Kindesaussetzung in der römischen Antike. Eine Untersuchung der Beweggründe und Haltungen der Eltern


Hausarbeit, 2016
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Familienplanung in der römischen Antike

3. Beweggründe für die Kindesaussetzung

4. Gesellschaftliche und individuelle Haltungen zur Kindesaussetzung

5. Diskussion über die Beweggründe und über die Haltungen zur Kindesaussetzung

6. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wer einen Menschen 1. in eine hilflose Lage versetzt oder 2. in einer hilflosen Lage im Stich läßt, obwohl er ihn in seiner Obhut hat oder ihm sonst beizustehen verpflichtet ist und ihn dadurch der Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung aussetzt, wird mit Freiheitsstrafe […] bis zu fünf Jahren bestraft.“ 1

Diese Aussage ist fest in § 221 des Strafgesetzbuches der Bundesrepublik Deutschland verankert und verdeutlicht die moralische Ablehnung der Kindesaussetzung in unserer Gesellschaft. Darüber hinaus betont dieser Paragraph das Recht eines jeden Individuums auf Leben und verwehrt das Zurücklassen, beispielsweise eines Kleinkindes, in einer hilflosen Lage. Während in der heutigen Zeit mit dem Begriff „Kindesaussetzung“ etwas moralisch Verwerfliches assoziiert wird, scheint sich dieses Phänomen in der römischen Antike auf alle Schichten erstreckt zu haben und somit ein Bestandteil des alltäglichen Lebens gewesen zu sein.2

Die Kinderaussetzung im Römischen Reich erstreckte sich oftmals auf diejenigen Kinder, die aufgrund von Behinderungen körperliche Deformierungen aufwiesen oder als nicht legitim, beispielsweise aufgrund von Ehebruch, angesehen wurden.3

Jedoch dürfen auch andere Beweggründe, wie Armut oder Aberglaube aufgrund von astrologischen Vorbestimmungen, nicht außen vor gelassen werden.

Das exakte emotionale Befinden derjenigen Eltern, die ihr Kind aussetzen und dem eigenen Schicksal überließen, ist nicht darstellbar, wenngleich davon ausgegangen werden kann, dass viele Eltern hofften, ihr Kind würde gerettet und somit vom Tode bewahrt werden.4 Gerade aber aus heutiger Sicht erscheint die Kindesaussetzung als eine skrupellose und grausame Methode, sich der eigenen Kinder zu entledigen und birgt die Gefahr in sich, gegebenenfalls assoziativ und voreilig negative Urteile über die aussetzenden Eltern sowie die allgemeine Einstellung zum Kind während der römischen Antike zu fällen. In diesem Zusammenhang erscheint es von Bedeutung, nicht lediglich Pauschalurteile hinsichtlich der Gewissenlosigkeit der Eltern zu treffen, sondern zu untersuchen, in welchen misslichen und aussichtslosen Situationen diese sich unter Umständen befunden haben können, als sie auf das Mittel der Aussetzung des eigenen Kindes zurückgriffen.5

Überdies darf bei der Untersuchung der Kinderaussetzung in der römischen Antike nicht in Vergessenheit geraten, dass das Verständnis von Kindheit nicht eins zu eins in die Wertevorstellungen der westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts übertragen werden kann. Zu dieser Zeit erhielt ein Neugeborenes nicht automatisch mit der Geburt das Recht auf einen Platz in seiner Familie, sondern es war der pater familias, der als Familienoberhaupt über die Zugehörigkeit zur Familie entschied.6

Darüber hinaus war die Sterblichkeitsrate von Kleinkindern zu Zeiten des Römischen Reiches im Vergleich zu heute sehr hoch, sodass Eltern immer mit dem Tod ihres Neugeborenen zu rechnen hatten.7

Aufgrund der bisher vorgestellten Informationen ergibt sich folgende Frage: Kann Kindesaussetzung in der römischen Antike per se mit Emotionslosigkeit der Eltern in Verbindung gebracht werden und kann dieses Phänomen trotz unserer heutigen moralischen Vorstellungen nachvollzogen werden?

In der Forschung wird vermehrt die Häufigkeit des Zurückgreifens auf die Kindesaussetzung kontrovers diskutiert. Manche Forscher erachten die Kindestötung als eine kaum bedeutsame Größe8 oder begründen deren geringes Vorkommen damit, dass bei einer hohen Anzahl an Kindesaussetzungen auch die Bevölkerungszahl hätte abnehmen müssen.9 Auf der anderen Seite sprechen sich unter anderem Harris10 und Boswell11 für eine weite Verbreitung der Kindesaussetzung aus. Corbier beschreibt die Kindesausaussetzung als ein Phänomen, welches auch nach dessen Verbot weiterhin praktiziert wurde, wenngleich das Ausmaß nicht genau beziffert werden könne.12 Auch in der neueren Forschung wird die Kindesaussetzung als ein verbreitetes Phänomen angesehen.13

Die Frage des Vorhandenseins von Emotionen seitens der aussetzenden Eltern und deren Einstellung zum Kind wird jedoch oftmals nicht ausführlich diskutiert oder lediglich am Rande erwähnt. Aufgrund dessen sollen mit dieser Untersuchung Beweggründe und Umstände der Kindesaussetzung herausgearbeitet werden, um anhand dieser auf die emotionale Gefühlslage der aussetzenden Eltern zu schließen.

Darüber hinaus werden die Schriften bedeutender antiker Autoren sowie Gesetzestexte quellenkritisch betrachtet und diskutiert, um Erkenntnisse zur moralischen Haltung gegenüber der Kindesaussetzung zu gewinnen.14

Die Untersuchung endet mit einem Fazit, in dem die herausgearbeiteten Erkenntnisse zusammengefasst, zueinander in Bezug gesetzt und hinsichtlich der Fragestellung diskutiert werden.

2. Familienplanung in der römischen Antike

Bei der Untersuchung, ob Kindesaussetzung im Römischen Reich per se mit Emotionslosigkeit der Eltern in Verbindung gebracht werden kann, erscheint es sinnvoll, auch einen Blick auf die Familienplanung zu werfen, um Beweggründe für und gegen das Aufziehen von Kindern nachvollziehen zu können.

Dabei ist zunächst von Bedeutung, zwischen den beiden Regulativen Familie und Staat zu differenzieren. Für das erstgenannte Regulativ kann das Kind als potenzielle Arbeitskraft als ein Anreiz für eine hohe Geburtenrate angesehen worden sein, wenngleich die Quellen dazu keine expliziten Aussagen liefern.1 Die Begrenzung der Kinderzahl stand für die Familien dieser Zeit jedoch im Vordergrund. Methoden der Kontrazeption können bis in das Jahr 1850 v.Chr. zurückverfolgt werden, sodass diese als ein altes Mittel zur Bestimmung der Größe der Familie ausgemacht werden kann.2

Die auf Begrenzung der Kinderzahl fokussierten Familien konnten in eine Konfliktsituation mit dem Staat geraten, nämlich genau dann, wenn aufgrund von tödlichen Krankheiten wie der Pest oder nach verlustreichen Kriegen die Bevölkerungszahl stark abgenommen hatte und der Staat diese durch eine hohe Geburtenrate wieder erhöhen wollte.3 So forderte beispielsweise der Censor Quintus Caecilius Metallus im Jahre 131 v. Chr., dass alle gezwungen werden sollten zu heiraten, um in der Folge Kinder zu bekommen. Ebenso war es in Augustus‘ Sinne, die Geburtenrate zu erhöhen. Dies sollte dadurch realisiert werden, indem Kinderlose zurückgesetzt und Verheiratete mit Kindern bevorzugt werden sollten, beispielsweise im Erbrecht oder durch Begünstigungen bei der Beamtenlaufbahn.4

Der Staat setzte somit Privilegien, aber auch Druckmittel ein, um die die Geburtenzahl zu erhöhen. Dessen gezielten Vorstellungen darüber, die Familien zur Zeugung von Nachwuchs zu animieren, setzte diese unter großen moralischen Druck. Die eigenständige Entscheidung gegen ein Kind stand dem Interesse des Staates, nämlich zu einer hohen Geburtenrate zu gelangen, gegenüber. Trotz der intensiven Bemühungen des Regulativs Staat blieb der Hang zur Kinderlosigkeit groß.5 Es fand weiterhin eine bewusste Familienbegrenzung statt, zu dessen Realisierung unter anderem die Kindesaussetzung diente. Als ein möglicher Grund für die bewusste Familienbegrenzung kann das Streben nach langfristiger wirtschaftlicher Sicherheit angeführt werden, sodass ein Großteil der Familien sich gegen zeitlich begrenzte Förderungen des Staates und somit auch gegen eine hohe Kinderzahl entschied.6

Die vorgestellte Differenzierung zwischen staatlichen und familiären Interessen ist für das weitere Vorgehen in dieser Untersuchung insofern hilfreich, als dass bei der Bewertung möglicher moralischer Haltungen zur Kindesaussetzung, beispielsweise in Gesetzestexten, immer auch hinterfragt werden sollte, ob eine Verurteilung des Aussetzens von Kleinkindern aus emotionalen Beweggründen erfolgte oder lediglich aufgrund von übergeordneten staatlichen Interessen, um unter anderem einer möglichen Depopulation entgegenzuwirken.

Darüber hinaus war der Kindstod eine Realität, mit der viele Eltern häufig konfrontiert wurden. Ob dies jedoch auch einen unmittelbaren Einfluss auf deren Bereitschaft zum Aufziehen des neugeborenen Nachwuchses hatte, ist schwer nachzuvollziehen.7

3. Beweggründe für die Kindesaussetzung

Für die Beantwortung der Fragestellung dieser Untersuchung ist es von Bedeutung, die Beweggründe für eine Kindesaussetzung zu beleuchten, um Anhaltspunkte über die emotionale Haltung der Eltern gegenüber den ausgesetzten Kindern zu erhalten.

Als wichtigste Gründe werden Fehlbildungen oder andere körperliche Deformierungen, Illegitimität, Armut sowie Aberglaube ausgemacht.1

Behinderungen stellen einen nicht zu vernachlässigenden Grund für die Aussetzung eines Kindes dar. So nennt Soranus Kriterien, anhand derer überprüft werden soll, ob ein neugeborenes Kind gesund genug ist oder nicht.2 Diese waren jedoch sehr streng gehalten, was daran zu erkennen ist, dass die Mutter beispielsweise während der gesamten Schwangerschaft gesund gewesen sein muss, es sich nicht um eine frühzeitige Geburt handeln durfte und das Neugeborene kräftige Schreie von sich geben musste.3

Hinweise für den Umgang mit behinderten Kindern zu Zeiten des Römischen Reiches lassen sich zudem in den Aussagen von Dionysius von Halicarnassus wiederfinden, welcher sich auf ein Gesetz des Romulus bezieht.4 Demnach sollten alle männlichen Nachkommen sowie jedes erstgeborene Mädchen aufgezogen werden. Darüber hinaus durfte keines der Kinder unter drei Jahren getötet werden, es sei denn es wies eine Behinderung auf. Der Umstand jedoch, dass das Kind zuvor fünf Nachbarn gezeigt werden sollte, die einer Aussetzung zuzustimmen hatten, lässt an der Echtheit dieses Dokuments zweifeln und deutet auf eine hellenistische Fälschung hin.5

Des Weiteren führte die Illegitimität eines Kindes zu Aussetzungen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass das enorm frühe Heiratsalter in der römischen Antike, welches in etwa zeitgleich mit der sexuellen Reife einsetzte, dazu führte, dass illegitime Geburten in Folge von vorehelichen sexuellen Kontakten selten waren im Gegensatz zu illegitimen Kindern, die nach einer Scheidung oder nach dem Tod des Vaters zur Welt kamen.6

Auch der Aberglaube kann als ein Beweggrund für die Kindesaussetzung gegolten haben. Ein Urteil des Senats aus dem Jahre 63 v. Chr. soll demnach für benanntes Jahr allen Bürgen verboten haben, einen Sohn aufzuziehen. Des Weiteren soll die öffentliche Trauer über den Tod von Germanicus im Jahre 19 v. Chr. zu einer nicht unerheblichen Anzahl an Kindesaussetzungen geführt haben, da die Angst bestand, dass diese Kinder mit einem bösen Omen behaftet waren.7

Als Hauptmotiv für die Kindesaussetzungen sind jedoch wirtschaftliche Gründe anzuführen.8 Dieser Beweggrund ist insofern in Bezug auf die Fragestellung dieser Untersuchung von besonderer Bedeutung, als dass er verdeutlicht, dass viele Kinder unter ärmlichen Bedingungen zur Welt kamen. Diese Umstände brachten viele Eltern in eine emotionale Zwangslage, da das Aufziehen des Neugeborenen bedeutet hätte, Nahrung von einem anderen Familienmitglied nehmen zu müssen.9 Bereits zu Zeiten Kaiser Nervas wurden in Italien Institutionen gegründet, die bedürftige Familien unterstützten und somit in der Folge die Kindesaussetzung eindämmen sollten. Auch noch unter Kaiser Konstantin im Jahre 315 n. Chr. wurden bedürftige Eltern mit Nahrungsmitteln und Kleidern versorgt. Des Weiteren gründete dieser Alimentationsstiftungen, um betroffenen Eltern, die aufgrund von Armut nicht in der Lage waren, ihre Kinder großzuziehen, eine Alternative zum Kindesverkauf anzubieten.10

[...]


1 Strafgesetzbuch (StGB), S. 110 f., unter: https://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/stgb/gesamt.pdf, letzter Aufruf am 31.07.2016 um 14:36 Uhr.

2 Vgl. Boswell, John: The Kindness of Strangers. The Abandonment of Children in Western Europe from Late Antiquity to the Renaissance, New York 1988, S. 134.

3 Vgl. Harris, William V.: Child-Exposure in the Roman Empire, in: The Journal of Roman Studies 84, Cambridge [u.a.] 1994, S. 1.

4 Vgl. ebd., S. 16.

5 Vgl. ebd., S. 2.

6 Vgl. Scholz, Peter: Den Vätern folgen. Sozialisation und Erziehung in der republikanischen Senatsaristokratie (= Studien zur Alten Geschichte; 13), Berlin 2011, S. 109.

7 Vgl. Dixon, Suzanne A.: The Roman Family (= Ancient Society and History), Baltimore [u.a.] 1992, S. 99.

8 Vgl. Riddle, John M.: Contraception an Abortion from the Ancient World to the Renaissance, Cambridge 1992.

9 vgl. Engels, Donald: The Problem of female infanticide in the Greco-Roman world, in: Classical Philology 75, Chicago 1980, S. 112-120.

10 Vgl. Harris, William V.: Child-Exposure in the Roman Empire, S.1-22.

11 Boswell, John: The Kindness of Strangers.

12 Vgl. Corbier, Mireille: Child Exposure and Abandonment, in: Dixon, Suzanne (Hrsg.): Childhood, Class and Kin in the Roman World, London [u.a.] 2001, S. 52-73.

13 Vgl. Tuor-Kurth, Christina: Kindesaussetzung und Moral in der Antike. Jüdische und christliche Kritik am Nichtaufziehen und Töten neugeborener Kinder (= Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte; 101), Göttingen 2010, S. 29.

14 Vgl. hierzu u.a. Seneca, Epiktet, Ovid sowie Passagen aus dem 25. Buch der Digesten und dem Codex Justinianus.

1 Vgl. Krenkel, Werner A.: Familienplanung und Familienpolitik in der Antike, in: Siems, Andreas Karsten (Hrsg.): Sexualität und Erotik in der Antike (= Wege der Forschung; 605), Darmstadt 1988, S. 375.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. ebd., S. 378 f.

4 Vgl. ebd., S. 380-382.

5 Vgl. ebd., S. 384.

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. Kunst, Christiane: Römische Adoption. Zur Strategie einer Familienorganisation (= Frankfurter althistorische Beiträge; 10), Hennef 2005, S. 41.

1 Vgl. Harris, S. 11 f.

2 Vgl. ebd., S. 12.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. ebd., S. 5.

5 Vgl. Memmer, Michael: Ad servitutem aut ad lupanar ... Ein Beitrag zur Rechtsstellung von Findelkindern nach römischem Recht, Zeitschrift des Savigny 108, 1991, S. 26.

6 Vgl. Harris, S. 13.

7 Vgl. ebd., S. 14.

8 Vgl. ebd., S. 13; Tuor-Kurth führt die Armut der Eltern als einen Hauptgrund mit auf, S. 77; Junghanß, Antje / Walther, Katharina: Du sollst nicht töten? Zum Tötungsrecht in der römischen Antike, in: Dreischer, Stephan (Hrsg.): Jenseits der Geltung. Konkurrierende Transzendenzbehauptungen von der Antike bis zur Gegenwart, Berlin 2013 S. 49.

9 Vgl. Harris, S. 13.

10 Vgl. Memmer, S. 61.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Kindesaussetzung in der römischen Antike. Eine Untersuchung der Beweggründe und Haltungen der Eltern
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V375642
ISBN (eBook)
9783668547766
ISBN (Buch)
9783668547773
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kindesaussetzung, antike, eine, untersuchung, beweggründe, haltungen, eltern
Arbeit zitieren
Florian Wilhelm (Autor), 2016, Kindesaussetzung in der römischen Antike. Eine Untersuchung der Beweggründe und Haltungen der Eltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375642

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