EINLEITUNG
Bereits um 1900 begünstigten sukzessive Arbeitszeitverkürzungen und steigende Reallöhne in den wirtschaftlich prosperierenden Regionen Europas das Entstehen einer völlig neuartigen Freizeitindustrie, deren rasche Expansion jedoch erst zwischen den beiden Weltkriegen einen vorläufigen Zenit erreichte. Erfolgreiche Vorbilder lieferten hierbei vielfach die standardisierten Unterhaltungsangebote der US-amerikanischen Massenkünste. Dass diese – im Interesse hoher Profitraten – die ästhetischen Maßstäbe der bislang unangefochten als sinnstiftend respektierten nationalen Hochkulturen von Anfang an ignorierten und stattdessen fast ausschließlich den Geschmack eines breiten Publikums bedienten, löste bekanntlich nicht bloß in den Kreisen des deutschen Bildungsbürgertums, sondern auch unter den Intellektuellen Frankreichs und Großbritanniens heftige Kritik aus. Als die damals attraktivsten Medien kommerzieller Freizeitgestaltung rückten neben dem Trivialroman und der populären Presse vor allem der Film, die Unterhaltungsmusik und das Varieté in den Mittelpunkt des kulturellen Diskurses der Zwischenkriegszeit.
Deshalb soll auf den folgenden Seiten am Beispiel von Hörfunk [2] und Kino [3] untersucht werden, mit welchen Diagnosen bzw. Reformansätzen die geistigen Eliten des Vereinigten Königreiches auf die wachsende „Amerikanisierung“ der britischen Massenkultur zwischen 1918 und 1939 reagierten und ob sie mit letzteren tatsächlich das Freizeitverhalten der adressierten Bevölkerungsschichten nachhaltig zu steuern vermochten. Sowohl die Sozialgeschichte des „Listeningin“ als auch diejenige der Lichtspiele darf seit Ende der 1980er Jahre als relativ gut erforscht gelten : Mit der BBC und ihrem Auditorium haben sich insbesondere die Historiker Asa Briggs und Mark Pegg intensiv auseinandergesetzt ; für die Ära des „Dream Palace“ genießt die gleichnamige Monographie Jeffrey Richards4 noch immer den Rang eines Standardwerkes. Allerdings existieren zu den Freizeiterwartungen der „Massen“ mit den wenigen, bis zu Beginn des II. Weltkrieges erhobenen lokalen „Mass-Observations“5 keine wirklich repräsentativen Quellen...
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Indifferente, Pessimisten und Reformer
2. Geschmacksbildung statt Massenentertainment
2.1. Für alle nur das Beste
2.2. Konkurrenz und Konzessionen
3. „Nothing but Films, Films, Films“
3.1. Going to the Pictures
3.2. Kulturkritik – Moralismus – Zensur
4. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, wie die britischen intellektuellen Eliten zwischen 1918 und 1939 auf die zunehmende „Amerikanisierung“ der Massenkultur reagierten und ob sie in der Lage waren, das Freizeitverhalten der Bevölkerung nachhaltig zu beeinflussen.
- Kulturkritik der britischen Eliten gegenüber US-amerikanischen Unterhaltungsangeboten
- Die Rolle der BBC als Instrument der „Geschmacksbildung“ und kulturellen Erziehung
- Die Entwicklung des Kinos zum populärsten Freizeitmedium und der Einfluss Hollywoods
- Reaktionen von Moralisten und Zensurbehörden auf die neuen Medien
- Spannungsfeld zwischen elitärem Kulturanspruch und dem Unterhaltungsbedürfnis der Massen
Auszug aus dem Buch
3.1. Going to the Pictures
„Going to the pictures“, so der zeitgenössische Ausdruck für die ungefähr 946 Millionen Kinobesuche des Jahres 1937, stellte zwischen den zwei Weltkriegen ohne Zweifel die populärste Freizeitaktivität der Briten dar : 40 Prozent von ihnen zog es durchschnittlich einmal, 25 Prozent sogar mindestens zweimal wöchentlich in die zuletzt fast 5000 Kinos des Landes. Die überaus moderate Preispolitik der Kinobetreiber sorgte außerdem dafür, dass sich die Lichtspiele als solche spätestens nach der flächendeckenden Einführung des Tonfilms um 1930 zu einem wahrhaft klassenlosen Vergnügen entwickelten. Angehörige der urbanen Unterschichten, Frauen, Kinder und Jugendliche frequentierten die Kinos dabei am häufigsten ; Ältere, Landbewohner sowie die Middle und Upper Classes verbrachten hingegen weitaus seltener einen Filmabend. In den zahlreichen, im Laufe der 1920er und 1930er Jahre neuerbauten „Super Cinemas“ erwartete vor allem die weiblichen Gäste eine Traumwelt aus „sweeping marble staircases, silvery fountains, uniformed staff and glittering chandeliers.“ Manche von ihnen nahmen die Gestalt ägyptischer Tempel, chinesischer Pagoden, italienischer Palazzi oder spanischer Haciendas an, andere präsentierten sich im schlicht-eleganten Art-Déco-Stil. Besonders ihre bequemen Bars, Cafés und Restaurants wirkten auf viele Kinogänger wie verheißungsvolle Vorboten eines angesichts der hohen Arbeitslosigkeit sicherlich idealisierten „American way of life“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung skizziert den Aufstieg der Freizeitindustrie nach 1900 und die wachsende Sorge britischer Intellektueller vor der zunehmenden „Amerikanisierung“ ihrer Kultur.
1. Indifferente, Pessimisten und Reformer: Dieses Kapitel erläutert die verschiedenen intellektuellen Haltungen gegenüber der modernen Massenkultur, die von Ignoranz bis hin zu aktiven Reformbemühungen reichten.
2. Geschmacksbildung statt Massenentertainment: Der Fokus liegt auf dem staatlichen Rundfunkmonopol der BBC unter John Reith, das den „guten Geschmack“ der Bevölkerung fördern sollte.
2.1. Für alle nur das Beste: Hier wird Reiths paternalistische Programmpolitik analysiert, die versuchte, die Massen durch anspruchsvolle europäische Hochkultur zu erziehen.
2.2. Konkurrenz und Konzessionen: Das Kapitel beschreibt den Wettbewerbsdruck durch ausländische Privatsender und die daraus resultierende Anpassung der BBC an populärere Programmformate.
3. „Nothing but Films, Films, Films“: Dieser Abschnitt thematisiert den Erfolg Hollywoods im britischen Markt und die gesetzlichen Versuche, eine einheimische Filmindustrie zu fördern.
3.1. Going to the Pictures: Es wird die enorme Popularität des Kinobesuchs in den 1920er und 30er Jahren sowie die Anziehungskraft der „Super Cinemas“ untersucht.
3.2. Kulturkritik – Moralismus – Zensur: Hier stehen die konservative Ablehnung des US-Kinos und die Rolle der Filmzensur beim Schutz traditioneller Werte im Mittelpunkt.
4. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass das „Cultural-Reform-Projekt“ gegen die Popularität amerikanischer Massenkünste weitgehend wirkungslos blieb.
Schlüsselwörter
Amerikanisierung, Großbritannien, Zwischenkriegszeit, Freizeitkultur, BBC, John Reith, Hörfunk, Kino, Kulturkritik, Massenentertainment, Cultural Reform, British Board of Film Censors, Hollywood, Sozialgeschichte, Medien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Reaktionen britischer Kulturschaffender und Eliten auf den Einfluss US-amerikanischer Massenmedien – speziell Hörfunk und Kino – während der Zwischenkriegszeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen das Spannungsfeld zwischen traditioneller britischer Hochkultur, der aufkommenden kommerziellen Freizeitindustrie und dem Versuch, den Geschmack der breiten Bevölkerung pädagogisch zu beeinflussen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, wie die geistigen Eliten des Vereinigten Königreiches auf die „Amerikanisierung“ reagierten und ob sie mit ihren Reformansätzen das tatsächliche Freizeitverhalten der Menschen steuern konnten.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung zeitgenössischer Quellen, Periodika, Monographien und kulturhistorischer Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert das Rundfunkmonopol der BBC unter John Reith, die enorme Popularität des Kinos in den 1920er und 30er Jahren sowie den Widerstand konservativer Moralisten gegen amerikanische Filme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Text?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Amerikanisierung, BBC, Kulturkritik, Zwischenkriegszeit, Massenmedien und Geschmacksbildung beschreiben.
Welche Rolle spielte John Reith bei der Programmgestaltung der BBC?
Reith wollte die BBC als pädagogisches Gegeninstrument zur „Amerikanisierung“ nutzen, um die britische Bevölkerung durch hochwertige kulturelle Sendungen sittlich zu bilden und den Massengeschmack zu veredeln.
Warum blieb der Erfolg der Kulturreformer laut Autor begrenzt?
Der Autor argumentiert, dass das Interesse der Bevölkerung an unterhaltsamen, glamourösen und für den Alltag entlastenden Produkten der amerikanischen Unterhaltungsindustrie stärker war als der Einfluss elitärer Bildungs- und Reformbestrebungen.
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- Arndt Schreiber (Author), 2005, Amerikanische Freizeitkultur als soziale Herausforderung. Die Debatte um Großbritanniens Hörfunk- und Kinoprogramme während der Zwischenkriegszeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37537