Vergleich der Novellen "Auf dem Staatshof" und "Im Schloss" von Theodor Storm und ihrer beiden Protagonistinnen Anna und Anne Lene


Hausarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Vergleich zweier ungleicher Figuren...3
2. Vergleiche...4
2.1. Erzählperspektive...4
2.2. Schauplatz...6
2.3. Anna und Anne Lene: Außensicht...8
2.4. Anna und Anne Lene: Innensicht...12
2.5. Protagonistin und Umfeld...15
2.6. Adel und Bürgertum - Perspektiven und Standesdünkel...16
3. Fazit...18
4. Literaturverzeichnis und Quellen...20
2

1.
Vergleich zweier ungleicher Figuren
Die Novellen Auf dem Staatshof
1
und Im Schloss
2
handeln von jungen, weiblichen
Erbinnen, deren gesellschaftliche Position in einer sich wandelnden Welt neu verhandelt
werden muss. Während Anne Lene isoliert und verarmt stirbt, überlebt Anna und
heiratet ihren Geliebten aus einfachen Verhältnissen. Bereits Ingrid Schuster verglich
Anne Lene und Anna, wenn auch nur hinsichtlich einer zeitkritischen Dimension der
Novellen:
,,Ähnlich wie Anne Lene in Auf dem Staatshof steht Anna zwischen Vergangenheit und
Gegenwart, Tradition und Fortschritt."
3
Die beiden Novellen haben also zentrale Gemeinsamkeiten und können sinnvoll
miteinander verglichen werden. Dieser Vergleich dient zur Beantwortung mehrerer
Fragestellungen: Wie gelingt die ständeübergreifende Ehe aus der Sicht von Theodor
Storm? Wie kann eine adlige Protagonistin mit einer sich wandelnden Gesellschaft
umgehen und persönliches Glück erreichen? Zur Beantwortung dieser Fragestellung
sind sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zwischen Anna und Anne Lene
bedeutsam: Wie verhalten sich die Figuren in ähnlichen Situationen? Welche
Unterschiede in ihrem Charakter befähigen sie, ihre Problematik zu lösen?
Im Folgenden werden die Novellen nach bestimmten Aspekten verglichen, die jedoch
nur kombiniert eine volle Beantwortung des Kenntnisinteresses ermöglichen. Diese
Kombination der gesammelten Ergebnisse wird dann abschließend vorgenommen
werden.
1 Theodor Storm: Auf dem Staatshof. In: ders.: Erzählungen. Reclams Universal Bibliothek Nr. 6144.
Hg. Von Rüdiger Frommholz. Ditzingen 2010, S. 38-72.
2 Theodor Storm: Im Schloss. In: ders.: Erzählungen. Reclams Universal Bibliothek Nr. 6144. Hg. Von
Rüdiger Frommholz. Ditzingen 2010, S. 73-121.
3 Ingrid Schuster: Theodor Storm. Zeitkritische Dimension der Novellen. In: Studien zur Germanistik,
Anglistik und Komparatistik, hg. Von Armin Arnold und Alois M. Haas. 2. Aufl, Bonn 1985, S. 87 f.
3

2.
Vergleiche
2.1.
Erzählperspektive
Die Novelle Auf dem Staatshof von Theodor Storm wird durchgängig aus der
Perspektive des Protagonisten Marx erzählt, der sich zu einem späteren Zeitpunkt an
Ereignisse erinnert und diese wiedergibt
4
, es handelt sich also um eine spätere Narration
aus einer autodiegetischen Erzählperspektive. Während der Erzählung wird der Prozess
des Erinnerns und Erzählens thematisiert und reflektiert
5
. Anne Lene wird aus der
Perspektive von Marx beschrieben und stellt daher ein Objekt seiner Erinnerung dar,
die, wie auch von Marx thematisiert, keineswegs vollständig vertrauenswürdig ist
6
. Die
eigenen Intentionen, Gedanken und Wünsche von Anne Lene werden dabei ausgespart
und sind nur durch eine Außensicht durch die Augen von Marx zu erschließen. Die
gewählte Erzählperspektive erlauben Storm, Leerstellen hinsichtlich Anne Lenes
Innenperspektive offen zu lassen
7
, und führen bei der gesetzten Fragestellung zu der
Problematik, dass hinsichtlich Anne Lenes Motiven und Intentionen sehr viel
Interpretationsspielraum besteht. Sehr viel aufschlussreichere Einblicke zur weiblichen
Protagonistin gewährt die Novelle Im Schloss: Neben einem homodiegetischen Erzähler
zu Beginn der Novelle, der als ,,Schulmeister"
8
angesprochen wird, sowie einer
heterodiegetischen Erzählinstanz mit interner Fokalisierung kommt auch Anna selbst zu
Wort: In der Binnenerzählung wird der Wortlaut von ,,beschriebenen Blättern"
9
wiedergegeben und der Protagonistin eine eigene Stimme gegeben. Es handelt sich
dabei um eine eingeschobene Narration, die Ereignisse, deren Grundzüge bereits aus der
Rahmenhandlung bzw. der zweiten Erzählperspektive bekannt sind, genauer aus der
Sicht von Anna beschreibt. Annas Erinnerungen werden dabei zu einem Zeitpunkt
nieder geschrieben und erzählt, an dem die Handlung der Geschichte noch nicht
abgeschlossen und ihr Ausgang vollkommen offen ist, während Marx bereits weiß, wie
4 Vgl. Storm: Erzählungen, z. B. S. 39.
5 Vgl. No-Eun Lee: ,,Auf dem Staatshof" (1859): Erinnerungen eines Unschuldigen und Ahnungslosen?
In: ders.: Erinnerungen und Erzählprozess in Theodor Storms frühen Novellen (1848-1859). Berlin
2005, S. 126.
6 Vgl. Storm: Erzählungen, z. B. S. 42.
7 Theodor Storm: Auf dem Staatshof. Text, Entstehungsgeschichte, Schauplatz. Hg. Von Dieter
Lohmeier. Heide, 1993, S. 73 f.
8 Storm: Erzählungen, S. 77.
9 Storm: Erzählungen, S. 83.
4

Anne Lenes Schicksal aussieht, als er sich an sie erinnert. Dies könnte auch der Grund
dafür sein, dass die Stimmung in Auf dem Staatshof selbst in scheinbar sorglosen
Momenten nichts von ihrer unterschwelligen Bedrohlichkeit verliert
10
.
Sowohl Marx als auch Anna verfolgen den Prozess des Erinnerns und Erzählens mit
einer persönlichen Intention. So nennt Anna zu Beginn der beschriebenen Blätter
Einsamkeit als Motiv
11
und nutzt ihre Niederschrift später als Erklärung ihrer Person
und ihrer Handlungen für Rudolf, ihren jungen Verwandten und Gutsverwalter
12
. Marx
ist bei seiner Begründung weniger explizit, es wurde jedoch unter anderem von No-Eun
Lee gezeigt, dass die Erinnerung in der Novelle dem Zweck der Verarbeitung und
Reaktualisierung der dramatischen Ereignisse verfolgt
13
. Gemeinsam ist daher beiden
Novellen, dass eine Prozess des Erinnerns und Erzählens stattfindet, wenn auch in
unterschiedlicher Situation und mit anderer Intention.
Ein Unterschied dagegen wird bei der sozialen Stellung des Erzählers sichtbar: Marx
beschreibt aus einer bürgerlichen Sichtweise heraus eine adlige Person, Anna aber
beschreibt sich selbst und ihre Familie aus einer adligen Perspektive, was eine seltene
Ausnahme im Werk von Storm darstellt. Für gewöhnlich erzählen die Figuren des
bürgerlich orientierten Storm aus ebendieser Perspektive, vermutlich zur größeren
Identifikation der größtenteils bürgerlichen zeitgenössischen Leserschaft mit den
Protagonisten. Was sagt dies nun über Anna aus, deren ständeüberwindende Heirat mit
Arnold aller Wahrscheinlichkeit nach gelingt?
14
Die Erzählperspektive könnte hier
bereits einen Hinweis darauf geben, dass Anna dem Bürgertum auch gedanklich sehr
viel näher steht als Anne Lene, deren Motive und Intentionen dem Leser verborgen
bleiben und daher wenig Identifikationsfläche bietet.
10 Vgl. Lee: ,,Auf dem Staatshof", S. 122.
11 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 83..
12 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 113.
13 Vgl. Lee: ,,Auf dem Staatshof", S.127 ff.
14 So geht unter anderem Achim Küpper auf die Offenheit des Endes der Novelle ein und hinterfragt, ob
von einer gelungenen Ehe ausgegangen werden kann: ,,Bei allem Optimismus, der am Ende zu walten
scheint, sollte man allerdings nicht vergessen, dass der Schluss der Erzählung in gewisser Hinsicht
offen bleibt. [...] Der Leser erfährt nicht, wie die Geschichte weiter geht." Achim Küpper: ,,Das
kommt von all' dem Bücherlesen"! Intertextualität, Erzählproblematik und alternative Lesepläne in
Theodor Storms Novelle ,,Im Schloss". In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft Band 54. Hg.
von Gerd Eversberg. Heide 2005, S. 107.
5

2.2.
Schauplatz
In beiden Novellen nimmt der Schauplatz der Handlung eine prominente Rolle ein. Es
handelt sich in beiden Fällen um Räume, die mehrfach unterteilt sind, wobei die
verschiedenen Bereiche mit unterschiedlichen Symbolen und Attributen versehen sind,
spezifische Handlungsräume und Stellenwerte in der Erzählung erhalten. Markant ist,
wie bereits am Titel zu erkennen, das jeweils der Novelle zugehörige Gebäude: Zum
Einen der Staatshof, zum anderen das Schloss. Beide Gebäude weisen ein hohes Alter
auf, das sie mit einer reichen Geschichte und Symbolik versieht: So erinnert der
Tanzsaal mit seinen Portraits
15
, der Pavillon mit den Schäferbildern
16
und der Rittersaal
mit den ,,Bilder[n] verschollener Menschen"
17
an frühere Bewohner und vergangene
Zeiten. Dabei wird jeweils ein Unterschied zwischen dem vergangenen und jetzigen
Zustand des Gebäudes markiert. Der Staatshof ist im Kontrast zu den höfischen Bildern
bald nur noch eine Ruine, die keine tatsächliche adlige Gesellschaft und bald nicht
einmal mehr die Bilder von früheren Bewohnern beherbergt
18
. Auch im Schloss ist der
Unterschied zwischen den bevölkerten Bildern und den leerstehenden Räumen
offensichtlich
19
, auch wenn hier kein Prozess der Zersetzung das Gebäude weiter
auflöst, wie es beim Staatshof der Fall ist
20
. Diese Spannung zwischen früherem und
jetzigem Zustand bildet zugleich den Rahmen und Hintergrund für die Handlung und
ihre Protagonistinnen
21
. So sind sie Teil der höfischen Vergangenheit und bewohnen
noch deren Räume, vermögen sie aber nur noch schwer auszufüllen
22
. Die Problematik,
sich an wandelnde Umstände anzupassen und ihre Rolle zu finden, stellt beide Frauen
vor Herausforderungen, deren erfolgreiches Bestehen ihr Überleben sichert und darüber
hinaus persönliches Glück verspricht. Die Gebäude der Novellen setzen diesen Wandel
und seine Problematik metaphorisch in Szene.
15 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 41.
16 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 42.
17 Storm: Erzählungen, S. 83.
18 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 62.
19 Vgl. Storm: Erzählungen, z. B. S. 82.
20 Vgl. Storm: Erzählungen. S. 49. Zwar ist auch das Schloss gerade im Garten etwas verwildert und
überwuchert, doch fehlen hier negative Todesmetaphern.
Vgl. Lee: ,,Auf dem Staatshof", S. 122: Lee beschreibt hier ausführlich die Todesmotivik des
natürlichen Raumes des Staatshofes.
21 Vgl. Lee: ,,Auf dem Staatshof", S. 122: Lee nennt hier unter anderem die Diskontinuität zwischen
Vergangenheit des Staatshofes und vom Verfall gekennzeichneter Gegenwart.
22 Vgl. Storm: Erzählungen, z. B. S. 50.
6

Den Gebäuden gegenüber gesetzt sind in beiden Novellen natürliche Räume. So umgibt
den Staatshof ein blütenreicher und mit der Zeit immer wilderer Garten
23
, eine tiefe
Graft
24
, Viehweiden, Marschlandschaft und dahinter das Meer
25
. Auffallend ist bei
diesem natürlichen Raum, das er stufenweise aufgebaut zu sein scheint. Bei dem Garten
handelt es sich, von der übrigen Landschaft abgetrennt durch die Graft, um eine kleine
Insel, die mit der Zeit verwildert, ein Irrgarten und Urwald zugleich
26
. Die umgebenden
Fennen werden zu Beginn der Erzählung noch als grün und sonnendurchflutet
27
, später
aber durch den feuchten Meerwind und die Abenddämmerung in düstereren Farben
beschrieben
28
. Das Meer hinter den Deichen bleibt eine bedrohliche Existenz, die selten
explizit, sondern meist nur durch Geräusche oder Gerüche auftritt und Einfluss auf die
Figuren nimmt
29
. Es kann darüber hinaus eine Abstufung dieser verschiedenen Räume
festgestellt werden, vom heimlichen Irrgarten
30
hin zum rauen, unheimlichen Meer
31
.
Die natürliche Umgebung des Schlosses ist ebenfalls in mehrere Stufen geordnet, die
hierbei sogar einen tatsächlichen Höhenunterschied beinhalten: Das Schloss liegt auf
einer Hochebene, umgeben von einem Garten, einem seitlich liegenden Tannenwald
und einem dahinter sowie tiefer liegenden Dorf. Zur anderen Seite umgeben den Garten
tiefer gelegene Heidelandschaften und am Horizont die Silhouette einer Stadt. Auch
Anna sucht gerne diesen natürlichen Raum auf, sowohl als Kind als auch im
Erwachsenenalter. Er ist geprägt von frischer Luft und hohen Bäumen, die von Anna
mit Vorliebe erklommen werden
32
.
23 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 51.
24 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 39.
25 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 38.
26 Vgl. Storm: Erzählungen, z. B. S. 50.
27 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 48.
28 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 58.
29 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 69.
30 So z. B. wörtlich bei Storm: Erzählungen, S. 69: ,,In diese heimlichen Laute der Nachtdrang plötzlich
von der Gegend des Deiches her der gellende Ruf eines Seevogels [...]"
31 Die Graft mag auf den ersten Blick nicht in diese Abstufung stimmen, teilt aber neben der Ruhe und
Abgeschiedenheit vom Rest der Landschaft auch die Eigenschaft mit dem Garten, dass sie nicht
natürlichen Ursprunges ist. Auch stellt die Graft vlt. weniger einen eigenständigen Raum als vielmehr
eine Grenze zwischen Räumen statt. Es kann so auch weiter gefragt werden, warum Anne Lene
gerade an dieser Grenze zur Außenwelt ihr Leben verliert.
Siehe hierzu auch Storm: Erzählungen, S. 68: ,,So waren wir bis zur Graft hinabgekommen, welche
auch hier die Grenze des eigentlichen Hauses darstellte."
32 Vgl. Storm: Erzählungen, S. 79.
7
Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Novellen "Auf dem Staatshof" und "Im Schloss" von Theodor Storm und ihrer beiden Protagonistinnen Anna und Anne Lene
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Seminar zu Storms Novellen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V375747
ISBN (eBook)
9783668530256
ISBN (Buch)
9783668530263
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Storm, Auf dem Staatshof, Im Schloss, Anna, Anne Lene
Arbeit zitieren
Julia Weilnböck (Autor), 2017, Vergleich der Novellen "Auf dem Staatshof" und "Im Schloss" von Theodor Storm und ihrer beiden Protagonistinnen Anna und Anne Lene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375747

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