Stadttypen in der Frühen Neuzeit


Hausarbeit, 2015
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Großteil auf mittelalterlichen Fundamenten, wie zum Beispiel die Organisationsformen
des Handwerks oder die kommunalen Verfassungen. Den mittelalterlichen Elementen
standen politische und kulturelle Veränderungsprozesse gegenüber. Bis 1800 gingen die
mittelalterlichen Elemente in den Kommunen allmählich ganz zurück, während sich zur
gleichen Zeit sozioökonomische Strukturen sowie neue Lebensformen entwickelten.
Aus der Perspektive der stadtgeschichtlichen Forschung wies die Epoche der Frühen
Neuzeit in Deutschland, in dem Bereich des Städtewesens, quantitativ kaum
Veränderungen und insgesamt ein geringes Stadt- und Bevölkerungswachstum auf. Zu
Beginn der Frühen Neuzeit betrug die Gesamtzahl deutscher Städte etwa 3500. Ab etwa
1850 kam es zu einer steigenden Anzahl von Stadtneugründungen. In der Phase der
Frühen Neuzeit wurden insgesamt etwa 400 Kommunen neu gegründet.
2
Die erfolgten
Stadtneugründungen der Epoche waren großteils auf mit spezifischen Funktionen
versehenden Kommunen bezogen, wie zum Beispiel
3
auf Berg-, Exulanten-, Festungs-
und Haupt- beziehungsweise Residenzstädte
4
.
Für die genannten Stadttypen sollen in dieser Hausarbeit besonders die deutschen,
sächsischen Städte Freiberg, Johanngeorgenstadt, Dresden und die baden-
württembergische Stadt Mannheim in der absolutistischen Zeit betrachtet werden. Die
jeweiligen Kapitel der Hausarbeit beschreiben die genannten Stadttypen zunächst
definitorisch. Im Anschluss dieser Definitionsversuche werden die bereits genannten
Städte analytisch betrachtet und versucht ihre kategorische Relevanz zu erschließen.
Inwiefern lassen sich die frühneuzeitlichen Städte in einen Typus kategorisieren oder
auch nicht?
Verwendet werden hauptsächlich Quellen aus den Sonderbuchsammlungen, Magazinen
und Kupferstichsammlungen der Bibliotheken Erfurt, Dresden, Gotha sowie aus den
digitalisierten, historischen Beständen der Bibliotheken in Heidelberg und Freiberg.
2 Frühneuzeitliche Stadttypen
In den Grundzügen entsprachen die deutschen, frühneuzeitlichen Städtelandschaften
den mittelalterlichen Stadtgründungsphasen.
5
Das Erscheinungsbild der Städte wurde
2 Rosseaux, Ulrich: Städte in der Frühen Neuzeit (Geschichte kompakt), Darmstadt 2006, hier: S. 1-5.
3 Rosseaux, Ulrich: Städte in der Frühen Neuzeit, S. 5.
4 Strieter, Claudia: Einführung in die Frühe Neuzeit. Frühneuzeitliche Städtetypen, URL: http://www.uni-
muenster.de/FNZ-Online/sozialeOrdnung/stadtgesellschaft/unterpunkte/stadt.htm [09.03.2015].
5 Rosseaux, Ulrich: Städte in der Frühen Neuzeit, S. 25.
2

von vielen Zeitgenossen, wie zum Beispiel von Hartmann Schedel
6
, Matthäus Merian
7
und Antonio de Beatis
8
überliefert. Demnach hatte der Anblick einer Stadt, wie auch
ihre Landschaft, einen gewissen Reiz auf die Zeitgenossen ausgeübt. Vielerlei
Tagebücher, Holzschnitte, Reiseberichte, Kupferstiche et cetera dienen als Quellen,
welche einen Aufschluss darüber geben, worauf die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen
gerichtet war. Im Mittelpunkt der damaligen Betrachtungen standen überwiegend die
Baulichkeiten, Straßenanlagen, Gärten, Türme, Brücken, Brunnen und Plätze.
9
Antonio
de Beatis hielt zum Beispiel Folgendes über Augsburg fest: ,,Groß, bevölkert, ganz in
einer Ebene gelegen, heiter, reich an schönen Plätzen, Straßen, Häusern und Kirchen,
von sehr elegantem Aussehen [...]"
10
. Im Laufe der stadtgeschichtlichen Forschung
entwickelten sich aus dem mediävistischen Standpunkt heraus
Kategorisierungsversuche von Städten. Vorrangig orientierten sich diese an
verfassungsrechtlichen, wirtschaftlichen und sozialstrukturellen Kriterien sowie an
spezifischen Funktionen der Städte. Jedoch waren diese für Kategorisierungsversuche
der Städte in der Frühen Neuzeit nicht tragbar. Grund dafür waren die vielen
Veränderungen in der frühneuzeitlichen Phase, welche anhand mediävistisch
basierender Kategorisierungsversuchen mehr Probleme aufwarfen, als sie lösten. Doch
wenn versucht wird, diese Veränderungen zu beschreiben, könnte dies ebenfalls zu der
Einschätzung der älteren Stadtgeschichtsforschung führen, welche die Epoche der
Frühen Neuzeit als eine des Verfalls und Niedergangs betrachtet. Dabei blieb
unberücksichtigt, dass dem Verfall und Niedergang Gewinne sowie Neuentwicklungen
gegenüberstanden.
11
Um diese dennoch ordnen und ein sachgerechtes Bild, erhalten zu
können, kann nicht auf Kategorisierungsversuche verzichtet werden
12
. Max Weber
6 Schedel, Hartmann: Registrum huius operis libri cronicarum cu[m] figuris et ymagi[ni]bus ab inicio
mu[n]di, in: Wolgemut, Michael / Pleydenwurff, Wilhelm (Hg.), Nürnberg 1493.
7 Merian, Matthäus: Topographia und Eigentliche Beschreibung Der Vornembsten Stäte, Schlösser auch
anderer Plätze und Örter in denen Hertzogthümer(n) Braunschweig und Lüneburg, und denen dazu
gehörende(n) Grafschafften Herrschafften und Landen, in: Zeiller, Martin (Hg.), Frankfurt 1654.
8 Beatis, de Antonio: Die Reise des Kardinals Luigi d'Aragona durch Deutschland, die Niederlande,
Frankreich und Oberitalien 1517 ­ 1518, in: Pastor, Ludwig / Janssen, Johannes (Hg.), Erläuterungen und
Ergänzungen zu Janssens Geschichte des deutschen Volkes, Bd. 4, H. 4, Freiberg im Breisgau 1905.
9 Zeeden, Ernst Walter: Das Erscheinungsbild der frühneuzeitlichen Stadt, vornehmlich nach
Reiseberichten und Autobiographien des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Specker, Hans Eugen (Hg.): Stadt
und Kultur. 21. Arbeitstagung in Ulm. 29.-31. Oktober 1982 (Stadt in der Geschichte. Veröffentlichungen
des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung, Bd. 11), Sigmaringen 1983, hier: S.
72-75.
10
Beatis, de Antonio: Die Reise des Kardinals Luigi d'Aragona durch Deutschland, die Niederlande,
Frankreich und Oberitalien 1517 ­ 1518, S. 34.
11 Rosseaux, Ulrich: Städte in der Frühen Neuzeit, S. 25 f.
12 Stoob, Heinz: Forschungen zum Städtewesen in Europa. Räume, Formen und Schichten der
mitteleuropäischen Städte. Eine Aufsatzfolge, Bd. 1, Köln 1970, hier: S. 246-284.
3

unterschied die vier Stadttypen Konsumenten-, Produzenten-, Händler- und
Ackerbürgerstädte
13
. Webers Klassifizierung entsprang aus antiken Betrachtungen der
Stadtsoziologie und ist trotz kritischer Betrachtungen von Soziologen, eine wichtige
Grundlage.
14
Heinz Schilling unterschied folgende Stadttypen der Frühen Neuzeit:
Berg-, Festungs-, Ideal-, Plan-, Residenz-, Flüchtlings- und Universitätsstädte.
15
Doch
welche Kategorisierung kann der Frühen Neuzeit gerecht werden und warum? Wird die
sogenannte ,,Verfallsthese"
16
näher betrachtet, sprechen Forscher in der Diskussion über
ein sogenanntes ,,Städtetal"
17
. Dieses beschreibt, dass bis 1800 aufgrund der Sättigung
von Stadtneubildungen, keine starken Wachstumsphasen mehr zu verzeichnen waren
18
.
Der Begriff des ,Städtetals beschreibt demnach eine Zeit der sogenannten,
städtischen ,Sondertypen. Bei diesen Sondertypen handelt sich um die ,,Berg-,
Residenz- und Exulantenstädte"
19
. Diese städtischen Sondertypen sollen im Folgenden
näher betrachtet werden. Was zeichnete die Sondertypen aus und warum wurden sie
als ,sonderbar angesehen und wie zum Beispiel bei Heinz Schilling nicht explizit als
Randkategorien dargestellt?
2.1 Die Bergstadt
Die sogenannte ,Bergstadt ist die früheste Sondertypform. Die Anfänge der Bergstadt
gehen bis ins Spätmittelalter zurück. Im 15. und in der ersten Hälfte des 16.
Jahrhunderts war ihre Blütezeit. Die Bergstädte verteilten sich über den mittel- und
ostmitteleuropäischen Raum. In ihnen wurde überwiegend Kupfer, Zinn und Silber
gefördert.
20
Der Bergbau wurde in Deutschland von Technikern und Fachleuten
dominiert.
21
Als Beispiele dienen hier die ersten Silbererzfunde in Rammelsberg bei
Goslar, um das Jahr 968 und die erste Blütezeit des Bergbaus im frühen 13. bis zur
13 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundrisse der verstehnden Soziologie, in: Winckelmann,
Johannes (Hg.), Köln 1964, hier: 7. Abschnitt, § 1. Begriff und Kategorien der Stadt, S. 727-741.
14 Bruhns, Hinnerk: Max Weber und die Stadt im Kulturvergleich (Kritische Studien zur
Geschichtswissenschaft : KSG, Bd. 140), in: Nippel, Wilfried (Hg.), Göttingen 2000, hier: S. 84 f.
15 Schilling, Heinz: Die Stadt in der Frühen Neuzeit (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 24), in:
Gall, Lothar (Hg.), München 2004, hier: S. 66-72.
16 Strieter, Claudia: Einführung in die Frühe Neuzeit. Forschungskonzepte und Kontroversen, URL:
http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/sozialeOrdnung/stadtgesellschaft/unterpunkte/forschung.htm
[09.03.2015].
17 Stoob, Heinz: Forschungen zum Städtewesen in Europa, S. 34-36.
18 Ebenda.
19 Kießling, Rolf: Zwischen Stadt und Dorf? Zum Marktbegriff in Oberdeutschland, in: Johanek, Peter /
Post, Franz-Joseph (Hg.): Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff (Städteforschung, Bd. 61), Köln / Weimar /
Wien 2004, hier: S. 123.
20 Gerteis, Klaus: Die deutschen Städte in der Frühen Neuzeit. Zur Vorgeschichte der ,bürgerlichen Welt,
Darmstadt 1986, hier: S. 18-20.
21 Stoob, Heinz: Forschungen zum Städtewesen in Europa, S. 253.
4

ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts im sächsischen Freiberg
22
. Im 15. und 16. Jahrhundert
existierten an die 180 bis 200 Bergstädte
23
. Anhand der Entdeckung und Erschließung
von neuem Erzaufkommen kam es in der Frühen Neuzeit immer wieder zu
Bergstadtneugründungen. Damit gehörte die Bergstadt zu dem Stadttypus in der Epoche
von 1500 bis 1800, welche eine Zunahme von neuen Kommunen zu verzeichnen hatte.
Vorwärtsgetrieben wurde diese Entwicklung durch technische Fortschritte im
Untertagebau sowie bei der Verhüttung von Erzen. Dies ermöglichte die Erschließung
neuer Lagerstätten. Die durch den Bergbau entstandenen Kommunen waren vorwiegend
dort, wo Edel- und Buntmetalle gefördert werden konnten. Eisenerz- oder
Kohlelagerstätte führten hingegen nicht zu Stadtneubildungen. Einerseits lagen die
bedeutendsten Edelmetallvorkommen im Harz und im Erzgebirge in zuvor
unergründeten Regionen. Dies erforderte die Erschaffung einer Infrastruktur, um die
Bergleute versorgen und unterbringen zu können. Andererseits war bei der Silber- und
Goldförderung der ökonomische Anreiz von Bedeutung. Neuentdeckungen von Erzen
zogen in den betroffenen Gebieten viele Menschen an, die ihr Glück suchten.
24
Mit der
Ausschöpfung der Erze gingen die Bevölkerungsanzahlen der Bergstädte wieder
zurück
25
, weshalb die Bergstädte aus Sicht der Urbanisierung als ein kurzfristiges
Übergangsphänomen gedeutet wurden
26
. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts verloren die
Berstädte an Bedeutung, aufgrund der Krise des deutschen Montagegewerbes
27
. Im
Allgemeinen verfügten die Bergstädte über steuerliche Privilegierung. Dabei bezogen
sich die Vergünstigungen auf die Steuern und Abgaben. Primär war die Halbierung der
Tranksteuer. Die Ersparnisse mussten wiederum in den Bergbau investiert werden.
Dennoch handelte es sich um ein erstrebenswertes Recht. Gründe dafür waren der
Prestigewert als Bergstadt, die Freiheiten der Bergleute und aus der Privilegierung sich
ergebenen Beziehung zum Landesherrn. Wie wichtig besonders der Prestigewert war,
lässt sich anhand der Beispiele von den kursächsischen Städten Wolkenstein,
Frankenberg und Aue zeigen. Während des 18. Jahrhunderts ließen sich dort weiterhin
sogenannte Kommunzechen vorfinden. Sie wurden unter der Leitung des Rates
betrieben. Der Tranksteuerüberfluss wurde dort als Zubuße genutzt. In den
Bergbaugruben selbst waren maximal ein oder zwei Bergleute beschäftigt. Über
22 Rosseaux, Ulrich: Städte in der Frühen Neuzeit, S. 35.
23 Gerteis, Klaus: Die deutschen Städte in der Frühen Neuzeit, S. 18.
24 Rosseaux, Ulrich: Städte in der Frühen Neuzeit, S. 35 f.
25 Gerteis, Klaus: Die deutschen Städte in der Frühen Neuzeit, S. 18 f.
26 Schilling, Heinz: Die Stadt in der Frühen Neuzeit, S. 66 f.
27 Ebenda.
5

Jahrzehnte wurde damit kein Ertrag erzielt. Der Betrieb wurde offensichtlich nur aus
dem Motiv heraus aufrecht erhalten, um die Bezeichnung der Bergstadt tragen zu
können.
28
2.1.1 Eine Beispielstadt: Freiberg in Sachsen
Als ein exemplarisches, frühneuzeitliches Beispiel einer Bergstadt kann die Stadt
Freiberg in Sachsen angeführt werden. Die Bergstadt wird im absolutistischen
Territorialstaat im Zeitrahmen von 1648 bis 1789 beleuchtet.
29
Zunächst ein kleiner Rückblick: Im Jahre 1162 wurde Freiberg zur Szenerie
geschriebener Geschichte. In diesem Jahr hatten Rodungsbauern erstmals begonnen
Dörfer zu gründen. Die Vorläufersiedlung Freibergs, namens Christiansdorf, wurde
zwischen 1156 und 1162 gegründet. Es waren erst wenige Hofstätte, Äcker und Wiesen
vorhanden, als in der Dorfflur um 1168 Silbererz entdeckt wurde. Dieser Fund prägte
die Geschichte Freibergs entscheidend.
30
Im Oktober 1648 stellte sich der Westfälische Frieden von Münster und Osnabrück ein.
Freibergs Einwohnerzahlen hatten sich von über 12000 im Jahre 1600 auf rund 6500
Menschen reduziert. Insgesamt konnte die Stadt Freiberg um 1649 nur noch 500
wehrhafte Männer zur Abwehr bereitstellen. Hinzu kamen Preissteigerungen, Inflation,
28 Keller, Katrin: Kleinstädte in Kursachsen. Wandlungen einer Städtelandschaft zwischen
Dreissigjährigem Krieg und Industrialisierung (Städteforschung. Veröffentlichungen des Instituts für
vergleichende Städtegeschichte in Münster, Bd. A/55), Köln / Weimar / Wien 2001, hier: S. 54-57.
29 Dietrich, Christian: Viertes Kapitel. Die Bergstadt im absolutistischen Territorialstaat. 1648 bis 1789,
in: Kasper, Hanns-Heinz (Hg.): Geschichte der Bergstadt Freiberg. Im Auftrage des Rates der Stadt
Freiberg, Weimar 1986, hier: S. 143-174.
30
Runge,Werner: Zum Geleit, in: Kasper, Hanns-Heinz (Hg.): Geschichte der Bergstadt Freiberg. Im
Auftrage des Rates der Stadt Freiberg, Weimar 1986, hier: S. 9.
6
Abb. 1: Panorama-Stadtansicht von Freiberg in Sachsen, Blick von Nordwesten über
die Festungsanlagen auf die Häuser, auf Dom und Schloss Freudenstein und die
Stadtkirche St. Petri, mit einer Legende, um 1750, von: Werner, Friedrich Bernhard:
Freyberg in Meißen.

Wohlstandsverluste, Kriegsschäden, Absenkungen des Bildungsniveaus und eine
Münzverschlechterung. Aufgrund dieser Zustände verließen viele Bergleute und
Handwerker Freiberg. Damit Freiberg seine ringsum noch verbliebenen Bauern halten
konnte, ordnete der Kurfürst Johann Georg II. um 1657 an, dass zerstörte und besitzlose
Güter wie auch Häuser unentgeltlich an Bewerber vergeben werden sollten. Die
Bewerber erhielten ebenfalls drei steuerlose Jahre zum Aufbau. Damit oblag es dem
Kurfürsten und nicht dem Adel, die Sozialstruktur zu erhalten. Im Jahre 1651 hatte der
Adel dafür gegenüber dem Kurfürsten eine Gesindeordnung zum Gesindezwangsdienst
durchgesetzt. Die Folge war, dass die Löhne der Bauern für das Gesinde um 50 bis 70
Prozent sanken. Ebenso waren Verkehrsverbindungen und Handelsbeziehungen, vor
allem nach Böhmen, aufgrund der Kriegsschäden gekappt. Viele Menschen zogen ohne
Heimat durch die Straßen und sicherten sich ihr Überleben mit Betteln und Diebstahl.
Die Befestigungsanlagen waren zerstört und boten keinen Schutz mehr. Die Bergwerke
und Hütten hatten ebenso Kriegsschäden erlitten.
31
,,Zumal auch auff dem Bergwercke/ da die Fahrten verderbet/ der Vorrath an Ertzen
verschüttet/ die Werke/ glehte/ Herd und anders in Hütten weggenommen/ die Räder
und Wellen zerhawen/ die Oefen eingerissen/ die Künste und Zeuge verbrennet/ und
solcher schaden geschehen/ der nicht genugsam kan geschätzet und beschrieben
werden."
32
Von der einstigen Blütezeit des Bergbaus in Freiberg im frühen 13. bis zur ersten Hälfte
des 14. Jahrhunderts schien zunächst nichts mehr vorhanden zu sein.
33
Es bot sich
stattdessen ein trostloses Bild und Freiberg war weit entfernt der Kriterien einer
Bergstadt. Eindeutig stand Freiberg, wie viele andere Städte Kursachsens aufgrund der
Kriegsschäden an seinem Tiefpunkt. Nun war es erneut der Kurfürst Sachsens, der die
schlechte Ausgangssituation für sich zu nutzen versuchte, um vor allem einen stärkeren
Einfluss auf den Bergbau und das Hüttenwesen zu erlangen. Der Kurfürst übernahm im
Jahre 1663 die Halsbrücker Hütte. Mit dieser besaß er alle bedeutenden Silberhütten des
Landes. Er konzentrierte sich auf die Gewinnanteile bei der Silbergewinnung, da hier
sein Profit am einfachsten abzuschöpfen war.
34
Insgesamt erwirtschafteten die Gruben
und Stolln Freibergs zwischen 1649 und 1663, 3,1 Tonnen und 2,4 Tonnen Feinsilber.
In Talern erwitschafteten die Gruben in demselben Zeitrahmen einen Betrag von 13248
31 Dietrich, Christian: Viertes Kapitel, S. 143-174.
32 Möller, Andreas: Darinnen ordentliche Annales und Jahrverzeichnüsse vieler denckwürdigen Sachen
und Geschichten zu finden, welche sich im Lande zu Meissen, und absonderlich in und bey der Stadt
Freybergk bißher innerhalb fünffhundert Jahren ereignet und begeben, in: Theatrum Freibergense
Chronicum. Beschreibung der alten löblichen BergHauptStadt Freyberg in Meissen, Bd. 2, Freiberg 1653,
hier: S. 653 f.
33 Rosseaux, Ulrich: Städte in der Frühen Neuzeit, S. 35.
34 Dietrich, Christian: Viertes Kapitel, S. 144 f.
7

(mit drei Gruben) und 11520 (mit fünf Gruben) Talern. Mit 20544 Talern aus sieben
Gruben, erreichte der Bergbau seinen höchsten Betrag. Dies zeigte, dass wenige Gruben
eine Ausbeute zahlen konnten. Andere Gruben benötigten die Zubußen der Gewerke,
um bestehen zu können. Johann Georg II. sicherte im Beschluss von 1659 den Stolln
sowie den wassernötigen Gebäuden weiter Geld zu, um sie zu erhalten. Hätte er dies
nicht getan, hätte der Kurfürst Einbußen seines Gewinns im Bergbau fürchten müssen.
Das Kapital, welches in die Bergwerke floß, war das angelegte Kapital der Bürger
Freibergs. Durch ihre Kapitalanlagen, erlangten viele Bürger den kurfürstlichen
Bergbeamtenstatus. Zur Modernisierung des Bergbaus wurden technische Neuerungen
eingeführt, wie zum Beispiel Schwarzpulver als Sprengmittel. Jedoch blieb die Technik
des Bergbaus zum Großteil auf demselben Stand wie bereits im 14. und 15. Jahrhundert.
Dies lag nicht zuletzt an den vielen kleinen Gruben und ihrer niedrigen
Kapitalausstattung. Um die Wirtschaft anzukurbeln mussten neue Kapitalbeziehungen
hergestellt werden. Demnach veranlasste der Kurfürst seine Beamten im Montanwesen,
dass sie Kuxe (Bodenrechte am Bergwerk) kaufen sollten. Damit erweckte er das
Interesse an dem Funktionieren des Staates, der hauptsächlich durch den Bergbau
geprägt war. Dies ermöglichte eine spezielle Form der Gewinnbeteiligung, da die
Beamten innerhalb der Bergämter am besten abschätzen konnten, welche Kuxe am
schnellsten Gewinn erwirtschaften würde. Darum benötigte der Kurfürst für den
Vertrauensposten eines Gegenschreibes eine qualifizierte Fachkraft. Balthasar Rösler
ließ sich 1649 in Freiberg nieder. Er besetzte den Posten im Bergamt Freiberg und trug
einen wesentlichen Teil zum Wiederaufbau des Freiberger Bergbaus im 17. Jahrhundert
bei. Der Wiederaufstieg Freibergs gelangte aufgrunddessen ab der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts bis hin zur Wende im 18. Jahrhundert.
35
Um künftige Fachkräfte zu
sichern, wurde im Jahre 1765 die erste montanwissenschaftliche Ausbildungsstätte der
Welt durchgesetzt. Eine Bergschule wurde im Jahre 1775 errichtet, welche nach einem
erfolgreichem Abschluss den Besuch der Bergakademie ermöglichte.
36
Zusammenfassend lässt sich die Stadt Freiberg zur absolutistischen Zeit als eine
deutlich durch den Bergbau und das Hüttenwesen geprägte Stadt betrachten. Zu Beginn
des Absolutismus erfüllte die Stadt keine der Kritierien einer Bergstadt. Grund dafür
war, dass Armut und Zerstörungsfolgen stark im Vordergrund standen und die
Wirtschaftlichkeit nicht gegeben war. Den Ruf der Bergstadt, welchen Freiberg bereits
35 Dietrich, Christian: Viertes Kapitel, S. 152-159.
36 Ebenda, S. 174-180.
8
Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Stadttypen in der Frühen Neuzeit
Hochschule
Universität Erfurt  (Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien)
Veranstaltung
Geschichte der Stadt in der Frühen Neuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
27
Katalognummer
V376061
ISBN (eBook)
9783668533486
ISBN (Buch)
9783668533493
Dateigröße
2195 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadttypen, Frühe Neuzeit, Stadttypen der Frühen Neuzeit, Freiberg, Johanngeorgenstadt, Mannheim, Dresden, Bergstadt, Exulantenstadt, Festungsstadt, Hauptstadt, Residenzstadt, Lisa Tretow
Arbeit zitieren
Lisa Tretow (Autor), 2015, Stadttypen in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376061

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