nicht vom Beförderungsvertrag umfasst und wird somit vom Wintersportler auf eigene Gefahr befahren.

Das Schigelände ist jenes Gebiet, das auf Routen aus Kartenwerken oder Führern befahren wird. Auch der Aufstieg erfolgt bereits im freien Gelände und nicht im Schigebiet. Eine Variante (auch „wilde Abfahrt“ genannt) ist eine allgemein zugängliche, im freien Schigelände durch Schifahrer und Snowboarder benützte Abfahrtsmöglichkeit, die nicht selten in Talstationsnähe endet. Häufig führen Varianten auch von der Piste weg und später wieder in den organisierten Schiraum zurück. Auf einer Variante findet man unverspurten und deshalb heißbegehrten Tiefschnee (auch: Powder).[6] Der Vollständigkeit halber seien auch noch „wilde Pisten“ erwähnt. Von solchen spricht man, wenn eine frei entstandene Abfahrt durch starkes Befahren einer Piste gleicht. Sie gehören aber ebenfalls zum freien Schiraum.[7]

2.2. Freeriden

Das Freeriden stellt im Zusammenhang mit dem freien Schiraum einen relativ neuen Begriff dar, der im Alltag aber zusehends häufiger gebraucht wird. Die Literatur kennt noch keine genaue Definition dieses Begriffes, aber es gibt Ansätze, den Begriff besser abzugrenzen. Auf jeden Fall ist der Begriff rein dem freien Schiraum zuzuordnen, im organisierten Schiraum gibt es kein Freeriden. Im Fokus des Freeridens liegt die Abfahrt. Ob diese mit einer Aufstiegshilfe (zB Sessellift) erreicht wird oder ohne, ist dabei nebensächlich. Somit umfasst das Freeriden das Variantenfahrten ebenso wie das Abfahren im Rahmen von klassischen Schitouren.[8]

Obwohl man sich beim Freeriden außerhalb eines gesicherten und organisieren Schiraumes bewegt, bedeutet das nicht gleichsam, dass man sich auch außerhalb eines Rechtsraumes bewegt. Für Freerider gelten viele Gesetze, wie zB das Forstgesetz (besonders § 33 ForstG), das (Tiroler) Naturschutzgesetz (besonders §§ 20 ff TNSchG), das Tiroler Jagdgesetz sowie das Sperrgebietsgesetz.[9] Natürlich stellen sich auch viele Haftungsfragen - hauptsächlich deliktischer Natur - zwischen den Wintersportlern selbst, zB bei Lawinenunfällen. Auf all diese Aspekte wird aber in der vorliegenden Arbeit nicht weiter eingegangen, da es hier darum gehen soll, inwiefern Schigebietsbetreiber oder sonstige Bewerber von Freeride-Runs bzw. Schitouren gegenüber den Freeridern haften. Genaueres dazu in den folgenden Kapiteln.

2.3. Gefahrenquellen im Schiraum

Im organisierten sowie freien Schiraum ergeben sich im Wesentlichen vier verschiedene Gefahrenquellen. Die Unterscheidung dieser verschiedenen Typen ist insbesondere für die Beantwortung von Haftungsfragen wichtig.

2.3.1. Typische und atypische Gefahren

Im Allgemeinen haben die Schifahrer selbst für ihre Sicherheit zu sorgen. Sie haben ihr Fahrverhalten unter Bedachtnahme auf ihr Können und die äußeren Verhältnisse so anzupassen, dass die Fahrt jederzeit unter Kontrolle bleibt und einem Hindernis ausgewichen werden kann.[10] Typische Gefahren stellen somit zB Pistengeräte[11], natürliches Steilgelände am pistenrand[12], Altschnee auf einer viel befahrenen piste[13] oder Bäume, Felsen, Hütten, Gräben bzw. Bachläufe dar. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Hindernisse für den Schifahrer auch früh genug sichtbar sind.[14]

Atypische Gefahren sind solche, die vom Schigebietsbetreiber als pistenhalter ungeachtet der Eigenverantwortlichkeit der Wintersportler zu sichern sind. Eine Gefahr ist atypisch, wenn sie unter Bedachtnahme auf das Erscheinungsbild und den angekündigten Schwierigkeitsgrad der piste auch für einen verantwortungsbewussten pistenbenützer unerwartet oder schwer abwendbar ist. Zu den atypischen Gefahren zählen somit zB: ein aus der Schneedecke herausragender Stahlrohrstecker[15], massive Fangnetzsteher am Pistenrand[16] bzw. alle Gefahren, die auf Grund von Unvorhersehbarkeit vom Schifahrer nicht rechtzeitig erkannt werden können bzw. nicht dem Schwierigkeitsgrad der Pistenmarkierung entsprechen und somit vom Schifahrer nicht erwarten werden müssen.[17] Vor diesen Gefahren muss der Betreiber die Wintersportler auch im Pistenrandbereich schützen.

Pistenbetreuung, Wintersport - Verhaltenspflichten Seilbahnunternehmers - 25 Jahre Natürliche Gefahren ergeben sich aus der Geländebeschaffenheit selbst, wie zB Baumstümpfe, Äste, ausgeaperte Felsen oder auch die Lawinengefahr.[18]

Künstliche Gefahren werden vom Menschen selbst geschafften. Zu diesen gehören Betonsockel, Masten, Zäune und Beschneiungsanlagen.[19] Sie sind häufig gleichzeitig atypische Gefahren, die vom Betreiber speziell abgesichert werden müssen, auch im Pistenrandbereich.[20] Statistisch gesehen sind künstliche Gefahren für den Schifahrer gefährlicher, d.h. es passieren mehr unfälle mit schwerwiegenderen Verletzungen. Das wird dadurch erklärt, dass Schifahrer natürliche Gefahren, wie zB Baumreihen besser wahrnehmen und dadurch das Tempo reduzieren oder mehr Sicherheitsabstand einhalten als bei künstlich geschaffenen Gefahren wie zB Markierungstafeln. Speziell bei den künstlich geschaffenen Gefahren spielt das Ingerenzprinzip eine bedeutende Rollte, da es besagt, dass derjenige, der eine Gefahrenquelle schafft, diese auch absichern und gegebenenfalls dafür haften muss. Für eine genauere Ausführung der Haftung nach dem Ingerenzprinzip siehe Kapitel 4.2.[21]

3. Aktuelle Formen der Bewerbung des freien Schiraumes

3.1. Allgemeine und konkrete Werbung am Beispiel von Schigebietsbetreibern

3.1.1. Allgemeine Werbung

Allgemeine Werbemaßnahmen enthalten lediglich Aussagen, dass in einem bestimmten Schigebiet Tiefschneeabfahrten möglich sind. Solche allgemeinen Formulierungen (zB „weite Hänge, unendlich viel Powder und unverspurte Lines warten auf die Powderjunkies"[22] ) begründen aber keine Verantwortlichkeit des Bewerbers im freien Schiraum. Etwaige Gefahrenstellen müssen also nicht abgesichert werden. Ebenso kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Bewerber für den Zustand der Abfahrt und die Gefahrlosigkeit im freien Schiraum einstehen wollte.[23]

[...]


[1] Mit dem Begriff des „Schifahrens“ sind der Einfachheit halber auch das Snowboarden und Telemarken umfasst. Es wird außerdem darauf hingewiesen, dass Begriffe wie „Schifahrer“ oder „Wintersportler“ stets für beide Geschlechter gleichsam zu verstehen sind.

[2] Skirouten unterscheiden sich von Pisten dadurch, dass sie weder präpariert, noch kontrolliert werden und nur eine Mittenmarkierung, anstatt einer beidseitigen Randmarkierung aufweisen. Vgl dazu Rathgeb/Rzeszut/Wallner, Zur Widmung und Markierung von Schirouten, ZVR 2010, 56 f.

[3] Freiwillige Standards herausgegeben von dem Austrian Standards Institute

[4] Kocholl, Schitouren und Freeriden - ausgewählte Rechtsfragen, in Büchele, Ganner, Khakzadeh- Leiler, Mayr, Reissner, Schopper (Hg), Aktuelle Fragen des Schirechts (2013) 15 (16).

[5] OGH 30.06.1988, 7 Ob 577/88.

[6] Kocholl, Schitouren 18.

[7] Senn, Skirecht Ratgeber (2005) 32.

[8] Schatzl, Schitour vs. Freeride, bergundsteigen 1 (2012), 38 f.

[9] Obermeier, Tiefschneefahren ohne Limits? (2002) 21,36, 38, 39.

[10] Reindl/Stabentheiner/Dittrich, Bergbeförderung, und Handlungsmöglichkeiten des Seilbahnsymposium, ZVR 2006, 238 f.

[11] OGH 29.10.2009, 2Ob49/09h.

[12] OGH 19.04.1990, 8Ob555/90.

[13] OGH 27.10.1999, 7Ob265/99t.

[14] OGH 18.05.1988, 1Ob565/88.

[15] OGH 15.02.2001,8Ob300/00a.

[16] OGH 04.02.1993, 2Ob501/93.

[17] OGH 28.08.2003, 8Ob26/03m.

[18] Derold, Die Haftung für Schipisten und Rodelbahnen (2012) 6 f und Pichler/Holzer, Handbuch des österreichischen Schirechts (1987) 40.

[19] Reindl/Stabentheiner/Dittrich, ZVR 2006, 553.

[20] OGH 08.10.1987, 6Ob638/87.

[21] Reindl/Stabentheiner/Dittrich, ZVR 2006, 572.

[22] http://www.kaunertaler-gletscher.at/de/skigebiet/freeride, 12.05.2014.

[23] Stabentheiner, Sicherungsmaßnahmen im freien Schiraum, ZVR 2008, 200 (421).

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Haftungsfragen bei der Bewerbung des freien Skiraums
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V375008
ISBN (eBook)
9783668522428
ISBN (Buch)
9783668522435
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
haftungsfragen, bewerbung, skiraums
Arbeit zitieren
Elisabeth Kuster (Autor), 2014, Haftungsfragen bei der Bewerbung des freien Skiraums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375008

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