Narzissmus in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers"


Hausarbeit, 2015

12 Seiten, Note: 1,3

Indra S. (Autor)


Leseprobe

2
1.
Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit wird der Protagonist Werther, aus Johann Wolfgang
Goethes Roman ,,Die Leiden des jungen Werther", mithilfe der Psychoanalyse, auf 2
fundamentale Züge seiner Persönlichkeit hin analysiert: Werthers Narzissmus und ein
vorhandener Ödipuskomplex.
Da ich mich vorab bereits einmal mit der Psychoanalyse und dem Ödipuskomplex
beschäftigt hatte, stellte sich dieses Thema als besonders interessant für mich heraus.
Auch der Narzissmus, welcher bei Werther auffällig zu sein scheint, kann mit der
Psychoanalyse
analysiert
werden.
Zuerst versuche ich, eine Einführung in die Psychoanalyse zu geben und ihre
Sinnhaftigkeit in Bezug auf die Anwendung auf literarische Werke zu verdeutlichen.
Dabei beschränke ich mich auf das Werk, der Autor soll außer Acht gelassen werden.
Weiterführend werde ich dann mit der Psychoanalyse Merkmale eines Narzissmus bei
Werther herausarbeiten. Dabei verfolge ich die Fragestellung, ob Werther aufgrund
seines Narzissmus leidet und warum er letztendlich scheitert. Die vermutliche Ursache
seines Narzissmus soll ebenfalls herausgearbeitet werden. Ist die Welt um Werther
herum wirklich so, wie er sie beschreibt, oder dient sie lediglich als Spiegel seiner
Seele?
Lässt
ihn
seine
extreme
Selbstbezogenheit
vereinsamen?
Der zweite Aspekt ist der Ödipuskomplex Werthers. Hierbei geht es um seine Fixierung
auf Lotte als Mutterfigur. Werthers auffällig kindliches Verhalten bestärkt dieses Bild
Lottes.
Zuletzt werde ich dann meine These kritisch überprüfen und die Ergebnisse
zusammenfassen.

3
2.
Psychoanalyse als Methode zur Interpretation literarischer Figuren
Das Anliegen der Psychoanalyse ist es, unerklärliche, unterdrückte und unbewusste
Aspekte des Denkens und Fühlens verständlich zu machen:
,,Bei der Anwendung einer
psychoanalytischen Interpretation muss man sich zuerst die Frage stellen, welche
Absichten man mit seiner Interpretation verfolgt, d.h., was man zum Gegenstand
seiner Inte
rpretation wählt [...]."
1
Als Gegens
tand meiner Arbeit wähle ich den Roman ,,Die Leiden des jungen Werther"
von Goethe. Also basieren alle Interpretationen auf dem literarischen Text. Der
Protagonist des Romans ist Werther. Sicherlich ist nicht abzustreiten, dass einige
Parallelen der Werther Figur in Goethe zu finden sind, dennoch soll hier nur der fiktive
Text interessant sein. Die Handlung basiert im Wesentlichen auf Werthers Gefühlen,
Problemen und seinem Schicksal. Natürlich besitzt die Figur keine eigene,
psychologische Dynamik. Sie ist jedoch eindeutig ein Konstrukt des Autors, welcher
von seinen menschlichen Erfahrungen geprägt ist. Ebenso stattet er seine Figur mit
menschlichen Eigenschaften und Gefühlen aus, die interpretiert werden können.
,,Literatur findet nicht in einem luft
- oder menschenleeren Raum statt. Sie kann nicht
ausschliesslich als formales Muster von Bildern und Symbolen angesehen werden."
2
,,Die Psychoanalyse vergleicht das [literarische. Anm. I.S.] Werk deshalb mit dem
Traum, weil beide Phantasiegebilde befremdlich und bedeutsam, das heißt also
deutungsbedürftig sind."
3
Trotz dieser Deutungsbedürftigkeit gibt es Grenzen einer
Psychoanalyse literarischer Werke. Eine Interpretation kann ausschließlich auf den
gegebenen Informationen über die Figur basieren.
Sind diese nicht ausreichend geschildert oder vorhanden, so wird eine angemessene
Analyse erschwert. Da jedoch viele markante Stellen bezüglich meines Themas im
Buch zu finden sind, ist eine Psychoanalyse hier sinnvoll.
1
Auer, Elisabeth: Selbstmord begehen zu wollen ist wie ein Gedicht zu schreiben. Eine
psychoanalytische Studie zu Goethes Briefroman ,,Die Leiden des jungen Werther". Stockholm:
Almqvist & Wiksell International 1999. S.7
2
Wyatt, Frederick: Anwendung der Psychoanalyse auf die Literatur: Phantasie, Deutung, klinische
Erfahrung. In: Curtius, Mechthild (Hrsg.): Seminar: Theorien der künstlerischen Produktivität. S.335-
357.
3
Schönau, Walter: Literarische Rezeption in psychoanalytischer und in literaturwissenschaftlicher
Sicht. Eine fällige Kontroverse. In: Stephan, Inge u. Pietzcker, Carl (Hrsg.): Frauensprache-
Frauenliteratur. Für und Wider einer Psychoanalyse literarischer Werke. Band 6. Tübingen: Niemeyer
1986 (= Kontroversen, alte und neue: Akten d. Vll. Internationalen Germanisten- Kongresses). S.160.

4
3.
Werthers Persönlichkeit
3.1
Die narzisstische Krankheit Werthers
,,Der Mensch ist ein wahrer Narziss; er bespiegelt sich überall gern selbst, er legt sich
als Folie der ganzen Welt hinunter."
4
Elisabeth Auer stellt in ihrem Aufsatz zusammenfassend fest, dass es sowohl
verschiedene als auch widersprüchliche Narzissmustheorien gibt, alle sich jedoch
einig sind, dass ,,die narzisstische Problematik als eine frühe Störung in der Interaktion
Mutter-
Kind zu verstehen ist."
5
,,Ihr Trauma ist sehr häufig eine schwer
e Enttäuschung
durch die Mutter, die wegen ihrer mangelhaften Einfühlung in die Bedürfnisse des
Kindes [...] diese Funktionen nicht ausreichend übernehmen konnte."
6
In Goethes Roman erfährt man nicht viel über die Mutter Werthers, sie verließ mit ihm
jedoch ,,den lieben, vertraulichen Ort, um sich in ihre unerträgliche Stadt einzusperren"
7
, was als frühes Trauma Werthers angesehen werden kann. Er ist dem Landleben
nach dem Tode seines Vaters entrissen worden und stellt fest: ,,Die Stadt selbst ist
unangenehm."
8
Er verübelt seiner Mutter den Umzug in die Stadt und sehnt sich
immer wieder in die Natur zurück.
,,Wie froh bin ich, daß [sic!] ich weg bin."
9
Bereits im ersten Satz des Romans zeigt
sich durch die doppelte Hervorhebung des ,,ich" Werthers Fixierung auf sich selbst.
Das zentrale Symbol ist sein Herz: ,,Auch halte ich mein Herzgen [sic!] wie ein krankes
Kind; jeder Wille wird ihm gestattet."
10
Er erhebt ,,die eigene Bedürfnisbefriedigung zum Maß aller Dinge"
11
und handelt stets
nach seinen Gefühlen. Seine eigene Weltsicht ist der Mittelpunkt fü
r ihn: ,,Ich kehre in
mich selbst zurück, und finde eine Welt!"
12
Somit bekommt die Außenwelt um ihn
4
Goethe, Johann Wolfgang:
,,Die Wahlverwandtschaften". In: Goethes Werke. Band VI. München:
C.H.Beck 1993 (=Romane und Novellen 1).
5
Auer, Elisabeth: Selbstmord begehen zu wollen ist wie ein Gedicht zu schreiben. S.97
6
Kohut, Heinz: Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer
Persönlichkeitsstörungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973.
7
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. Erste Fassung. Stuttgart: Reclam 2014. S.74
8
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.6
9
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.5
10
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.9
11
Valk, Thorsten: Der junge Goethe. Epoche-Werk-Wirkung. München: C.H.Beck 2012. S.196
12
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.12

5
herum einen niedrigeren Stellenwert, er distanziert sich von seiner Umwelt und der
Gesellschaft und verabsolutiert seine eigene Subjektivität. Dies führt ihn zu einer
isolierten Existenz, er ist nicht in der Lage Empathie zu empfinden und ein gutes
Verhältnis zu seinen Mitmenschen aufzubauen. In der Gesellschaft findet er keinen
Platz für sein überemotionale
s Herz, ,,das doch [s]ein einziger Stolz ist, das ganz allein
die Quelle von allem ist, aller Kraft, aller Seligkeit und alles Elendes."
13
Wie im ersten Zitat beschrieben, macht auch Werther wie ein Narzis
st die ,,Außenwelt
zu einer Projektionsfläche seiner Einbildungskraft"
14
. Besonders deutlich ist dieser
Spiegel seiner Selbst in seinem Naturverhältnis zu erkennen. Schon anfänglich fragt
sich Werther: ,,ob so täusch
ende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die
warme himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles ringsumher so
paradiesisch macht."
15
Nach dem Kennenlernen von Lotte sieht Werther den
,,liebwürdigste[n] Sonnenaufgang"
16
und fühlt sich ,,so nahe am Himmel"
17
. Der Brief
vom 18. August jedoch zeigt den Umschwung.
Zuerst schreibt Werther: ,,ich
[...] fühlte mich in der überfließenden Fülle wie vergöttert,
und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten sich allbelebend in
meiner Seele."
18
Durch die Wahl des Tempus beschreibt Werther seine Stimmung in
der Vergangenheit, also vor dem Wendepunkt. Der Rest des Briefes steht im Präsens.
Glaubte Werther früher, dass die ,,lebendige [ ] Natur"
19
die Welt um ihn herum ,,zu
einem Paradiese schuf
"
20
, so sieht er jetzt in ihr ,,nichts, als ein ewig verschlingendes,
ewig wiederkäuendes Ungeheuer"
21
. ,,Der Schauplatz des unendlichen Lebens"
22
verwandelt sich vor ihm ,,in den Abgrund des ewig offenen Grabes."
23
Dieser Wandel scheint jedoch nicht auf die Natur zurückzuführen zu sein, sondern auf
Werthers Empfindungen, die sich nun in Verzweiflung umkehren. Der erste Satz des
13
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.76
14
Valk, Thorsten: Der junge Goethe. S.196
15
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.8
16
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.26
17
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.27
18
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.52
19
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.51
20
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.53
21
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.53
22
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.53
23
Goethe, J.W.: Die Leiden des jungen Werther. S.53
Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Narzissmus in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V376063
ISBN (eBook)
9783668532410
ISBN (Buch)
9783668532427
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Leiden des jungen Werther, Werther, Goethe, Psychoanalyse, Narzissmus
Arbeit zitieren
Indra S. (Autor), 2015, Narzissmus in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376063

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