Die Heimerziehung in den 60er und 70er Jahren

Prägende Erziehungsstile, ihre pädagogischen Vertreter und ein Bezug zur heutigen Zeit


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt
1. Einleitung ... 1
2. Heimerziehung im Allgemeinen... 2
2.1 Definition der Heimerziehung ... 2
2.2 Historische Entwicklung der Heimerziehung mit Blick auf die 60er und 70er Jahre ... 3
3. Erziehungsstile im Wandel der Heimerziehung ... 5
3.1 Autoritärer Erziehungsstil ... 5
3.2 Antiautoritärer Erziehungsstil ... 5
3.3 Der Wandel... 6
4. Bezug der Erziehungsstile auf pädagogische Vertreter ... 7
4.1 Immanuel Kant und seine Position ... 7
4.2 Alexander Sutherland Neill und die ,,antiautoritäre Erziehung" in der Bundesrepublik
Deutschland ... 9
4.3 Bewertung beider Positionen und Erziehungsstile aus heutiger Sicht ? ... 11
5. Schlussteil/ Fazit... 13
6. Literaturverzeichnis ...16

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1. Einleitung
Seit den Heimkampagnen im Jahr 1969 bestanden tiefgreifende Reformen der Heimerziehung.
Die damaligen Reformen prägten und prägen bis heute die Art und die Vielfalt der Erziehungs-
hilfen und -methoden. Seit den 60er Jahren hat sich dementsprechend im Feld der Heimerzie-
hung viel verändert. Die Heimerziehung gibt es nicht mehr, da sie heutzutage von einer gewal-
tigen Vielfalt geprägt ist.
Folglich werde ich im Rahmen dieser Arbeit auf die Heimerziehung im Wandel der 60er und
70er Jahre und zwei ausgewählte pädagogische Vertreter eingehen. Um diesen Wandel entspre-
chend beleuchten zu können, konzentriere ich mich auf den genannten Zeitraum. Dabei steht
die Fragestellung ,,Die Heimerziehung der 60er und 70er Jahre ­ vom Autoritarismus zum An-
tiautoritarismus?" im Vordergrund und ich werde einen Bezug zu zwei jeweils passenden pä-
dagogischen Vertretern und zur heutigen Erziehung in den Heimen herstellen.
Der Inhalt der vorliegenden Arbeit umfasst zunächst die Definition des Begriffes ,,Heim" und
dessen historischen Wandel in den 60er und 70er Jahren, somit besonders um 1969. Nachdem
ich auf die zwei zu dieser Zeit bedeutendsten Erziehungsstile, den autoritären und den antiau-
toritären Erziehungsstil, eingegangen bin und deren Entwicklung veranschaulicht habe, werde
ich jene auf zwei wichtige und repräsentative pädagogische Vertreter beziehen. Die zwei Päda-
gogen, die ich für meine Arbeit ausgewählt habe, sind Immanuel Kant und Alexander Suther-
land Neill. Im dritten Kapitel dieser Hausarbeit wird erst die Position Kants, welche man auf
den autoritären Erziehungsstil berufen kann, beschrieben und erläutert. Anschließend wird
Neills Ansicht und seine antiautoritäre Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland anhand
einer Veranschaulichung seiner Versuchsschule ,,Summerhill" beleuchtet.
Das Ziel meiner Arbeit ist es somit, den Wandel der Heimerziehung in den genannten Jahr-
zehnten zu analysieren, um unter Einbezug der pädagogischen Vertreter die Unterschiede des
autoritären und antiautoritären Erziehungsstils zu erörtern und darzustellen. Im Schlussteil
werde ich eine Beurteilung beider Erziehungsstile und Positionen durchführen und einen Bezug
zum heutigen Erziehungsstil herstellen. Abschließend werde ich meine Fragestellung mithilfe
der Gesamtheit meiner Literaturrecherche beantworten.

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2. Heimerziehung im Allgemeinen
Die Heimerziehung ist seit vielen Jahren ein breit diskutiertes Thema. Sowohl aus Interviews,
Forschungen als auch aus Literatur kann man ein einheitliches Bild der Erziehungspraxis zur
damaligen Zeit erkennen, welches zur heutigen Zeit nicht mehr gerechtfertigt ist. Der frühere
Erziehungsstil in den Heimen bestand aus kindlichem Gehorsam, Sittlichkeit, Arbeit, Ordnung
und der Anpassung an Disziplin (vgl. Kuhlmann: 2010). Kulturtechniken, gesellschaftliche und
soziale Verhaltensweisen wurden unter einem gewissen Zwang gelehrt und gelernt (vgl. Köster:
2005). Im Laufe der Zeit wurde mit Bezug auf die pädagogischen Klassiker wie Rousseau,
Pestalozzi und Fröbel ein abgeschlossener ,,bewahrender Erziehungsraum" (Trost 1952, S.269)
gefordert (vgl. Trost: 1952). Ein Wandel pädagogischer Vorstellungen ab den 60er Jahren
brachte einen Diskurs über die Notwendigkeit von Strafen und autoritärer Erziehung hervor. Es
gab sowohl Ansichten bezüglich der Heimerziehung, die ,,Zucht" und Strafen als notwendige
Erziehungsmaßnahme sahen, jedoch auch jene Ansichten, die einen Wandel diesbezüglich for-
derten (vgl. Kuhlmann: 2010). Das folgende Kapitel soll zunächst einen Einstieg in die Hei-
merziehung und eine Definition von Heimerziehung bieten und im Anschluss daran die histo-
rische Entwicklung beziehungsweise den Wandel der Heimerziehung in den 60er und 70er Jah-
ren darstellen.
2.1 Definition der Heimerziehung
Unter Heimerziehung versteht man nach §34 SGB VIII eine Form der Hilfe zur Erziehung. Sie
umfasst die Hilfen für Minderjährige, wenn diese statt in der eigenen oder in einer fremden
Familie in einem Heim oder in einer sonstigen betreuten Wohnform über Tag und Nacht unter-
gebracht und erzogen werden. Die offiziellen Voraussetzungen für die Inanspruchnahme dieser
Hilfe sind gegeben, wenn eine dem ,,Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende
Erziehung" (socialnet GmbH 2017) nicht gewährleistet werden kann (vgl. socialnet GmbH:
2017). Die zentrale Aufgabe der Heimerziehung ist es somit positive Lebensorte für Kinder und
Jugendliche zu bilden, die vorübergehend oder auf Dauer nicht in ihrer Familie leben können.
Die Heimerziehung wird aktuell als lebensweltorientiert definiert und soll den Betroffenen hel-
fen frühere negative oder traumatische Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Sie soll für günstige
Entwicklungsbedingungen sorgen und Ressourcen erkennen und auf ihnen aufbauen. Des Wei-
teren ist die Annahme und Wertschätzung jedes einzelnen Menschen als Person die im Vorder-
grund stehende Aufgabe der Heimerziehung. Zusätzlich sollen die Minderjährigen bei der Ent-
wicklung neuer Lebensperspektiven unterstützt werden.
Sogenannte ,,Waisenhäuser", welche sich durch eine strenge, pietistisch geprägte Erziehung

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auszeichneten, waren die erste Form von Heimen. Jene sind im Jahr 1698 durch August Her-
mann Francke bekannt geworden, der die ,,Hallischen Anstalten" (Günder 2015: 17) einführte.
Der Begriff des ,,Heimes" existiert erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts (vgl. Günder: 2015).
Vor dieser Zeit verwendete man Ausdrücke wie Besserungs- und Corrigendenanstalt, Rettungs-
haus, Zwangserziehungsanstalt, Fürsorgeerziehungsanstalt und Erziehungsanstalt (Schrapper/
Heckes 1986: 1f.).
Das Praxisfeld der Heimerziehung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewaltig verändert.
Dies wird im nächsten Kapitel weiter erläutert und verdeutlicht. Zusammenfassend lässt sich
festhalten, dass Heimerziehung früher kontinuierlich notwendig war und es auch in Zukunft
immer sein wird (vgl. Günder: 2015).
2.2 Historische Entwicklung der Heimerziehung mit Blick auf die 60er und 70er Jahre
Vor den 60er Jahren hatten viele Waisenhäuser hauptsächlich ordnungspolitische und ökono-
mische Funktionen und das ,,christlich-caritative" (Hansbauer 1999: 85) Leitbild bildete den
Mittelpunkt des Geschehens. Dieses traditionelle Leitbild bestand zum größten Teil aus der
Vorstellung, dass man mit Kindern und Jugendlichen ,,ganz streng und konsequent" (Hansbauer
1999: 89) vorgehen müsste, um sie wieder in die gesellschaftliche Normalität zu integrieren.
Das Bild von repressiven Erziehungsmaßnahmen herrschte lange Zeit in der Heimerziehung
vor. Ab Beginn der zweiten Hälfte der 60er Jahre geriet die traditionell praktizierte Form der
Heimunterbringung durch die sogenannten ,,Heimkampagnen" (Schrapper 1990) verschärft in
die Kritik. Die Hauptrichtung des Wertewandels lässt sich mit Klages Worten ,,Von Pflicht-
und Akzeptanzwerten zu Selbstentfaltungswerten" (Klages 1993: 26) nahezu angemessen be-
schreiben (vgl. Hansbauer: 1999).
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine reformpädagogische Bewegung, die einen
allgemeinen Protest gegen ,,Formalisierung und Starrheit" (Köster 2005: 15) darstellte. Die Re-
formpädagogik galt als festes und klar definiertes Phänomen, welches aus dem Nichts entstan-
den ist. Diese muss immer vor dem Hintergrund gewaltiger gesellschaftlicher und sozialer Pro-
zesse betrachtet werden, wie zum Beispiel der Industrialisierung, der Technisierung und der
Rüstung vor dem ersten Weltkrieg. Generell hat die reformpädagogische Bewegung das beste-
hende Bildungssystem und somit auch die Heime grundsätzlich in Frage gestellt und Zweifel
am pädagogischen Nutzen ausgesprochen. Ein Ziel der Reformpädagogik war das Erreichen
der sozialen Gerechtigkeit (vgl. Köster: 2005).
Die deutliche Veränderung dominanter Vergesellschaftungsmuster seit den 60er Jahren führte
zu einer Veränderung und einer Neubewertung des Begriffes ,,Jugend" und der gesellschaftli-
chen Bewertungen (vgl. Hansbauer: 1999). Eine ebenfalls neue Ansicht war die Definition von

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,,Kindheit" in der Neuzeit. Kindheit wurde als eigenständige, spezifisch definierte Lebensphase
mit einer von der Erwachsenenwelt deutlich unterscheidbaren Identität (Köster 2005: 14) defi-
niert. Das Kind wurde von da an als von den Erwachsenen getrennt angesehen, als reif befunden
und ,,in einer Art Quarantäne gehalten, ehe es in die Welt entlassen" (Ariés 1975: 48) wurde
(vgl. Köster: 2005).
Den Startschuss der Heimkampagnen stellt die von Frankfurter Studenten ausgelöste ,,Heimre-
volte" im Juni 1969 da. Jene kritisierten die identitätsstörenden und stigmatisierenden Wirkun-
gen institutioneller Erziehung, die an repressiven Mustern orientierten Einweisungskriterien
(,,Verwahrlosung" Hansbauer 1999: 106), die geschlossene Unterbringung, den autoritären Er-
ziehungsstil in den Heimen und vieles mehr (vgl. Hansbauer: 1999). Bis zu den 1970er Jahren
offenbarte die Heimerziehung somit pädagogische Unfähigkeiten, Willkür und Missachtungen
der Menschenwürde (vgl. Günder: 2015). Es lagen massive Eingriffe in die Persönlichkeits-
rechte der Minderjährigen, drakonische Strafen und Gewaltübergriffe sowie Lieblosigkeit,
Machtmissbrauch und Demütigungen vor. Der Wandel in den 60er Jahren, wofür man stellver-
tretend den von der deutschen Bundesregierung ausgeführten ,,runden Tisch" nennen kann,
sollte die Heimerziehung unter ihren negativen Folgen aufarbeiten und Lösungen für beste-
hende Probleme finden (vgl. Günder: 2015).
,,Erziehung ist ohne Ermöglichung von Selbstbestimmung nicht möglich" (Kasseler
Erklärung/ IGfH 2013: 35)
Das Einsperren und die damit verbundene strafende Orientierung hatte zwar eine lange Tradi-
tion in der Jugendhilfe (vgl. exempl. Heckes/ Schrapper 1991), jedoch waren die Heimkampag-
nen ab 1969 bedeutende Auslöser für einen Wandel der Heimerziehung. Die Kritik richtete sich
hauptsächlich gegen repressive Heimerziehung, gegen die Erziehungsprinzipien, die unter an-
derem mit Gehorsam, Triebunterdrückung, Gefühlskälte assoziiert wurden und gegen Strafen
und Stigmatisierung (vgl. IGfH: 2013). Ab den 1960er Jahren wird der Heimerziehung demzu-
folge mehr Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Günder: 2015). Der Wandel der Heimerziehung
brachte schlussendlich hervor, dass eine ,,Erziehung (...) nur in Freiheit möglich ist" (IGfH
2013: 70). Die Jugendhilfe als autoritäres, paternalistisches Wohlfahrtskonzept wurde ange-
fochten und eine Erziehung gefordert und umgesetzt, welche auf Freiwilligkeit und Vertrauen
beruht und ErzieherInnen und Minderjährige als prinzipiell gleichberechtigte Subjekte ansieht.
Die Erziehung sollte von diesem Zeitpunkt an zu einem sozialen, sinnvermitteltem Handeln
befähigen, dass nicht mehr von Furcht geleitet wird, sondern von nachvollziehbaren und zu-
stimmungsfähigen Gründen abhängt (vgl. IGfH: 2013). Die ,,neue" Erziehungsphilosophie, die
Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Heimerziehung in den 60er und 70er Jahren
Untertitel
Prägende Erziehungsstile, ihre pädagogischen Vertreter und ein Bezug zur heutigen Zeit
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Erziehungswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V376029
ISBN (eBook)
9783668526457
ISBN (Buch)
9783668526464
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heimerziehung, 60er Jahre, 70er Jahre, pädagogisches Denken, Kant, Neill, Autoritarismus, Antiautoritarismus, Erziehungsstile, Erziehung im Heim, Historischer Wandel, Entwicklung, Erziehung, 1968, Heimkampagne, autoritäre Erziehung, antiautoritäre Erziehung, Summerhill
Arbeit zitieren
Alina Herbrich (Autor), 2017, Die Heimerziehung in den 60er und 70er Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376029

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