Begründung, Intention und Abgrenzung
Die vorliegende Arbeit widmet sich der Frage, unter welchen individuellen, systematischen, gesellschaftlichen und religiösen Voraussetzungen und aus welchen Gründen religiöse Rituale zu Zwängen werden können.
Zahlreiche Theoretiker betonen die positive – strukturierende, sinngebende – Bedeutung und Notwendigkeit von Ritualen – einer der bekanntesten ist Arnold Gehlen, der die Auffassung vom Ritual als ‚heilsamem’ Zwang vertritt, ohne den der genetisch nur wenig festgelegte Mensch nicht überleben könnte (Entlastungsfunktion).1 In ethnologischen Abhandlungen wird oft der Harmonie durch Rituale geprägter Stammesgesellschaften in exotistischer Manier eine entritualisierte und individualisierte, dem Werteverfall ausgelieferte Moderne gegenübergestellt.2
Kollektive wie individuelle religiöse Rituale können jedoch zu pathologischem Zwangsverhalten werden, wie bereits Sigmund Freud festgestellt hat,3 bzw. unter Zwang ausgeübt werden. Auch der Volkskundler Paul Sartori hat dies in seinem Werk „Sitte und Brauch“ festgestellt: Er bezeichnet Rituale zwar als glücklich machende „erhaltenden Mächte im Volksleben“, stellt auf der anderen Seite jedoch fest:
Aber sie haben auch Tausende in quälende Fesseln geschmiedet, geknechtet und zu Märtyrern gemacht. Sie sind nur allzuoft für das Handeln das geworden, was für das Reden die leere Phrase ist. Sie wollen doch nun einmal allem Tun die typische Form aufdrängen.4
Phänomene dieser Art, die von der Gewohnheit bis zur Zwangsstörung und von der einfachen Konvention bis zum Zwang unter Androhung physischer Sanktionen reichen, finden wir überall auf der Welt, der Problemkomplex betrifft die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung. Dramatische Beispiele sind Massenselbstmorde (v.a. in den als ‚Sekten’5 umschreibbaren neueren Religionen), Folter (z.B. im Rahmen von Hexenprozessen, ritualhaft im „Hexenhammer“ festgelegt) oder Witwenverbrennungen (Indien). Es gibt jedoch auch im ‚normalen’ Alltag unserer Gesellschaft leicht übersehene harmlos wirkende, aber ebenso in das Leben eingreifende rituelle Zwänge, sei es im christlichen Bereich der weihnachtliche Gang zur Kirche, um dem kontrollierenden Blick der Nachbarn Genüge zu tun, die Mechanismen von Beichte und Buße oder die Regeln des Priesterlebens, im jüdischen Bereich die zahlreichen Alltagsbestimmungen oder im Islam Betrituale, Ramadan und Schleiertragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Begründung, Intention und Abgrenzung
1.2 Methoden und Aufbau der Arbeit
1.3 Das Forschungsfeld
1.3.1 Europäische Ethnologie/Volkskunde
1.3.2 Ethnologie/Völkerkunde
1.3.3 Soziologie
1.3.4 Psychologie
1.4 Forschungsschwierigkeiten
2. Das Ritual. Begriffsbestimmungen und Genese
2.1 Definitionen: Religion und Ritual
2.1.1 Voraussetzungen
2.1.2 Religion
2.1.3 Ritual
2.1.3.1 Kernbedingungen
2.1.3.2 Randbedingungen
2.1.3.3 Arbeitsdefinition
2.2 Genese von Ritualen
2.2.1 Situative Ritualentstehung
2.2.2 Perpetuierung
2.2.3 Ritualgenetisch relevante Situationen
2.2.4 Thema und Form von Ritualen
2.2.5 Ritualgenese und Angst
2.3 Innere Bedürfnisse und äußere Erfordernisse: Zur Attraktivität religiöser Rituale
3. Das Ritual als Zwang – Phänomenologie
3.1 Rituale und Zwang
3.2 Zwänge im Ritualgeschehen
3.2.1 Zwang zum Ritualvollzug
3.2.2 Zwang innerhalb von Ritualen
3.2.2.1 Zwang in Bezug auf Art und Weise der Ausführung
3.2.2.2 Zwang durch die Dynamik des Rituals
3.2.3 Zwang durch Rituale
3.2.3.1 Promissorische Rituale
3.2.3.2 Veränderung der Wirklichkeit
3.3 Innere und äußere Zwangsformen
3.3.1 Kategorisierung
3.3.2 Differenzierung innerer – äußerer Zwang
4. Zwangsmechanismen
4.1 Innere Zwänge
4.1.1 Suchtpotential von Ritualen
4.1.2 Die religiöse Zwangsstörung
4.1.2.1 Definition
4.1.2.2 Abgrenzung der individuellen Ritualausführung zum Pathologischen
4.1.2.3 Phänomenologie
4.1.2.4 Haltung der Religionen
4.2 Äußere Zwänge
4.2.1 Mechanismen
4.2.1.1 Erzwungene Zustimmung (forced compliance)
4.2.1.2 Kognitive Beeinflussung
4.2.1.3 Autoritärer Gehorsam
4.2.2 Extremform des äußeren Zwanges: ritueller Mißbrauch
4.3 Vom äußeren zum inneren Zwang
4.3.1 Vorbemerkung
4.3.2 Mechanismen der Indoktrination
4.3.2.1 Sozialisation
4.3.2.2 Soziale Überzeugung (coercive persuation)
4.3.2.3 Die Rolle des Körpers
4.3.2.4 Die Rolle der Sprache
4.3.2.5 Sinnliche Wirkung von Ritualkomponenten und die Veränderung des Bewußtseinszustandes
4.4 Zwang in komprimierter Form: Die Sekte als totale Institution
4.4.1 Der Zwangscharakter von Sekten
4.4.2 Mechanismen
4.4.2.1 Milieukontrolle
4.4.2.2 Forcierte Indoktrination
4.4.2.3 Das ‚Lego-Prinzip’
4.4.2.4 Die Rolle von Ritualen
4.4.2.5 Folgen
5. Rahmenbedingungen
5.1 Einflüsse auf die Intensität des Zwanges
5.1.1 Rituelles Geschehen
5.1.2 Individuelle Faktoren
5.1.3 Charakteristika des Rituals
5.1.4 Rolle
5.1.5 Soziale und individuelle Relevanz des Rituals
5.1.6 Ebene der Partizipation
5.1.7 Reihenfolge der Ausführung
5.1.8 Häufigkeit der Ausführung
5.2 Prädispositionen
5.2.1 Allgemeine Vulnerabilität
5.2.2 Innere Zwänge
5.2.3 Äußere Zwänge
5.3 Determinanten des Zwangsempfindens
5.3.1 Individualitätskonzepte
5.3.2 Denkbarkeit von Alternativen
5.3.3 Individuelle Voraussetzungen
5.4 Gesellschaftliche Bedingungen von Zwängen
5.4.1 Allgemeines
5.4.2 Hintergründe
5.4.2.1 Soziale Fortifikationsfunktion ritueller Verpflichtungen
5.4.2.2 Herrschaftsaspekte ritueller Gewalt
5.4.2.3 Rituale und Wirtschaft
5.4.3 Gesellschaftsformen und Zwänge
5.4.3.2 Mary Douglas: Klassifikationsmuster, Gruppendruck und religiöses System
5.4.3.3 Catherine Bell: Ritualstile und Gesellschaft
5.4.3.4 Soziale Determinanten von Zwängen (Anwendung der Theorien)
5.4.4 Gesellschaftliche Stellung und Ritual
5.4.5 Gender und Ritual
5.4.6 Gesellschaftlicher Verflechtungsgrad und Zwangspotential
5.4.7 Heutige Gesellschaft
5.5 Religionsinterne Faktoren
5.5.1 Ausmaß und Rigidität von Bestimmungen
5.5.2 Zentrale Thematiken der Religion
5.5.3 Gottesbild (Charakter)
5.5.4 Religiöse Autorität
5.5.5 Religionstypen
5.5.6 Ausrichtung und Organisationsform
5.5.7 Die Rolle der Volksfrömmigkeit
6. Zwangspotential einzelner Religionen
6.1 Kriterien der Untersuchung
6.2 Nichtchristliche Religionen
6.2.1 Buddhismus
6.2.2 Hinduismus
6.2.3 Islam
6.2.4 Judentum
6.3 Christliche Religion
6.3.1 Allgemeines
6.3.2 Katholizismus
6.3.3 Protestantismus
6.3.4 Christliche Religionsgemeinschaften in Deutschland
7. Vorschläge für eine empirische Untersuchung
8. Schluß
8.1 Fazit
8.2 Offene Fragen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Magisterarbeit untersucht die individuellen, sozialen und religiösen Voraussetzungen, unter denen religiöse Rituale von sinngebenden Bewältigungsstrategien zu Zwängen werden können. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Mechanismen der Internalisierung von Ritualen sowie deren pathologisches Potenzial.
- Ritualtheorie und die Genese von Ritualen
- Psychologische Aspekte der Sucht- und Zwangsentwicklung
- Die Rolle von sozialer Kontrolle und Machtstrukturen
- Religionsinterne Faktoren und deren Einfluss auf das Zwangsempfinden
- Fallbeispiele aus verschiedenen Religionen und Sektenstrukturen
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Situative Ritualentstehung
Zur Erörterung der Voraussetzungen, unter denen religiöse Rituale zum Zwang werden können, bedarf es des Verständnisses ihrer Entwicklung.
Jedes Ritual ist Wiederholung „eines uranfänglichen Ritus, der sich als heilschaffend erwiesen hat“:56 Nach Smith kann es, wenn etwas Zufälliges im Bereich des Heiligen geschieht, zu einer Ritualisierung dieses dann als Wunder interpretierten Ereignisses kommen.57 Abgesehen von Performances von Ursprungsmythen, die gesellschaftskonstituierend und -naturalisierend wirken und meist nicht auf ein konkretes Problem bezogen aufgeführt werden (siehe den Abschnitt zur Attraktivität von Ritualen, S.18) handelt es sich daher bei der Ritualentstehung m.E. letztlich um eine Problemlöseattribution zufälliger Handlungen: 1. Schritt: Ein Problem tritt auf, das mit normalen Mitteln nicht lösbar scheint (Gefühl der Ohnmacht, das sich z.B. auf Naturereignisse oder persönliche Probleme bezieht). 2. Gleichzeitig zu einer Handlung löst sich (zufällig) das Problem 3. Die Lösung wird kausal auf die durchgeführte Handlung attribuiert, diese wird daher als notwendig zur Lösung angesehen (operante Konditionierung; die Lösung kann auch in Reduktion der durch das Ereignis erzeugten Unsicherheit bestehen). Ein Konsekutives oder eine Korrelation wird für ein Kausales gehalten (post hoc, ergo propter hoc).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert das Forschungsinteresse an den Bedingungen, unter denen religiöse Rituale als Zwang wahrgenommen werden oder pathologische Formen annehmen.
2. Das Ritual. Begriffsbestimmungen und Genese: Erarbeitet eine theoretische Arbeitsdefinition von Ritualen und untersucht ihre Entstehung durch Problemlöseattributionen.
3. Das Ritual als Zwang – Phänomenologie: Analysiert verschiedene Ausprägungen von Zwängen im rituellen Kontext, von der Konvention bis zur pathologischen Zwangsstörung.
4. Zwangsmechanismen: Untersucht die internen psychologischen und externen sozialen Mechanismen (wie Indoktrination), die rituelles Verhalten erzwingen.
5. Rahmenbedingungen: Beleuchtet die vielfältigen Einflüsse auf das Zwangspotenzial, darunter individuelle Dispositionen und gesellschaftliche Strukturen.
6. Zwangspotential einzelner Religionen: Vergleicht verschiedene religiöse Strömungen hinsichtlich ihrer Neigung zu ritueller Strenge oder Flexibilität.
7. Vorschläge für eine empirische Untersuchung: Bietet methodische Ansätze zur Erforschung ritueller Phänomene.
8. Schluß: Fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Offenheit der theoretischen Konstrukte.
Schlüsselwörter
Religiöse Rituale, Zwangsstörung, Scrupulosity, Sozialisation, Indoktrination, Macht, soziale Kontrolle, kognitive Dissonanz, Ritualtheorie, Suchtpotenzial, Religion, Pathologie, Gruppenkohäsion, performative Sprache, Habitus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, unter welchen Voraussetzungen religiöse Rituale für Individuen zum Zwang werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen Ritualtheorie, psychologische Sucht- und Zwangsprozesse, soziologische Machtverhältnisse und religionsspezifische Ausprägungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die individuellen, sozialen und religiösen Faktoren zu isolieren, die religiöse Praktiken in Zwänge transformieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, der Literatur aus Ethnologie, Psychologie und Soziologie zu einer neuen Theorie der rituellen Zwänge synthetisiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Mechanismen der Internalisierung, die Rolle von totalen Institutionen (Sekten) und die Bedeutung von Rahmenbedingungen für das Zwangspotenzial.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie ritueller Zwang, religiöse Zwangsstörung, Indoktrination, Macht, Sozialisation und Ritualtheorie charakterisiert.
Wie wirkt sich religiöse Erziehung auf das Zwangsempfinden aus?
Besonders bei strengen, angstbesetzten Gottesbildern kann eine frühkindliche religiöse Sozialisation Perfektionismus und Schuldgefühle fördern, was die Entwicklung von Zwängen begünstigt.
Welche Rolle spielen Sekten?
Sekten werden als totale Institutionen begriffen, die durch Milieukontrolle und forcierte Indoktrination ein besonders hohes Potenzial für die Entwicklung innerer und äußerer ritueller Zwänge besitzen.
- Quote paper
- M.A. Marion Näser (Author), 2004, Ritual als Zwang - Im Kontext religiöser Praktiken, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37564