Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Die Fruchtbringende Gesellschaft


Ausarbeitung, 2005

30 Seiten

Angelika Felser (Autor:in)


Leseprobe

1 Einleitung
,,Sprachpurismus" ist eine linguistische Universalie, die nicht bloßes deutsches Phänomen ist,
sondern in allen europäischen Sprachgemeinschaften aufzuweisen ist. Ursache(n) ist bzw.
sind zumeist lexikalische, besonders die ausdrucksseitig erkennbaren Niederschläge infolge
eines Sprachkontaktes.
Unter ,,Sprachpurismus" (auch ,,Sprachreinigung") versteht man den Versuch, Fremd- und
Lehnwörter aus einer Sprache zu entfernen, indem man aus dem Material der eigenen Sprache
neue Wörter bildet.
Ein Fremdwort ist ein Wort, das aus einer anderen Sprache übernommen wurde und das sich
in Lautstand, Betonung und Schreibung der Zielsprache (noch) nicht assimiliert hat, so dass es
als fremd empfunden wird.
Im Unterschied dazu ist das Lehnwort ein Wort, das so weit in Lautung, Schriftbild und
Flexion in den Sprachgebrauch eingegangen ist, dass es nicht mehr als fremd wahrgenommen
wird, besonders wenn es auch kein gebräuchlicheres Synonym in der Zielsprache gibt.
Bei den Mitgliedern der deutschen Sprachgemeinschaften haben besonders ausdrucksseitig
erkennbare Eigenheiten eines als ,,fremd" empfundenen Wortes (Betonung, Aussprache,
sichtbar ,,Fremdes") zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen,
die von bedenkenloser Übernahme über Gleichgültigkeit bis zu scharfer Ablehnung reichen.
Aus einer ablehnenden Haltung hat sich im Laufe der Sprachgeschichte verschiedentlich eine
aktive (Abwehr-)Handlung in Form eines programmatischen, öffentlichen Kampfes gegen die
bzw. einzelne Fremdwörter bis hin gegen das Fremdwort schlechthin entwickelt:
,,Fremdwortjagd", ,,Purismus", ,,Sprachreinigung", was die puristischen Bestrebungen im
19/20. Jh. im Rahmen der Sprachpflege treffend charakterisiert.
Diese Art von Purismus trifft für das 17./18. Jh. nur partiell zu, der die zugrunde liegende
Vorstellung von Reinheit der Sprache weiter fasste:
,,Rein" entspricht nicht unbedingt ,,fremdwortfrei", sondern eher ,,richtig" im Sinne von
,,gesetzmäßig", ,,normgerecht" auf die Leitvarietät bzw. Standardsprache bezogen.
Im Folgenden soll auf den Sprachpurismus in Deutschland eingegangen werden.
Schwerpunkt soll der von den Sprachgesellschaften (SG) angestrebte Sprachpurismus des 17.
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Jh. als Reaktion auf die fremdsprachlichen und fremdkulturellen Einflüsse auf Gesellschaft
und Politik sein.
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2 Sprachgeschichte des 17. Jh.
Verglichen mit anderen europäischen Ländern waren die Voraussetzungen für eine Pflege und
Normierung der deutschen Sprache zu Beginn der nhd. Zeit nicht sehr günstig. Es gab kein
politisches oder kulturelles Zentrum für das deutsche Sprachgebiet, das eine sprachliche
Vereinheitlichung hätte erleichtern können. Weder im Mündlichen noch Schriftlichen gibt es
das Deutsche, eine einheitliche Sprache, die für alle verständlich ist.
In Luthers Tischreden heißt es, Deutschland habe so viele Dialekte, dass die Menschen in
einem Abstand von 30 Meilen einander nicht verstehen könnten (,,Germania tot habet
dialectos, ut in triginta militaribus homnes se mutuo non intelligant").
Auch im geschriebenen Deutsch gibt es seit Erfindung des Buchdrucks keine normierende
oder übergreifende politische Instanz, die die deutsche Sprache vereinheitlichend regelt.
Gegen Ende des 16. Jh. folgen die Buchdrucker dem Ostmitteldeutschen (dem Meißnischen
Obersachsens) oder dem so genannten ,,Gemeinen Deutsch", der südöstlichen Schreibsprache.
Das Ostmitteldeutsche besitzt insbesondere aufgrund Luthers sprachlicher Tätigkeit und dem
Sieg der Reformation sowohl im Mündlichen als auch im Schriftlichen ein sehr hohes
Ansehen. Seine Sprache stellte zwar keine Regeln auf, besaß aber normative Kraft.
Es gab noch keine Nationalliteratur, wie z.B. in England oder in Frankreich. Die Gelehrten
schrieben noch überwiegend in lateinischer Sprache, der deutsche Adel zumeist in
französischer Sprache, und die bürgerliche Literatur war noch verhältnismäßig provinziell und
unbeholfen.
Zum sprachlichen Durcheinander kommt der große, z. T. bereits bestehende äußere Einfluss
anderer Sprachen hinzu, zunächst einmal der, den das Lateinische seit dem Beginn des
Humanismus im Rahmen einer dritten Einflusswelle auf das Deutsche ausübt:
Das Lateinische bleibt durch diesen Einfluss weiterhin die Sprache der Bildung, das
natürliche Verständigungsmittel der Gelehrten und der literarischen Oberschicht:
Bis in absolutistische Zeit spricht und schreibt der gebildete Mensch deutsch, welches mit
lateinischen Lexemen und Strukturen gemischt ist. Die z. T. echte deutsch-lateinische
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Zweisprachigkeit der Gelehrten und der Oberschicht im Reich und im Rechtswesen wird
bewusst als soziales Disziplinierungs- und Distanzierungsmittel gegenüber den einfachen
Leuten und ihrer Volkssprache eingesetzt.
Bis weit ins 17. Jh. hinein hat das Lateinische eine klare Vorherrschaft in Druckprodukten;
erst um 1680 beginnt das Deutsche zu überwiegen:
1570 waren noch 70 % der Drucke in lateinischer Sprache,
1680 nur noch 50 %, um 1700 noch 30 %, 1800 5%.
In der Jurisprudenz dagegen wird am Lateinische als Wissenschaftssprache noch weit bis ins
18. Jh. festgehalten - und dass, obwohl Christian Thomasius bereits 1687 an der Universität
Leipzig die erste Vorlesung in deutscher Sprache hält.
Sehr viele Lexeme werden entlehnt, besonders Fachwörter der Druckersprache, der
akademischen Fachsprache, der Grammatik, Mathematik, Rechts- und Verwaltungssprache.
Beispiele:
Akademische Fachsprache (Dissertation, Professor, Student)
Druckersprache (Format, Fraktur, Korrektur)
Grammatik (Konjugation, Konsonant, Orthographie)
Mathematik (multiplizieren, Parallele, Produkt)
Rechtssprache (Advokat, Arrest, Polizei)
Verwaltungssprache (Archiv, kopieren, Magistrat)
Neben dem Lateinischen wirken in dieser Zeit auch moderne Kultursprachen mit Hunderten
von Wörtern auf das Deutsche ein:
Der seit der Renaissance andauernde italienische Einfluss setzt sich u. a. aufgrund der
frühkapitalistischen Entwicklung in den Städten Oberitaliens im 17. Jh. fort.
Das Italienische überschwemmt insbesondere die Kaufmannssprache (z.B. Giro, Kredit,
Limit, Rabatt, Saldo, Storno) und den Bereich der Musik (im Bereich der Vortragsweisen
(z.B. allegro, vivace), im Tonumfang der Singstimme (z.B. Alt, Bass, Sopran, Tenor), in
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Bezeichnungen für Instrumente (z.B. Cembalo, Fagott, Flöte, Klarinette, Piano, Violine),
Gattungen (z.B. Arie, Kantate, Sonate), Vortragsformen (z.B. Solo, Duett und Duo, Quartett,
Quintett, Trio) und Vortragsbezeichnungen (adagio, andante, forte, fortissimo, piano,
pianissimo, presto).
Schließlich überflutet eine zweite Welle französischer Lexeme seit Beginn des 17. Jh. das
Deutsche. Diese ist breiter und gewaltiger als es die erste im ritterlichen Hochmittelalter war
und welche bis dahin fast abgeebbt war, jedoch nicht, ohne ihre Spuren hinterlassen zu haben:
z.B. fein, höfisch (courtois), matt, Tanz, Turm; Lehnübersetzungen, wie z.B. Ritter
(chevalier),
Lehnwörter, die heute (z. T. auf lexikalischer, morphologischer, phonologischer und
semantischer Ebene integriert) zum allgemeinen Wortschatz des Deutschen gehören, sind
z.B.:
Esskultur (Biskuit, à la carte, Hotel, Dinner, Kotelett, Likör, Limonade, Menü, Ragout (fin),
Restaurant, Serviette, Tasse, Torte)
gesellschaftliches Leben (Ballett, Billard, Flair, Galopp, Karneval, Maskerade, Rommé,
Scharade)
Mode (Garderobe, Kostüm, Maniküre, Perücke, Puder, Taille, Toupet, Weste)
Musik (Menuett, Oboe, Ouvertüre, Prélude)
Verwandtschaftsbeziehungen (Cousin, Cousine, Mama, Onkel, Papa)
Wohnkultur (Allee, Apartment, Balkon, Etage, Fontäne, Gardine, Möbel, Rondell, Salon,
Souterrain, Terrasse)
Erst mit und besonders nach dem Dreißigjährigen Krieg wird die allgemeine
Vielsprachigkeitstendenz von der Vorzugstellung des Französischen abgelöst, wobei die
Abnahme lateinischer und italienischer Entlehnungen parallel mit der Zunahme französischer
Entlehnungen und Lehnwortbildungen verläuft.
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Besonders unter und nach Ludwig XIV., etwa 1650 -1770, gilt Frankreich in ganz Europa
politisch und kulturell als führende Nation. Adel und höheres Bürgertum orientieren sich in
allen Fragen der Bildung und des Geschmacks nach der Mode (à la mode) von Paris und dem
französischen Königshof. Die Bezeichnung ,,Alamodezeit" fasst die Bewegung nach dem
Dreißigjährigen Krieg zusammen, die durch den breiten Strom französischer Wörter ins
Deutsche gelangten. Es gilt als vornehm, französisch zu sprechen, und durch die
Prestigesprache kann man sich nach unten, vom ,,Pöbel", absetzen.
Der Gebrauch des Französischen reichte von der Verwendung einzelner Elemente
(,,Flickwörter") in fast allen Bevölkerungsschichten, bis zu einer ,,echten" Zwei- (Deutsch-
Französisch) bzw. Mehrsprachigkeit (Deutsch ­ Französisch - Latein) bei wenigen in den
Oberschichten. Von Polenz vertritt die Meinung, dass es sich hierbei weniger um echten
Polylinguismus im Sinne soziolinguistischer Theorien handelte, als um das Beherrschen
spezifischer fremdsprachlicher Register für bestimmte Rollen, Sachgebiete oder Situationen.
Aufgrund des Defizits, das die Deutschen gegenüber der französischen Kultur, Literatur und
Sprache empfunden haben müssen, reichte der französische Einfluss weit über gelegentliche
Interferenzen hinaus und drang als umfangreicher Lehneinfluss (Transferenz) mit weitgehend
systematischer Anpassung (Integration) ins deutsche Sprachsystem.
Anzumerken ist, dass Entlehnung in der Regel kein mechanischer Transport von Wort
(Ausdruck) und Bedeutung (Inhalt) in eine andere Sprache (L1 L2) ist, sondern bedürfnis-
und interessengelenkt. Daher wird das Lehnwort häufig nur in einer oder mehreren, nicht in
allen Bedeutungen entlehnt (Bedeutungsverengung):
,,Plateau" bedeutet für Deutsche nur ,,Hochebene", ,,obere ebene Fläche eines Berges", aber
nicht ,,Bett", ,,Ladefläche", ,,Platte", ,,Tablett" oder ,,Waagschale".
Das Französische hat zu dieser Zeit dagegen nur wenige Lexeme der deutschen Sprache
entlehnt (z.B. Backbord > le bâbord, Käppi > le képi, Nudeln > les nouilles, Sauerkraut > le
choucroute, ,,Was ist das" ? > le vasistas (« Schiebefenster », fermer le vasistas = das
Oberlicht schließen (sterben)).
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Die Nachahmung in Sprache und Kultur hält etwa bis nach der Französischen Revolution an.
Hier findet mit Ende der Revolution ein Prestigewandel statt; die Revolution ist Wendepunkt
der ,,Sprachmengerey".
Das Nebeneinander von Latein, Italienisch, Französisch (Griechisch, Spanisch und (im
Nordwesten auch) Niederländisch) charakterisiert die Zeit bis Mitte des 17. Jh. als Zeit der
Vielsprachigkeit und ,,Sprachmengerey".
Die ,,Sprachmengerey" störte insbesondere Literaten und Mitglieder von
Sprachgesellschaften.
Aus ihren Reihen erschienen Dutzende satirischer und parodistischer Veröffentlichungen, die
all diejenigen verspotteten, die mit französischen und anderen Sprachbrocken anderer
Sprachen daher "parlierten".
So heißt es in dem um 1638 entstandenen anonymen Gedicht
,,Ein new Klaglied, Teutsche Michel genannt, wider alle Sprachverderber":
Fast jeder Schneider /will jetzt und leyder
Der Sprach erfahren sein / vnd redt Latein,
Wälsch vnd Frantzösisch / halb Japonesisch,
Wan er ist doll vund voll, / der grobe Knoll.
Das als oberflächlich und pseudokultiviert empfundene alamodische Versehen der deutschen
Sprache mit einzelnen Lexemen oder Phrasen wird hier scharf kritisiert.
Ähnliche Kritik wird von Andreas Gryphius (Andreas Greifs), als ,,Der Unsterbliche"
Mitglied der ,,Fruchtbringenden Gesellschaft" (s. u.) geäußert. In seinem Lustspiel
,,Horribilicribifax" (1663) wurden daher das Französische, Griechische, Hebräische,
Italienische, Lateinische und Spanische durch komische Figuren verkörpert.
Im Traktat ,,Der Kleyder Teuffel" (1629) heißt es:
,,Da gibt's Teutsche Spanier, Teutsche Franzosen, Teutsche Italiener, Teutsche Engländer,
Summa: der Teutsche Mann ein Allemodisch Mann".
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Johann Michael Moscherosch klagt 1642, in eines Teutschlings Herz seien 5/8 französisch,
1/8 spanisch, 1/8 italienisch und kaum 1/8 deutsch.
Französische Zeitzeugen, wie Samuel Chappuzeau (,,Le Cercle des Femmes") berichten 1650
über den Hof des Landgrafen von Hessen-Kassel:
,,J´ay de la peine à m´imaginer que je suis en Allemagne quand je n´entens parler icy que
francois. Notre langue y est si universelle qu´elle y est presque la seule chez les honnêts gens
... qu´ils ont absolument besoin d´une langue commune, et on choisira toujours le francais."
François Marie Arouet Voltaire berichtet noch 100 Jahre später Ähnliches:
,,Je me trouve ici en France. On ne parle que notre langue, l´allemand est pour les soldats et
pour les chevaux, il n´est nécessaire que pour la route."
Scharfe Kritiker der ,,Sprachmengerey", wie etwa Justus Georg Schottel, vertraten die
radikale Ansicht, die alamodischen Fremdwörter gefährdeten den lexikalischen Bestand der
deutschen Sprache, machten sie zur ,,bettlerischen Sklavinn", wollten sie ,,guten Teihls
ausreuten".
Das ,,negative Sprachverhalten der Franzosen" wurde hypostasierend der Sprache
zugeschrieben, die als Träger eines ,,schlipferrischen Sinns" (Moscherosch) die deutsche
Sprache und die ihr zugeschriebenen Eigenschaften (Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit,
Natürlichkeit, Redlichkeit, Reinlichkeit, Treue, etc.) gefährdeten - und damit die Deutschen
und ihr Handeln:
Die ,,beliebte Frömdsucht" könne das ,,sonst den Teutschen angebohrne ehr- und redlich seyn
und gutes einheimisches Wesen in hochfahrenden Wankelsinn und in eine ausländische
Wunschgier verender(n)" (Schottel).
Letzterer äußert in ,,Lamentatio Germaniae Expirantis" die Angst vor Betrug, Lüge und
Täuschung und die der ,,schlauen Frantzosen", die mit ihrer Sprache und ihrer Kultur und
Mode ,,die teutschen Affen" schleichend um die Finger wickelten, ihr Wesen verkehrten: Das
Fremde vermöge durch seinen Einfluss auf das Denken und Fühlen der Menschen die als
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Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Die Fruchtbringende Gesellschaft
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Romanistik)
Veranstaltung
Sprachgesellschaften
Autor
Jahr
2005
Seiten
30
Katalognummer
V375284
ISBN (eBook)
9783668529571
ISBN (Buch)
9783668529588
Dateigröße
1288 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bitte fügen Sie die Seitenzahlen in den Text ein. Das Literaturverzeichnis wurde aus Versehen als "Quellen" v375285 hochgeladen. Bitte fügen Sie die Quellenangaben hinter den Text, und bitte veröffentlichen Sie die Arbeit unter dem Pseudonym "Angelika Felser". Danke schön!
Schlagworte
Sprachgesellschaften, Die Fruchtbringende Gesellschaft, Sprachhistorik
Arbeit zitieren
Angelika Felser (Autor:in), 2005, Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Die Fruchtbringende Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375284

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