So manch einer mag meinen, die Frage danach, ob es innerhalb der Trinität so etwas wie eine Rangfolge oder ein leitendes Subjekt gebe, sei von nebensächlicher Bedeutung, was den Glaubens- und Gemeindealltag anbelangt, und sehr praxisfern. Doch dieser erste Eindruck täuscht gewaltig: Hinter dieser Fragestellung steckt im Grunde das Bedürfnis, herauszufinden, ob es sich bei hierarchischer Leiterschaft um ein göttliches Prinzip, das deshalb selbst bei den innertrinitarischen Beziehungen vorzufinden ist, handelt oder vielmehr um rein menschliche Strukturen, welche für unser irdisches Zusammenleben notwendig oder - aus eben diesem Grund - nicht wünschenswert sind. Antworten auf diese Problematik beeinflussen nun nicht nur persönliche Beziehungen und das eigene Gottesbild, sondern sind auch für die Ekklesiologie entscheidend: In welcher Weise sollen christliche Gemeinden geleitet werden – monarchisch oder kollegial? Mit welcher Form der Kirchenleitung kommt man dem Wunsch Gottes für seine Kirche näher?
Die Relevanz dieser Thematik ist bei den heutigen Diskussionen um die richtige Form von Leiterschaft kaum zu übersehen. Während viele junge Kirchen ihre „Erfolgsstrategie“ in einer starken, monarchischen Leiterschaft sehen, warnen andere massiv vor autoritären Strukturen und plädieren für presbyteriale oder synodale Ordnungen – die Überzeugungen scheinen immer weiter auseinander zu gehen. Um mehr Verständnis über diese Entwicklungen zu bekommen und Gottes Wesen besser zu verstehen, sollen also in dieser Arbeit die innertrinitarischen Beziehungen auf eine mögliche hierarchische Struktur hin untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Relevanz des Themas: Folgen für das Verständnis von Leiterschaft und Gemeindestrukturen
2 Die Frage nach einer Rangfolge innerhalb der Trinität
2.1 Definition und Abgrenzung der Fragestellung
2.2 Jürgen Moltmanns Ansatz in "Trinität und Reich Gottes"
2.2.1 Grundzüge der sozialen Trinitätslehre Moltmanns
2.2.2 Ablehnung einer monarchischen Trinität
2.3 Kritische Auseinandersetzung
2.3.1 Biblischer Befund
2.3.2 Interpretation
3 Konsequenzen für Gemeindestrukturen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, ob innerhalb der christlichen Trinitätslehre – entgegen Jürgen Moltmanns sozialer Trinitätslehre – eine hierarchische Rangfolge oder eine leitende Funktion des Vaters existiert, und leitet daraus Implikationen für die Struktur christlicher Gemeinden ab.
- Analyse der sozialen Trinitätslehre von Jürgen Moltmann
- Biblische Untersuchung der innertrinitarischen Beziehungen
- Diskussion über das Verhältnis von Liebe, Herrschaft und Unterordnung
- Ablehnung der Vorstellung einer "führungslosen" Trinität
- Reflektion über die Übertragbarkeit göttlicher Ordnungen auf Gemeindestrukturen
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Ablehnung eines monarchischen Gottesbildes
Ein wesentliches Merkmal dieser sozialen Trinitätslehre ist die Ablehnung eines autoritären, monarchischen Gottesbildes. Moltmanns grundsätzliches Bild wird von der Offenbarung eines dreieinigen Gottes durch die biblische Geschichte hinweg bestimmt – ihm zufolge ist sie nicht Werk eines einzigen Subjekts, sondern handelt schon im Neuen Testament von den trinitarischen Beziehungen des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes. Dieses trinitarische Gottesverständnis, das er als Kernstück des Christentums sieht, wird seiner Meinung nach stets davon bedroht, zugunsten des Monotheismus aufgelöst zu werden. So sei Trinität nur sozial, das heißt ohne eine monarchische Struktur oder Rangfolge, denkbar, da die Folge sonst in letzter Konsequenz eine Auflösung derselben und Rückgang auf ein rein monotheistischen Christentum wäre. Dieses widerspricht in Moltmanns Augen jedoch dem Zeugnis des Neuen Testamentes und ist deshalb unbedingt zu vermeiden.
Anstelle eines von Herrschaft und Unterordnung geprägten Reiches sieht er dort vielmehr ein von der liebevollen Vaterschaft Gottes bestimmtes Reich Gottes verkündigt. Er lehnt den monotheistischen Herrschafts-Gedanken eines Subjekts ab, da auch das Reich Gottes weniger durch eine monarchische Struktur als durch die Beziehung Gottes als Vater zu seinem gekreuzigten Sohn definiert werde. Moltmann folgert: „In diesem Reich wird nicht nach Gehorsam und Unterordnung, sondern nach Liebe und freier Teilnahme gefragt.“
Damit lehnt er nicht nur den christlich-monotheistischen Gedanken in seiner Extremform des Subordinatianismus ab. Auch bei Tertullian, eine der entscheidenden Persönlichkeiten in der Entwicklung des Trinitätsgedanken, kritisiert Moltmann, dass der Gedanke der Einheit gegenüber dem Gedanken der Dreieinigkeit doch wieder überhandnimmt. Tertullian betrachtet Vater, Sohn und Heiliger Geist als drei Individualitäten derselben Materie, bleibt aber bei einem monarchischen Gottesbild, demzufolge sich Jesus und der Geist dem Vater unterordnen. Für Moltmann ist diese Sichtweise allerdings nicht zulässig, da der Kirchenvater lediglich voraussetzt, dass Gott einer, nicht aber eins ist. Ist Gott dagegen eins, und nicht nur einer, so ist die monarchia des Vaters ihm zufolge nicht vertretbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Relevanz des Themas: Folgen für das Verständnis von Leiterschaft und Gemeindestrukturen: Dieses Kapitel begründet die Notwendigkeit der Untersuchung, da die Sicht auf die Trinität maßgeblich das Verständnis menschlicher Leitungsstrukturen und die Ekklesiologie beeinflusst.
2 Die Frage nach einer Rangfolge innerhalb der Trinität: Hier werden die theoretischen Grundlagen gelegt, indem Moltmanns "Soziale Trinitätslehre" dargestellt und kritisch hinterfragt wird, wobei insbesondere die Frage nach der Rangfolge im Vordergrund steht.
3 Konsequenzen für Gemeindestrukturen: Das Kapitel schließt die Untersuchung ab, indem es die gewonnenen Erkenntnisse über hierarchische Ordnungen in der Trinität auf die Praxis und Organisation christlicher Gemeinden anwendet.
Schlüsselwörter
Trinität, Jürgen Moltmann, soziale Trinitätslehre, monarchisches Gottesbild, Leiterschaft, Gemeindestrukturen, Subordinatianismus, Perichoresis, biblische Hermeneutik, Rangfolge, Vaterschaft Gottes, Ekklesiologie, Unterordnung, Liebesgemeinschaft, biblischer Befund.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob es innerhalb der Trinität eine hierarchische Rangfolge gibt und inwiefern diese Frage Auswirkungen auf das Verständnis von Leiterschaft in christlichen Gemeinden hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die trinitarische Theologie, insbesondere der Ansatz von Jürgen Moltmann, sowie deren praktische Anwendung auf kirchliche Organisationsformen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, kritisch zu prüfen, ob die biblischen Zeugnisse die von Moltmann postulierte "führungslose" Trinität stützen oder ob eine leitende Funktion des Vaters im ewigen Wesen Gottes angelegt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theologisch-systematische Untersuchung, die auf der Analyse dogmatischer Entwürfe sowie der Exegese biblischer Texte basiert.
Was ist der Kerngehalt des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert Moltmanns soziale Trinitätslehre, stellt ihr eine biblische Untersuchung zur Rolle des Vaters entgegen und bewertet diese kritisch hinsichtlich der Vereinbarkeit von Liebe und Herrschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Trinität, soziale Trinitätslehre, Leiterschaft, monarchisches Gottesbild und Gemeindestruktur geprägt.
Wie bewertet die Autorin Moltmanns Ablehnung eines monarchischen Gottesbildes?
Die Autorin sieht einen grundlegenden Fehler in Moltmanns Annahme, dass Leitung und Liebe Gegensätze seien, und argumentiert, dass biblische Unterordnung nicht im Widerspruch zu einer Liebesbeziehung steht.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit für die Praxis?
Da Hierarchien in der göttlichen Ordnung begründet seien, widerspricht die Arbeit Moltmanns Forderung nach einer rein presbyterialen oder synodalen Struktur und plädiert für die Anerkennung hierarchischer Leiterschaft.
- Quote paper
- Marina Hauth (Author), 2015, Die Frage nach einer Rangfolge innerhalb der Trinität anhand von Jürgen Moltmanns "Trinität und Reich Gottes", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375408