Rettungsgeschwister als verwerfliche Instrumentalisierung oder lebensrettende Chance? Embyronenselektion und ethische Probleme


Hausarbeit, 2015
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Rettungsgeschwister – eine Einführung in die Problemstellung

2. Vor der Geburt - die Präimplantationsdiagnostik
a) Das Verfahren der Präimplantationsdiagnostik
b) Ethische Bedenken – Die menschliche Würde und das gleiche Recht auf Leben
c) Die Embryonenselektion – verwerflich im Angesicht eines zu rettenden Menschenlebens?
d) Fazit

3. Nach der Geburt – die Eingriffe in den Körper der Rettungsgeschwister
a) Ethische Bedenken - Die Gefahr der Instrumentalisierung und das Recht auf die Unversehrtheit des eigenen Körpers
b) Mögliche Chancen – Warum Rettungsgeschwister das Familienglück vervollständigen
c) Fazit

4. Fazit – Rettungsgeschwister: ethisch vertretbar?

Eigenständigkeitserklärung

Quellenverzeichnis

1. Rettungsgeschwister – eine Einführung in die Problemstellung

Obwohl sich die Technologie, vor allem die im Bereich der Medizin, rasant weiterentwickelt und noch lange nicht an ihre Grenzen gestoßen ist, gibt es doch für viele Krankheiten immer noch kein Heilmittel. Dies muss auch die 15-jährige Kate im Buch „Beim Leben meiner Schwester“ erfahren, die an Leukämie im Endstadium leidet, also nur noch wenige Wochen zu leben hat. Dass Kate überhaupt 15 Jahre alt geworden ist, hat sie ihrer jüngeren Schwester zu verdanken, die als einzige Spenderin für Kate infrage kommt. Denn Kates Eltern haben schon früh eine Entscheidung getroffen, um das Leben ihrer Tochter zu verlängern – sie haben mittels der In-vitro-Fertilisation, also der Zeugung im Reagenzglas, mehrere Eizellen befruchten lassen und dann anhand der Präimplantationsdiagnostik, kurz PID genannt, den Embryo ausgewählt, der genetisch am besten zu Kate passt.[1] Aus dem durch diesen Prozess ausgewählten Embryo entstand schließlich Kates jüngere Schwester Anna. Ohne die In-vitro-Fertilisation und die PID hätte die Wahrscheinlichkeit, dass ein jüngeres Geschwisterkind ein geeigneter Knochenmarkspender für Kate gewesen wäre, bei etwa 33,3% gelegen. Die Wahrscheinlichkeit, außerhalb der Familie einen geeigneten Spender zu finden, liegt dagegen nur in etwa bei 1: 20.000 bis 1: mehreren Millionen. Denn um ein geeigneter Stammzellenspender zu sein, müssen die Gewebemerkmale des Spenders mit denen des Patienten zu 100 Prozent übereinstimmen.[2] Was daher zunächst mit einer Entnahme der Blutstammzellen aus Annas Nabelschnur beginnt, wird schnell zu einem Selbstläufer. Anna muss Kate immer wieder Knochenmark und Blut spenden, damit Kates Körper stark genug ist, um weiterhin gegen den Krebs ankämpfen zu können. Schließlich gipfelt die Reihe an gespendeten Zellen in einem von Annas Organen. Sie soll eine ihrer beiden Nieren spenden, weil Kates Nieren versagen, obwohl dies auch für Annas Körper erhebliche Beeinträchtigungen im Alltag bedeuten würde.

Anna gehört zu den so genannten „Rettungsgeschwistern“, weil sie durch ihre genetische Ähnlichkeit zu ihrer Schwester als einzige bekannte Zell- und Gewebespenderin infrage kommt und zumindest die Art ihrer Zeugung dazu dient, den Gesundheitszustand ihrer Schwester zu verbessern und ihr gewissermaßen das Leben zu „retten“.[3]

Auch wenn das Beispiel von Anna und Kate ein fiktives ist, so gibt es doch auch ähnlich umstrittene Fälle in der Realität. 2003 wurde im britischen Sheffield das erste weltweit bekannte Rettungsgeschwister geboren, Jamie, der seinem vier Jahre älteren, krebskranken Bruder Charly helfen sollte. Im Oktober 2008 wurde dann das erste Rettungsgeschwister Spaniens geboren, Javiers, mit dessen Hilfe sein älterer Bruder Andrés sogar vollkommen geheilt werden konnte.[4]

Obwohl die Rettungsgeschwister ihren älteren Geschwistern also helfen und sie manchmal sogar vollkommen heilen können, bestehen weiterhin ethische Bedenken. Hier werde ich das Problem in zwei Phasen aufteilen. Die erste Phase besteht aus der Präimplantationsdiagnostik, die bereits seit einigen Jahren immer wieder im Gespräch ist. Hierbei handelt es sich um die ethischen Bedenken vor der Geburt des Kindes. Wie beispielsweise kann die Würde des Menschen bei der PID gewahrt werden, wo hier doch potenzielles Leben vernichtet wird? Und ist die Billigung der PID nicht auch der erste Schritt in die Richtung der Designerbabies? Eines Babies, das ganz nach den individuellen Wünschen seiner Eltern gestaltet werden kann? Diese Fragen werde ich zunächst unter den Abschnitten „ Ethische Bedenken – Die menschliche Würde und das gleiche Recht auf Leben“ und „Die Embryonenselektion – verwerflich im Angesicht eines zu rettenden Menschenlebens?“ genauer untersuchen.

Die zweite Phase der Problemstellung bei Rettungsgeschwistern besteht in dem Zeitabschnitt nach der Geburt des Geschwisterkindes. Es spendet Blut, Knochenmark, im Falle Annas sogar beinahe ein Organ, ohne welches sich ihr eigenes Leben drastisch verändern würde. Hier werden Eingriffe in die Körper von unmündigen Kindern vorgenommen, die sich nicht gegen den Willen ihrer Eltern stellen können, einfach weil sie zu jung sind, um überhaupt verstehen zu können, was mit ihnen geschieht. Können Ärzte und auch Eltern hier einfach Entscheidungen über die Köpfe der Kinder hinweg treffen und möglicherweise sogar gegen den Willen der Kinder handeln? Aber ist dies auf der anderen Seite nicht auch ein Preis, der im Angesicht eines dadurch geretteten Menschenlebens durchaus gezahlt werden kann? Diese Fragen werde ich im Verlauf der zweiten Hälfte in den Abschnitten „ Ethische Bedenken - Die Gefahr der Instrumentalisierung und das Recht auf die Unversehrtheit des eigenen Körpers“ und „Mögliche Chancen – Warum Rettungsgeschwister das Familienglück vervollständigen“ dieser Arbeit diskutieren und ethische Bedenken sowie die lebensrettende Chance der Rettungsgeschwister für ihre älteren Geschwisterkinder erörtern und gegeneinander abwägen.

2. Vor der Geburt - die Präimplantationsdiagnostik

a) Das Verfahren der Präimplantationsdiagnostik

Die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID genannt, ist seit einigen Jahren aufgrund ihrer ethischen Bedenken aber auch aufgrund ihrer riesigen Chancen und neuen Möglichkeiten immer wieder präsent. Doch wie genau funktioniert das Verfahren der PID und warum sollte es ethische Einwände geben, wenn damit im Falle der Rettungsgeschwister sogar ein anderes Menschenleben gerettet oder zumindest verlängert werden kann? Um diese Fragen klären zu können, muss die Vorgehensweise der PID zunächst genauer erläutert werden.

Im ersten Schritt der PID wird die Frau einer speziellen hormonellen Behandlung unterzogen, sodass mehrere Eizellen in ihr heranreifen, die dann operativ entfernt und schließlich im Reagenzglas künstlich befruchtet werden. Dieser Vorgang der Zeugung in einem Reagenzglas wird auch „in vitro“ genannt. Am dritten Tag nach der Befruchtung werden dann die Embryonen, die zu diesem Zeitpunkt meist aus sechs bis zehn Zellen bestehen, auf ihr Genmaterial untersucht, indem ihnen eine oder zwei Zellen entnommen werden.[5] Anhand dieser Zellen kann nun ein Embryo ausgewählt werden, dessen Gewebemerkmale zu 100 Prozent mit dem des bereits geborenen, kranken Kindes übereinstimmen und der später somit als Spender für beispielsweise Knochenmark und Blut infrage kommen kann.[6]

Auf den ersten Blick scheint es an dieser neuen Methode viele positive Aspekte zu geben. Viele Kritiker der PID sprechen sich jedoch trotzdem in Anbetracht aller Vorteile und Chancen gegen sie aus, da sie die Selektion und Vernichtung der im Reagenzglas gezeugten Embryonen als nicht menschenwürdig und in diesem Zuge als nicht zulässig erachten. Aus diesem Grunde ist in Deutschland die Erzeugung solcher Rettungsgeschwister bislang rechtlich nicht zulässig, da gerade die Embryonen-Selektion, wie sie bei der PID erfolgt, grundsätzlich durch das Embryonenschutzgesetz untersagt ist. Nur die In-vitro-Fertilisation, also die künstliche Erzeugung von Embryonen im Reagenzglas, ist in Deutschland unter strengen Auflagen gestattet.[7]

b) Ethische Bedenken – Die menschliche Würde und das gleiche Recht auf Leben

Präimplantationsdiagnostik und Menschenwürde – sind dies zwei Begriffe, die unter keinen Umständen miteinander vereinbar sind? Und was genau bedeutet der Begriff „Würde“ überhaupt?

Als Menschenwürde versteht man die Vorstellung, dass alle Menschen unabhängig irgendwelchen Merkmalen wie etwa Herkunft, Geschlecht oder Alter denselben Wert haben, da sie sich alle durch ein dem Menschen einzig gegebenes schützenswertes Merkmal auszeichnen, nämlich die Würde.[8]

Würde wohnt also ausnahmslos allen Menschen inne. Doch wie kann die Würde des Menschen bei der PID und damit bei der Vernichtung von Embryonen, also der Vernichtung potenziellen Lebens, als fester Wert in unser aller Leben gewahrt werden? Schließlich wird nach der Diagnostik bei der Entscheidung, ob ein Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt oder verworfen wird, in zweifacher Weise selektiert.

Zunächst einmal wird dem Embryo nicht die gleiche Würde zuteil wie einem Neugeborenen. Offensichtlich würde jeder zustimmen, dass es Mord wäre, wenn ein gerade geborener Säugling im dem Sinne vernichtet würde, wie es hier mit den Embryonen geschieht. Die zweite Selektion geschieht dadurch, dass den Embryonen, je nach ihrem Genprofil, verschiedene Werte zugeschrieben werden, obwohl sie sich ansonsten im gleichen Entwicklungsstadium befinden. Ein Embryo, der also genetisch seinem bereits geborenen Geschwisterkind mehr ähnelt, hat durch diese größere Ähnlichkeit sofort einen höheren Wert und damit ein größeres Recht auf Leben.[9] Diese Wertzuschreibung geschieht durch Eltern und Ärzte, wobei es offensichtlich nicht gerechtfertigt ist, da keiner der Embryonen tatsächlich „besser“ sein oder ein größeres Recht auf Leben besitzen kann als die anderen. Dies geschieht nur im Hinblick auf die Nützlichkeit des Embryos für sein älteres Geschwister, nicht aber im Hinblick auf das gleiche Recht auf Leben und die gleiche Würde aller Embryonen.

Dass Embryonen aber aufgrund ihrer Zughörigkeit zur Spezies Mensch und den damit einhergehenden gleichen Anlagen bereits seit der Verschmelzung zwischen Ei- und Samenzelle Menschenwürde besitzen und daher nicht einfach entsorgt oder in der Weise, wie es bei der PID der Fall ist, selektiert werden dürfen, wird noch einmal durch die folgenden drei Argumente unterstützt:

– Das Potenzialitätsargument
– Das Kontinuitätsargument
– Das Speziesargument

Das erste dieser Argumente nennt sich das Potenzialitätsargument und gehört zur Spate der Vernunftphilosophie,[10] welche davon ausgeht, dass jedes menschliche Wesen einen Wert um seiner selbst Willen hat, weil es das Potenzial hat, Vernunft und Moral auszubilden. Dies ist unabhängig von seinen derzeitigen tatsächlichen Fähigkeiten und seinem Entwicklungsstatus, weil ihm allein das Potenzial, sich zu einem solchen Wesen zu entwickeln, Würde zuspricht.[11] Das zweite Argument, das Kontinuitätsargument, folgt bereits aus dem Potenzialitätsargument. Ihm zufolge ist der Schutz eines Embryos in vitro nicht abstufbar, sondern zu jeder Zeit gegeben, da sich die Würde des Embryos nicht erst im Laufe der Zeit entwickelt, sondern eben bereits von Anfang an besteht. Zuletzt kommt noch das Speziesargument hinzu, welches besagt, dass allein durch die Zugehörigkeit zu der Spezies Mensch, unabhängig des Entwicklungs- oder Gesundheitszustandes, diesem Lebewesen Würde zusteht:[12] „Der Embryo entwickelt sich von Anfang an als Mensch, nicht zum Mensch.“[13] Alle drei Argumente vereinen in sich die Würde als ein Wesensmerkmal des Menschen und als ein Gestaltungsauftrag, welcher uns durch unsere Anlagen und Möglichkeiten mit der Geburt in die Wiege gelegt worden ist.[14]

Hier lässt sich zwar durchaus die Frage stellen, warum Schwangerschaftsabbrüche mit viel weiter entwickelten Föten erlaubt sind, nun jedoch die Embryonen in vitro bei der PID einen so hohen Schutz genießen (Embryonenschutzgesetz) und die PID aufgrund der Vernichtung der erzeugten Embryonen verboten werden sollte, doch lässt sich dieser Einwand leicht entkräften.[15]

Da im Falle des Embryos in vitro noch keine Schwangerschaft vorliegt und es daher der Mutter, die sich noch nicht in einer leiblichen Einheit mit dem Embryo befindet, leichter fällt, sich gegen einen bestimmten Embryo zu entscheiden, bedarf der Embryo hier eines höheren Schutzes durch das Gesetz. Verstärkend wirkt noch der Faktor, dass bei der PID, wie oben angeführt, Embryonen bereits mit der Absicht erzeugt werden, menschliches Leben zu selektieren, wobei die Untersuchungen innerhalb des Mutterleibes bei einer bereits bestehenden Schwangerschaft nicht darauf ausgerichtet sind. Daher wird das menschliche Leben in einer Schwangerschaft deutlich menschenwürdiger behandelt, als dies bei der PID der Fall ist.[16]

Was biologisch mit der Ei- und der Samenzelle geschieht, ist im Gegensatz zu den oben angeführten Argumenten der Würde des Embryos unbestritten: durch die Verschmelzung der beiden Zellen entsteht ein Embryo, der alle notwendigen Anlagen besitzt, um sich zu einem Menschen mit Moral und Verstand zu entwickeln. Es ist jedoch reine Spekulation, ob dieses menschliche Wesen ab dem Zeitpunkt der Verschmelzung bereits beseelt und empfindungsfähig ist.[17] Dem jüdischen Glauben nach zu Folge haben Embryonen in vitro, die keine leibliche Verbindung zu ihrer Mutter haben, keinen höheren Wertstatus und damit keine höhere Schutzwürdigkeit als Spermien. Andere Personen hingegen sprechen dem Embryo ab dem 14. Tag nach der Entstehung Würde zu, weil ab diesem Zeitpunkt keine Teilung in zwei, drei oder mehr gleiche Embryonen mehr möglich ist, ab diesem Zeitpunkt also feststeht, ob es sich um nur ein Kind oder Zwillinge, Drillinge, etc. handelt. Diesen Ausschluss der Zwillingsbildung nennt man auch Nidation.[18] Wieder andere bemessen die Würde des Embryos an seiner menschlichen Gestalt und der spontanen Bewegung oder an seiner Gehirnaktivität, die in etwa nach der 6. Woche auftritt. Allerdings machte schon Aristoteles die Frage nach der Leidensfähigkeit zum entscheidenden Kriterium in der Debatte um die Würde eines menschlichen Lebens. Nach ihm dürfte ein Embryo, der Schmerz empfinden kann, nicht abgetrieben werden. Wann genau dieser Zeitpunkt jedoch eintritt, ist ebenfalls unklar.[19]

Diese oben genannten Sichtweisen sind alle verschieden, da jeweils mithilfe verschiedener Kriterien versucht wird, einen Zeitpunkt zu ermitteln, ab welchem man dem Embryo tatsächliche Menschenwürde zuschreiben könnte und damit eine Abtreibung oder ein Vernichten verbieten sollte. Doch wie soll ein genauer Zeitpunkt festgelegt werden, wenn die Entwicklung eines Embryos ein kontinuierlicher Prozess der Veränderung ist, in welchem es nur fließende Vorgänge gibt und beispielsweise keinen genauen Tag, an welchem der Embryo plötzlich leidensfähig ist? Diese Tatsache sollte dafürsprechen, dem Embryo bereits von Beginn an Würde zuzusprechen, also sobald er in die Gebärmutter eingepflanzt wird und ihm somit alle Voraussetzungen für Wachstum und damit einhergehend ein potenzielles Leben gegeben sind. Ist der Embryo hingegen noch nicht in die Gebärmutter eingepflanzt, ist er also ohne das Eingreifen Dritter noch nicht potentiell lebensfähig, befindet sich der Embryo automatisch noch nicht in dieser kontinuierlichen Wachstumsphase, wegen derer ihm Würde zugesprochen werden müsste. Diese Tatsache wiederum lässt den Würdestatus des Embryos zweifelhaft erscheinen, da die Embryonen bei der PID noch nicht in die Gebärmutter eingepflanzt sind und sich daher noch nicht in einer natürlichen und kontinuierlich voranschreitenden Wachstumsphase befinden.

Vor allem für die Zukunft könnten die Entscheidungen in Bezug auf die PID weitreichende Folgen haben. So könnte eine uneingeschränkte Erlaubnis der PID den Weg zur Eugenik eröffnen, welche den Menschen nach bestimmten Qualitätsmerkmalen modelliert und somit das Bild des perfekten Menschen kreiert. Die PID könnte dann in der Zukunft dazu verwendet werden, nicht nur die genetische Ähnlichkeit zu untersuchen, sondern alle möglichen Eigenschaften der Embryonen zu erforschen und schließlich einen, den Wunschvorstellungen der Eltern entsprechenden, Embryo einzupflanzen.[20] In einigen anderen Ländern wird die PID bereits für solche Zwecke verwendet, um beispielsweise ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mädchen und Jungen für das sogenannte „family balancing“ herzustellen oder, wie in Asien üblich, männlichen Nachwuchs zu garantieren.[21]

Anhand der bisherigen Argumente kann also festgehalten werden, dass es bedenklich ist, Embryonen auf die Weise, wie es im Verfahren der PID geschieht, zu selektieren und einem bestimmten Embryo aufgrund größerer genetischer Ähnlichkeit mehr Wert zuzusprechen als einem anderen, der eigentlich das gleiche Recht auf Leben für sich beansprucht wie alle anderen in vitro gezeugten Embryonen auch. Auch die Frage der Würde des Embryos ist umstritten, wobei ich im folgenden Abschnitt noch einmal darauf zurückkommen werde. Zuletzt sind vor allem zukunftsgerichtete Bedenken in Bezug auf die Eugenik, also der Erzeugung von Designerbabies, nicht von der Hand zu weisen.

c) Die Embryonenselektion – verwerflich im Angesicht eines zu rettenden Menschenlebens?

Trotz dieser ethischen Risiken, die das Verfahren der PID mit sich bringt, kann es ebenso ein anderes Menschenleben retten. Aus der Sicht der Eltern also, die ein schwer krankes Kind haben, ist diese Vernichtung potenziellen menschlichen Lebens vermutlich etwas, das im Angesicht ihres geretteten Kindes durchaus in Kauf genommen werden kann. Die emotionale Bindung zu dem geborenen Kind, welches bereits Lebenserfahrung gesammelt und sich außerhalb des Mutterleibs weiterentwickelt hat, erhöht die Bereitschaft der Eltern, den möglicherweise noch nicht leidensfähigen Embryonen die Chance auf ein Leben zu nehmen. Schließlich ist dies häufig die einzige Möglichkeit, ihr eigenes, sehr wohl leidensfähiges Kind von Schmerzen zu befreien und ihm durch sein Rettungsgeschwister möglicherweise sogar das Leben zu retten. Hinzu kommt, dass das bereits geborene Kind zweifelsohne bereits Würde besitzt und bereits Lebenserfahrung gesammelt hat und ein Embryo vor der Einpflanzung in die Gebärmutter nicht mit diesem Kind gleichgesetzt werden kann. Und ist es nicht ethisch vertretbar, das bereits entstandene, definitiv würdevolle Leben zu retten und dafür die Vernichtung von zwar prinzipiell sich entwickelndem Leben, aber noch nicht empfindungs- und leidfähigem Leben in Kauf zu nehmen?

Zudem ist zu bedenken, dass ein bestimmter Embryo zwar gegenüber den anderen aufgrund seiner genetischen Eigenschaften bevorzugt wird und somit nicht mehr wie bei einer natürlichen Zeugung der Natur überlassen ist, welcher Embryo entsteht, aber abgesehen von diesem Umstand ganz generell ein neues Leben geschaffen wird. Streng genommen müssten nach einer Argumentation, die das Eingreifen in die Natur, selbst für solch einen noblen Zweck wie die Rettung eines anderen Lebens, als ethisch verwerflich deklariert, auch alle Arten der Verhütung sowie die „Pille danach“ verboten werden. Sie alle verhindern nämlich den Zufall der Natur und damit auch potenzielles Leben, ebenso wie die PID die natürliche Selektion aufhebt und anstatt eines zufällig entstandenen Embryos einen nach bestimmten Kriterien ausgewählten Embryo in die Gebärmutter einsetzt. Hier stellt sich mir also die Frage, ob, wenn die PID gänzlich verboten werden sollte, nicht prinzipiell auch alle anderen Verhütungsmethoden verboten werden müssten. Schließlich fungieren sie alle in gewisser Weise auf eine ähnliche Art, da sie in die natürlichen Zufallsprozesse eingreifen und somit potenzielles Leben verhindern. Wäre dies der Fall, würden sich vermutlich viele für die PID aussprechen, anstatt sie aufgrund des Eingreifens in die zufallsbestimmten Prozesse der Natur verbieten zu wollen.

[...]


[1] Vgl. http://www.enzyklo.de/Begriff/Rettungsgeschwister

[2] Vgl. http://www.dkms.de/de

[3] Vgl. Picoult, Jodi (2005)

[4] Vgl. http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2009/07/13/gezeugt-und-selektiert-die-rettungsgeschwister/

[5] Vgl. http://www.praeimplantationsdiagnostik.net/

[6] Vgl. http://www.dkms.de/de

[7] Vgl. http://plato.stanford.edu/entries/rights-children/

[8] http://www.grundrechteschutz.de/gg/menschenwurde-2-255

[9] Vgl. Kettner, Matthias (2004), S. 174

[10] Vgl. Kuhlmann, Andreas (2001), S. 228

[11] Vgl. Friele, Minou B. (2008), S. 39

[12] Vgl. Deutscher Ethikrat (2011), S. 40f.

[13] Deutscher Ethikrat (2011), S. 40 letzte Zeile

[14] Vgl. Kuhlmann, Andreas (2001), S. 228

[15] Vgl. Kettner, Matthias (2004), S. 122f.

[16] Vgl. Evangelische Kirche von Westfalen (2003), S. 17

[17] Vgl. Kettner, Matthias (2004), S. 224

[18] Deutscher Ethikrat (2011), S. 52

[19] Vgl. Kettner, Matthias (2004), S. 224f.

[20] Vgl. Evangelische Kirche von Westfalen (2003), S. 17

[21] Vgl. http://www.aerzte-fuer-das-leben.de/cullen-pid-die-stille-selektion-jan-2011.pdf

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Rettungsgeschwister als verwerfliche Instrumentalisierung oder lebensrettende Chance? Embyronenselektion und ethische Probleme
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V375124
ISBN (eBook)
9783668523678
ISBN (Buch)
9783668523685
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medizinische Ethik, Rettungsgeschwister, Beim Leben meiner Schwester, Präimplantationsdiagnostik, PID
Arbeit zitieren
Nadine Henke (Autor), 2015, Rettungsgeschwister als verwerfliche Instrumentalisierung oder lebensrettende Chance? Embyronenselektion und ethische Probleme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375124

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