Christian Saehrendt. Kunst als Botschafter einer künstlichen Nation


Essay, 2015

7 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

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Wissenschaftliche Buchrezension
Christian Saehrendt, Kunst als Botschafter einer künstlichen Nation. Studien zur
Rolle der bildenden Kunst in der Auswärtigen Kulturpolitik der DDR (Pallas
Athene, Bd. 27), Stuttgart 2009.
197 Seiten. Gebundene Ausgabe. 34 Euro. ISBN 978-3-515-09227-2.
Pünktlich zum 60. Jahrestag der Gründung der DDR erschien 2009 Christian
Saehrendts Buch ,,Kunst als Botschafter einer künstlichen Nation. Studien zur
Rolle der bildenden Kunst in der Auswärtigen Kulturpolitik der DDR." Im
Zentrum seiner Analyse steht die Rolle der bildenden und insbesondere der
zeitgenössischen Kunst im Rahmen der auswärtigen Kulturpolitik der DDR,
welche vor allem die Schwerpunktländer Frankreich, Großbritannien, die USA
und die Bundesrepublik betrachtet. Dabei sollen die Besonderheiten der DDR-
Auslandskulturarbeit herausgestellt werden.
Eine auswärtige Kulturpolitik begleitet die Außenpolitik Deutschlands schon
seit 100 Jahren. Chronologisch beginnt Saehrendt bei den Anfängen und der
Professionalisierung der auswärtigen Kulturpolitik in der Weimarer Republik,
geht dann zu der Kunst in der auswärtigen Kulturpolitik des ,,Dritten Reiches"
und der Bundesrepublik bis 1989 über, um sich dann im Hauptteil auf die
Grundlagen und den Ausbau der auswärtigen Kulturpolitik und deren
künstlerische Entwicklung in der DDR zu fokussieren. In der Gegenwart
angekommen widmet sich Saehrendt im Ausklang seiner Studie der aktuellen
nationalen Repräsentation Deutschlands durch die Kunst.
Die deutsche Auslandspolitik ist schon in den Jahren vor der Veröffentlichung
dieses Buches gut erforscht worden, besonders hinsichtlich der
Institutionsgeschichte des auswärtigen Amtes, des Deutschen Akademischen
Austauschdienstes und des Institutes für Auslandsbeziehungen und des Goethe-
Instituts. Ludwig Linden, der damalige Leiter des Referates Kulturprogramme
im auswärtigen Amt Berlin, äußerte gegenüber Saehrendts Veröffentlichung,
dass die Frage die er untersuche, nämlich inwiefern die Politik das
Spannungsfeld zwischen der Freiheit der Kunst und den außenpolitischen

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Zielvorgaben beeinflusste, um ein bestimmtes Bild und Verständnis von
Deutschland zu erzeugen, oder ob vielleicht nur der Zeitgeist reflektiert wurde,
bisher wissenschaftlich nur vereinzelt behandelt worden sei, sodass seine
Studie eine Lücke schließe.
Die an Wissenschaftler und Studenten aus dem Bereich Geschichte, Kultur und
Politik gerichtete Studie beschäftigt sich des weiteren mit der Frage, an welche
auf die auswärtige Kulturpolitik bezogenen Traditionen der Weimarer Republik
und des ,,Dritten Reiches" die DDR anknüpfte und in welchem Umfang die
moderne Kunst als diplomatisches Mittel in den einzelnen Epochen eingesetzt
wurde. Gab es konzeptionelle Kontinuität oder verfolgte die DDR nach
sowjetischem Muster einen völlig anderen außenpolitischen Ansatz? Auf breiter
und akribisch aufgearbeiteter Literatur- und Quellenbasis, welche aus Akten,
Schriften, Briefwechsel, Gesprächen und Korrespondenzen besteht, widmet er
sich jedoch zentral den folgenden spezifischen Forschungsfragen: ,,Versuchte
die DDR in den 1970er und 1980er Jahren (...), positive Assoziationen von einer
Modernen und vielfältigen Kunst auf das eigene politische System zu
übertragen? Bot die bildende Kunst ein elegantes, erfolgreiches
Propagandainstrument (...)? (...) Welche Wirkung entfaltete die Kunst aus der
DDR in den westlichen Ländern? Hat sie gar das Leben des SED-Regimes
verlängert?" 15 Abbildungen, welche Denkmale, Plastiken, Monumente,
Gemälde und Architektur darstellen, werden äußerst interessant und
aufschlussreich untertitelt in das Buch eingebaut.
Saehrendt fragt in seiner Einleitung nach historischer Kontinuität bezüglich der
auswärtigen Kulturpolitik und widmet sich dieser Fragestellung in den ersten
drei Kapiteln seiner Studie. Er zeigt auf, dass die schon ein Jahrhundert
andauernde auswärtige Kulturpolitik Deutschland aufgrund von Kriegen,
Wirtschaftskrisen und Systemwechseln ohne Kontinuität oder Einheitlichkeit
auswärtiger kultureller Beziehungen begleitet. Im Ersten Weltkrieg und nach
Kriegsende kam es zu einem internationalen Boykott auf allen Feldern der
Kultur und Wissenschaft, welcher das deutsche Geistesleben der Weimarer
Republik völlig isolierte. Nach der Friedenskonferenz in Locarno und dem

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Eintritt in den Völkerbund war die Aufnahme von Kulturarbeit in den
ehemaligen Feindstaaten erstmals wieder möglich. Diese diplomatischen
Erfolge wirkten sich selbst zu Beginn des ,,Dritten Reiches" noch positiv aus, bis
sie durch totalitäre Umstrukturierung und Kriegsdrohungen wieder versiegten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr die deutsche Kulturdiplomatie in der
Bundesrepublik wieder eine Neuausausrichtung. Sie lenkte mit ihren
Außendarstellungen auch immer einen Blick nach innen, unter dem Dogma: Wie
bewertet uns wohl das Ausland nach der nationalsozialistischen Vergangenheit
und gelingt es uns den Systemkonflikt mit dem anderen deutschen Teilstaat zu
bestehen?
Erst ab dem vierten Kapitel fokussiert sich Saehrendt auf das zentrale Thema
seiner Studie, die Rolle der bildenden Kunst in der auswärtigen Kulturpolitik
der DDR. Im Rahmen der DDR-Auslandskulturarbeit stellte die bildende Kunst
anfangs keinen wichtigen Bereich dar. In vielen Staaten fand sich die DDR, die
als eine ,,eigenständige sozialistische Nation" anerkannt werden wollte, in
Konkurrenz zur Bundesrepublik gesetzt, welche an einem einheitlichen,
nationalen Kulturbegriff festhielt. Es kam zum deutsch-deutschen
kulturpolitischen Wettstreit in den westlichen und blockfreien Ländern. Die
bildende Kunst der DDR entwickelte sich zum wichtigen außenpolitischen
Instrument innerhalb dieses Wettbewerbs und auch innerhalb ihrer
internationalen Anerkennungspolitik. Die Kulturorganisationen der DDR
wurden auf die ideologische Auseinandersetzung mit dem Westen
eingeschworen. Die gegen Westen ausgerichtete Propaganda der DDR versuchte
sich selbst als Friedensstaat und die Bundesrepublik hingegen als Quelle
schleichender Faschisierung darzustellen. In den Anfangsjahren der DDR sah
sich der junge Staat auch den kriegsbedingt antideutschen Vorbehalten seiner
Verbündeten Staaten im Ostblock gegenübergestellt, welche es zunächst zu
überwinden galt. Ihre auswärtige Kulturpolitik ging von der Sowjetunion aus,
konzentrierte sich im historischen Verlauf aber auf den Westblock im Sinne der
Anerkennungs- und Abgrenzungspolitik gegenüber der Bundesrepublik. Zudem
entwickelte sich die bildende Kunst zu einem devisenbringenderen Exportgut
als im Ostblock.
Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Christian Saehrendt. Kunst als Botschafter einer künstlichen Nation
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Die kulturellen Auslandsbeziehungen der DDR
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
7
Katalognummer
V375525
ISBN (eBook)
9783668529717
ISBN (Buch)
9783668529724
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturpolitik, DDR, Christian Saehrendt, Künstliche Nation, DDR-Kunst, Ausland, Weimarer Republik, Drittes Reich, 1989, BRD
Arbeit zitieren
Eleonore Esser (Autor), 2015, Christian Saehrendt. Kunst als Botschafter einer künstlichen Nation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375525

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