Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Chancen und Risiken für die Wirtschaftssubjekte im Euroraum


Bachelorarbeit, 2017

73 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank,
welche seit der Finanzkrise im Jahr 2007 und der Offenlegung der Schuldenkrise Grie-
chenlands im Jahr 2008 aufgrund ihrer unkonventionellen Maßnahmen erheblichen Span-
nungen ausgesetzt ist.
Das Ziel dieser Ausarbeitung ist es, diese Maßnahmen bezüglich Ihrer Eignung zu be-
werten sowie Chancen und Risiken der einzelnen Wirtschaftssubjekte im Euroraum zu
bestimmen. Hierzu wird die Ableitung einer Ursache-/Wirkungskette auf Basis der Ab-
sichten der Europäischen Zentralbank vorgenommen, welche anschließend hinsichtlich
Ihrer Validität untersucht werden kann.
Die Untersuchung der Wirtschaftssubjekte im Euroraum zeigt, dass diese erheblichen
Schwankungen in Bezug auf die Zielerreichung ausgesetzt sind. Während Griechenland
aufgrund seiner wirtschaftlichen Schieflage trotz der Interventionen der EZB keinen wirt-
schaftlichen Aufschwung erhalten hat und zeitweise sogar trotz der begünstigten Zins-
zahlungen seine Schulden nicht weiter senken konnte, da die finanziellen Mittel lediglich
eine Deckung der Zinszahlungen für Staatsanleihen ermöglichten, profitieren Länder wie
Deutschland und Irland von den niedrigen Hauptrefinanzierungssätzen und steigern
dadurch den Konsum der Haushalte, sowie die Investitionen der Unternehmen.
Da die in dem Vertrag von Maastricht festgelegte Verhaltensweise eine Finanzierung von
Staaten und Unternehmen verbietet, entstehen für die Institution Risiken. Durch die Zu-
lassung von Sicherheiten zur Vergabe von Anleihen auf dem Primärmarkt, welche nur
durch die EZB bewertet wurden, wird eine objektive Betrachtung nahezu unmöglich, da
eine Preisermittlung über den Markt übergangen wird. Durch den Ankauf von Anleihen
durch die EZB entsteht zudem das Problem, dass die Zinsen für diese reduziert werden.
Das wirkt sich auf staatlicher Seite in niedrigeren Zinszahlungen auf, zeigt sich auf un-
ternehmerischer Seite jedoch auch in möglichen negativen Renditen. Ein Kapitalzufluss
über den Verkauf einer Unternehmensanleihe mit dem Ergebnis, dass das Unternehmen
dafür Geld erhält stellt eine indirekte Finanzierung eines Unternehmens dar und verstößt
somit gegen die Vereinbarung über die Arbeitsweise der EZB. Die vorformulierten Ziel-
größen der Europäischen Zentralbank sind demnach kritisch zu bewerten, da Volatilitäten
innerhalb der Volkswirtschaften des Euroraums nicht in dem Ausmaß berücksichtigt wer-
den können.

Abstract
This thesis will deal with the monetary politics of the European Central Bank, which has
been under a lot of pressure since the financial crisis of 2007 and the disclosure of the
Greek crisis in 2008 for its unconventional methods and measures.
The main aim of this paper is to analyze and assess these methods and measures regarding
their suitability, as well as to determine the chances and risks for the individual economic
entities within the euro zone. To this end there will be a derivation of a cause- and effect-
chain, based on the intentions of the European Central Bank, which shall afterwards be
under examination concerning its significance and valence.
The scientific investigation of the individual economic entities within the euro zone
shows, that those have been inflicted by fluctuations regarding the target achievement
control. Greece has experienced no economic upswing despite the interventions and
measures of the European Central Bank because of its financial difficulties and tempo-
rarily even had to lower their debts even further because they could not meet the target
payments despite the low interest rates. However other European countries, such as Ger-
many and Ireland profited from the low main refinancing rates and were able to enhance
the households' consume as well as the companies' investments.
The Maastricht Treaty determined that the financing of states and companies is prohibited
and so risks arose for the institution. By allowing collaterals and securities to assign bonds
on the primary market, which had been only rated by the European Central Bank, an
objective consideration has become close to impossible, because a `natural' price fixing
by the market is disregarded.
Another issue is produced by large purchases of bonds by the European Central Bank,
which reduces interest rates even further. On the public side this results in low payments
of interest, yet on the business side it may be reflected by the possibility of negative rates
of return. An influx of capital through sales of cooperate bonds with the result that the
company receives money, is indeed an indirect way of financing for the company and by
that breaches the agreement on the working methods and measures of the European Cen-
tral Bank. Therefore, those pre-formulated target quantities for the European Central
Bank are to be judged and observed critically, as volatilities within the national economies
within the euro zone are not considered in an appropriate extent.

- 4 -
I
Inhaltsverzeichnis
II
Abbildungsverzeichnis
6
III
Tabellenverzeichnis
7
IV
Abkürzungsverzeichnis
8
1
Einleitung
10
2
Die Europäische Zentralbank als Institution
11
2.1
Historischer Werdegang
11
2.2
Zusammensetzung der Institution
12
2.3
Geldpolitik
14
2.3.1
Ziele und Aufgabenbereiche
14
2.3.2
Notwendigkeit eines stabilen Preisniveaus
15
2.4
Zusammensetzung der Geldmenge im Euroraum
17
3
Analyse der ökonomischen Beschaffenheit des Euroraums
19
3.1
Motive und Einflussfelder der Europäischen Zentralbank
19
3.2
Unkonventionelle Maßnahmen der Geldpolitik
23
3.2.1
Änderung des Zinstender-Verfahrens
23
3.2.2
Änderung der Fristen für Refinanzierungsgeschäfte
24
3.2.3
Erweiterung des Sicherheitsrahmens
25
3.2.4
Emergency Liquidity Assistance
26
3.2.5
Erwerb von Pfandbriefen
27
3.2.6
Erwerb von Staatsanleihen
27
3.3
Entwicklung der Inflationsraten
29
3.4
Entwicklung der Arbeitslosenzahlen
30
3.5
Entwicklung der Bruttoinlandprodukte
33
3.6
Entwicklung der Staatsverschuldungen
34
3.6.1
Zusammenhang zwischen der Verschuldung
von Banken und Staaten
34
3.6.2
Konvergenzkriterien des Vertrags von Maastricht
35
3.6.3
Verschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt
36
3.6.4
Der Europäische Stabilitätsmechanismus
37
3.7
Entwicklung der Zentralbankgeldmenge
40

- 5 -
4
Auswirkungen auf die Wirtschaftssubjekte im Euroraum
42
4.1
Private Haushalte
43
4.1.1
Zusammenhang zwischen Sparen und Konsum
43
4.1.2
Änderung des Spar- und Konsumverhaltens im Euroraum
44
4.1.3
Änderung des Spar- und Konsumverhaltens in Deutschland
46
4.1.4
Änderung des Spar- und Konsumverhaltens in Griechenland
48
4.2
Öffentliche Haushalte
51
4.3
Private Unternehmen
53
4.3.1
Faktoren zur Beeinflussung der Liquidität
53
4.3.2
Investitionsverhalten
54
4.3.3
Implikationen auf den Arbeitsmarkt
56
4.4
Öffentliche Unternehmen
58
5
Fazit
60
V
Literaturverzeichnis
62

- 6 -
II Abbildungsverzeichnis
Abb. 1:
Abgrenzung zwischen Euroraum und ESZB
12
Abb. 2:
Komponenten des Preisindex für die Lebenshaltung im Jahr 2005 16
Abb. 3:
Klassifikation der Geldmengen
18
Abb. 4:
Das IS-LM-Modell und die Liquiditätsfalle
20
Abb. 5:
Ursache-Wirkungskette der Geldpolitik der EZB
21
Abb. 6:
Volumen der Offenmarktgeschäfte der EZB von April 2015
bis April 2017
24
Abb. 7:
Bei der EZB hinterlegte Sicherheiten
25
Abb. 8:
Notfall-Liquiditätshilfe des Eurosystems in Milliarden Euro
26
Abb. 9:
Bestand der von der EZB im Rahmen des SMP aufgekauften
Staatsanleihen von Januar 2011 bis April 2017
28
Abb. 10:
Jährliche Inflation im Euroraum und in der EU (in %)
30
Abb. 11:
Arbeitslosenquote für den Euroraum und die EU28
31
Abb. 12:
Arbeitslosenquote auf Basis der Erwerbspersonen
für Deutschland, den Euroraum und Griechenland
32
Abb. 13:
Entwicklung des BIP in Euro pro Kopf im Euroraum
33
Abb. 14:
Beziehung zwischen der Verschuldung von Banken und Staaten 34
Abb. 15:
Staatsverschuldung von 2007 bis 2017 in Relation zum BIP
in Griechenland
36
Abb. 16:
Staatsverschuldung in den Mitgliedsstaaten im 4. Quartal 2016
in Relation zum BIP
37
Abb. 17:
Kapitalstruktur des ESM
39
Abb. 18:
Zentralbankgeldmenge und die Geldmenge M3
im Euroraum von 2007 bis 2013
41
Abb. 19:
Sparquote der privaten Haushalte im Euroraum von 2005
bis 2016
44
Abb. 20:
Verfügbares Einkommen der privaten Haushalte in
Deutschland von 2010 bis 2016
47
Abb. 21:
Entwicklung der Reallöhne von 2010 bis 2016
(gegenüber dem Vorjahr)
49
Abb. 22:
Verteilung der monatlichen Einkommen auf die
gesamten Haushalte Griechenlands
51

- 7 -
Abb. 23:
Haushaltssaldo des Euroraums, Griechenlands und Italiens
von 2010 bis 2016 in Relation zum BIP
52
Abb. 24:
Zweipoliger Einkommenskreislauf mit Vermögensänderung
54
Abb. 25:
Veränderung der Bruttoanlageinvestitionen ausgewählter
Länder
55

- 8 -
III Tabellenverzeichnis
Tab. 1:
Sparen der privaten Haushalte, Reinvermögensänderung
und Verschuldung
45
Tab. 2:
Preisbereinigtes Gebrauchsvermögen privater Haushalte
in Deutschland
48

- 9 -
IV Abkürzungsverzeichnis
AEUV
Arbeitsweise der europäischen Union
BIP
Bruttoinlandsprodukt
CBPP
Covered Bond Purchase Programme
COICOP
Klassifikation der Verwendungszwecke nach Individualverbrauch
EFSF
Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität
EFSM
Europäischen Finanzstabilisierungsmechanismus
ELA
Emergency Liquidity Assistance
ELSTAT
Griechisches Statistisches Amt
ESM
Europäischer Stabilitätsmechanismus
ESZB
Europäisches System der Zentralbanken
Eurostat
Statistisches Amt der Europäischen Union
EVPI
Europäischer Verbraucherpreisindex
EWWU
Europäische Wirtschafts- und Währungsunion
EZB
Europäische Zentralbank
HVPI
Harmonisierter Verbraucherpreisindex
i
Nominalzins
IWF
Internationaler Währungsfond
KMU
Kleine und mittlere Unternehmen
OMT
Outright Money Transactions
S
Ersparnisse der Konsumenten
SMP
Securites Markets Programme
T
Steuern
VGR
Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
VPI-EWU
Verbraucherpreisindex für die Europäische Währungsunion
Y
Einkommensniveau
Y
V
Verfügbare Einkommen

- 10 -
1 Einleitung
,,Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro.
And believe me, it will be enough"
1
Seit der globalen Finanzkrise, die im Jahr 2007 begann, befinden sich Zentralbanken in
einem Spannungsfeld zwischen der Sicherung eines stabilen Preisniveaus und der kriti-
schen Bewertung der geldpolitischen Instrumente von außen. Im März des Jahres 2016
senkte die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals den Hauptrefinanzierungssatz auf
0%, erhöhte zudem die Volumina der monatlichen Ankäufe von Vermögenswerten auf
80 Mrd. und erwarb erstmals Unternehmensanleihen.
2
Diese geldpolitischen Eingriffe
in das Wirtschaftssystem hatten Auswirkungen auf die verschiedenen Wirtschaftssub-
jekte innerhalb der Europäischen Union. Diese Wirtschaftssubjekte unterteilen sich in die
privaten und öffentlichen Haushalte sowie in die privaten und staatlichen Unternehmen.
3
Inwiefern diese Auswirkungen sich in positiven oder negativen Externalitäten ausdrü-
cken, wird in dieser Ausarbeitung thematisiert.
Ziel dieser Arbeit ist es, auf Basis der Verhaltensweisen der EZB eine Chancen-/ Risiken-
Bewertung für Wirtschaftssubjekte im Euroraum aufzustellen, die eine Eignung der geld-
politischen Instrumente bewertet. Hierzu wird zunächst die Institution der Europäischen
Zentralbank hinsichtlich ihres historischen Werdegangs, der Zusammensetzung der Insti-
tution Ziele und Aufgabenbereiche näher beschrieben, um anschließend die aktuelle wirt-
schaftliche Lage des Euroraums zu analysieren. Hierbei wird sich im Wesentlichen auf
die Inflationsraten, die Bruttoinlandsprodukte der einzelnen Staaten im Euroraum, sowie
auf die Entwicklung der Staatsverschuldungen konzentriert. Anschließend kann eine in-
tegrative Betrachtung der aktuellen wirtschaftlichen Lage der Wirtschaftssubjekte in Be-
zug auf die Auswirkungen verschiedener geldpolitischer Instrumentarien erfolgen. Der
Fokus liegt hierzu auf den oben angeführten unkonventionellen Maßnahmen, denen eine
anvisierte Ursache-Wirkungskette unterliegt. Aus der Analyse werden Chancen und Ri-
siken abgeleitet, die eine Betrachtung verschiedener Zukunftsszenarien ermöglichen.
1
Draghi [2012], o.S.
2
Vgl. Europäische Zentralbank [2016a], o.S.
3
Vgl. Pollert/Kirchner/Polzin [2010], S. 58.

- 11 -
2 Die Europäische Zentralbank als Institution
Um eine Analyse der Chancen und Risiken zu ermöglichen, wird im Folgenden zunächst
auf den Werdegang der EZB eingegangen sowie deren Aufbau, Ziele und Aufgabenbe-
reiche näher beleuchtet. Dies ist notwendig, um die Motive der durchgeführten geldpoli-
tischen Maßnahmen zu verstehen. Um eine Erläuterung der gesamtwirtschaftlichen Aus-
wirkungen der Geldpolitik im späteren Verlauf zu ermöglichen, wird zudem auf den Be-
griff der Geldmenge eingegangen.
2.1 Historischer Werdegang
Die Voraussetzung für das Leitbild einer länderübergreifenden Geldpolitik wurde am 01.
Januar 1958 durch die Römischen Verträge erfüllt.
4
Der vertragliche Zusammenschluss
von Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und den
Niederlanden legte den Grundstein für die darauffolgende Entwicklung zur Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) im Jahr 1999.
Die EWWU beabsichtigte ne-
ben der Ermöglichung eines länderübergreifenden freien Kapitalverkehrs eine einheitli-
che Währung für alle Mitgliedsstaaten. Um dieses Projekt zu realisieren, gründete die
EWWU im Jahr 1999 das Europäische System der Zentralbanken (ESZB).
5
Seit diesem
Zeitpunkt übernimmt das ESZB zentrale Aufgaben für die Geld-und Währungspolitik in-
nerhalb der Eurozone.
6
Das ESZB umfasst zum einen die EZB sowie auch die Zentralbanken aller 28 europäi-
schen Mitgliedstaaten. Neben dem ESZB besteht auch das Eurosystem, welches ebenso
die EZB beinhaltet sowie die Zentralbanken der 19 Mitgliedsstaaten der EU, die den Euro
als Zahlungsmittel eingeführt haben. Dieses existiert solange neben der ESZB, bis der
Euro von allen europäischen Mitgliedsstaaten übernommen wird.
7
Dieser Sachverhalt ist
in Abbildung 1 noch einmal verdeutlicht. Mit dem 01. Januar 1999 wurden die Umrech-
nungskurse der ersten elf Mitgliedsstaaten der Währungsunion festgelegt. Die EZB war
ab diesem Zeitpunkt für die Durchführung einer einheitlichen Geldpolitik im Euroraum
verantwortlich.
8
4
Vgl. Wessels [2008], S. 23.
5
Vgl. Europäische Zentralbank [2017a], o.S.
6
Vgl. Wessels [2008], S. 319.
7
Vgl. Europäische Zentralbank [2017b], o.S.
8
Vgl. Europäische Zentralbank [1998a], S. 1.

- 12 -
Abb. 1: Abgrenzung zwischen Euroraum und ESZB
(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Europäische Zentralbank [2017b], o.S.)
2.2 Zusammensetzung der Institution
Die EZB lässt sich in vier Teilinstitutionen untergliedern. Dazu zählen der EZB-Rat, das
Direktorium, der erweiterte Rat und das Amt des Präsidenten. Diese arbeiten gemeinsam
mit den Landeszentralbanken aller EU-Länder zusammen und sind unterschiedlichen
Aufgaben untergeordnet, welche im Folgenden erläutert werden.
9
Der EZB-Rat ist das oberste Beschlussorgan der Europäischen Zentralbank und setzt sich
aus sechs Mitgliedern des Direktoriums und den Präsidenten der nationalen Zentralban-
ken des Euroraums zusammen. Der Rat übernimmt Aufgaben, die der EZB und dem Eu-
rosystem zugeschrieben sind. Hierzu zählen die Festlegung der Geldpolitik und das Er-
lassen von Beschlüssen zur Erreichung der festgelegten Ziele der EZB.
10
Der Präsident repräsentiert auf hochrangigen Tagungen und auf internationaler Ebene die
EZB. Seit dem 01. November 2011 bekleidet das Amt der Wirtschaftswissenschaftler
Mario Draghi. Die Entscheidungsmacht liegt jedoch nicht bei ihm alleine, denn es kann
zwischen verschiedenen Entscheidungsgremien differenziert werden.
11
9
Vgl. Europäische Zentralbank [2016b], S. 112.
10
Vgl. Europäische Zentralbank [2017c], o.S.
11
Vgl. Europäische Zentralbank [2017d), o.S.

- 13 -
Das Direktorium der EZB ist im Wesentlichen für die Überwachung der Tagesgeschäfte
der EZB zuständig und besteht aus dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten und vier wei-
teren Mitgliedern. Die genaue Zusammensetzung des Direktoriums wird durch die Staats-
und Regierungschefs des Euroraums für eine Amtszeit von acht Jahren bestimmt. Die
Hauptaufgaben liegen für das Direktorium in den Vorbereitungen für die Sitzungen des
EZB-Rats sowie im Ausüben bestimmter Aufgaben, welche vom EZB-Rat in Auftrag
gegeben werden. Dies jedoch nur unter der Prämisse, die Leitlinien der EZB bei der Aus-
führung der Geldpolitik zu beachten.
12
Entscheidungen, welche eine höhere Priorisierung aufweisen, werden durch den EZB-
Rat getroffen. Zu diesen Entscheidungen zählt innerhalb der strategischen Ausrichtung
auch die Leitzinspolitik. Der Rat besteht aus den Mitgliedern des Direktoriums und den
insgesamt 19 Präsidenten der Zentralbanken innerhalb des Euroraums. Elementar ist, dass
bei der Entscheidungsfindung, die Präsidenten der Zentralbanken nicht als Vertreter ihres
Landes agieren sollen, sondern als Vertreter des ESZB.
13
Der erweiterte Rat dient weniger als Instrument zur Entscheidungsfindung, sondern füllt
beratende und koordinierende Funktionen aus. Dazu zählen zum einen die Erhebung von
Daten, zum anderen auch die Erstellung des Jahresabschlussberichts. Ihm gehören der
Präsident und Vizepräsident der EZB an sowie die Präsidenten der Landeszentralbanken
innerhalb des ESZB.
14
12
Vgl. Europäische Zentralbank [2017e], o.S.
13
Vgl. Europäische Zentralbank [2017c], o.S.
14
Vgl. Europäische Zentralbank [2017f], o.S.

- 14 -
2.3 Geldpolitik
Die Geldpolitik ist unter aktuellen Gesichtspunkten seit der Finanzkrise im Jahr 2007
erheblichen Spannungen ausgesetzt.
15
Diese Ausarbeitung konzentriert sich innerhalb
dieses Spannungsfeldes auf den Aspekt der unkonventionellen Maßnahmen, welche in
Kapitel 3.2 näher erläutert werden. Ein weiterer Aspekt, der direkten Bezug zu diesen
Maßnahmen aufweist, ist die Senkung des Hauptrefinanzierungssatzes auf 0% seit März
2016.
16
Die dadurch intendierte volkswirtschaftliche Theorie und die damit verbundenen
Spannungen werden in Kapitel 3 thematisiert. Um ein grundsätzliches Verständnis für die
Notwendigkeit von Geldpolitik zu erhalten, findet eine Betrachtung der rechtlichen
Grundlagen für die Ziele und Aufgabenbereiche der EZB statt. Um die Bedeutung des
Preisniveaus herauszustellen, wird auf dieser Basis die Notwendigkeit eines stabilen
Preisniveaus erläutert.
2.3.1 Ziele und Aufgabenbereiche
,,Das vorrangige Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken (im Folgenden
,,ESZB") ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten. Soweit dies ohne Beeinträchtigung
des Zieles der Preisstabilität möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemeine Wirt-
schaftspolitik in der Union (...)".
17
Mit der vertraglichen Festlegung über die Arbeits-
weise der EZB innerhalb der europäischen Union sind der Institution Rahmenparameter
gegeben, innerhalb jener sie aktiv werden kann. Der Aspekt der Preisstabilität wird mit
der Zielgröße des Preisniveaus beschrieben und auf Basis des harmonisierten Verbrau-
cherpreisindex (HVPI) ermittelt.
18
Ein stabiles Preisniveau definiert die EZB als ,,unter,
aber nahe bei 2%"
19
­ somit konzentriert sich die Institution nicht auf das absolute Preis-
niveau, sondern auf die Veränderung über die Zeit und damit auf die Inflationsrate. Diese
Definition zeigt also den Fokus auf eine durchschnittliche Inflationsrate der Mitglieds-
staaten des Euroraums und weniger den Fokus auf jeden einzelnen Staat im Euroraum.
Wieso ein solches langfristiges Wachstum des Preisniveaus gewünscht ist, wird in Kapi-
tel 2.3.2 erläutert.
15
Vgl. Stark [2010], o.S.
16
Vgl. Deutsche Bundesbank [2017], S. 1.
17
Europäische Union [2012a], S. 185.
18
Vgl. Deutsche Bundesbank [o.J.a], o.S.
19
Europäische Union [2012a], S. 185.

- 15 -
Die grundlegenden Aufgaben des ESZB sind innerhalb des Vertrags über die Arbeits-
weise der Europäischen Union geregelt. Dieser sieht vor, dass die EZB die Aufgabe hat,
,,die Geldpolitik der Union festzulegen und auszuführen,
Devisengeschäfte im Einklang mit Artikel 219 durchzuführen,
die offiziellen Währungsreserven der Mitgliedsstaaten zu halten und zu verwalten,
das reibungslose Funktionieren der Zahlungssysteme zu fördern".
20
Die EZB legt somit die Geldpolitik fest, während die Zentralbanken diese umsetzen. Den
benannten Aufgaben und Zielen müssen Instrumente unterliegen, welche auch bei unkon-
ventionellen Maßnahmen die vertraglich festgelegten Rahmenparameter nicht restringie-
ren.
2.3.2 Notwendigkeit eines stabilen Preisniveaus
Der konstante Anspruch der EZB, ein Inflationsziel von annährend 2% zu erreichen, lässt
sich über einen Preisindex messen, welcher die Konsumgewohnheiten der Bürgerinnen
und Bürger auf eine einheitliche Zahl herunterbricht.
21
Abbildung 2 verdeutlicht anhand
eines Beispiels, dass diese Gewohnheiten zunächst klassifiziert und dann anteilig zur Er-
mittlung des Preisindex verrechnet werden. Die Ermittlung der Inflationsraten findet in-
nerhalb der EU mithilfe des harmonisierten Verbraucherpreisindex statt. Dieser misst die
Preisänderungen der von privaten Haushalten und Organisationen ohne Erwerbszweck
erworbenen Waren im Zeitverlauf.
22
Diese Änderungen werden nach Verwendungszwe-
cken des Individualverbrauchs klassifiziert (COICOP), sodass daraus Teilindizes für die
Verbraucherpreise abgeleitet werden können.
23
Diese Klassifizierung ermöglicht eine hö-
here Transparenz und ist exemplarisch in Abbildung 2 dargestellt. Die daraus ableitbaren
Inflationsraten werden monatlich durch das Statistische Amt der Europäischen Union
(Eurostat) erhoben und innerhalb eines Jahresvergleichs durch Durchschnittswerte ge-
glättet. Der HVPI findet innerhalb der EZB zum einen für die Ermittlung der Verbrau-
cherpreisindices für die Währungsunion (VPI-EWU) Anwendung, zum anderen für den
20
Europäische Union [2012a], S. 185.
21
Vgl. Bofinger [2011], S. 284.
22
Vgl. Deutsche Bundesbank [o.J.b], o.S.
23
Vgl. Eurostat [2016a], o.S.

- 16 -
Europäischen Verbraucherpreisindex (EVPI), der alle EU-Mitgliedsstaaten berücksich-
tigt.
24
Diese Arbeit konzentriert sich auf den VPI-EWU, da eine reine Betrachtung des
Euroraums Externalitäten von Wirtschaftssubjekten außerhalb dieses Raums minimiert.
Durch einen zeitlich konstanten Vergleich der Preisindizes auf Basis der in Abbildung 2
exemplarisch dargestellten Klassifikationen des Konsumverhaltens, können Änderungen
der Verbrauchsstruktur nicht zeitnah berücksichtigt werden. So wird das Konsumverhal-
ten durch reduzierte Preise am Markt direkt beeinflusst, jedoch nicht in der Ermittlung
der Preisindizes berücksichtigt. Die damit verbundenen Verzerrungen sollen durch das
Ziel einer Inflationsrate von 2% aufgefangen werden.
25
Abb. 2: Komponenten des Preisindex für die Lebenshaltung im Jahr 2005
(Quelle: Bofinger [2011], S. 280.)
24
Vgl. Schmidt [o.J.], o.S.
25
Vgl. Bofinger [2011], S. 284.
Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Chancen und Risiken für die Wirtschaftssubjekte im Euroraum
Hochschule
Hochschule Fresenius; Köln
Note
1.7
Autor
Jahr
2017
Seiten
73
Katalognummer
V375468
ISBN (eBook)
9783668528024
ISBN (Buch)
9783668528031
Dateigröße
1858 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geldpolitik, europäischen, zentralbank, chancen, risiken, wirtschaftssubjekte, euroraum
Arbeit zitieren
Thomas Jansen (Autor), 2017, Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Chancen und Risiken für die Wirtschaftssubjekte im Euroraum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375468

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