Der Surrealismus bei Max Ernst und Yves Klein. Zufall als künstlerisches Gestaltungsprinzip


Hausarbeit, 2017
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Problemstellung und Intention der Arbeit.

2. Hauptteil
Unterschiedliche Auffassungen von Zufall in künstlerischen
Gestaltungsprozessen.
2.1 Das Zufallsverständnis bei Max Ernst.
2.1.1 Ursprünge des Surrealismus und Ernsts Einfluss.
2.1.2 Techniken.
2.1.2.1 Die Collage.
2.1.2.2 Die Frottage.
2.2 Das Zufallsverständnis bei Yves Klein.
2.2.1 Die Idee der Anthropometrie.
2.2.2 Technik und Konzept.
2.2.2.1 Anthropometrien in den Feuerbildern.

3. Schluss
3.1 Vergleich der Zufallsverständnisse bei Ernst und Klein.

4. Quellen

1. Einleitung

Problemstellung und Intention der Arbeit.

In meiner folgenden Hausarbeit werde ich mich mit einem der wichtigsten Stellvertretern des Surrealismus, Max Ernst, auseinandersetzen.

Die Entwicklung des Begriffes Surrealismus als künstlerische Bewegung beginnt schon vor seiner offiziellen Legitimation in der Kunst und Literatur, und liegt weitestgehend in der Psychoanalyse Sigmund Freuds begründet. Für diesen sei Kunst vielleicht „ die sichtbarste Wiederkehr des unterdrückten Bewusstseins“.1

Erstmals versucht Schriftsteller André Breton in seinem Manifest des Surrealismus von 1924, einzig unter Berücksichtigung einer literarisch geprägten, avantgardistischen Strömung, für den Begriff des Surrealismus einen programmatischen Inhalt zu formulieren; die Technik des Schreibens unter Ausschaltung eines reflektierenden und kritischen Bewusstseins wird auch zu einer wichtigen Grundlage in der Kunst, in der die Absenz des Willens und der Vernunft zugunsten eines kreativen Schaffens gefordert wird.

Die geschichtlichen Ereignisse während des ersten Weltkrieges führen dazu, dass die Künstler bezüglich des Wiederaufbaus nicht mehr auf die Vernunft des Menschen bauen. Sie suchen in der Kunst die Möglichkeit, durch die besondere Macht des Irrationalen, des Unterbewussten, eine Verbesserung der Gesellschaft herbeizuführen. Vor Allem Max Ernst beschäftigt sich in seinem Schaffen grundlegend mit der Übertragung des Unbewussten auf seine Kunst. Er entdeckt, zufällig oder bewusst, verschiedene, künstlerische Techniken wie die Frottage, eine Abreibetechnik, und die daraus mittels einer Übertragung dieser Technik auf die Ölmalerei hervorgerufene Grattage. Des Weiteren entwickelt er die Collagetechnik als einen eigenen, individuellen Umgang mit dem Zufall. Diese unterstützen das Abbilden seiner meditativen und halluzinatorischen Gedanken, deren Motive auch stark beeinflusst von kindheitlichen Erlebnissen sind.

Im Anschluss daran werde ich den Mitbegründer des Nouveau Réalisme Yves Klein, und den zu Beginn der sechziger Jahre eingeführten Begriff der Anthropometrie der „Blauen Epoche“ aufgreifen, um einen Vergleich zwischen zwei verschiedenen Vorgehensweisen und Konzeptionen in Bezug auf das Verständnis des Zufallsbegriffes in der Kunst herauszuarbeiten.

2. Hauptteil

2.1.1 Ursprünge des Surrealismus und Ernsts Einfluss.

Der Surrealismus ist neben dem Kubismus und dem Expressionismus eine der wichtigsten Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts. Ihre Ursprünge gehen noch, vor der Durchströmung in die Malerei, zurück auf die Literatur. Schriftsteller und Kritiker André Breton (1896-1966), der sich mit den Untersuchungsverfahren der Psychoanalyse Freuds befasst, stößt während seines Militärdienstes am neuropsychiatrischen Zentrum in Saint-Diziers, tätig als neurologischer Assistent, auf den Gedanken, die Methoden an sich selbst anzuwenden; das mit sich selbst Monologisieren führt zu fließenden Gedankenströmen ohne literarische Geschicklichkeit, das wiederum seine „innere Welt“ zum Ausdruck bringt.2 Das automatische Schreiben als therapeutische Behandlungsmethode der Patienten nimmt hiermit die Funktion des künstlerischen Aktes in der Literatur ein, durch die der Schreibende unbewusste Gefühle und Gedanken festzuhalten versucht. In seinem Buch „Manifeste des Surrealismus“ aus dem Jahr 1924 spricht Breton seinen Dank an Sigmund Freud aus, der mithilfe seiner Entdeckungen bezüglich der Traumdeutung einen Aufschwung des Unbewussten gegenüber der Logik bewirkt.3 Aus der Schlussfolgerung, dass das Träumen den Menschen zeitlebens betrifft und demzufolge einen ebenso beachtlichen Bereich wie die gesammelten Erfahrungen in der Wirklichkeit einnimmt, versucht Breton die gegensätzliche Auffassung von Traum und Realität aufzubrechen und diese Zustände in einer absoluten Realität, in der Surrealität zusammenzubringen.4

Pierre Reverdy, dessen Werke hauptsächlich dem Surrealismus entstammen, sieht die Intensität eines poetischen Bildes im Verhältnis „ der Annäherung von zwei mehr oder weniger voneinander entfernten Wirklichkeiten5. Diese Ansicht überzeugt Breton; der Grundstein für das automatische Schreiben in der Literatur bildet sich, als ihn eines Abends vor dem Einschlafen ein Satz, dessen „organischer Aufbau“ ihn zum Nachdenken anregt, beschäftigt: „Da ist ein Mann, der vom Fenster entzweigeschnitten wird“.6 Breton ist der Ansicht, dass das hörbare Erlebnis der visuellen Erscheinung des Bildes vorangehe, und vermutet, dass er die halluzinatorische Vorstellung des Mannes ebenfalls als Maler - nicht zeichnend, sondern abpausend - mit ähnlichem Scharfsinn darstellen könnte.7

Nach einigen Versuchen von Gedanken-Diktaten mit seinem Kollegen Soupault, ohne das Befolgen jeglicher, literarischer Geschicklichkeit, definiert Breton im Anschluss den Begriff des Surrealismus: „SURREALISMUS, Subst., m. - Reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung.“ 8

Als Reaktion auf die erschreckenden Folgen des Ersten Weltkrieges formiert sich 1916 DADA. In der Spiegelgasse im Zufluchtsort Zürich gründen die rumänischen Schriftsteller Tristan Tzara und Marcel Janco, die deutschen Schriftsteller Richard Huelsenbeck und Hugo Ball und Ernsts Kollege Hans Arp die „Cabaret Voltaire“, die in ihren Anfängen hauptsächlich als literarische Bewegung gegen jegliche den Krieg auslösende Moral agiert.9

Nach seiner Heimkehr von der Westfront heiratet Max Ernst seine ehemalige Kommilitonin Luise Straus und bezieht anschließend eine Wohnung mit ihr in Köln; sie geben dieser den Namen Dadahaus. Hier gründet er gemeinsam mit dem Journalisten Alfred Gruenwald, der unter dem Pseudonym Johannes Theodor Baargeld bekannt ist, die DADA-Bewegung.10 Seine ausgestellten Werke zu dieser Zeit sind beeinflusst von den Darstellungen der Geisteskranken, mit denen er sich während seiner Studienzeit in einer Klinik in der Nähe von Bonn beschäftigt hat. Wichtig zu erwähnen ist hierbei, dass auch Breton sich mit psychisch Kranken auseinandersetzt, und seine Erfahrungen im Ersten Manifest des Surrealismus beschreibt: „ Ich könnte mein Leben damit verbringen, die Wahnsinnigen zu ihren Bekenntnissen zu provozieren. Sie sind Menschen von peinlicher Ehrlichkeit und von einer Unschuld, die sich nur mit der meinen vergleichen läßt.“11 Der Krieg hat den Künstlern dieser Zeit bewiesen, dass der Verlust des Verstandes, welcher geisteskranken Menschen zugeschrieben wird, eigentlich die gesamte Zivilisation betrifft. Diese Ausgangslage ist entscheidend für die Entstehung des Surrealismus, in dem der Künstler versucht, unbewusste und psychische Antriebe, Halluzinationen, Traumdeutungen und die Grundzüge der Psychoanalyse thematisch in seine Kunstwerke und Schriften zu integrieren.

Max Ernst ist des Weiteren in seinem Vorgehen, welches einen großen Einfluss auf seine surrealistischen Ölmalereien deutlich werden lässt, beeinflusst von den Bildern Giorgio de Chiricos. Dieser fokussiert seinen Blick auf den metaphysischen Hintergrund von Gegenständen und begründet den „Zauber der Kunst“ in einer naiven Sehweise, die der eines Kindes entspricht.12

Die ersten surrealistischen Versuche Ernsts gehen zurück auf die Lithographien-Serien unter dem Titel Fiat Modes Pereat Ars, in denen das Experimentieren mit irrationalen Perspektiven durch eine schlichte und klare Linienführung zu erkennen ist. Ähnliche starre Figuren, die in einigen Werken de Chiricos zu beobachten sind, erzielt Ernst in seinen Lithografien mithilfe der Darstellung von Gliederpuppen.13

2.1.2.1 Die Collage.

„Ich erinnere mich gut an die Gelegenheit als Tzara, Aragon, Soupault und ich die Collagen von Max Ernst zum erstenmal entdeckten. Wir waren gerade alle in Picabias Haus, als sie von Köln (1921) ankamen. Sie bewegten uns auf eine Weise, wie wir es nie wieder erlebten. Das äußerste Objekt war herausgerückt aus seiner gewohnten Umgebung, seine einzelnen Teile hatten sich aus dem gegenständlichen Zusammenhang in einer Weise befreit, daß sie völlig neue Beziehungen mit anderen Elementen eingehen konnten.“ 14 André Breton ist fasziniert von Ernsts Collagen, die in Anlehnung an das automatische Schreiben entstehen. Er lädt ihn 1921 zu einer ersten Ausstellung nach Paris ein, wo Ernst sich anschließend ein Jahr später niederlässt.15 Die Kombinatorik in Ernsts Collagen und Frottagen sind der Impuls dafür, dass dieser als einziger surrealistischer Maler in dem Manifest des Surrealismus verewigt wird.

Im Gegensatz zu den Kubisten, die in ihre Collagen hauptsächlich Fragmente aus Katalogen und Illustrationen integrieren, beabsichtigt Ernst in seinen Collagen die Verwendung von Materialien, die eine beachtliche Selbstständigkeit besitzen. Diese Selbstständigkeit geht zurück auf die Tatsache, dass das Wesen der Collage-Technik ihren Ursprung in der Literatur hat.16

Die Collage sei für Ernst die „ Alchemie der visuellen Vorstellung; das Wunder der gänzlichen Umgestaltung von Wesen und Gegenständen mit oder ohne Veränderung ihres physischen oder anatomischen Aussehens.“ 17 Seine Auffassung deutet auf das Zusammentreffen von Elementen an einem imaginären Ort, die in Wirklichkeit keinen erklärbaren oder gar kausalen Bezug zueinander finden könnten, und knüpft somit an die Anregung des französischen Dichters Isidore Lucien Ducasse an, der die Schönheit im Unvereinbaren sieht, so wie in der zufälligen Begegnung eines Regenschirms mit einer Nähmaschine auf dem Operationstisch. 18

Die Dinge verlieren in den Collagen Ernsts ihre alltäglichen Funktionen und ihre von den Menschen für jeweilige Nutzungen bestimmte Bedeutung, und lässt diese in einer neuen, höheren Ordnung, in der Surrealität, aufeinandertreffen.

Er selbst begründet seine Idee, die Collage zu einem bedeutenden, surrealistischen Grundprinzip anzuerkennen, mit einer zurückliegenden Erfahrung in Köln am Rhein; 1919 blättert er im Katalog einer Lehrmittelveranstaltung und stößt dabei auf „ Anzeigen von

Modellen aller Art, mathematische, geometrische, anthropologische, […] Elemente von so verschiedener Natur, daß die Absurdität ihrer Ansammlung blickverwirrend und sinnverwirrend wirkte, Halluzinationen hervorrief, den dargestellten Gegenständen neue, schnell wechselnde Bedeutungen gab. 19

Von der Gründung der Kölner Dada-Bewegung bis zu seinen Schaffensjahren in Paris ist ein Wandel seiner Vorgehensweise nachvollziehbar. Im April 1920, nachdem Max Ernst gemeinsam mit Hans Arp und Alfred Gruenwald die Zeitschrift „die schammade“ gründet, der unter anderem André Breton als Mitarbeiter angehört, werden die angefertigten „Collages collectifs“ im Lichthof des Kunstgewerbemuseums am Hansaring ausgestellt.20 In der dadaistischen Mundart auch „FaTaGaGa“ (Fabrication de tableaux garantis gazométriques) genannt, bestehen die Collagen Ernsts aus der Kombination fragmentierter Bilder von menschlichen Figuren und Vögeln, zu denen Arp literarische Texte verfasst. Bei der Reproduktion wird das collagierte Original, um Klebespuren zu kaschieren, abfotografiert und nachträglich übermalt. Ernst selbst betrachtet die Vervielfältigungen der Arbeiten als Endwerke, die das Collage-Verfahren vorenthalten.21

Sowohl seine Faszination für den Maler Giorgio de Chirico, der mit metaphysischen Raumbühnen und unwirklichen Perspektiven die Grundlage für die surrealistische Ölmalerei schafft, als auch die vorerst entstandenen Fotocollagen überträgt Max Ernst anschließend in seine Ölgemälden; die ersten surrealistisch gemalten Collagen Celebes und Oedipus Rex entstehen. Zweitere bezieht sich auf den Oedipuskomplex des Psychoanalytikers Sigmund Freud, der im klassischen Sinne die sexuellen Bindungen eines heranwachsenden Kindes an den gegengeschlechtlichen Elternteil bei gleichzeitiger Feindseligkeit gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil beschreibt.22 Der Dichter Paul Éluard erwirbt beide Gemälde aufgrund einer persönlichen Feststellung, dass diese absolut seiner geistigen Inspiration bezüglich des surrealistischen Schreibens entsprächen und bietet Ernst als Zeichen seiner Bewunderung sogar seine Gemahlin an.23

[...]


1 Ermann, Michael: Psychoanalyse in den Jahren nach Freud, Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH, 2009, S. 92

2 Breton, André: Die Manifeste des Surrealismus, übersetzt von Ruth Henry, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1977, S. 24 f

3 Vgl. Breton, A. (1977), S. 15 f

4 Vgl. Breton, A. (1977), S. 19

5 Vgl. Breton, A. (1977), S. 22 f

6 Vgl. Breton, A. (1977), S. 23

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. Breton, A. (1977), S. 26

9 Fischer, Lothar: Max Ernst, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2013, S. 30 f

10 Vgl. Fischer, L. (2013), S. 32

11 Vgl. Breton, A. (1977), S. 12

12 Vgl. Fischer, L. (2013), S. 37 f

13 Vgl. ebd.

14 Engelhardt, Elke: „Ursprünge des Surrealismus, Vorbilder und Entwicklungin der Malerei“, unter: https://muetzenfalterin.wordpress.com/tag/collagen/ (abgerufen am 10.08.2017), zitiert nach Hans Richter, Dada Kunst und Antikunst, Köln, 1973

15 Matzner, Alexandra: „Max Ernst. Surrealist der ersten Stunde“, unter: https://artinwords.de/max-ernst/ (abgerufen am 10.08.2017).

16 Vgl. Fischer, L. (2013), S. 50

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. Fischer, L. (2013), S. 50

19 Vgl. Fischer, L. (2013), S. 53

20 Vgl. Fischer, L. (2013), S. 41 ff

21 Schäfer, Jörgen: Dada Köln, Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, 1993, S. 193

22 Wieder, Christiane: Die Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH, 2011, S. 44 f

23 Vgl. Fischer, L. (2013), S. 45 f

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Surrealismus bei Max Ernst und Yves Klein. Zufall als künstlerisches Gestaltungsprinzip
Hochschule
Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter  (Studium Generale)
Veranstaltung
Zufall. Das Unplanbare als schöpferische Instanz
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V375299
ISBN (eBook)
9783668523975
ISBN (Buch)
9783668523982
Dateigröße
980 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
surrealismus, ernst, yves, klein, zufall, gestaltungsprinzip, Kunst, Collage, Frattage, Anthropometrie, André, Breton, Automatismus, Automatisches, Schreiben
Arbeit zitieren
Taylan Akkas (Autor), 2017, Der Surrealismus bei Max Ernst und Yves Klein. Zufall als künstlerisches Gestaltungsprinzip, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375299

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