Diese Arbeit geht der Frage nach, wie sich das Verhältnis von Ethnologie und Journalismus heute darstellt und wie es sich in Zukunft produktiv gestalten könnte. Hierfür werde ich zunächst eine Darstellung der journalistischen Perspektive auf die Ethnologie liefern, um auf diesem Weg mit dem Blick „von außen“ auf die Wissenschaft zu beginnen und in diesem Zusammenhang auch auf einige journalistische Grund- und Rechercheprinzipien einzugehen, um sie mit den Forschungstechniken der Ethnologie in Bezug setzen zu können.
Dann betrachte ich den ethnologischen Blickwinkel auf Journalismus und Medien, um etwaige Ressentiments, Problemfelder, aber auch Chancen im gemeinsamen Verhältnis besser herausarbeiten zu können. Hier nehme ich vor allem Bezug auf die Thesen der interpretativen Ethnologie, da sie Ethnologen meiner Meinung nach einen potenziellen Zugang zum Journalismus liefern können. Im folgenden Kapitel werde ich jeweils die Grenzen und positiven Abläufe in der Interaktion von Ethnologie und Journalismus in Teilkapiteln beleuchten, um so Probleme und Chancen aufzeigen zu können.
Ethnologen seien scheue Rehe, schreibt Julia Herz-el Hanbli auf ihrem Blog „Ethnosphäre“. Als Spätfolge von Geertz’ interpretativer Ethnologie und der Writing Culture-Debatte sind sie aus der medialen Öffentlichkeit verschwunden, sowohl als aktive Produzenten journalistischen Inhalts als auch als Experten in Interviews oder ähnlichem. Stattdessen verfielen Ethnologen in eine selbstreflexive Phase, deren Notwendigkeit wissenschaftsintern vielfach anerkannt wird, in der medialen Öffentlichkeit jedoch dazu führte, dass Ethnologen noch immer als Spezialisten für das rein ‚Exotische‘ gelten.
Diesem Bild der Ethnologen als öffentlichkeitsscheuen Wissenschaftlern stehen einige recht öffentliche Beispiele entgegen. Sind sie nur Ausnahmen, die die Regel bestätigen? Oder behandeln sich Ethnologie und Journalismus nicht mehr so stiefmütterlich und ignorant wie neben den angeführten kritischen Stimmen noch viele weitere behaupten? Sind Ethnologen vielleicht sogar im Besonderen in der Verantwortung, ihre Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit als ihrem universitären Umfeld zugänglich zu machen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Journalistische Perspektiven auf die Ethnologie
3. Ethnologische Perspektiven auf den Journalismus
4. Ethnologie und Journalismus in der Interaktion
4.1. Grenzen und Probleme
4.2. Positive Entwicklungen und Chancen
5. Zusammenfassung, Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Ethnologie und Journalismus und analysiert, wie eine produktive Zusammenarbeit beider Disziplinen gestaltet werden kann, um ethnologische Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
- Journalistische Rechercheprinzipien im Vergleich zu ethnologischen Forschungsmethoden
- Die Wahrnehmung der Ethnologie durch Medien und Journalisten
- Herausforderungen und Barrieren in der medialen Darstellung ethnologischer Themen
- Strategien zur Professionalisierung der ethnologischen Öffentlichkeitsarbeit
Auszug aus dem Buch
3. Ethnologische Perspektiven auf den Journalismus
Clifford Geertz schrieb, dass Ethnographie eigentlich „a kind of writing“ sei (1988: 1). Das zu akzeptieren, fällt den meisten Ethnologen jedoch schwer - vorherrschende Annahme ist laut Geertz, ein Ethnologe sollte ins Feld gehen, mit Information zurückkommen und diese der wissenschaftlichen Gemeinde zugänglich machen (1988: 1). Dabei schaffen weder ein Darstellen der Ergebnisse im Stile der „harder sciences“ noch die Kraft theoretischer Argumente eine überzeugende Ethnographie, sagt Geertz, und verweist auf Malinowskis Werk, das trotz all seiner Theorien in Trümmern liegt (1988: 4). Er verlangt daher, die Aufmerksamkeit der Disziplin weg von der Feldforschung hin zur Textproduktion zu lenken (1988: 24). Wulff ist der Meinung, dass mittlerweile, über zwanzig Jahre nachdem Geertz die obigen Ansichten verfasst hat, die meisten Ethnologen verstanden hätten, dass sie auch Schreiber sind und eingehend untersucht hätten, was mit diesem Faktum einhergeht (2016: 1). So ist die Einsicht gewachsen, dass es für das Ansehen der Disziplin förderlich ist, sich in „kulturellem Journalismus“ zu betätigen, wie Wulff ihn nennt (2016: 5).
Dafür seien zwei „Übersetzungen“ nötig: Von den Daten zum akademischen Text - und vom akademischen Text in einen journalistisch-populären (2016: 4-5). Bezieht man Geertz’ Theorien mit ein, leistet der journalistisch tätige Ethnologe also drei Übersetzungen: Forschung, Monographie und schließlich den journalistischen Text (Geertz, zit. n. Stellrecht 1993: 49). Diese letzte Übersetzung zeichnet sich dadurch aus, dass durch sie ein größeres Publikum erreicht werden muss (Wulff 2016: 5; vgl. Kap. 4).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die scheue Haltung der Ethnologie gegenüber der Öffentlichkeit und die daraus resultierende Abwesenheit in medialen Diskursen.
2. Journalistische Perspektiven auf die Ethnologie: Dieses Kapitel analysiert journalistische Arbeitsweisen und Recherchetechniken, um Parallelen zur ethnologischen Forschung aufzuzeigen.
3. Ethnologische Perspektiven auf den Journalismus: Hier wird die Rolle des Ethnologen als Schreiber sowie die Notwendigkeit von Übersetzungsleistungen zwischen akademischer Forschung und populärem Journalismus thematisiert.
4. Ethnologie und Journalismus in der Interaktion: Dieser Teil untersucht spezifische Kommunikationsbarrieren und zeigt Potenziale für eine verbesserte Kooperation auf.
5. Zusammenfassung, Fazit: Die Arbeit schließt mit einem Plädoyer für eine selbstbewusste Beteiligung der Ethnologie am medialen Diskurs als bereichernde Ergänzung beider Fachbereiche.
Schlüsselwörter
Ethnologie, Journalismus, Medienethnologie, Interpretative Ethnologie, Öffentlichkeitsarbeit, Writing Culture, Feldforschung, Wissenschaftskommunikation, Repräsentation, transkulturelles Verständnis, Medienpraxis, Wissenstransfer, Expertenstatus, Journalistische Recherche, Interdisziplinarität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das gegenseitige Verhältnis von Ethnologie und Journalismus und hinterfragt, warum die Fachdisziplin Ethnologie in medialen Kontexten oft unterrepräsentiert ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Schnittstellen zwischen journalistischer Recherche und ethnologischer Feldforschung, die Barrieren durch unterschiedliche Sprachstile sowie die Chancen für eine aktivere Teilhabe von Ethnologen in den Medien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Vorbehalte abzubauen und aufzuzeigen, wie eine produktive und journalistisch professionelle Arbeit von Ethnologen zum wechselseitigen Nutzen beider Professionen führen kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie einem autoethnographischen Bericht der Autorin, die während ihres Studiums selbst journalistisch tätig war.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Perspektiven von Journalisten auf die Ethnologie und umgekehrt, gefolgt von einer detaillierten Betrachtung der Interaktionsprobleme und Lösungsansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Ethnologie, Journalismus, Medienethnologie, Wissenschaftskommunikation und Repräsentation definiert.
Warum gibt es laut der Arbeit ein "Verstummen" ethno-logischer Stimmen in den Medien?
Die Autorin führt dies auf Ängste vor Reputationsverlust, Skepsis gegenüber populärwissenschaftlichen Formaten und negative Erfahrungen durch aus dem Kontext gerissene Zitate zurück.
Welche Rolle spielt Clifford Geertz für die Argumentation?
Geertz dient als theoretischer Ankerpunkt, der die Ethnographie als "kind of writing" begreift und die Notwendigkeit unterstreicht, die Aufmerksamkeit stärker auf die Textproduktion und Übersetzung der Forschungsergebnisse zu lenken.
- Citar trabajo
- Katharina Wilhelm (Autor), 2017, Ethnologie und Journalismus. Gegenseitige Wechselbeziehungen und Zusammenspiel heute, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375159