Wandel der Lexikographie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart am Beispiel des Idioticon Hamburgense im Vergleich zum Hamburgischen Wörterbuch


Hausarbeit, 2017
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsgegenstand
2.1. Das Idioticon Hamburgense als Wörterbuch des 18. Jahrhunderts
2.2. Biographie von MICHAEL RICHEY
2.3. Der Sprachnormierungsdiskurs im 18. Jahrhundert

3. Forschungsstand
3.1. Überblick über weitere bedeutende Idiotica des 18. Jahrhunderts
3.2. Zielsetzung des Hamburgischen Wörterbuchs in Abgrenzung zum Idioticon Hamburgense

4. Theoretische und methodische Grundlegung

5. Analyseergebnisse
5.1. Quellen der beiden Wörterbücher im Vergleich: Synchrone oder diachrone Lexikographie?
5.2. Vergleich der Makrostruktur
5.3. Vergleich der Mikrostruktur

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Veränderung der deutschen Lexikographie vom 18. Jahrhundert zur Gegenwart. Insbesondere das 18. Jahrhundert ist gezeichnet durch sprachkritische Bewegungen, die die Wichtigkeit der Deutschen Spra- che forcieren und sich schon zu diesem Zeitpunkt in zwei Phasen aufteilen lassen. Der konkrete Wandel der Lexikographie, das heißt mit ihm die Ziele sowie Methoden, sollen anhand eines ausgewählten Beispiels aufgezeigt werden, weshalb das für die Lexikogra- phie wegweisende von Michael RICHEY 1755 in zweiter Auflage erschienene Idioticon Hamburgense als konkretes Werk dieser Epoche der Sprachreflexion angeführt wird (vgl. SCHRÖDER, 2013: 61). Als Vergleich dient das Hamburgische Wörterbuch, welches sich ebenso wie das Idioticon Hamburgense mit der Dokumentation des niederdeutschen Wortschatzes befasst und somit das Pendant des 21. Jahrhunderts darstellt. Die beiden Wörterbücher werden in Bezug auf ihre jeweilige Zielsetzung verglichen, wobei anhand dessen nachvollzogen wird, welche Schwerpunkte damals im Rahmen der Lexikographie gesetzt wurden und welche aktuell gelten. Durch diese unmittelbare Gegenüberstellung werden die Auswirkungen auf die jeweilige Gestaltung der Makro- und Mikrostruktur deutlich.

Zuvor erfolgt jedoch ein knapper Überblick über den Forschungsgegenstand, das von Mi- chael RICHEY verfasste Idioticon Hamburgense. Um dieses Werk in Verbindung mit dem Lexikographen MICHAEL RICHEY zu bringen, wird anschließend RICHEYs Biographie vorgestellt. Damit die Entstehungsbedingungen sowie gesellschaftliche Strukturen besser nachvollzogen werden können, schließt sich die Beleuchtung des zeitgeschichtlichen Dis- kurses im 18. Jahrhundert an. Dadurch soll aufzeigt werden, inwiefern der Diskurs zur Entstehung des Idioticons beitrug und in welchem Ausmaß sich das Idioticon Hambur- gense von anderen Idiotica seiner Zeit und dem Hamburgischen Wörterbuch aus dem 21. Jahrhundert unterscheidet. Nach Zusammenfassung des Forschungsstandes sowie Einordnung des Vorhabens in den Bereich der Lexikographie, werden wesentliche, der Arbeit zugrunde liegende Begriffe durch Definitionen voneinander abgegrenzt und bilden somit den Auftakt für die Darlegung der einzelnen Analyseschritte im Rahmen des Ver- gleichs. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt dabei deutlich auf dem Idioticon des 18. Jahrhunderts, da dieses die Grundsteinlegung für die Lexikographie des Niederdeut- schen bedeutet. Das Hamburgische Lexikon dient lediglich als Vergleichsinstrument, weswegen auf seine Entstehungsgeschichte dem Umfang geschuldet nicht näher einge- gangen wird. Abschließend werden die gewonnen Erkenntnisse zusammengefasst.

2. Forschungsgegenstand

2.1. Das Idioticon Hamburgense als Wörterbuch des 18. Jahrhunderts

Das von RICHEY verfasste Wörterbuch, das er selbst „Idioticon Hamburgense“ nennt, do- kumentiert als erstes umfangreiches Wörterbuch die niederdeutsche durch Heterogenität geprägte Stadtsprache Hamburgs (vgl. MÖLLER, 2000: 26-27). Das Idioticon umfasst in erster Linie die niederdeutsche Mundart, da das Niederdeutsche zu diesem Zeitpunkt be- reits vom Hochdeutschen in seiner Funktion als Schriftsprache verdrängt wurde (vgl. MÖHN, 2003: 2303-2304). Es ist allerdings kein Wörterbuch im Sinne eines Gesamtlexi- kons, obwohl es durch die Gesamtwörterbuchdiskussion beeinflusst ist, ganz im Gegen- teil dokumentiert es lediglich die im Hochdeutschen nicht verständlichen oder nicht exis- tierenden Wörter (vgl. RICHEY, 1743: IV). Somit handelt es sich bei der Vergleichsspra- che des Idioticons um Hochdeutsch, wobei RICHEY gleichzeitig eine Vorauswahl trifft, welche Wörter auch von Nicht-Niederdeutsch-Sprechern verstanden werden können und demnach nicht im Idioticon aufgeführt werden müssen (vgl. MÖLLER, 2000: 159). Die Wortherkunft spielt bei der Auswahl keine Rolle, der Fokus liegt vorrangig auf der Aus- wahl unbekannter Ausdrücke außerhalb der Schriftsprache (vgl. SCHRÖDER, 2013: 69).

Da das Idioticon Hamburgense als erstes umfassenderes niederdeutsches Lexikon im 18. Jahrhundert gilt, welches die niederdeutsche Mundart dokumentiert, hatte es für viele folgende Idiotica eine Vorbildfunktion inne (vgl. ebd.: 72). Die erste Fassung wurde 1743 veröffentlicht, wobei dieser eine Überarbeitung und eine erneute Veröffentlichung im Jahre 1755 folgte (vgl. RICHEY, 1755). Die Überarbeitung beinhaltete die Nutzung eines kontrastiven Verfahrens zur Gegenüberstellung der Mundart mit skandinavischen Spra- chen ebenso wie umfangreichere Angaben zu niederdeutschen Sprichwörtern.

Zielsetzung des Idioticons ist nicht nur die Dokumentation des von RICHEY bereits vo- rausgeahnten, vom Aussterben bedrohten niederdeutschen Wortschatzes (vgl. Richey, 1755: XLIII), sondern vorrangig das Bestreben, die hochdeutsche Sprache durch zusätz- liche Ausdrücke aus den Dialekten bereichernd zu ergänzen (RICHEY, 1755: XXII). Dar- über hinaus sieht RICHEY ebenfalls einen praktischen Nutzen in seinem Werk, indem er es in Form eines Wörterbuchs als Hilfestellung zum Verständnis von unbekannten Be- griffen oder für das Verstehen von Urkunden betrachtet. Nicht zuletzt sieht er Mundarten als Hort etymologischer Informationen, weswegen ihre Dokumentation von Bedeutung sei (vgl. SCHRÖDER, 2013: 68). Diese Zielsetzungen sind damit unter anderem durch Leibniz Gedankengut sowie durch die Teutsch-übende Gesellschaft beeinflusst, auf die zum späteren Zeitpunkt noch einmal genauer eingegangen wird. Zunächst soll allerding in Kürze ein Überblick über die Biographie RICHEYs sowie über den Sprachnormierungs- diskurs der Zeit erfolgen, um das Werk in seinen Entstehungshintergrund einbetten zu können.

2.2. Biographie von MICHAEL RICHEY

Der Verfasser dieses Idioticons, Michael RICHEY, ist bekannt als Professor, Dichter sowie auch als Sprachkritiker und lebte in der Zeit von 1678 bis 1761, wobei er einen Großteil seines Lebens in Hamburg verbrachte. Er wuchs in Hamburg auf und trat besonders durch seine schon in der Kindheit entwickelten (fremd-)sprachlichen Fähigkeiten hervor, die sich über sechs Fremdsprachen erstreckten. Nach dem Besuch des akademischen Gym- nasiums schloss er ein Studium der „Theologie, Naturlehre, Mathematik, Geschichte und der schönen Wissenschaften“ (SCHRÖDER, 2013, 62) in Wittenberg an, weswegen er seine Fähigkeiten weiterhin ausbaute. Auf Empfehlung eines Dozenten plante RICHEY nach Beendigung seines Studiums im Jahre 1699 mit der Magisterwürde den Beginn einer aka- demischen Karriere, wozu es krankheitsbedingt allerdings nicht kam. Quellen lassen da- rauf schließen, dass es sich bei der Krankheit um eine Depression handelte. Stattdessen kehrte er nach Genesung nach Hamburg zurück und fokussierte sich auf literarische Stu- dien (vgl. SCHRÖDER, 2013: 61-62). Infolge seiner Ernennung als Rektor an einem Gym- nasium ging RICHEY für acht Jahre nach Stade. Auch diesen Ort verließ RICHEY, indem er gemeinsam mit seiner Ehefrau aufgrund gesundheitlicher Probleme 1712 erneut nach Hamburg zurückkehrte. Nach deren Tod sowie infolge seiner eigenen Krankheit widmete er sich zunächst ausschließlich privaten (literaturwissenschaftlichen) Studien, gleichzei- tig war er jedoch aktiv im Hamburger Gelehrtennetzwerk eingebunden und nahm an den Diskursen der Zeit teil. Dies zeigt sich, indem RICHEY gemeinsam mit B. H. Brockes, J. U. von König und J. A. Fabricius als Mitbegründer der Teutsch-übenden Gesellschaft auftritt, die als Vorläuferinstitution der patriotischen Gesellschaft gilt. Später wird RICHEY an das Akademische Gymnasium in Form einer Professur berufen, wo er bis an sein Lebensende im Jahre 1761 44 Jahre tätig war (vgl. SCHRÖDER, 2013: 62-63).

In Hamburg gilt Richey als einer der „wirkungsvollsten Vertreter der Aufklärung“ (KO- PITZSCH & TILGER, 1998: 582). Herausragende Bedeutung haben neben seinen Reden, Gedichten und wissenschaftlichen Ausarbeitungen insbesondere das der niederdeutschen Mundart verpflichtete Idioticon Hamburgense sowie seine umfassende, sich auf viele ver- schiedene Teilgebiete erstreckende Bibliothek (vgl. SCHRÖDER, 2013: 63-64).

Nach Kenntnis all dessen, stellt sich die Frage, welche gesellschaftlichen Strömungen dazu führten, dass RICHEY die Dokumentation der niederdeutschen Mundart überhaupt für erforderlich hielt und inwiefern die Dokumentation als wegweisend betrachtet werden kann. Um diese Frage beantworten zu können, wird deshalb nun der zeitgeschichtliche Diskurs ebenso wie das Gelehrtennetzwerk, in dem sich RICHEY bewegte, näher beleuch- tet.

2.3. Der Sprachnormierungsdiskurs im 18. Jahrhundert

Grundsätzlich bilden Anfang des 17. Jahrhunderts in Italien geführte Diskussionen zur Vorbildlichkeit der eigenen Landessprache als Literatur- und Hochsprache den Auslöser für die Frage, wie ein deutsches, sprachlich idealtypisches Vorbild auszusehen habe (vgl. HENNE, 2001: 7-8). Diese Diskussionsfrage fand auch in Deutschland Anklang, sodass sich hier Sprachgesellschaften und Akademien damit beschäftigten, welche Rolle Sprachnormen für den Ausbau des Deutschen spielen und auf welche Weise die deutsche Sprache kultiviert werden könne (vgl. SCHRÖDER, 2013: 65).

Entwicklung einer deutschen Hochsprache

Die Bemühungen von Sprachgesellschaften, eine „Sprachreinheit“ der deutschen Sprache im Sinne J. G. Schottels zu erlangen und sie gegenüber anderen Sprachen abzugrenzen, münden in einer Systematisierung der Sprache. Diese erfolgte, indem Normen hinsicht- lich Grammatik und Wortschatz aufgestellt und die Sprache somit vereinheitlicht werde (vgl. HENNE, 2001: 9). Das Konzept der Sprachreinheit bezieht sich vorrangig auf die Schriftsprache, die abzielend auf die Verwendung als literarische Kunstsprache von Grund auf korrekt sein solle. Die Sprachgesellschaften betonen in Bezug auf die Kulti- vierung der deutschen Sprache insbesondere das Prestige, die Nützlichkeit und das Alter sowie den Wortreichtum des Deutschen, den es ebenbürtig mit anderen Sprache sein lasse (vgl. SCHRÖDER, 2013: 65), allerdings bisher eine geringere Bedeutung aufweise als die des Landes an sich (vgl. HENNE, 2001: 11). In diesem Zusammenhang begründet sich das gemeinsame Bestreben der Sprachgesellschaften mittels der Muttersprache das kulturpat- riotische Nationalbewusstsein zu stärken, indem sie fremdsprachliche Einflüsse auf die deutsche Sprache auszuschließen versuchten (vgl. MÖLLER, 2000: 22).

Als zweites Argument für die „Spracharbeit“ der Sprachgesellschaften im 18. Jahrhun- dert lassen sich zum anderen die durch die Aufklärung beeinflusste Forderung des Adels und Bürgertums nach einer für kulturelle sowie wirtschaftliche Zwecke angemessene Sprache anführen. Dahinter steht die Absicht, die Relevanz der deutschen Sprache sowohl als Kommunikationsinstrument als auch als Wissenschaftssprache zu vergrößern, wobei es hier nicht um die Kunstfertigkeit der Sprache an sich geht, sondern um einen möglichst differenzierten und umfassenden Wortschatz. Das rationale sowie intellektuelle Gedankengut der Aufklärung ist damit ebenso wesentlicher Einflussfaktor auf die Vereinheitlichung der deutschen Sprache. Darüber hinaus ist vor dem Hintergrund politischer Uneinigkeit innerhalb des Landes, die Intention zu einem Konsens in Bezug auf das sprachliche Leitbild Deutschlands zu gelangen, zu nennen.

HENNE sieht in den unterschiedlich begründeten Bemühungen der „Spracharbeit“ die Ge- meinsamkeit, dass sie unter Nutzung des Wortschatzes der Literatur, die Entwicklung einer einheitlichen allgemeinen deutschen (Schrift-)Hochsprache zum Ziel haben, die sie durch eine präskriptive Lexikographie erreichen wollen (vgl. 2001: 10). Demzufolge wächst das nationale Sprachbewusstsein, welches sich unter anderem durch das Ziel der Erstellung eines großen deutschen Gesamtwörterbuchs äußert (vgl. MÖLLER: 23). In diesem Zusammenhang löst das Hochdeutsche in Wörterbüchern zunehmend das Lateinische als Vergleichssprache ab, wie auch am Idioticon RICHEYs zu erkennen ist (vgl. MÖLLER: 2000). Der standardsprachliche Wortschatz wird unter Abgrenzung der Mundart dokumentiert, wobei sich in diesen Diskurs RICHEYs Idioticon in seiner Berei- cherungsfunktion zugunsten der deutschen Sprache einbetten lässt (vgl. SCHRÖDER, 2013: 67). Dabei stellt die 1715 gegründete Teutsch-übende Gesellschaft eine wichtige Basis für die Erstellung RICHEYs Idioticons dar.

Teutsch-übende Gesellschaft

Die Teutsch-übende Gesellschaft ist ein sprachkritischer Zusammenschluss zur Verbes- serung der Sprache und Literatur, der im Gegensatz zu anderen Sprachgesellschaften von wöchentlichen, persönlichen Treffen und den Gesprächen währenddessen lebt, die gleich- zeitig Ausdruck des freundschaftlichen Charakters dieser Gesellschaft sind (vgl. SCHRÖDER, o. J.: 19). Das Fundament dieser Gesellschaft bilden die zuvor angesproche- nen im 17. Jahrhundert aufkommenden barocken Sprachgesellschaften, die die Ausge- staltung der Sprache thematisieren.

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Wandel der Lexikographie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart am Beispiel des Idioticon Hamburgense im Vergleich zum Hamburgischen Wörterbuch
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V375846
ISBN (eBook)
9783668524972
ISBN (Buch)
9783668524989
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Michael Richey, Idioticon Hamburgense, Lexikographie, Hamburgisches Wörterbuch, Idiotica, 18. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Verena Meier (Autor), 2017, Wandel der Lexikographie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart am Beispiel des Idioticon Hamburgense im Vergleich zum Hamburgischen Wörterbuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375846

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