Die Krise und die Zukunft der Erwerbsarbeitsgesellschaft - Wert und Preis der Arbeit im heutigen Kapitalismus


Diplomarbeit, 2007
135 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abschnitt: Das Wertproblem als Schüsselproblem der Ökonomie - Grundlagen der Werttheorien
1. Einleitung. Begründung des Themas. Gang der Untersuchung, Zielstellung und Abgrenzung
2. Vorstellung der Werttheorien
2.1. Die Klassiker
2.2. Die Marxsche Werttheorie und Marx´ Methode
2.3. Subjektive Wertlehre
2.4. Welche Werttheorie?
2.5. Der Wert der Arbeitskraft

II. Abschnitt: Krise und Zukunft der Erwerbsarbeitsgesellschaft
3. Der Preis als konkreter Ausdruck des Werts der Arbeitskraft
3.1. Gegenwärtiger Zustand und Tendenz
3.2. Begriffe und Zusammenhänge der neuen ökonomischen Entwicklungen
3.3. Der Wertaspekt
3.4. Weitergehende Ansätze
4.Fazit

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Grafiken

I. Abschnitt: Das Wertproblem als Schüsselproblem der Ökonomie - Grundlagen der Werttheorien

1. Einleitung. Begründung des Themas. Gang der Untersuchung, Zielstellung und Abgrenzung

Diese Arbeit beschäftigt sich insbesondere mit meiner eigenen Zukunft. Als „Spätstudent” der ökonomischen Wissenschaften interessierte mich die Frage: Wie werde ich, wie werden WIR in Zukunft arbeiten? Dies war der Grund, aus dem ich mich mit dem gegenwärtigen Zustand und der Zukunft der Erwerbsarbeitsgesellschaft beschäftigt habe.

Eigentlich hatte ich vor, eine theoretische Arbeit zu schreiben. Es sollte um den Wertbegriff gehen, um die Frage, ob Dienstleistungen „Wert“ schaffen, und schließlich darum, ob die vieldiskutierte „Dienstleistungsgesellschaft“, die „Wissensökonomie“, die „Kommunikationsgesellschaft“ die Misere der Unterbeschäftigung in den Industrieländern (wie auch anderswo) lösen kann.

Hinein in dieses Vorhaben drängt sich jedoch immer wieder die gesellschaftliche Wirklichkeit, nicht zuletzt die Überlegung zur eigenen beruflichen Perspektive. Die Bezüge zur Praxis ließen sich also nicht umgehen.

So mußte die Fragestellung erweitert werden. Der „Umbau der Industriegesellschaft“ geht voran, und es stellt sich die Frage in Anbetracht seit Jahren sinkender oder stagnierender Reallöhne: Was ist Arbeit wert? Wie werden die Menschen künftig arbeiten? Wie werden sie ihren Lebensunterhalt verdienen? Wie wird es - berücksichtigt man die gegenwärtigen Tendenzen in der Gesellschaft - möglich sein, ein Einkommen zu erzielen, das ein Leben in Würde und Freiheit ermöglicht?

Und: Kann auf Grundlage einer Dienstleistungs-, einer Wissens- oder Informationsökonomie eine Gesellschaft existieren? Wenn ja - schaffen Dienstleistungen, Wissen, Informationen WERT? Was ist eine Dienstleistung, was ist Wissen, was sind Informationen wert? Wie wird eine solche Ökonomie funktionieren? Oder ist das Schaffen von Wert in Warenform die einzig mögliche Grundlage einer Gesellschaft?

Was steckt hinter den Begriffen? Sind die Inhalte, die durch diese Begriffe bezeichnet werden, geeignet, daß Problem der Arbeitslosigkeit zu beheben?

Es mußte also die Frage „Was ist WERT?“ zuerst behandelt werden. Dies vor dem Hintergrund, daß das Wertthema eines der umstrittensten Themen der Ökonomie und zudem von einem Umfang ist, der gut und gerne eine alleinige Beschäftigung mit diesem Thema gerechtfertigt hätte.

Deshalb werden nur die grundlegenden Teile der Werttheorien dargestellt werden, die als Voraussetzung für die Diskussion der Frage „Welchen Wert hat Arbeit, schaffen Dienstleistungen Wert und wie wird in Zukunft gearbeitet werden?“ gelten müssen. Die Vorgehensweise soll dabei folgende sein: Zunächst wird der Wertbegriff bei Smith und Ricardo vorgestellt, anschließend bei Marx, wobei hier zunächst ein kurzer Ausflug in dessen Methode, den dialektischen und historischen Materialismus, gemacht werden wird. Danach wird der subjektive Wertbegriff vorgestellt, der aus der Grenznutzentheorie abgeleitet ist und auf dem die gesamte klassisch - neoklassische Theorie aufbaut. Diese Reihenfolge entspricht auch der historischen Reihenfolge der Entstehung der Theorien.

Dann mußte die Frage geklärt werden, inwieweit die heutige Hauptrichtung der ökonomischen Theorie, die Neoklassik, die zu besprechenden Fragen und die ökonomische Praxis zu erklären in der Lage ist. Inwieweit machen die verwendeten Wertbegriffe der eine Beurteilung von Dienstleistungs - , Kommunikations- und Wissensökonomie nach den Kriterien einer wertschaffenden Ökonomie möglich? Eine tiefergehende Diskussion des Wertbegriffes im Rahmen dieser Arbeit war nicht möglich, und so werden Autoren wie Heinrich, Kurz, Backhaus, Helmedag, Wolf, Reichelt und andere allenfalls kurze Erwähnung finden können.

Mit dem Wertbegriff in engem Zusammenhang steht die Frage nach dem Wert und dem Preis der Arbeit. Dies insbesondere, da neoklassische Ökonomen nicht müde werden zu betonen, daß nur der Preis der Arbeit, der Lohn, sinken muß, um wieder „genügend“ Arbeitsplätze zu schaffen“.[1]Abgesehen davon, daß damit eine weitere Schwächung der Kaufkraft und eine Verminderung der Chance verbunden ist, die produzierten Werte zu realisieren, erklärt keiner der Vertreter dieser Schulen, wann dieser Prozeß beendet sein soll.[2]

Aber auch bei den Arbeitswerttheoretikern besteht ein enger Zusammenhang, denn für sie ist ja die Arbeit direkte Grundlage des (Waren-)Wertes.

Diese Betrachtung beginnt mit einer Aufnahme des Ist - Zustandes der Erwerbsarbeitsgesellschaft. Anhaltende Arbeitslosigkeit auch in entwickelten Ländern, trotz Hochkonjunktur weltweit, Ankündigung von Entlassungen durch Großkonzerne in 10000er Größenordnung, zunehmende Unsicherheit und Auseinandersetzungen prägen das Bild.

Danach sollen Begriffe und Schlagworte diskutiert werden, die als Ausweg aus einer (offensichtlich bestehenden) mangelhaften Situation in der Gesellschaft- der Arbeitslosigkeit- gesehen werden. Die Diskussion beweist, daß die Gesellschaft als Ganzes mit dem derzeitigen Zustand nicht zufrieden ist. An dieser Stelle werden die Ansätze „Dienstleistungsökonomie“, „Informations- bzw. Kommunikations-gesellschaft“ und „Wissensökonomie“ diskutiert. Diese Ansätze sollen unter dem Wertaspekt betrachtet werden. Die Frage soll untersucht werden, ob eine auf Wissen, Information und Kommunikation und Dienstleistung beruhende Ökonomie den einzelnen und eine Gesellschaft ernähren kann.

Anschließend sollen zwei weitere Ansätze einbezogen werden, die in gewisser Weise die Beantwortung der gerade gestellten Fragen beinhalten. Beispielhaft für eine Fülle anderer Ideen wird das „Bedingungslose Grundeinkommen“ (BGE) und die „Solidarwirtschaft“ besprochen werden.

Die Sichtung und Auswahl der Literatur erfolgte entlang der Argumentationslinie. Sie wurde jedoch ebenfalls durch den kapazitätsmäßigen und zeitlichen Rahmen beschränkt. So wurden für die Darstellung der Wertproblematik nur die „Klassiker“ und die Hauptvertreter der subjektiven Wertlehre herangezogen. Andere Literatur fließt ein, jedoch nur ergänzend oder kritisch.

Erschwert wurde das Vorhaben dadurch, daß sich die Kategorie „Wert“ kaum von den Kategorien „Preis“, „Geld“, „Kapital“, „Profit“ usw. trennen läßt. Hier habe ich versucht, die jeweiligen Ableitungen und Definitionen einzubeziehen, ohne zu tief in diese Gebiete einzudringen.

Kaum besprochen werden - ebenfalls aus Kapazitätsgründen - auch Themen wie Zeitarbeit, Produktivlöhne, Mitarbeiterbeteiligung und das „Sozialkapital“, die durchaus in Beziehung zum Hauptthema stehen.

2. Vorstellung der Werttheorien

Ist eine Gesellschaft nur lebensfähig, wenn Werte (in Form von Waren) geschaffen werden? Falls ja - kann also eine „Dienstleistungsgesellschaft” nicht funktionieren?

Um diesen Fragen nachgehen zu können, muß eine werttheoretische Grundlage geschaffen werden. Dazu sollen die Theorien der maßgeblichen Theoretiker dieses Gebietes kurz vorgestellt sowie ausgewählte Problemstellen, Bezüge und Widersprüche thematisiert und kommentiert werden. Daß der vorgegebene Rahmen dabei nur das Eingehen auf die Hauptthesen zuläßt ist offenbar.

Der Abschnitt über Marx mag dem einen oder anderen Leser unverhältnismäßig groß erscheinen. Dieser Eindruck relativiert sich jedoch, wenn man den Umfang seines Gesamtwerkes in Beziehung setzt zu dem der anderen. Ebenso seinen Beitrag zur Werttheorie.

2.1. Die Klassiker

a) Adam Smith

Adam Smith, 1723 bis 1790, gilt als „Urvater” der klassischen (englischen) Nationalökonomie.

In seinem Hauptwerk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ beschäftigt er sich mit Fragen der Arbeitsteilung, des freien Marktes, des Außenhandels und der Rolle des Staates. Bekannt und vielzitiert ist der von ihm geprägte Begriff der „invisible hand“, mit der nach seiner Meinung der Markt die Interessen der einzelnen Individuen zum Wohle der gesamten Gesellschaft steuert.

Entsprechend der Themenstellung dieser Arbeit sollen im folgenden nur die Ausführungen Smiths zum Thema Wert vorgestellt werden.

Smith gehört zu den „Arbeitswerttheoretikern“. „Der Wert einer Ware ist demnach für denjenigen, der sie besitzt, sie aber nicht selbst zu gebrauchen oder zu verzehren, sondern gegen andere Waren auszutauschen gedenkt, gleich der Quantität Arbeit, welche er dafür kaufen kann oder die ihm dafür zu Gebote steht.Die Arbeit ist also der wahre Maßstab des Tauschwerts aller Waren.[3][Hervorhebung von mir - J.G.]

Diese Auffassung taucht bei ihm immer wieder auf, wenn auch in verschiedener Formulierung. Smith unterscheidet (nicht konsequent, wie sich später zeigen wird) zwei Wertbegriffe:

„Das WortWerthat - was wohl zu beachten ist - zweierlei verschiedene Bedeutung und drückt bald die Brauchbarkeit einer Sache, bald die durch den Besitz dieser Sache gegebene Möglichkeit aus, andere Güter dafür zu kaufen. Das eine kannGebrauchswert(value in use), das andereTauschwert(value in exchange) genannt werden.“[4]

Das Verhältnis der Tauschwerte entspricht dem Verhältnis der Arbeitsmengen, die auf die Produkte verwendet wurden. Allerdings: „Die Zeit, die auf zwei verschiedene Arten von Arbeit verwendet wird, reicht allein nicht hin, um dies Verhältnis richtig anzugeben“[5], sonderen es gibt weitere Bestimmungsgründe, die noch folgen.

Smith sagt auch, wie der (Tausch-)Wert praktisch bestimmt wird: Der Austausch der Produkte verschiedener Arbeitsarten gegeneinander „ordnet sich nicht nach einem genauen Maßstabe, sondern nach dem Dingen und Feilschen im Handel, jener rohen Ausgleichung gemäß, welche zwar nicht exakt ist, jedoch für die Geschäfte des gemeinen Lebens hinreicht.“[6]

Kennzeichnend für Smith ist die Suche nach einem festen Maßstab für Wert und Preis.

„Mithin ist allein die Arbeit, die in ihrem eigenen Werte niemals veränderlich ist, das letzte und wahre Preismaß, wonach der Wert aller Waren immer und überall geschätzt und verglichen werden kann. Sie ist ihr wahrer Wert; Geld ist nur ihr nomineller Wert.“[7]

Der Preis der Arbeit erscheint ihm jedoch veränderlich, denn:

„Obgleich aber alle Quantitäten der Arbeit für den Arbeiter immer gleichen Wert haben, so scheinen sie doch demjenigen, der den Arbeiter beschäftigt, bald mehr, bald weniger Wert zu sein. Er erkauft sie bald mit einer größeren, bald mit einer kleineren Quantität von Gütern, und ihm scheint der Preis der Arbeit nicht weniger als der aller anderen Güter veränderlich zu sein.“[8]

Das läßt nur zwei Schlüsse zu: Entweder, der Wert ist ebennichtstabil, oder, Preis und Wert sind zwei unterschiedliche Dinge.

Im Weiteren konfrontiert Smith den Leser mit verschiedenen Wertbegriffen.

„Die Unterscheidung zwischen dem wahren und dem nominellen Werte der Waren und der Arbeit ist nicht etwa nur eine Sache der bloßen Theorie, sondern kann bisweilen in der Praxis von beträchtlichem Nutzen sein. Ein und der selbe Realwert hat immer ein und denselben Wert, wohingegen wegen des Wechsels im Werte des Goldes und des Silbers ein und derselbe Nominalwert zuweilen sehr verschiedene Werte hat.“[9]

Unter „Nominalwert“ versteht Smith also offenbar den aufgeprägten Münzwert, mit „Realwert“, „wahrer Wert“ und „Wert“ meint er DEN Wert.[10]

Für Smith ist die Arbeit „ebensowohl der einzige allgemeine, als der einzige genaue Maßstab des Wertes“.[11][Hervorhebung - J.G.]

Nun kommen die Preise hinzu. Real- und Geldpreise, wahre und nominelle Preise.[12]An dieser Stelle wird der Begriff „Preis“ synonym mit „Wert“ verwendet.

„Wenn es zum Beispiel einem Jägervolke zweimal soviel Arbeit kostet, einen Biber zu erlegen als einen Hirsch, so wird natürlich ein Biber zwei Hirsche wert sein oder dafür in Tausch gehen. Es ist natürlich, daß das Produkt der Arbeit zweier Tage oder zweier Stunden doppelt so hoch bewertet wird als das Produkt einer Arbeit von einem Tage oder einer Stunde.“[13]

Smith redet hier von dem, was Marx später „konkrete Arbeit“ nennen wird. Er scheint jedoch zu ahnen, daß es so einfach eben nicht ist, und schränkt ein:

„Wenn die eine Art der Arbeit anstrengender ist als die andere, so wird natürlich eine Vergütung für größere Mühe gewährt, und das Produkt einer einstündigen Arbeit der einen Art kann oft gegen das Produkt einer zweistündigen Arbeit einer anderen Art vertauscht werden.“[14]

Nun kommt eine weitere Komponente ins Spiel.

„Bei diesem Stande der Dinge gehört das ganze Arbeitsprodukt dem Arbeiter... Sobald sich in den Händen einiger Personen Kapital angesammelt hat[!], wird natürlich der eine oder der andere unter ihnen sein Kapital dazu verwenden, fleißigen Leuten Arbeit zu geben und sie mit Material und Lebensmitteln zu versorgen, um aus dem VerkaufihresArbeitserzeugnisses oder aus dem, was das Material durch die Arbeit an Wert gewinnt, Vorteil zu ziehen. ...Der Wert, welchen die Arbeiter dem Material hinzufügen, löst sich also in diesem Falle in zwei Teile auf, in denArbeitslohn und den Gewinn des Arbeitgebersüber das ganze für Material und Arbeitslohn verausgabte Kapital hinaus.“[15][Hervorhebung und Anmerkung- J.G.]

Danke, Mr. Adam Smith, für diese klaren Worte zum Funktionieren der kapitalistischen Produktionsweise! Smith beschreibt hier den Vorgang, der die Quelle des Mehrwerts darstellt.[16]

„Das Einkommen, welches jemand aus der Verwaltung oder Verwendung von Kapital bezieht, heißt Gewinn. (profit)“[17]Wobei er gerade erklärt hat,wiedas vonstatten geht, nur nicht, auf welche Art sich zunächst, ursprünglich, „in den Händen einiger Personen Kapital angesammelt hat“.

Noch einmal zu den Preisen:

„Wenn der Preis einer Ware weder höher noch niedriger ist, als er sein muß, um die Grundrente, den Arbeitslohn und den Gewinn des auf Erzeugung, Bereitung und Feilbietung verwendeten Kapitals nach ihrem natürlichen Satze zu bezahlen, so wird die Ware für den Preis verkauft, welchen man ihrennatürlichennennen kann. Die Ware wird dann genau für das verkauft, was sie wert ist oder was sie demjenigen, der sie feilbietet, wirklich kostet; ... Der wirkliche Preis, zu welchem eine Ware gewöhnlich verkauft wird, heißt ihr Marktpreis. Er kann über dem natürlichen Preise oder unter demselben oder ihm ganz gleich sein.“[18]

Smith vergißt an dieser Stelle, daß der Preis der Ware auch das verwendete Kapital wieder ersetzen muß und nicht nur den Gewinn darauf enthalten kann. Ansonsten kann man festhalten, daß der „Wert“ offensichtlich seiner Vorstellung vom „natürlichen Preis“ entsprechen muß. (auch „Zentralpreis“, S. 61) Der Marktpreis kann der gleiche sein, muß es aber nicht.

Ähnlich wie der Spieler, der die Aufgabe zu lösen hat, aus sechs Streichholzern vier Dreiecke zu konstruieren, und der scheitert, weil er beim Nachdenken die Ebene nicht verläßt, stößt Smith immer wieder an die Grenzen seiner eigenen Darstellung. Er sucht z. B. immer wieder nach einem festen Wert - bzw. Preismaßstab, glaubt, ihn gefunden zu haben, und muß ihn kurz darauf erneut zur Disposition stellen. Beispiel dafür sind seine Ausführungen auf der Seite 211, wo er über das Verhältnis von Weizen- und Goldpreis spricht. Die Vielzahl an Relativitäten läßt ihn nicht zu einem Ergebnis finden.

Es gibt noch eine Reihe weitere bemerkens- und erwähnenswerter Stellen in Smiths Werk. Im Hinblick auf die Themenstellung dieser Arbeit soll jedoch zunächst nur noch auf seine Ausführungen zum Thema „Dienstleistung und Wert“ eingegangen werden.

„Es gibt eine Art von Arbeit, die dem Werte des Gegenstandes, auf den sie gewandt wird, etwas zusetzt, und es gibt eine andere, die diese Wirkung nicht hat. Die erstere kann, da sie einen Wert hervorbringt oder produziert,produktive, die letztereunproduktiveArbeit genannt werden. So setzt die Arbeit eines Handwerkers im allgemeinen dem Werte der Materialien, an denen er arbeitet, noch den Wert seines eigenen Unterhaltes und des Meistergewinnes hinzu. Die Arbeit eines Dienstboten hingegen vermehrt keines Dinges Wert. ... Durch die Beschäftigung einer Menge von Fabrikarbeitern wird man reich; [!] durch das Halten einer Menge von Dienstboten wird man arm. [!!]“[19]

„allein die Arbeit des Handwerkers fixiert und realisiert sich in einem bestimmten Gegenstande oder einer verkäuflichen Ware, die wenigstens noch eine Zeitlang, nachdem die Arbeit schon vollbracht ist, vorhält. Es ist gleichsam eine gewisse Quantität angesammelter und aufgehobener Arbeit, die, wenn´s nötig wird, bei irgendeiner anderen Gelegenheit verwendet werden kann. ...Dagegen fixiert oder realisiert die Arbeit des Dienstboten sich durchaus in keinem bestimmten Gegenstande, in keiner verkäuflichen Ware. Seine Dienste gehen gewöhnlich im Augenblick ihrer Leistung zugrunde und lassen selten eine Spur oder einen Wert zurück, wofür ein gleiches Maß von Diensten später beschafft werden könnte.“[20]

Und ein paar Seiten weiter:

„Das Kapital des Großhändlers erstattet das der Pächter und Gewerbsleute, von denen er die rohen und verarbeiteten Produkte, mit denen er handelt, bezieht, samt den zugehörigen Gewinn zurück und setzt sie dadurch instand, ihr Gewerbe fortzuführen. Dieser Dienst ist es hauptsächlich, durch den er indirekt dazu beiträgt, die produktive Arbeit der Gesellschaft zu unterstützen und den Wert ihres jährlichen Produktes zu vergrößern. Auch beschäftigt sein Kapital die Schiffer und Fuhrleute, die seine Güter von einem Platze zum anderen verführen, und vermehrt den Preis dieser Güter nicht nur um den Wert seiner eigenen Gewinne, sondern auch um den des Lohnes, den jene dafür erhalten.“[21]

Was tuen Schiffer und Fuhrleute anderes als Dienstboten? Beide transportieren etwas von A nach B. Der eine eine Ware, der andere eine Information. Diese interessante Unterscheidung wird Gegenstand im Abschnitt Dienstleistungs - und Wissensökonomie sein.

Smith´s Werk zeichnet sich durch eine Fülle richtig beobachteter Einzelheiten, aber auch durch Widersprüche aus.

b) David Ricardo

Der zweite „Große” unter den Klassikern der politischen Ökonomie ist David Ricardo (1772 bis 1823). Von ihm ist ein wesentliches Werk überliefert, das die Politische Ökonomie nachhaltig beeinflußte, „The Principles of Political Economy and Taxation“ (1817).

Ricardo befaßte sich mit ähnlichen Themen wie Smith: Werte und Preise, Arbeit, Löhne, Kapital und Profite, Grundrenten und Steuern, Geld und Geldwert. Bekannt und berühmt wurden seine Ausführen zu den „Corn Lows“ sowie zum Außenhandel.

Ricardo sieht die Gesellschaft in drei Klassen geteilt (Eigentümer des Bodens, Eigentümer des Kapitals und Arbeiter) und das „Hauptproblem der Politischen Ökonomie“ im Auffinden der Gesetze, die die Verteilung des „Gesamtprodukts der Erde“ unter diesen drei Klassen bestimmen.[22]

Ricardo beginnt mit der Betrachtung des Wertes.

„Die Dinge, sobald sie einmal als nützlich erkannt sind, beziehen ihren Tauschwert aus zwei Quellen: Aus ihrer Seltenheit und der zu ihrer Gewinnung nötigen Arbeitsmenge.“[23]

Das spätere Argument der Grenznutzenschule vorausahnend, daß es auch Dinge mit großem Wert gäbe, die ohne Arbeit geschaffen werden[24], setzt er hinzu:

„Wenn wir also von Waren, ihrem Tauschwert und den Prinzipien reden, die ihre relativen Preise bestimmen, so haben wir stets nur solche im Auge, deren Menge durch menschliche Arbeit vermehrt werden kann und deren Produktion durch uneingeschränkte Konkurrenz beherrscht wird.“[25]

Dieser Abschnitt enthält mehrere bemerkenswerte Feststellungen, die Ricardo nicht näher ausführt, sondern unbewußt impliziert.

Erstenshandelt es sich um Produktion, und zwarzweitensvon Waren, unterdrittensdurch „uneingeschränkte Konkurrenz beherrschte“, also kapitalistische Produktion. Dies setzt er als Bedingung, die eigentlich näherer Erläuterung bedarf, eine Arbeit, die später von Marx unternommen wird.

Ricardo bemerkt Smith´s Suche nach einem festen Wertmaßstab.

„Nachdem Adam Smith sehr einleuchtend die Unzulänglichkeit eines veränderlichen Maßstabes, wie Gold und Silber, für die Bestimmung des wechselnden Wertes anderer Dinge gezeigt hat, wählt er schließlich selbst, indem er Getreide oder Arbeit dazu bestimmt, einen keineswegs weniger veränderlichen Maßstab.“[26]

Er kritisiert Smith´s Auffassung, daß „nur die Arbeit niemals ihren eigenen Wert“ ändert daher der letztliche Wertmaßstab sei, als falsch.[27]Außerdem ist zu bemerken, daß er den Wert der Waren immer in ihrer jeweiligen Relation zueinander erkennt, auch z. B. Arbeit und Getreide, die Smith als Konstante zu sehen bemüht ist.

Ricardo stellt explizit fest, daß die Abnutzung der Werkzeuge in den Wert des Produktes einfließen muß.

„Von dem dauerhaften Gerät wird nur ein kleiner Teil seines Wertes auf die Ware übertragen, aber ein erheblich größerer Teil des Wertes des weniger dauerhaften wird in der Ware, zu deren Produktion es beitrug, enthalten sein.“[28]

„Ökonomie bei der Anwendung von Arbeit bewirkt immer die Verminderung des relativen Wertes einer Ware, gleichgültig, ob die Ersparnis bei der zur Erzeugung der Ware unmittelbar erforderlichen Arbeit eintritt oder bei jener, die zur Bildung des Kapitals notwendig ist, mit dessen Hilfe sie produziert wird.“[29]

Dieser Absatz ist in zweifacher Hinsicht interessant.Erstenssagt Ricardo hier, daß „Ökonomie bei der Anwendung von Arbeit“, sprich also Verminderung des Arbeitsaufwandes (z. B. durch „technischen Fortschritt“) zu einer Verminderung des Wertes der Produkte führt.Zweitens, nicht minder interessant: Es ist Arbeit, die zur Bildung von Kapital führt. Darauf wird zurückzukommen sein.

Ricardo unterscheidet zwischen „fixem“ und „zirkulierendem Kapital“, je nachdem ob die verwendeten Arbeitsmittel einer schnellen oder langsamen Abnutzung unterliegen.[30]

Nachdem er gleiches Verhalten bei Smith kritisiert hat, macht sich nun auch Ricardo auf die Suche nach einen festen Wertmaßstab.

„Sobald sich Waren in ihrem relativen Wert ändern, ist das Vorhandensein von Mitteln wünschenswert, mit denen man feststellen kann, welche von ihnen in ihrem wirklichen Wert gefallen und welche gestiegen ist. Das kann nur erreicht werden, indem man eine nach der anderen mit einem unveränderlichen Standardmaß des Wertes vergleicht, das selbst keiner der Schwankungen unterworfen ist, denen andere Waren ausgesetzt sind.“[31]

Eine solche Ware gibt es nicht.

„Wenn wir z. B. Gold als Maßstab festlegen, so handelt es sich offensichtlich nur um eine Ware, die unter denselben Umständen wie andere gewonnen wird und zu ihrer Produktion Arbeit und fixes Kapital erfordert. Gleich jeder anderen Ware können bei seiner Produktion arbeitssparende Verbesserungen angewendet werden, und folglich kann es in seinem relativen Wert gegenüber anderen Dingen lediglich infolge der größeren Leichtigkeit seiner Produktion fallen.“[32]

Der Widerspruch wird gelöst durch eine Annahme.[33]

„Um also den Gegenstand dieser Untersuchung zu vereinfachen, werde ich - obwohl ich vollkommen zugebe, daß aus Gold hergestelltes Geld den meisten Veränderungen anderer Dinge ebenfalls unterworfen ist - es als unveränderlich unterstellen und daher alle Preisänderungen als durch eine Veränderung im Werte der Ware, von der ich gerade spreche, verursacht annehmen.“[34]

Bis hier kann man zusammenfassen: Ricardo versteht unter dem Wert den Preis einer Sache. Beide Begriffe werden synonym verwendet, auch bei ihm (wie auch schon bei Smith) wird die Verwendung der Begriffe nicht vollständig klar.Maßstab des Wertes ist jedoch ausschließlich die Arbeit.

Wert der Arbeit ist ihr Preis, der Lohn.

„Wie alle anderen Dinge, die gekauft, und verkauft werden und deren Menge sich vergrößern und verringern kann, hat auch die Arbeit ihren natürlichen und ihren Marktpreis. Der natürliche Preis der Arbeit ist jener, der notwendig ist, um den Arbeitern, einen wie den anderen, zu ermöglichen, sich zu erhalten und die Existenz ihres Standes [race] ohne Vermehrung oder Verminderung weiterzuführen.“[35]

Und, da Geld ebenkeinfester Maßstab für Werte ist:

„Die Fähigkeit des Arbeiters, sich und seine Familie, die zur Aufrechterhaltung der Arbeiterzahl notwendig ist, zu erhalten, hängt nicht von der Summe Geldes ab, die er als Lohn erhält, sondern von der Menge Nahrungsmittel, lebenswichtiger Güter und Annehmlichkeiten, die auf Grund der Gewohnheit für ihn lebensnotwendig geworden sind und die er mit diesem Gelde kaufen kann.“[36]

Weiterhin:

„Der gesamte Wert ... spaltet sich in nur zwei Teile: der eine bildet den Kapitalprofit, der andere den Arbeitslohn. ... In dem Ausmaß also, wie der Lohn steigt, fällt der Profit.“[37]

Ricardo erkennt zudem eine Tendenz zur „Egalisierung der Profitrate“[38], auch dies ein Punkt, der später von Marx aufgegriffen und ausführlich dargestellt wird.

Interessant auch seine Äußerungen zur Armengesetzgebung, die ihn vielleicht in den Augen jener Ökonomen rehabilitiert, bei denen er wegen der Arbeitswertlehre nicht gut angeschrieben ist:

„Sie [die Armengesetzgebung - J.G.] dient nicht, wie es die Gesetzgebung wohlwollender Weise beabsichtigte, der Verbesserung der Lage der Armen, sondern der Verschlechterung der Lage sowohl der Armen als auch der Reichen. Anstatt die Armen reich zu machen, ist sie darauf berechnet, die Reichen arm zu machen. ... Solange die derzeitigen Gesetze in Kraft sind, entspricht es vollkommen der natürlichen Ordnung der Dinge, daß die Beträge für den Unterhalt der Armen laufend steigen, bis sie die gesamte Netto-Revenue des Landes in sich aufgesaugt haben oder mindestens soviel davon, wie uns der Staat nach Befriedigung seines nie endenden Bedarfes für den öffentlichen Aufwand belassen wird.“[39]

Ricardos Vorschlag:

„Es ist eine nicht zu bezweifelnde Wahrheit, daß die Annehmlichkeiten und das Wohlergehen der Armen nicht auf die Dauer sichergestellt werden können, ohne ihre eigene Einsicht oder ohne ein Bemühen der Gesetzgebung, ihr zahlenmäßiges Wachstum zur regulieren und die Zahl früher und unüberlegter Heiraten zu beschränken. Die Wirkung der Armengesetzgebung war dem direkt entgegengesetzt. Sie hat Zurückhaltung überflüssig gemacht und die Unüberlegtheit herausgefordert, indem man ihr einen Teil des Lohnes, der durch Vorsicht und Fleiß erarbeitet wurde, anbot. 4

Die Natur des Übels weist auf das Heilmittel hin. Durch die allmähliche Einschränkung des Geltungsbereichs der Armengesetze, die Erweckung der Wertschätzung für die Unabhängigkeit bei den Armen, die Belehrung, sich weder auf systematische noch auf gelegentliche Mildtätigkeit, sondern auf ihre eigenen Bemühungen für ihren Unterhalt zu verlassen und daß Vorsicht und Vorsorge weder überflüssige, noch uneinträgliche Tugenden sind, werden wir uns schrittweise einem vernünftigeren und gesünderen Zustand nähern.“[40]

Nein, das ist kein aktueller Zeitungsausschnitt! In dieser erfrischenden Offenheit legt Ricardo „das Übel“ dar.[41]

2.2. Die Marxsche Werttheorie und Marx´ Methode

a) Die dialektische Methode

Die Marxsche Darstellungsweise unterscheidet sich grundlegend von der seiner Vorgänger.

Um die Marxschen Ausführungen zum Thema „Wert“ nachvollziehen und interpretieren zu können, scheint deshalb eine kurze Darstellung seiner Untersuchungmethode angebracht: Des „dialektischen und historischen Materialismus”.

Der Begriff „Dialektik” ist griechischen Ursprungs. Ursprünglich gebrauchte man den Begriff für die Kunst der Rede, der Argumentation. Grundzüge der philosophischen Auffassung, die heute als Dialektik bezeichnet wird, wurden von Heraklit entwickelt.[42]

Hegel entwickelte auf dieser Basis die Dialektik als System von Denkgesetzen.

Marx und Engels, Schüler Hegels, griffen diese Gesetze auf und stellten Sie auf eine materielle Grundlage[43], nachdem Feuerbach schon den Idealismus (Hegels) angegriffen hatte.[44]

Die beiden praktizierten Arbeitsteilung. Während Marx die dialektische Methode zur Anwendung in der Kritik der Politischen Ökonomie brachte, formulierte Engels die Grundzüge des Dialektischen und Historischen Materialismus in „Dialektik der Natur”, im „Anti-Dührung” und der kleineren Schrift „Über historischen Materialismus”.

„Materialismus” in diesem Zusammenhang beschreibt nicht das Streben nach materiellen Gütern. In dieser Weise wird heute das Wort oft benutzt. Materialismus im philosophischen Sinne gibt einen Hinweis auf die „Grundfrage aller Philosophie”, die Frage nach dem Verhältnis von Materie und Bewußtsein.

„Die große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein.”[45]

Die materialistische Auffassung ist, daß die Materie unabhängig vom menschlichen Bewußtsein existiert und von ihm (mehr oder weniger vollständig) widergespiegelt wird. Materialistische Dialektik ist also eine Dialektik auf der Basis einer materialistischen Grundeinstellung. Die gegenteilige Auffassung vertritt der philosophische Idealismus. Die Vertreter dieser Auffassung sind der Meinung, daß im Verhältnis Materie-Bewußtsein der Geist das primäre ist. Das Bewußtsein war zuerst, die Schaffung der Materie war ein Akt des Bewußtseins.

„Was ist das Ursprüngliche, der Geist oder die Natur? - diese Frage spitzte sich, der Kirche gegenüber, dahin zu: Hat Gott die Welt erschaffen, oder ist die Welt von Ewigkeit da? Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalteten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen - und diese Schöpfung ist oft bei den Philosophen, z.B. bei Hegel, noch weit verzwickter und unmöglicher als im Christentum -, bildeten das Lager des Idealismus. Die andern, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiednen Schulen des Materialismus.”[46]

Mit dieser Grundfrage verbunden ist die Frage nach der Erkennbarkeit der Welt, die von den Idealisten verneint oder zumindest infrage gestellt, von den Materialisten jedoch entschieden bejaht wird. Jedoch: „Hegel wurde nicht einfach abseits gelegt; man knüpfte im Gegenteil an an seine oben entwickelte revolutionäre Seite, an die dialektische Methode.”[47]

„Bei Hegel ist also die in der Natur und Geschichte zutage tretende dialektische Entwicklung, d.h. der ursächliche Zusammenhang des, durch alle Zickzackbewegungen und momentanen Rückschritte hindurch, sich durchsetzenden Fortschreitens vom Niedern zum Höhern, nur der Abklatsch der von Ewigkeit her, man weiß nicht wo, aber jedenfalls unabhängig von jedem denkenden Menschenhirn vor sich gehenden Selbstbewegung des Begriffs. Diese ideologische Verkehrung galt es zu beseitigen. Wir faßten die Begriffe unsres Kopfs wieder materialistisch als die Abbilder der wirklichen Dinge, statt die wirklichen Dinge als Abbilder dieser oder jener Stufe des absoluten Begriffs.Damit reduzierte sich die Dialektik auf die Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung, sowohl der äußern Welt wie des menschlichen Denkens - zwei Reihen von Gesetzen, die der Sache nach identisch, dem Ausdruck nach aber insofern verschieden sind, als der menschliche Kopf sie mit Bewußtsein anwenden kann, während sie in der Natur und bis jetzt auch großenteils in der Menschengeschichte sich in unbewußter Weise, in der Form der äußern Notwendigkeit, inmitten einer endlosen Reihe scheinbarer Zufälligkeiten durchsetzen.Damit aber wurde die Begriffsdialektik selbst nur der bewußte Reflex der dialektischen Bewegung der wirklichen Welt, und damit wurde die Hegelsche Dialektik auf den Kopf, oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt.”[48]

Kurz: „Die Dialektik ist aber weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.”[49]Die Dinge, die Welt in Entwicklung und Bewegung betrachten, Widerspüchlichkeiten aufdecken, die universellen, objektiven, gesetzmäßigen Zusammenhänge aller Dinge, Prozesse und Erscheinungen der objektiven Realität wahrnehmen - das ist Dialektik.

Drei „Grundgesetze” liegen der Methode zugrunde:

„(Allgemeine Natur der Dialektik als Wissenschaft von den Zusammenhängen im Gegensatz zur Metaphysik zu entwickeln.)

Es ist also die Geschichte der Natur wie der menschlichen Gesellschaft, aus der die Gesetze der Dialektik abstrahiert werden. Sie sind eben nichts andres als die allgemeinsten Gesetze dieser beiden Phasen der geschichtlichen Entwicklung sowie des Denkens selbst. Und zwar reduzieren sie sich der Hauptsache nach auf drei:

- das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt;
- das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze;
- das Gesetz von der Negation der Negation.

Alle drei sind von Hegel in seiner idealistischen Weise als bloße Denkgesetze entwickelt: das erste im ersten Teil der »Logik«, in der Lehre vom Sein; das zweite füllt den ganzen zweiten und weitaus bedeutendsten Teil seiner »Logik« aus, die Lehre vom Wesen; das dritte endlich figuriert als Grundgesetz für den Aufbau des ganzen Systems.”[50]

Das Wirken der Gesetze läßt sich überall in Natur und Gesellschaft beobachten und wird von Engels anhand verschiedener Beispiele illustriert.[51]Begriffspaare, die dialektische Zusammenhänge bzw. Gegensätze bezeichnen, sind z. B.:

- abstraktes - konkretes
- Freiheit - Notwendigkeit
- Gesetz - Zufall
- Ursache - Wirkung
- Möglichkeit - Wirklichkeit
- Wesen - Erscheinung
- Allgemeines - Besonderes - Einzelnes
- Theorie und Praxis
- Inhalt - Form
- Teil - Ganzes

aber auch:

- (These - Antithese - Synthese)
- (Ruhe - Bewegung)
- (arm - reich)

Warum „historischer” Materialismus? Dazu Engels:

„Jedenfalls scheint eines sicher: Selbst wenn ich ein Agnostiker wäre, könnte ich die in diesem Büchlein skizzierte Geschichtsauffassung nicht bezeichnen als »historischen Agnostizismus«. Religiöse Leute würden mich auslachen, und die Agnostiker würden mich entrüstet fragen, ob ich sie verhöhnen will. Und so hoffe ich, daß auch die britische »Respektabilität«, die man auf deutsch Philisterium heißt, nicht gar zu entsetzt sein wird, wenn ich im Englischen, wie in so vielen andern Sprachen, den Ausdruck »historischer Materialismus« anwendezur Bezeichnung derjenigen Auffassung des Weltgeschichtsverlaufs, die die schließliche Ursache und die entscheidende Bewegungskraft aller wichtigen geschichtlichen Ereignisse sieht in der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft, in den Veränderungen der Produktions- und Austauschweise, in der daraus entspringenden Spaltung der Gesellschaft in verschiedne Klassen und in den Kämpfen dieser Klassen unter sich.[52]

Und was ist nun Materie?

„Die Materie ist eine philosophische Kategorie zur Bezeichnung der objektiven Realität, die dem Menschen in seinen Empfindungen gegeben ist, die von unseren Empfindungen kopiert, fotografiert, abgebildet wird und unabhängig von ihnen existiert.”[53]

Materie (und Gesellschaft) sind in ständiger Bewegung und Entwicklung, mal evolutionär, mal sprunghaft, und Triebkraft dieser Entwicklung sind die den Dingen innewohnenden Widersprüche.

Die materialistisch dialektische Methode dient Marx zur Untersuchung seines Gegenstandes - der politischen Ökonomie. Über seine Methode schreibt er selbst:

„Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der Forschungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu analysieren und deren innres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des Stoffs ideell wider, so mag es aussehn, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun.Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.

Die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor beinah 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war. Aber grade als ich den ersten Band des »Kapital« ausarbeitete, gefiel sich das verdrießliche, anmaßliche und mittelmäßige Epigonentum, welches jetzt im gebildeten Deutschland das große Wort führt, darin, Hegel zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeit den Spinoza behandelt hat, nämlich als »toten Hund«. Ich bekannte mich daher offen als Schüler jenes großen Denkers und kokettierte sogar hier und da im Kapitel über die Werttheorie mit der ihm eigentümlichen Ausdrucksweise. Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.”[54]

Ausführlicher äußert sich Marx zur Anwendung der Methode auf seinen Untersuchungsgegenstand in den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie”. Einige Beispiele sollen das verdeutlichen. Es wird immer zuerst zitiert, dann erfolgt die Zuordnung zu einem Grundbegriff der Dialektik.

„a) Der vorliegende Gegenstand zunächst diematerielle Produktion.“[55]

Ausgangspunkt ist der vorliegende Zustand, das Objekt. In diesem Fall mit der weiter gefaßten Begründung: Die materielle Produktion schafft überhaupt erst die Lebensgrundlagen.

„Den Propheten des 18. Jahrhunderts, auf deren Schultern Smith und Ricardo noch ganz stehn, schwebt dieses Individuum des 18. Jahrhunderts — das Produkt einerseits der Auflösung der feudalen Gesellschaftsformen, andrerseits der seit dem 16. Jahrhundert neuentwickelten Produktivkräfte — als Ideal vor, dessen Exi­stenz eine vergangne sei. Nicht als ein historisches Resultat, sondern als Aus­gangspunkt der Geschichte. Weil als das naturgemäße Individuum, angemes­sen ihrer Vorstellung von der menschlichen Natur, nicht als ein geschichtlich entstehendes, sondern von der Natur gesetztes. Diese Täuschung ist jeder neuen Epoche bisher eigen gewesen. Steuart, der in mancher Hinsicht im Gegensatz zum 18. Jahrhundert und als Aristokrat mehr auf historischem Boden steht, hat diese Einfältigkeit vermieden.“[56]

Historisches Vorgehen.

„Je tiefer wir in der Geschichte zurückgehen, je mehr erscheint das In­dividuum, daher auch das produzierende Individuum, als unselbständig, einem größren Ganzen angehörig: erst noch in ganz natürlicher Weise in der Familie und der zum Stamm erweiterten Familie; später in dem aus dem Gegensatz und Verschmelzung der Stämme hervorgehenden Gemeinwesen in seinen verschiednen Formen.“[57]

Teil und Ganzes.

„Wenn also von Produktion die Rede ist, ist immer die Rede von Produk­tion auf einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstufe — von der Produktion gesellschaftlicher Individuen. Es könnte daher scheinen, daß, um überhaupt von der Produktion zu sprechen, wir entweder den geschichtlichen Entwicklungsprozeß in seinen verschiednen Phasen verfolgen müssen oder von vornherein erklären, daß wir es mit einer bestimmten historischen Epoche zu tun haben, also z. B. mit der modernen bürgerlichen Produktion, die in der Tat unser eigentliches Thema ist. Allein alle Epochen der Produktion haben gewisse Merkmale gemein, gemeinsame Bestimmungen. DieProduktion im allgemeinenist eine Abstraktion, aber eine verständige Abstraktion, sofern sie wirklich das Gemeinsame hervorhebt, fixiert und uns daher die Wiederholung erspart. Indes diesAllgemeine,oder das durch Vergleichung herausgesonderte Gemeinsame, ist selbst ein vielfach Gegliedertes, in verschiedne Bestimmun­gen Auseinanderfallendes. Einiges davon gehört allen Epochen; andres ei­nigen gemeinsam.“[58]

Allgemeines und Konkretes.

„...allein, wenn die entwickeltsten Sprachen Gesetze und Bestimmungen mit den unentwickeltsten gemein haben, so ist grade das, was ihre Entwicklung ausmacht, der Unterschied von diesem Allgemeinen und Gemeinsamen. Die Bestimmungen, die für die Produktion überhaupt gelten, müssen grade ge­sondert werden, damit4über der Einheit — die schon daraus hervorgeht, daß das Subjekt, die Menschheit, und das Objekt, die Natur, dieselben — die wesentliche Verschiedenheit nicht vergessen wird.“[59]

Einheit und Verschiedenheit.

„Produktion, Distribution, Austausch, Konsumtion bilden so einen regel­rechten Schluß; Produktion die Allgemeinheit, Distribution und Austausch die Besonderheit, Konsumtion die Einzelnheit, worin sich das Ganze zusammenschließt. Dies ist allerdings ein Zusammenhang, aber ein flacher. Die Pro­duktion ist durch allgemeine Naturgesetze bestimmt; die Distribution durch gesellschaftlichen Zufall, und sie kann daher mehr oder weniger befördernd auf die Produktion wirken; der Austausch liegt zwischen beiden als formal­gesellschaftliche Bewegung, und der schließende Akt der Konsumtion, der nicht nur als Endziel, sondern auch als Endzweck gefaßt wird, liegt eigentlich außerhalb der Ökonomie, außer soweit er wieder zurückwirkt auf den Aus­gangspunkt und den ganzen Vorgang von neuem einleitet“[60]

Allgemeines - Besonderes - Einzelnes.

„Die Produktion ist unmittelbar auch Konsumtion. ...Also ist diese konsumtive Produktion — obgleich sie eine unmittelbare Einheit zwischen Produktion und Konsumtion ist — wesentlich verschieden von der eigentlichen Produktion. Die unmittelbare Einheit, worin die Produktion mit der Konsumtion und die Konsumtion mit der Produktion zusammenfällt, läßt ihre unmittelbare Zweiheit bestehn.

Die Produktion ist also unmittelbar Konsumtion, die Konsumtion ist un­mittelbar Produktion. Jede ist unmittelbar ihr Gegenteil. Zugleich aber findet eine vermittelnde Bewegung zwischen beiden statt.“[61]

„[...]Hiernach für einen Hegelianer nichts einfacher als Produktion und Kon­sumtion identisch zu setzen.“[62]

„Das Resultat, wozu wir gelangen, ist nicht, daß Produktion, Distribution, Austausch, Konsumtion identisch sind, sondern daß sie alle Glieder einer Totalität bilden, Unterschiede innerhalb einer Einheit.“[63]

Einheit von Gegensätzen.

„Es findet Wechsel­wirkung zwischen den verschiednen Momenten statt. Dies der Fall bei jedem organischen Ganzen.“[64]

Wechselseitige Beeinflussung der Pole der Einheit.

Im sogenannten „Methodenkapitel” schreibt Marx:

„Nach dieser Seite hin kann also gesagt werden, daß die einfachre Kategorie herrschende Verhältnisse eines unentwickeltern Ganzen oder untergeordnete Verhältnisse eines entwickeltern Ganzen ausdrücken kann, die historisch schon Existenz hatten, eh das Ganze sich nach der Seite entwickelte, die in einer konkretern Kategorie ausgedrückt ist. Insofern entspräche der Gang des abstrakten Denkens, das vom Einfachsten zum Kombinierten aufsteigt, dem wirk | lichen historischen Prozeß.“[65]

Aufsteigen vom Einfachen zum Komplexen.

„So entstehn die allgemeinsten Abstraktionen überhaupt nur bei der reichsten konkreten Entwicklung, wo eines vielen ge­meinsam erscheint, allen gemein. Dann hört es auf, nur in besondrer Form gedacht werden zu können.

Die Grund­rente kann nicht verstanden werden ohne das Kapital. Das Kapital aber wohl ohne die Grundrente. Das Kapital ist die alles beherrschende ökonomische Macht der bürgerlichen Gesellschaft. Es muß Ausgangspunkt wie Endpunkt bilden und vor dem Grundeigentum entwickelt werden. Nachdem beide beson­ders betrachtet sind, muß ihre Wechselbeziehung betrachtet werden.“[66]

Reihenfolge der Darstellung.

Die Einteilung offenbar so zu machen, daß 1. die allgemeinen abstrakten Bestimmungen, die daher mehr oder minder allen Gesellschaftsformen zu­kommen, aber im oben auseinandergesetzten Sinn. 2. Die Kategorien, die die innre Gliederung der bürgerlichen Gesellschaft ausmachen und worauf die fundamentalen Klassen beruhn. Kapital, Lohnarbeit, Grundeigentum. Ihre Beziehung zueinander. Stadt und Land. Die drei großen gesellschaftlichen Klassen. Austausch zwischen denselben. Zirkulation. Kreditwesen (private). 3. Zusammenfassung der bürgerlichen Gesellschaft in der Form des Staats. In Beziehung zu sich selbst betrachtet. Die „unproduktiven“ Klassen. Steuern. Staatsschuld. Öffentlicher Kredit. Die Bevölkerung. Die Kolonien. Aus­wanderung.4.Internationales Verhältnis der Produktion. Internationale Teilung der Arbeit. Internationaler Austausch. Aus- und Einfuhr. Wechsel­kurs.5.Der Weltmarkt und die Krisen.[67]

Schlußfolgerung.

Die dialektischen Grundgesetze ziehen sich durch Marx´ gesamte Darstellung. Daher dann z. B. auch seine Bezeichnungen wie „Doppelcharakter der warenproduzierenden Arbeit”, also Einheit von abstrakter und konkreter Arbeit, oder eben der Wert als Einheit von Tauschwert und Gebrauchswert. Eine Einheit von Gegensätzen.

In der Natur gibt es alle Arten von Erscheinungen und Zusammenhängen: Mögliche (noch nicht eingetretene) und wirkliche, notwendige (gesetzmäßige), einer oder mehrerer Ursachen genau zuordenbare (determinierte) und zufällige, evolutionäre (Entwicklung in kleinen Schritten) und revolutionäre (Sprünge) usw. usf.

Wenn die Abbildung, die sich das menschliche Denken von der Umgebung schafft, die Wahrheit widerspiegeln soll, und sie tut dies relativ, gemäß dem Erkenntnisstand der menschlichen Gesellschaft, dann muß sie diese Erscheinungen und Zusammenhänge in der Beschreibung der Wirklichkeit berücksichtigen.

Genau dazu dient die dialektische Methode. Auch die menschliche Gesellschaft befindet sich in einem historischen, von materiellen Voraussetzungen determinierten Entwicklungsprozeß. Die Gesetze der Dialektik, so Marx´ Folgerung, sind also auch in diesem Bereich anzuwenden, und er tut es. Er bettet die - in vielen Fällen durchaus richtigen - Erkenntnisse seiner Vorgänger Smith und Ricardo in den dialektisch - historischen Entwicklungsprozeß der Gesellschaft ein und untersucht sie vom materialistischen Standpunkt aus. Wo Smith und Ricardo eine Fülle von Einzelheiten sehen, sieht Marx das übergreifende Konzept, das gesetzmäßige, das notwendige, das Wesen hinter der Erscheinung, und kommt so zu neuen Ergebnissen.

Materialistische Dialektik oder „Dialektischer und historischer Materialismus” umfassen also weit mehr, als der Gebrauch des Wortes „Dialektik” als „Kunst des Diskutierens” aussagt.[68]

b) Karl Marx

Karl Marx (1818 - 1883) bildet in der Reihe der Werttheoretiker eine Ausnahme. Weder kann man ihn einfach der Klassik zurechnen - sein Hauptwerk „Das Kapital” beschäftigte sich ja gerade mit der „Kritik der politischen Ökonomie” - aber schon gar nicht läßt er sich in eine Schublade stecken mit den Vertretern der subjektiven Werttheorie.

Seine Theorie ist eigenständig, gleichwohl er alle maßgeblichen Autoren seiner Zeit in seine Studien einbezogen und verarbeitet hat. Die Vorstellung der Theorie im Rahmen dieser Arbeit wirft mehrere Probleme auf.

Erstens: Der schiere Umfang der marxschen Darstellung. Allein der erste Band des „Kapital” erreicht bzw. überschreitet den Umfang von Smith´s „Wealth of Nations” oder Ricardos „Principles”.

Zweitens: Der dialektisch-logische Aufbau seiner Arbeit. Die Kategorie „Wert”, um die es hier im besonderen geht, kann nicht einfach für sich dargestellt werden, sondern hat vielfältige Bezüge zu anderen Kategorien, die dann ebenfalls angesprochen werden müssen.

Trotzdem soll der Versuch unternommen und sein Beitrag zu Werttheorie gewürdigt werden. Dabei wird insbesondere Marx´ wichtigstes Werk, „Das Kapital”, als Richtschnur dienen. Daß einige Autoren Marx gerade der zweiten Auflage dieses Buches eine „Reduzierung der Dialektik” unterstellen[69], scheint für meinen Zweck - Vorstellung der marxschen Kerngedanken zum Thema Wert - von untergeordneter Bedeutung.

Marx beginnt seine Analyse mit dem Einfachen, dem äußerlich sichtbaren: Der Ware und dem Warentausch.

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine »ungeheure Warensammlung«1, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.”[70]

Damit ist der Grundstein gelegt, auch in methodischer Hinsicht. Es geht um die Ware, zunächst im einzelnen, später in der Gesamtheit, und es geht um die kapitalistische Produktionsweise. Die Gültigkeit der nachfolgenden weiteren Untersuchungen und Ergebnisse ist an diese Prämisse geknüpft. Auch das Wort „erscheint” kennzeichnet nicht einfach die subjektive Auffassung Marx´, sondern deutet darauf hin, daß diese Erscheinung möglicherweise nur eine Facette des zu untersuchenden Gegenstandes und von seinem Wesen zu unterscheiden ist.[71]Marx beschränkt sich auf die Ware und geht auf andere Dinge, die Tauschprozessen unterliegen, wie z. B. zufällig gefundene Gegenstände, nicht ein. Dies wird ihm von Kritikern wie Böhm-Bawerk später vorgeworfen werden, erklärt sich aber aus seiner Intention: Worum es ihm ging, war das Kapital und die kapitalistische Produktionsweise. Daher die Konzentration auf die dieser Produktionsweise wesensimmanenten, sie bestimmenden Momente, und das Absehen von eher zufälligen Erscheinungen.

„Die Ware ist zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt.”[72]„Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert.”[73]

Diese Nützlichkeit ist an ganz bestimmte konkrete Eigenschaften des Warenkörpers gebunden, kann also ohne ihn nicht existieren.[74]

[...]


[1]„Berühmt“: Hans-Werner Sinn mit seiner Forderung nach einer Absenkung der Löhne um ein Drittel.

[2]Im Gegenteil: Die nächsten Forderungen nach weiteren „Reformen“ stehen schon im Raum: „Hundt: Gesetzgeber muss Streiks für Sozialpläne verhindern“, BDA-Newsletter Nr. 11, 26.04.2007, S. 2 „Berlin (ddp). Der Ruf aus der Wirtschaft nach weiteren Reformen wird lauter. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte am Montag in einem ddp-Interview: «Es wäre das Schlimmste, wenn sich die Bundesregierung jetzt angesichts des Aufschwungs zufrieden zurücklehnen würde.» Vor allem müsse die große Koalition zügig alle Spielräume für eine Senkung des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung nutzen. Die Lohnzusatzkosten müssten «endlich» verringert werden.“ http://de.news.yahoo.com/28052007/336/wirtschaft-pocht-reformen.html ,23.06.2007 „Hundt fordert Senkung der Hinterbliebenenversorgung... Der Arbeitgeberpräsident forderte zudem, den Zeitraum für die Erhöhung des Rentenalters zu straffen.“, http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2006/0123/wirtschaft/0039/index.html , 22.06.2007

[3]Adam Smith, Reichtum, Paderborn 2005, S. 33

[4]ebenda, S. 32

[5]ebenda, S. 34

[6]ebenda, S. 36

[7]ebenda

[8]ebenda, S. 36

[9]ebenda, S. 36 f.

[10]Was das genau ist, bleibt offen und ist ja auch bis heute ein Streitpunkt.

[11]ebenda, S. 40

[12]ebenda, S. 40 f.

[13]ebenda, S. 51

[14]ebenda. ... usw., vergl. auch S. 34

[15]ebenda, S. 51 f. Smith bemerkt an dieser Stelle auch, daß der Kapitalgewinn in keinem Verhältnis steht zur „vorgeblichen Arbeit“ der Aufsicht und Leitung, sondern sich nach der Größe des eingesetzen Kapitals richtet, und daß der Eigentümer, obwohl er z.B. durch den Einsatz eines Geschäftsführers „fast aller Arbeit entbunden ist, dennoch einen Gewinn“ erwartet. Dies ist zu bemerken.

[16]Und nicht etwa die Sparsamkeit, wie er andernorts behauptet. vergl. ebenda, S. 346

[17]ebenda, S. 56.

[18]ebenda, S. 58 f.

[19]ebenda, S.338. [Hervorhebungen von mir - J.G.] ... und durch dasHalteneiner Menge von Hunden kann man großen Spaß haben. Sowohl Inhalt wie auch Vokabular von Herrn Smith ist durchaus erfrischend und erhellend.

[20]ebenda, S. 338 f.

[21]ebenda, S. 371

[22]vergl. David Ricardo, Grundsätze, München 2006, S. 9

[23]ebenda, S. 16

[24]Standardbeispiel: Robinson macht einen Strandsspaziergang und findet dabei eine Muschel mit einer überaus seltenen und daher wertvollen Perle darin. o.ä.

[25]ebenda.

[26]ebenda, S. 18

[27]ebenda, S. 21

[28]ebenda, S. 27

[29]ebenda, S. 30

[30]ebenda, S. 35

[31]ebenda, S. 47

[32]ebenda, S. 48

[33]Das Vorbild für die Neoklassiker?

[34]ebenda, S. 49

[35]ebenda, S. 81

[36]ebenda, S. 81. Welcher Art die angesprochenen „Annehmlichkeiten“ waren (und in vielen Regionen der Erde noch sind), kann man in Engels´ „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ nachlesen.

[37]ebenda, S 98 f. Da dies schon Ricardo bekannt war, erscheint es merkwürdig, warum Bekanntgabe von Rekordgewinnen der Unternehmen, die mit der Ankündigung von Entlassungen zusammenfallen, in der Öffentlichkeit heute Verwunderung auslöst.

[38]ebenda, S. 77

[39]ebenda, S. 94 . Ebenfalls hochaktuell ist die Bemerkung des Redakteurs in der Fußnote zu diesem Gesetz: Wenn der Lohn eines Arbeiters unter Berücksichtigung der Weizenpreise und der Familiengröße eine bestimmte Grenze unterschritt, „wurde der Differenzbetrag aus dem Armenfond ausgeglichen. Dies wurde dazu benutzt, den Unternehmern billige Arbeitskräfte zu verschaffen, die zum Teil auf Kosten der Armensteuerpflichtigen erhalten wurden.“ ebenda, FN 2

[40]ebenda, S. 95

[41]Wie die „Regulierung des zahlenmäßigen Wachstums“ heute vonstatten geht, kann man z. B. bei Ziegler und Chossudovsky nachlesen. Noch besser wäre, sich mit eigenen Augen zu überzeugen. vergl. Michel Chossudovsky, Global brutal - Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg, Frankfurt a. M., 18. Auflage 2003 sowie Jean Ziegler, Das Imperium der Schande, München 2007 und „Wie kommt der Hunger in die Welt“, München 2002.

[42]„Nach Heraklit ist der Widerstreit, die Gegensätzlichkeit (im Griechischen steht "polemos"1) die Ursache von allem.2 Alles Geschehen erfolge kraft eines Gegensatzes.3 Die Gegensätze aber verharren dabei nicht in statischer Ruhe, getrennt voneinander bestehend, sondern fließen vielmehr ineinander über und wandeln sich dabei wechselseitig um: "das Kalte wird warm, Warmes kalt; Feuchtes wird trocken; Trockenes feucht."4 So ist Heraklits Lehre von den Gegensätzen zugleich eine besondere Bewegungslehre. Dies bringt er mit seinem wichtigen Fragment 88 prägnant zum Aus-druck:"Ein und dasselbe offenbart sich in den Dingen als: Lebendes und Totes, Waches und Schlafendes, Junges und Altes. Denn dieses ist nach seiner Umwandlung jenes, und jenes, wieder umgewandelt, dieses."5 Das Sein besteht nach Heraklit also aus Gegensätzen, die ineinander überfließen, und dieses Hinüberfließen erfolgt in einem gegenseitigen "Umschlagen". Auf diese Weise befinden sich die Dinge in einem unaufhörlichen Fluß. [FN im Original, Hervorhebung von mir - J.G.] Reiner Winter, Dialektik, o. A. d. D., http://www.re-wi.de/dialektik.pdf , 09.04.2007. Daß das „Hinüberfließen“ im „Umschlagen“ besteht, scheint mir ein falscher Zungenschlag zu sein. Die Gegensätze durchdringen sich undkönnenumschlagen, dies ist aber nur eine Form möglicher Bewegung.

[43] vergl. hierzu u.a. Karl Marx, MEW Bd. 40, Berlin 1956, S. 568 ff.

[44]„Feuerbach ist der einzige, der ein ernsthaftes, ein kritisches Verhältnis zur hegelschen Dialektik hat und wahrhafte Entdeckungen auf diesem Gebiete gemacht hat, überhaupt der wahre Überwinder der alten Philosophie ist. Die Größe der Leistung und die geräuschlose Einfachheit, womit F[euerbach] sie der Welt gibt, stehn in einem wunderlichen Gegensatz zu dem umgekehrten Verhältnis. Feuerbachs große Tat ist: 1. der Beweis, daß die Philosophie nichts andres ist als die in Gedanken gebrachte und denkend ausgeführte Religion; eine andre Form und Daseinsweise der Entfremdung des menschlichen Wesens; also ebenfalls zu verurteilen ist; 2. die Gründung des wahren Materialismus und der reellen Wissenschaft, indem Feuerbach das gesellschaftliche Verhältnis »des Menschen zum Menschen« ebenso zum Grundprinzip der Theorie macht; 3. indem er der Negation der Negation, die das absolut Positive zu sein behauptet, das auf sich selbst ruhende und positiv auf sich selbst begründete Positive entgegenstellt.“ Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Bd. 40, S. 570

[45]Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach, MEW Bd. 21, S. 274

[46]ebenda, S. 275

[47]Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach, MEW Bd. 21, S. 292. Ein gutes Beispiel dafür, wie “Negation der Negation” in der Politischen Ökonomie aussehen kann.

[48]Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach, MEW Bd. 21, S. 293 [Hervorhebung von mir - J.G.]

[49]Friedrich Engels, “Anti-Dühring”, MEW Bd. 20, S. 131-132

[50]Friedrich Engels, Dialektik der Natur, MEW 20, S. 348

[51]Vergl. Friedrich Engels, „Anti-Dühring“, MEW ??, S. 157 ff.

Ein aktuelle erneut heftig diskutiertes Beispiel wäre die „Klimakatastrophe“. Meadows verwendet bei der Auswertung seiner Modellrechnungen den Begriff des „Überschwingens des Systems“. Er meint damit, daß die beobachteten Größen einen bestimmten, tolerierbaren Rahmen verlassen, (der physikalisch begründet ist!), und über die Grenzen dieses Rahmens hinaustreten. Vergl. dazu auch George, Umweltzerstörung, 2006, S. 30 f.

[52]Friedrich Engels, Materialismus, MEW Bd. 22, S. 298 [Hervorhebung von mir - J.G.]

[53]W. I. Lenin, Materialismus, LW 14, S. 124. Diese Definition stammt aus der Zeit nach Marx. Nichtsdestotrotz erfaßt sie das wesentliche.

[54]Karl Marx, Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 27 [Hervorhebung von mir - J.G.]

[55] Karl Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 5

[56]ebenda, S. 5 f.

[57]ebenda, S. 6

[58]ebenda, S. 6 f.

4 (4) damitim Ms.um

[59]ebenda, S. 7

[60]ebenda, S. 11

[61]ebenda, S. 11 f.

[62]ebenda, S. 15

[63]ebenda, S. 20

[64]ebenda, S. 20 f.

[65]ebenda, S. 23

[66]ebenda, S. 25

[67]ebenda, S. 28 f.

[68]Ich habe keine Information darüber, ob der materialistische Dialektiker Lenin den idealistischen Dialektiker Schopenhauer kannte. Er verwendet jedenfalls dessen Erkenntnisse: „Das sicherste Mittel, eine neue politische (und nicht allein eine politische) Idee zu diskreditieren und ihr zu schaden, besteht darin, daß man sie zwar verficht, sie aber bis zur Absurdität treibt. Denn jede Wahrheit kann man, wenn man sie „exorbitant“ macht (wie der alte Dietzgen zu sagen pflegte), wenn man sie übertreibt, wenn man sie über die Grenzen ihrer wirklichen Anwendbarkeit hinaus ausdehnt, zur Absurdität machen, ja sie wird unter diesen Umständen unvermeidlich zur Absurdität.“ W.I.Lenin, Der linke Radikalismus, LW 31, S. 47 f. Dies entspricht genau dem „Kunstgriff 1“ in Schopenhauers „Eristischer Dialektik“: „ Kunstgriff 1 Die Erweiterung. Die Behauptung des Gegners über ihre natürliche Grenze hinausführen, sie möglichst allgemein deuten, in möglichst weitem Sinne nehmen und sie übertreiben; seine eigne dagegen in möglichst eingeschränktem Sinne, in möglichst enge Grenzen zusammenziehn: weil je allgemeiner eine Behauptung wird, desto mehreren Angriffen sie bloß steht.“ Arthur Schopenhauer, Die Kunst recht zu behalten, Kunstgriff 1, http://coolhaus.de/art-of-controversy/erist01.htm , 11.01.2007. Diese Art der „Argumentation“ kann man häufig in politischen Talkshows beobachten.

[69]vergl. Hans Georg Backhaus, Dialektik der Wertform, Freiburg 1997. Dazu kritisch: Dieter Wolf, Der dialektische Widerspruch im Kapital, Hamburg 2002, (pdf-Version), S.151 ff.

[70]Karl Marx, MEW Bd. 23, S. 49

[71]vergl. Abschnitt „Dialektik“

[72]Karl Marx, MEW Bd. 23, S. 49. „Jedes solches Ding ist ein Ganzes vieler Eigenschaften und kann daher nach verschiedenen Seiten nützlich sein.“ Erneut ein Hinweis auf die dialektische (d.h. allseitige) Betrachtung. Auf den Gebrauch dieser Methode wird nachfolgend nicht mehr ausdrücklich verwiesen.

[73]ebenda. S. 50

[74]Was sich im Bezug auf Dienstleistungen anders darstellt. Aber das war zu Marx´ Zeit eben nicht typisch und wird daher nur am Rande behandelt. Andererseits aber verengt sich der Begriff der pro-duktiven Arbeit. „Die kapitalistische Produktion ist nicht nur Produktion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwert. Der Arbeiter produziert nicht für sich, sondern für das Kapital. Es genügt daher nicht länger, daß er überhaupt produziert. Er muß Mehrwert produzieren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient.Steht es frei, ein Beispiel außerhalb der Sphäre der materiellen Produktion zu wählen, so ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Daß letztrer sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik, ändert nichts an dem Verhältnis. Karl Marx, Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 532 [Hervorhebung von mir - J.G.]

Ende der Leseprobe aus 135 Seiten

Details

Titel
Die Krise und die Zukunft der Erwerbsarbeitsgesellschaft - Wert und Preis der Arbeit im heutigen Kapitalismus
Hochschule
Hochschule Schmalkalden, ehem. Fachhochschule Schmalkalden  (FB Wirtschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
135
Katalognummer
V375973
ISBN (eBook)
9783668524743
ISBN (Buch)
9783668524750
Dateigröße
1450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erwerbsarbeit, Wert der Arbeit, Diensleistungsgesellschaft, Informationsgesellschaft, Abhängige und Selbständige Arbeit, Wissensökonomie, Bedingunsloses Grundeinkommen, Solidarische Ökonomie
Arbeit zitieren
Jan George (Autor), 2007, Die Krise und die Zukunft der Erwerbsarbeitsgesellschaft - Wert und Preis der Arbeit im heutigen Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375973

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