Vom Opfer zum Täter: Kriegserfahrungen, ihre Auswirkungen und die Effektivität von Bewältigungsstrategien am Beispiel des nahen Ostens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

20 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Krieg als „Alltagsphänomen“

3. Sozialisation im Krieg: Bewältigungsstrategien und ihre Effektivität
3.1. Identitätsfindung über den Konflikt: Ich- Identität vs. Wir- Identität
3.2. Ideologie als Schutzfaktor
3.3. Konstruktive Aggression statt Depression: Intifada als Therapie

4. Fazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

Obwohl (oder vielleicht gerade weil) wir in einem Zeitalter von ausgeprägtem Wohlstand leben und spätestens seit dem Friedensjahr 1986 in der Erklärung von Sevilla feststeht, dass Gewalt weder ein Teil unseres evolutionären Erbes, noch in unseren Genen festgelegt ist und dass aus wissenschaftlicher Sicht nicht angenommen werden kann, dass das menschliche Gehirn „gewalttätig“ ist- werden doch die Funktionen, die zur Anwendung von Gewalt benötigt werden nicht automatisch durch innere oder äußere Reize aktiviert, sondern zuerst durch höhere Hirnfunktionen gefiltert- so kennzeichnet Gewalt im allgemeinen und politische Gewalt, speziell in Form von Kriegen noch immer in großem Ausmaß das Zusammenleben vieler Menschen.[1] D.h., auch wenn für einige Menschen der „westlichen“ Welt Krieg als abstraktes Phänomen nicht greifbar scheint, so ist er auch in der heutigen Welt nichts Unreales oder Fiktives, denn viele Menschen sind direkt mit Krieg konfrontiert bzw. wachsen umgeben von politischer Gewalt in Form von Kriegen auf.

Die folgende Arbeit widmet sich deshalb den Menschen, deren Verhalten und Entwicklung maßgeblich durch eine „Kriegsumwelt“ bestimmt ist: den Kindern, die im/durch Krieg sozialisiert werden. Ob als Zeugen der Verbrennung ihrer Häuser, der Vertreibung ihrer Familien oder Nachbarn, der Verhaftung von Müttern, Vätern oder Geschwistern oder als direkte Opfer politischer Gewalt durch Verletzung, Verstümmelung oder Missbrauch- alles Erlebnisse, die in ihrer psychosozialen Entwicklung zu ständigen Begleitern werden- sie scheinen immer die eigentlichen Verlierer im Krieg zu sein. Diese Arbeit kann nun aber nicht den Anspruch erheben, die Kriegssituation als solche verändern zu können. Sie soll vielmehr helfen, das Verhalten der Kinder und spezifische Tendenzen innerhalb ihrer Entwicklung, die häufig auch eine Entwicklung von Opfern zu Tätern ist, im Hinblick auf die Bewältigung/ Effektivität der Bewältigungsstrategien in Kriegssituationen zu erklären bzw. zu verstehen. Sie wird so auf der Grundlage verschiedener Studien aufzeigen, wie Kinder im nahen Osten Krieg erfahren haben. Es soll dabei zunächst dargestellt werden, wie die Kriegssituation für Kinder im nahen Osten gekennzeichnet war, welche Erfahrungen mit Krieg gemacht wurden, wie Sozialisation im Krieg stattfand, in wieweit Familienverhältnisse verändert wurden und welche Bewältigungsstrategien im Umgang mit Krieg und seinen Auswirkungen entwickelt wurden, um dann allgemein Aussagen zur Effektivität bestimmter Bewältigungsstrategien in Situationen politischer Gewalt zu treffen sowie hier auch speziell die Rolle der Intifada innerhalb der Entwicklung vom Opfer zum Täter und im Bezug auf die lange Dauer des Krieges zu verdeutlichen.

2. Krieg als „Alltagsphänomen“

Es wurde schon angedeutet, dass Kriege im Geiste des Menschen entstehen, denn der Mensch ist aus biologischer Sicht nicht dazu verdammt Krieg zu führen. Kriege sind keine Natur-ereignisse, die aus heiterem Himmel „ausbrechen“, sie werden vielmehr von Menschen in bestimmten sozialen und politischen Zusammenhängen „gemacht“. So orientieren sich wissenschaftliche Versuche einer Begriffsbestimmung für Krieg in aller Regel an drei Kriterien: an den beteiligten Parteien, an den von ihnen verwendeten Mitteln und an dem von ihnen verfolgten Zweck. Krieg ist damit definiert als „das Bemühen menschlicher Kollektive (Staaten, staatsähnliche Machtgebilde oder soziale Großgruppen), machtpolitische, wirtschaftliche oder ideologische Ziele mit den Mitteln organisierter bewaffneter Gewalt durchzusetzen“[2].

Die Kriegsrealität lässt sich nun aber nicht (allein) durch diese Definition fassen, denn von den gegenwärtigen größeren bewaffneten Konflikten ist keiner als klassischer Krieg im Sinne von „ein Staat kämpft gegen einen anderen“ zu erklären. So haben sich seit 1993 zwar die sogenannten „Großen Kriege“ halbiert, jedoch hat sich die Zahl der sogenannten „Mittel-großen Konflikte“ ständig erhöht[3]. Fast alle dieser Konflikte- meist Aufstände von ethnischen oder religiösen Gruppen- sind in Entwicklungsländern zu finden. Für die Zivilisten an diesen Kriegsschauplätzen wird die vorherrschende Bedrohung nicht durch Massenvernichtungs-waffen, Schlachten und Luftangriffe hervorgerufen. Die „neuen“ Kriege gehören oft zu den sogenannten „stop-go“ Konflikten, die über lange Zeit andauern, weil keine Gruppe es schafft durch Verhandlungen oder Kampf den „Feind zu bezwingen“. Sie sind meistens Zermürbungskriege, die Guerillataktiken verwenden und in denen Gewalt allgegenwärtig allmählich die Strukturen von Regierung und Gesellschaft zerstört. Verhaltensweisen und Moral brechen durch dominierende Brutalität und Aggression zusammen. So verschwimmt die Grenze zwischen Kämpfern und Zivilisten mehr und mehr und Kinder werden/ sind oft gezwungen sich auch aktiv als Kämpfer am Kriegsgeschehen zu beteiligen. Krieg, Kriegserfahrung(en) und ihre Auswirkungen werden zu alltäglichen Phänomenen, zur Routine, was am Beispiel des nahen Osten als Schauplatz erbitterter und oft tödlicher Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern sehr deutlich wurde.

Kinder erscheinen in diesem Zusammenhang, v. a. im Hinblick auf die Tatsache, dass sie noch im Entwicklungsprozess stehen, sie intellektuell, emotional und körperlich noch lernen und reifen besonders verletzbar. So kann man zwar davon ausgehen, dass Kriegserfahrungen in ihren Auswirkungen immer große Teile der Bevölkerung betreffen, Kinder aber in ganz akuter Weise kennzeichnen werden. Es ist also zu erwarten, dass die Erfahrung, in einem Krieg aufzuwachsen, die Entwicklung eines Kindes stark beeinflussen wird bzw. unter Umständen sein ganzes Leben zeichnet. So waren bzw. sind Kinder in Familien in Kriegssituationen im nahen Osten häufig bzw. verstärkt von Unterernährung, der Ausbreitung von Krankheiten (Epidemien, Dehydration), psychologischen Schäden (Traumata) bzw. von veränderten psychosozialen Werten oder Verhaltensweisen, die als Überlebensstrategien im Krieg erlernt oder erworben wurden, und die in Friedenszeiten wieder verlernt werden müssen, Behinderungen und geschlossenen Schulen als Folgeerscheinungen gewalttätiger Auseinandersetzungen betroffen. Grober Missbrauch und Ausbeutung von Kindern im Krieg ging hier oft mit der Trennung von den Eltern bzw. Familien einher. Familien wurden auf der Flucht oder bei Attacken auseinandergerissen. Kinder wurden zu Waisenkindern, viele übernahmen dann die Rolle der Eltern, um jüngere Geschwister oder Familienmitglieder zu beschützen oder meldeten sich freiwillig zur Rekrutierung bei bewaffneten Truppen, z. T. aus Faszination (Ideologie, heroisches Verhalten), um ihre Väter zu rächen oder um Selbstbewusstsein zu erlangen bzw. ein Zugehörigkeitsgefühl (Ersatzfamilie) entwickeln zu können. Viele alleinstehende Kinder wurden aber auch zwangsrekrutiert, verschleppt bzw. entführt, gezwungen, Gewalttaten zu verüben, sexuell missbraucht (v. a. bei Mädchen) oder gefoltert.

Ob innerhalb von Familien oder alleinstehend, Kinder im Krieg waren im nahen Osten bzw. sind auch noch an anderen Kriegsschauplätzen mit Dingen konfrontiert, die zwangsläufig auf eine spezielle Art psychologischen Stress auslösen. Eine Sozialisation wie sie in Regionen, die nicht durch Krieg und seine Auswirkungen stattfinden kann, ist bzw. war hier nicht möglich. Kinder im Krieg entwickeln spezielle Bewältigungsstrategien im Umgang mit ihrer Situation. Aufwachsen im Krieg als „Alltagsphänomen“, heisst Sozialisation im Krieg, da er direkten Einfluss auf die Entwicklung von Identität und den Aufbau eines Wertesystems nimmt.

3. Sozialisation im Krieg: Bewältigungsstrategien und ihre Effektivität

3.1. Identitätsfindung über den Konflikt: Ich- Identität vs. Wir- Identität

In der Kriegsursachenforschung gibt es keine allgemein anerkannte einheitliche Theorie über die Gründe für gewaltsamen Konfliktaustrag. Bei der Vielzahl von Erklärungsansätzen, die der Vielfalt der Kriegsrealität Rechnung zu tragen versuchen, lassen sich generell drei Ebenen unterscheiden: das Individuum, kollektive Zusammenschlüsse von Individuen (Staat, staats-ähnliche Machtgebilde oder soziale Großgruppen), und das internationale System.

V. a. die ersten beiden Ebenen stehen eng in Zusammenhang mit der Identitätsfindung bzw. der eigenen Definition von Identität, die heute häufig sowohl als Auslöser des Konfliktes vor dem eigentlichen Krieg bzw. im Krieg als direkt abhängig vom Konflikt diskutiert wird. Die soziale Identität ist dabei das innere Konstrukt der Eingliederung in einen sozialen Kontext. Sobald der Konflikt Bestandteil dieses Kontextes ist, wird er automatisch die Identitäts-findung beeinflussen. Je größer die Wahrnehmung des Konfliktes ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass der Feind als Teil des Konfliktes mit in das eigene Konzept der sozialen Identität aufgenommen wird. Konflikt und Feind greifen so indirekt in das Konzept der sozialen Identität ein und die beteiligten Personen/ Gruppen bilden bestimmte Reaktionsmuster im Bezug auf den Konflikt, die eigene Gruppe und das Andere bzw. den Feind. Es entsteht so ein stabiles Freund- Feind- Denken mit sogenannten longterm emotional responses (vgl. Elbedour et al. 1997: 217f.)

Ein Großteil der Entwicklung der individuellen Identität, die durch die soziale Interaktion der jeweiligen Person mit ihrer Umwelt entsteht, findet im Kindes- bzw. Jugendalter statt. Kriege oder gewalttätige Konflikte als Bestandteil der Umwelt führen so wie oben beschrieben schon bei Kindern in frühem Alter zu einem Freund- Feind- Denken, in dem alles was zum Vorteil der eigenen Identität bzw. der Identität der eigenen Gruppe gleichzeitig zum Nachteil der jeweils anderen Gruppe und umgekehrt verstanden werden muss. Elbedour et al. verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass jeder Mensch mehrere Identitäten besitzt und je nach Situation eine dieser Identitäten als dominant hervortritt (vgl. Elbedour et al. 1997: 219).

Die Beziehung zu anderen Gruppen ist wichtig, um sich selbst (bzw. die eigene Gruppe oder auch innerhalb der Gruppe) in der jeweiligen Situation zu definieren, Werte und Einstellungen werden übernommen oder negiert. Haben mehrere/ beide Gruppen das gleiche Ziel so stellt die outgroup den Auslöser der Frustration der ingroup, also der Gruppe zu der sich das Individuum zugehörig fühlt, dar, denn sie behindert die ingroup im Erreichen ihres Ziels.

Each side holds the view that only one can be a nation […] Either we are a nation or they are. They can acquire national identity and rights only at the expense of our identity and rights (Elbedour 1997: 218, Kelman 1987: 354).

Das Denkmuster des Ausschlusses bzw. der Abgrenzung, ist in Studien zu Kindern im Krieg anhand von Zeichnungen der Kinder nachweisbar. Dabei geht man davon aus, dass sie ihre Sichtweise besser beim Zeichnen ausdrücken können als sie zu versprachlichen. Laut Elbedour et al. lässt sich deshalb anhand von Kinderzeichnungen auf die Zuordnung von Identitäten schließen bzw. lassen sich anhand von Kinderzeichnungen Identitätsdefinitionen erstellen, die helfen, die Unabwendbarkeit des Kriegs bzw. seine überdauernde Existenz durch Sozialisation im Krieg zu erklären.

[…] drawings [will show the] identity forming process of war […] will project their most salient identities

(Elbedour et al. 1997: 221).

[...]


[1] vgl. UNESCO, Konstruktive Konfliktbearbeitung: Gewalt ist kein Naturgesetz, „Die Erklärung von Sevilla“,1986, Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. (2004-09-28). URL: http://www.friedenspaedagogik.de/themen/konflikt/stellungn/sevilla.htm

[2] Margret Johannsen, Pädagogische Informationen zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Ausgabe 5/1995, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (2004-09-28). URL: http://www.ifsh.de/veroeffentlichungen/reihen/pifs/PI5.htm.

[3] vgl. Department of Peace and Conflict Research. World Disaster Report. Uppsala University 1997. Die Daten beziehen sich auf 1996. Ein „größerer bewaffneter Konflikt“ wird definiert als Konflikt, im Zuge dessen mehr als 1.000 Menschen starben.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Vom Opfer zum Täter: Kriegserfahrungen, ihre Auswirkungen und die Effektivität von Bewältigungsstrategien am Beispiel des nahen Ostens
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Kinder im Krieg
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V37594
ISBN (eBook)
9783638368872
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Opfer, Täter, Kriegserfahrungen, Auswirkungen, Effektivität, Bewältigungsstrategien, Beispiel, Ostens, Kinder, Krieg
Arbeit zitieren
Liane Weigel (Autor), 2004, Vom Opfer zum Täter: Kriegserfahrungen, ihre Auswirkungen und die Effektivität von Bewältigungsstrategien am Beispiel des nahen Ostens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37594

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