Familien in konflikthaften Trennungen. Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung durch pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten


Bachelorarbeit, 2016

62 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

2
Zusammenfassung
Trennen sich die Eltern, so stellt dies einen drastischen Einschnitt Leben von
Kindern dar. Besonders bei konflikthaften Trennungen sind sie dabei hohen
Belastungen ausgesetzt, die schwer zu bewältigen sind.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, herauszuarbeiten, wie Fachkräfte in
Kindertagesstätten Kinder und Eltern unterstützen können, dieses krisenhafte
Ereignis zu bewältigen. Dazu wird neben einem sozialwissenschaftlichen Blick
Trennungen als gesellschaftlicher Realität auch die psychologische Bedeutung
der Trennung für Eltern und Kind und die phasenspezifische Verarbeitung
herausgearbeitet.
Eine Trennung ist von tiefen Verunsicherungen in der Eltern-Kind-Beziehung
und schwer zu verarbeitenden Emotionen der Trauer, Verlustangst, Wut und
Schuld verbunden. Bei konfliktbeladenen Trennungen kommen hier noch
Loyalitäts- und Identitätskonflikte für Kinder hinzu. Zusätzlich stellt diese
Trennungsform den größten Risikofaktor kindlicher Trennungsbewältigung dar.
Somit erhält bei einer Unterstützung der Kinder in Kindertagesstätten auch der
Bereich der Psychoedukation der Eltern einen hohen Stellenwert. Daneben ist
die Aufarbeitung der kindlichen Emotionen und ein verlässliches, zugewandtes
Beziehungsangebot zu dem Kind von zentraler Bedeutung.
Grenzen sind dann gegeben, wenn elterliche Probleme oder kindliche
Auffälligkeiten derart massiv sind, dass eine Unterstützung durch die Fachkräfte
nicht ausreicht. Hier haben Kindertagesstätten den im SGB VIII
festgeschriebenen Auftrag, betroffene Eltern an Beratungsstellen und weitere
psychosoziale Dienste zu verweisen. Eine Problematik ist darin zu sehen, dass
diese Hilfsangebote von manchen Familien nicht aufgesucht werden. Weitere
Grenze stellen fehlende Qualifikationen und ungenügende strukturelle
Gegebenheiten der Fachkräfte dar. Gerade Kinder, welche die elterliche
Belastung internalisierend verarbeiten, werden nur selten wahrgenommen.
Somit wäre es ratsam, diesen Missständen entgegenzuwirken, indem bessere
Rahmenbedingungen, eine engere Kooperation zwischen Kindertagesstätte und
Beratungsstellen und qualitativ verbesserte Ausbildungen geschaffen werden.

3
Inhaltsverzeichnis
Einleitung...
S. 1
1
Problemstellung...
S. 1
1.1
Zielsetzung...
S. 2
1.2
Aufbau...
S. 4
2
Trennung und Scheidung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive...
S. 5
2.1
Pluralität familialer Formen...
S. 5
2.2
Ursachen für den Anstieg von Trennungen und Scheidungen...
S. 7
2.3
Scheidungsquoten in Deutschland...
S. 8
2.4
Ökonomische Umbrüche bei Ein-Eltern-Familien...
S. 9
3
Veränderungen der Eltern-Kind-Beziehungen nach konflikthaften
Trennungen und deren Auswirkung auf Kinder...
S. 9
3.1
Die Bedeutung stabiler Eltern-Kind-Beziehungen für das Kind...
S. 10
3.2
Irritation der Eltern-Kind-Beziehung durch elterliche Trennung...
S. 13
3.2.1 Trennungsphasen der Eltern...
S. 13
4.2.2. Trennungserleben der Kinder...
S. 14
3.3
Die Problematik konflikthafter Trennungen...
S. 17
3.4
kindliche Reaktionen auf konflikthafte Trennungen...
S. 19
3.4.1. soziale und psychosomatische Auffälligkeiten...
S. 19
3.4.2 Verschlechterung der Eltern-Kind-Beziehung...
S. 22
3.4.2.1 Ablehnung eines Elternteils...
S. 23
3.4.2.2 Besuchsrechtsyndrom...
S. 24
3.4.3 Langfristige Auswirkungen...
S. 25
3.5
Kindliche Bewältigungsmöglichkeiten der elterlichen Trennung...
S. 25
4
Staatlicher Bildungs- und Erziehungsauftrag an Kindertagesstätten und
gesetzlich verankerte Hilfsleistungen im Hinblick auf Familien in Trennungen
S. 28
4.1
SGB VIII als Grundlage staatlicher Unterstützungsmöglichkeiten..
S. 28
4.2
Bildungs- und Erziehungsauftrag...
S. 30
4.3
Forderungen von Bildungs- und Erziehungsplänen...
S. 30
5
Praktische Unterstützungsmöglichkeiten pädagogischer Fachkräfte für

4
Familien in konflikthaftenTrennungen...
S. 31
5.1
Verhaltensänderungen der Kinder wahrnehmen...
S. 32
5.2
Erzieherinnen-Kind-Bindung stärken...
S. 33
5.3
Trennungshintergründe mit dem Kind thematisieren...
S. 34
5.4
Ausdrucksmöglichkeiten von Gefühlen unterstützen...
S. 35
5.5
Stärkung des Selbstbewusstseins...
S. 39
5.6
Neutrale Haltung der Fachkraft...
S. 40
5.7
Pädagogische Unterstützung und Hilfe für Eltern...
S. 41
5.8
Weitervermittlung an Beratungsstellen...
S. 42
6
Grenzen der Unterstützung durch Fachkräfte...
S. 43
6.1
Problematiken bezüglich der Weitervermittlung an
Beratungsstellen...
S. 43
6.2
komplexe, vielschichtige Aufgaben bei ungenügenden
Strukturellen Bedingungen... ................................................
S. 44
6.3
ungenügende fachliche Qualifikationen...
S. 46
6.4
fehlende männliche Rollenvorbilder bezüglich der
Identifikationsarbeit...
S. 47
7
Handlungsempfehlungen...
S. 48
7.1
Verbesserung der Rahmenbedingungen...
S. 48
7.2
Intensivierung der Kooperation mit psychosozialen Diensten...
S. 49
7.3
Verbesserung der fachlichen Qualifikation...
S. 50
7.4
Handreichungen für die pädagogische Arbeit mit (konflikthaften)
Trennungsfamilien...
S. 51
8
Fazit und Ausblick...
S. 52
Literaturverzeichnis ...
S. 54
Anhang:
Anlage 1
...
S. 58
S. 59

5
Einleitung
,,Scheiden tut weh..." ist ein altes Sprichwort, welches leider auch heute noch
viele Kinder zu spüren bekommen. Immer mehr Familien zerbrechen, da Partner
sich zu einer Trennung entschließen. Für die Kinder ist solch eine Trennung
immer sehr schmerzhaft, besonders wenn es dabei viel Streit zwischen den
Eltern gibt. Doch wie äußert sich der Schmerz der Kinder? Welche Gefühle
liegen dem individuellem Verhalten zu Grunde und wie kann ich dem Kind am
besten helfen? All dies sind Fragen, die sich Fachkräfte in Kindertagesstätten
fragen müssen, wenn sie Kindern aus Trennungsfamilien unterstützend zur
Seite stehen wollen. Doch es bleibt dabei nicht nur bei den Fragen hinsichtlich
des kindlichen Verhaltens. Unvermeidlich werden Gedanken bezüglich des
Umgangs mit den Eltern hinzukommen. Wie soll man sich ihnen gegenüber
verhalten? Wie viel Unterstützung benötigen sie von der pädagogischen
Fachkraft? Wo sind die Grenzen, die gewahrt werden müssen, dass man nicht
selbst zum Beteiligten gerade in einer konfliktbelasteten Familie wird?
Um den Familien unterstützend zur Seite stehen zu können, bedarf es zunächst
einmal eines umfassenden Blicks auf die Bedeutung von Trennung und
Scheidung sowohl für Kinder als auch für Eltern. Nur dann können sich Fragen
nach dem richtigen Umgang mit Familien in konflikthaften Trennungen
beantworten lassen. Diese Ausarbeitung soll nun dazu beitragen, diesen Fragen
nachzugehen und auch die Grenzen der Unterstützung aufzudecken.
1 Problemstellung
Etwa 20 Prozent der Minderjährigen sind heutzutage von einer Trennung oder
Scheidung ihrer Eltern betroffen. Für diese Kinder stellt solch ein Ereignis eine
einschneidendes Lebensereignis dar, welches zusätzlich zu ihren regulären
Entwicklungsaufgaben bewältigt werden muss (vgl. Stett 2009: S. 104).
Besonders belastet es dabei Kinder, wenn die Trennung ihrer Eltern konflikthaft
verläuft (vgl. Winkelmann 2005: S. 42). Hier streiten sich die Eltern oft vor den

6
Kindern, werten sich gegenseitig ab und beschuldigen sich beiderseits. Für die
Heranwachsenden stellen diese Situationen oftmals angstauslösende Momente
dar, denn sie erleben, wie die beiden Personen, die sie am meisten lieben, nicht
mehr miteinander klar kommen. Die Beziehungsqualität zu beiden Elternteilen
verschlechtert sich. Gerade bei drei- bis sechsjährigen Kindern im
Kindergartenalter wird dabei oftmals aufgrund ihrer egozentrischen Weltsicht die
Schuld für die Trennung der Eltern bei sich selbst gesucht. Somit erscheint
gerade in diesem Alter eine Bewältigung der Ereignisse zusätzlich erschwert
(vgl. Figdor/Pröstler 2000: S. 70).
Hier könnten Fachkräfte in Kindertagesstätten wichtige Unterstützung bei der
Begleitung dieser Familien leisten, da schon eine tragfähige Beziehung
zueinander aufgebaut ist. Doch fühlen sich viele den Anforderungen dieser
Situation nicht gewachsen und sind verunsichert bezüglich des ,,richtigen"
Handelns (vgl. Reimitz-Filipic 2002: S. 81).
Um dazu beizutragen, dass es zukünftig zu einem adäquaten Umgang mit
diesen Familien kommt, soll sich diese Arbeit mit den Möglichkeiten und
Grenzen der pädagogischen Unterstützung in Kindertagesstätten befassen.
1.1 Zielsetzung
In der Literatur kann man eine Vielzahl an Fachbüchern und Artikel über
Trennungen und Scheidungen vorfinden. Diese entstammen zum Großteil den
psychologischen, sozialwissenschaftlichen oder rechtlichen Fachdisziplinen und
befassen sich zumeist mit den Auswirkungen auf Kinder und Eltern. Zusätzlich
existieren im Bereich der Sozialpädagogik viele Abhandlungen hinsichtlich der
Trennungs-
und
Scheidungsberatung
in
Familien-
und
Erziehungsberatungsstellen. Bezüglich eines adäquaten Umgangs von
Fachkräften in Kindertagesstätten mit solchen Familien erschien bisher jedoch
nur wenig Fachlektüre. Somit soll diese Arbeit dazu beitragen, dieses wichtige,
aber bisher noch wenig beachtete Thema innerhalb der (Kindheits)pädagogik
näher zu beleuchten. Ein spezielles Augenmerk wird dabei auf eine konflikthaft
verlaufende Trennung gelegt, da diese einen besonderen Risikofaktor für die
Entwicklung von Kindern darstellt. Da die Eltern sehr viel Energie für die

7
Konfliktaustragung im Trennungsprozess verwenden, haben sie meist keine
Ressourcen mehr, um die tiefe Verunsicherung und Angst der Kinder
wahrzunehmen und ihnen unterstützend zur Seite zu stehen. Gerade für diese
Gruppe erscheint die außerfamiliäre Unterstützung durch eine neutrale Person
besonders wichtig. Fachkräfte können Kindern während solch eines
Trennungsereignisses als stabile Bindungspersonen zur Seite stehen. Auch
bietet sich hier die Möglichkeit, ihnen zu verhelfen, durch unterschiedliche
Angebote zu einer Verarbeitung der Geschehnisse zu verhelfen und
aufkommende Gefühle verstehen zu lernen.
So soll nun in dieser Arbeit herausgearbeitet werden, wie in Kindertagesstätten
pädagogisch wertvoll mit Kindern aus konfliktbehafteten Trennungsfamilien
gearbeitet werden kann. Dazu sollen theoretische Hintergründe aus der
sozialwissenschaftlichen
Familienforschung,
entwicklungspsychologische
Kenntnisse bezüglich kindlicher Belastungen und Bewältigungsmöglichkeiten
von Trennungen der Eltern und rechtliche Hintergründe bezüglich staatlicher
Hilfssysteme zusammengeführt und auf die Arbeit in Kindertagesstätten
übertragen werden. Dabei soll auch die Zusammenarbeit mit den Eltern in den
Blick genommen werden.
Doch gibt es auch Grenzen der Unterstützung. So stellt das SGB VIII zwar viele
kostenlose Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten für betroffene Familien zur
Verfügung, doch hierfür muss die einzelne Familie bereit sein, aktiv den ersten
Schritt auf solch ein Angebot zu machen. Dies stellt für manche Familien eine
nicht zu überwindende Hürde dar. Strukturelle und qualitative Mängel stellen
darüber hinaus zusätzliche Hindernisse dar, die neben den bestehenden
Möglichkeiten zusätzlich analysiert werden sollen.
Als Konklusion daraus sollen Handlungsempfehlungen auf politischer,
persönlicher und fachlicher Ebene für eine optimale Unterstützung von Familien
in konflikthaften Trennungen durch Fachkräfte in Kindertagesstätten
herausgearbeitet werden.

8
1.2 Aufbau
Beginnen
möchte
ich
diese
Ausarbeitung
mit
theoretischen
Hintergrundinformationen bezüglich der Familienzusammensetzungen in
Deutschland und den identifizierten Gründen und Ursachen der erhöhten
Scheidungsrate in den letzten Jahrzehnten (Kapitel 2). Daran anschließend
möchte ich aufzeigen, welche Beeinflussung eine konflikthafte elterliche
Trennung für Kinder haben kann (Kapitel 3). Zur Beantwortung dieser Frage
muss zunächst einmal die Komplexität solch eines Trennungs- und
Scheidungsprozesses näher ausgeführt werden. Dabei werde ich zunächst
einmal die Wichtigkeit verlässlicher Eltern-Kind-Beziehungen beschreiben, um
im zweiten Schritt zu veranschaulichen, was eine Trennung für Kinder gerade in
Bezug auf Bindungssicherheit und Beziehungsverlässlichkeit bedeutet. Da eine
konflikthafte Trennung für Kinder besonders belastend ist, sollen im Folgenden
die Gründe näher beschrieben und mögliche Auswirkungen auf die kindliche
Entwicklung aufgeführt werden. Abschließen werde ich dieses Kapitel mit
konstruktiven Bewältigungsmöglichkeiten.
Kapitel 4 beschäftigt sich mit den staatlichen Anforderungen an
Kindertageseinrichtungen innerhalb des Settings
staatlicher Hilfsangebote
bezüglich für von Trennung und Scheidung betroffene Familien. Hierbei soll
näher auf die im SGB VIII verankerten Hilfen für Familien in Trennungskrisen
und auf die Empfehlungen des hessischen Bildungsplans bezüglich der
Scheidungsbewältigung im Kontext von Transitionen eingegangen werden.
In Kapitel 5 werden nun pädagogische Unterstützungsmöglichkeiten aufgrund
der in den vorherigen Kapiteln herausgearbeiteten entwicklungspsychologischen
Bedürfnisse von Eltern und Kindern und Anforderungen des Staates
zusammengefasst. Dies beginnt zunächst mit der Beobachtung der
Verhaltensweisen, bevor es im direkten pädagogischen Handeln bezüglich der
Emotionsregulierung und Aufarbeitung schwierig zu bewältigender Ereignisse
geht. Auch die eigene pädagogische Haltung und die Zusammenarbeit mit den
Eltern sollen hierbei nicht fehlen.

9
Kapitel 6 beschäftigt sich mit den Grenzen der pädagogischen Unterstützung.
Hierbei werden strukturelle, qualitative und personelle Hinderungsgründe näher
aufgeführt.
Abschließen soll diese Arbeit mit einer allgemeinen Handlungsempfehlung zur
Verbesserung der qualitativen Arbeit aufgrund fachtheoretischer und
struktureller
Mängel
und
anschließend
mit
einer
praktischen
Handlungsempfehlung für Fachkräfte, welche mit Familien in konflikthaften
Trennungen innerhalb ihrer Einrichtung konfrontiert sind.
Abgerundet wird diese Ausarbeitung mit einem kurzen Fazit und Ausblick.
2 Trennung und Scheidung aus sozialwissenschaftlicher
Perspektive
Um zu verstehen, was Trennung und Scheidung für Eltern und ihre Kinder
bedeutet, bedarf es eines umfassenden Blicks auf dieses Ereignis (vgl.
Figdor/Pröstler 2000: S. 67). Dazu ist es zunächst einmal wichtig, sich der
Bedeutung von Familie und anderer familiärer Formen in der Gesellschaft zu
vergegenwärtigen, um eine Einordnung dieses Ereignisses
aus
sozialwissenschaftlicher Perspektive vorzunehmen.
2.1 Pluralität familialer Formen
Befragt man Jugendliche zu ihren Zukunftsvorstellungen von Familie, so ist das
Heiraten eines gegengeschlechtlichen Partners und die Gründung einer Familie
für eine überwiegende Mehrheit auch heute noch ein erstrebenswertes
Lebensziel (vgl. Bodenmann 2013: S. 20). Das Ideal einer gutbürgerlichen
Familie, welche lebenslangen Bestand hat, scheint es also auch weiterhin noch
zu geben.
Zu einem gesellschaftlichen Leitmodell wurde die Heirat mit anschließender
Familiengründung im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Immer
mehr Menschen hatten damals die Möglichkeit eine eigene Familie zu gründen.
Die Ehepartner blieben dabei bis zum Lebensende miteinander verheiratet.

10
Trotz des auch heute noch erkennbaren Ideals der Ausprägung der Familie
kann man heutzutage eine vielfache Auflösung dieser Lebensform und die
Ausgestaltung anderer Lebensformen beobachten (vgl. Huinink 1999: S. 23).
Denn in demographischen Daten zeigt sich eine Vielfalt postmoderner
Familienmodelle durch eine Zunahme nichtehelicher Lebensgemeinschaften,
sinkenden Heiratszahlen, steigenden Scheidungsziffern und sinkenden
Wiederheiratszahlen (vgl. Winkelmann 2005: S. 3).
Trennungen und auch Scheidungen gehören somit mittlerweile zur
gesellschaftlichen
und
familiären
Realität
unserer
westlichen
Industriegesellschaft und sind nicht mehr, wie früher, stigmatisierend. (vgl. Stett
2009: S. 104). Dies führt dazu, dass sich auch der Begriff der Familie wandelte.
So definierten in den achtziger Jahren noch Vertreter der juristischen und
psychologischen Profession Familie als lebenslange verheiratete Partnerschaft
mit gemeinsamen leiblichen Kindern (vgl. Huinink 1999: S. 21). Die Pluralität
heutiger Familienformen lässt diese enge Definition jedoch nicht mehr zu.
Entschließen sich nun Familien mit Kindern zu einer Trennung, so können nun
weitere unterschiedlichste Familienkonstellationen daraus entstehen. In der
Regel geht dies zunächst mit einer Ein-Eltern-Familie einher, in der das Kind bei
einem Elternteil dauerhaft wohnt, und den anderen Elternteil regelmäßig
besucht. Momentan wird in der Forschung aber auch kontrovers über das
Wechselmodell diskutiert, bei dem das Kind jeweils abwechselnd bei beiden
Elternteilen über eine identische Zeitspanne hinweg lebt (vgl. Czernin 2013: S.
6). Gehen die Eltern wieder neue Partnerschaften ein, so wachsen Kinder in
Fortsetzungsfamilien auf, welche Stiefeltern, Stiefgeschwister oder
Halbgeschwister umfassen können.
Kinder wachsen somit in einer Gesellschaft vielfältiger familiärer Lebensformen
auf, die mittlerweile alle in ihrer jeweiligen Ausprägungen auch eine
gesellschaftliche Akzeptanz erfahren haben. Hierbei kann es vorkommen, dass
Kinder verschiedene Familienmodelle während ihres Aufwachsens durchleben.

11
2.2. Ursachen für den Anstieg von Trennungen und Ehescheidungen
Genau wie die Gründe für das Eingehen einer Partnerschaft sehr individuell
sind, so sind auch die Gründe für das Ende derselben verschiedenster
persönlicher Natur. Festhalten kann man jedoch, dass das
Ideal einer heutigen
Ehe ist mit vielen Erwartungen an Männer und Frauen verknüpft ist, welche
oftmals unklar und überfordernd sind und in vielen Fällen zu Enttäuschungen
führt (vgl. Bodenmann 2013: S. 183).
Ist die erste Zeit der Ehe noch durch einen hohen Grad an Romantik geprägt, so
kommen Männer und Frauen vor allem in der Phase der Familiengründung in
einen Grundkonflikt zwischen dem Erreichen des Ideals eines gemeinsamen
Familienlebens und dem Anspruch auf ein freies, unabhängiges Ausagieren
eigener und medial vermittelter Wünsche und Bedürfnisse. Diese kollidierenden
Bedürfnisse müssen nun individuell von Familie zu Familie je unterschiedliche
gelöst werden. Dafür ist eine Kompromissbereitschaft notwendig, um für beide
Partner eine stimmige Einigung finden zu können. Ist diese nicht gegeben oder
verharren beide Partner auf ihren jeweiligen Positionen, so führt dies oft zu
Unzufriedenheit und Frustration bei mindestens einem der Partner (vgl. ebd.: S.
189). Der alltägliche Stress und zu hohe Erwartungen an Partnerschaft und Ehe
hinsichtlich des Glücks und der Geborgenheitssehnsüchte und ein defizitäres
Kommunikationsverhalten können weitere Ursachen für Frustration und innere
Abkehr von der gemeinsamen Partnerschaft sein (vgl. Stett 2009: S. 104).
Problematisch ist dabei, dass gerade der Alltagsstress nur schleichend zu
negativen Veränderungen führt. Diese bleibt häufig lange Zeit unbemerkt, führt
aber zu einer gravierenden Negativdynamik (vgl. Bodenmann 2013: S. 177).
Aus einer ursprünglichen Faszination kann es nun zu einer kontinuierlichen
Verschlechterung der Beziehungsqualität kommen, da die ehemalige
Begeisterung einer emotionalen Entfremdung, einem abnehmenden
Sexualleben sowie einer biographische Entwicklungsschere weichen. Dies
macht anfälllig für neue Partnerschaften, die einen neuen Kick zu versprechen
scheinen (vgl. Bodenmann 2013: S. 220).

12
Durch die gestiegene gesellschaftliche Akzeptanz von Ehescheidungen und weil
enge soziale Beziehungen und Bindungen nicht mehr durch traditionelle
Normen und Rollenvorgaben in gleichem Maße wie früher stabilisiert werden,
sind Partnerschaften in ihrer Beständigkeit und Stabilität immer gefährdeter
(Huinink: 1999, S. 27). Der eigene Beruf, welcher ein eigenes Einkommen mit
sich bringt, erzeugt zudem eine zunehmende Unabhängigkeit der Frauen, die es
ihnen erleichtert, nicht aus Abhängigkeitsgründen bei dem Partner zu bleiben
(Winkelmann 2005: S. 7).
So kommt es, dass in den letzten Jahren eine kontinuierlich wachsende Zahl an
Ehescheidungen und Trennungen registriert wurde.
2.3. Scheidungsquoten in Deutschland
Im Jahr 2014 verzeichnete das statistische Bundesamt 166 200 Scheidungen
(vgl. statistisches Bundesamt Wiesbaden 2015: S. 45). Die Scheidungsquote in
städtischen Gebieten ist dabei höher, als in ländlichen Gebieten. Bei etwa der
Hälfte der Fälle waren minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern
betroffen. In absoluten Zahlen waren dies 134 800 Kinder. Dabei lebten 2014
rund 1,6 Millionen Minderjährige Kinder mit einem alleinerziehenden Elternteil
zusammen. Hierbei wurde ein Anstieg von 4% innerhalb der letzten zehn Jahre
in dieser Lebensform verzeichnet (vgl. statistisches Bundesamt 2015: S. 47).
Das im Jahr 1998 verabschiedete Kindschaftsrechtsreformgesetz betont, dass
nach einer Scheidung beide Eltern die elterliche Verantwortung und Sorge für
das Kind haben (vgl. Sünderhauf 2013: S. 33) Dies sollte in gegenseitigem
Einvernehmen zum Wohle des Kindes ausgeübt werden. In etwa 90% der Fälle
verbleiben die Kinder weiterhin bei der Mutter. So bestehen Ein-Eltern-Familien
in der Regel aus Müttern mit ihren Kindern (vgl. Stett 2009: S. 105).
Rund zehn Prozent der Kinder aus Scheidungsfamilien sind von multiplen
Scheidungen betroffen (vgl. Bodenmann 2013 196). Da die Trennungen von
nichtehelichen Lebensgemeinschaften statistisch nicht erfasst werden, erhöht
sich die Zahl der Kinder, welche eine Trennung ihrer Eltern miterleben um ein
Vielfaches. Es ist zu mutmaßen, dass die Instabilität nichtehelicher
Partnerschaften mit Kindern die Instabilität ehelicher Beziehungen mit großer

13
Wahrscheinlichkeit übersteigt (vgl. Winkelmann 2005: S. 5). So gehen Fachleute
davon aus, dass innerhalb der ersten fünf Jahre ihres Lebens etwa 20% der
Minderjährigen mindestens eine Trennung ihrer Eltern miterleben (vgl. LSVJ
2008: S.24).
Bezüglich meiner Arbeit möchte ich darauf hinweisen, dass ich im Folgenden
keine Differenzierung mehr bezüglich Trennung und Scheidung vornehmen
werde, da das psychische Erleben und die Folgen sich für Kinder hierbei nicht
grundlegend unterscheiden.
2.4 Ökonomische Umbrüche bei Ein-Eltern- Familien
Die Reorganisation nach einer Trennung erfordert vielfache Adaptionsleistungen
von Kindern und Eltern. Charakteristisch für Ein-Eltern-Familien ist, dass es zu
einer Verschlechterung der finanziellen Situation kommt. Es müssen nun von
den Eltern zwei Haushalte finanziert werden, die Partner befinden sich nicht
mehr in Steuerklasse III, sondern in Steuerklasse I und es muss vom außerhalb
der Familie lebenden Elternteil Unterhalt gezahlt werden. Kinder, die bei ihren
Müttern bleiben, sind dabei stärker von finanziellen Einbußen betroffen (vgl.
Sünderhauf 2013: S. 38). Möglicherweise muss die Mutter, welche vorher nicht
erwerbstätig war, nun einen Job annehmen, um sich zu versorgen. Somit steht
sie in dieser Phase ihren Kindern nicht mehr so intensiv zur Verfügung, wie
vorher. Ein-Eltern-Familien sind statistisch gesehen überdurchschnittlich
proportional armutsgefährdet (vgl. statistisches Bundesamt 2015: S. 127). Dies
stellt eine weitere tiefgreifende Belastung dar, denen sich Familien nach
Trennungen stellen müssen.
3 Veränderungen der Eltern-Kind-Beziehung nach konflikthaften
Trennungen und deren Auswirkungen auf die Kinder
In diesem Kapitel soll nun erläutert werden, wie sich die Beziehungen der Eltern
zu dem Kind durch eine Trennung ändern können und welche psychosozialen
Auswirkungen dies auf Kinder haben kann. Dafür soll zunächst einmal geklärt
werden, welch grundlegenden Schutz- und Geborgenheitsraum die Eltern
Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Familien in konflikthaften Trennungen. Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung durch pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
1,5
Autor
Jahr
2016
Seiten
62
Katalognummer
V375397
ISBN (eBook)
9783668528260
ISBN (Buch)
9783668528277
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Scheidung, Trennung, Konflikt, Kindertagesstätte, Kita, konflikthafte Trennung, Auffälligkeiten, Bewältigungsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Angela Sachse (Autor), 2016, Familien in konflikthaften Trennungen. Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung durch pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375397

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