Zu Abwesenheit und Exposition des Charakters Wallenstein in "Wallensteins Lager" von Friedrich Schiller


Hausarbeit, 2015

10 Seiten, Note: 1,85


Leseprobe

kreieren die Gerüchte die Exposition Wallensteins? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, soll
zunächst die grundlegende Frage der Abwesenheit Wallensteins im Lager begründet werden.
Danach werden die auftretenden Personen grob in die vier Gruppen der Leidensträger, der
Eigennützigen, der treuen Anhänger und der Kritiker unterteilt. Ihre Verhaltensweisen und
Erzählungen sollen einen Aufschluss über die Exposition Wallensteins für die weiteren zwei Stücke
ergeben. Dabei sollen die am stärksten hervortretenden Repräsentanten der vier Gruppen untersucht
werden. Am Ende wird ein Fazit gezogen.
2 Exposition des Charakters Wallenstein in ,,Wallensteins Lager"
16
von Friedrich Schiller
Warum tritt Wallenstein nicht in der Exposition ,,Wallensteins Lager"
17
auf? Zu der Begründung
dieser Frage, kann der Brief von Schiller am 28. November 1796 an Körner herangezogen werden,
in dem er erläuterte, dass das Lager die Basis sei:
,,Die Base, worauf Wallenstein seine Unternehmung gründet, ist die Armee, mithin für mich eine
unendliche Fläche, die ich nicht vors Auge und nur mit unsäglicher Kunst vor die Phantasie bringen
kann: ich kann also, das Object worauf er ruht, nicht zeigen, und eben so wenig das, wodurch er fällt;
das ist ebenfalls die Stimmung der Armee, der Hof, der Kaiser"
18
.
An dieser Stelle tritt einerseits Schillers Kant-Erlebnis
19
(1791-1794) hervor und zum anderen auch
nicht. Schiller fasste den Objektbegriff in einem anderen Verständnis der symbolischen Hypotypose
auf. Die Dichotomie spielt für den Stoff und die Form eine wesentliche Rolle
20
: ,,Alle Vorstellungen
sind ein Mannichfaltiges oder Stoff; die Verbindungsweise dieses Mannichfaltigen ist seine
Form"
21
. Damit formulierte Schiller einen nicht mit Immanuel Kant vereinbarenden
Gegenstandsbegriff. Der Stoff an sich bezeichnet eine subjektunabhängige und vorkritische
Gegebenheit es Objekts.
22
Anhand dieser Auffassung des Objektbegriffs, definierte Schiller das
schöne Objekt als ,,die Form einer Form"
23
. Dadurch wies er dem Objektbegriff auch das Symbol
der subjektiven Freiheit zu.
24
Jedoch ist das Objekt nur ein Gegenstand, der frei erscheine, es aber
nicht wirklich ist
25
. Diese philosophische Auffassung spiegelt sich in Wallensteins Lager wider. Das
Lager ist ein Objekt. Die auftretenden Personen scheinen ,frei' zu sein, sind es aber nicht. Sie stehen
in Verbindung mit dem Subjekt Wallenstein und sind von ihm abhängig. Es scheint, als könnten sie
16 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini.
17 Ebenda.
18 Oellers, Norbert / Stock, Frithjof (Hg.): Schillers Werke. Nationalausgabe, Bd. 29. Schillers Briefe 01.11.1796 ­
31.10. 1798, Weimar 1977, hier: S. 17.
19 Alt, Peter-André: Schiller. Leben. Werk. Zeit, Bd.2 (Beck'sche Reihe), München 2009, hier: S. 78-85.
20 Pleschka, Alexander: Theatralität und Öffentlichkeit. Schillers Spätdramatik und die Tragödie der französischen
Klassik (Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte, Bd. 75), Berlin / Boston 2013, hier: S. 110­113.
21 Nahler, Edith / Nahler, Horst (Hg.): Schillers Werke, S. 178.
22 Pleschka, Alexander: Theatralität und Öffentlichkeit, S. 110-113.
23 Nahler, Edith / Nahler, Horst (Hg.): Schillers Werke, S. 176.
24 Pleschka, Alexander: Theatralität und Öffentlichkeit, S. 111.
25 Nahler, Edith / Nahler, Horst (Hg.): Schillers Werke, S. 182.
2

nicht ohneeinander existieren. Als Subjekt verfügt Wallenstein über eine ,,Freiheitähnlichkeit"
26
, die
nicht ohne sein Lager als Objekt auskommen kann und umgekehrt. Demnach ist es in der
Exposition nicht notwendig, ihn auftreten zu lassen, da er stets präsent ist. Im Prolog ist darauf
hingewiesen:
,,Nicht er ists, der auf dieser Bühne heut / Erscheinen wird. Doch in den kühnen Scharen, / Die sein Befehl
gewaltig lenkt, sein Geist / Beseelt, wird euch sein Schattenbild begegnen, / Bis ihn die scheue Muse selbst vor
euch / Zu stellen wagt in lebender Gestalt, / Denn seine Macht ists, die sein Herz verführt, / Sein Lager nur
erkläret sein Verbrechen"
27
.
Um die weitere Relevanz der Abwesenheit Wallensteins als wesentlich für seine Exposition
erläutern zu können, müssen zunächst die auftretenden Personen grob in vier Gruppen unterteilt
werden. Die erste Gruppe umfasst den Bauern, seinen Sohn Emmerich und den Bürger. Sie sind die
Leidensträger des Kriegs. Mit dem Beginn des zweiten Auftritts treten die treuen Anhänger
Wallensteins auf. Zu ihnen gehören die Arkebusiere vom Regiment Tiefenbach, der Trompeter, der
Wachtmeister, der Rekrut, die Kürassiere, die Ulanen, die Hoboisten und der Konstabler. In der
dritten Gruppe sind die Personen, die auf ihren Eigennutz aus sind. Zu ihnen zählen die zwei
holkisch reitenden Jäger, die Scharfschützen, der Dragoner und die Marketenderin Gustel aus
Blasewitz. Ab dem achten Auftritt treten die Kritiker Wallensteins hervor, der Kapuziner und die
Kroaten. Eine nicht deutlich herauskristallisierte Position haben der Soldatenjunge und der
Soldatenschulmeister. Fest steht, dass sie ebenfalls abhängig von Wallenstein sind. Ohne den Krieg
würde der Soldatenschulmeister seinen Arbeitsplatz fürchten müssen und der Soldatenjunge hätte
keine ehrenhafte Ausbildung mehr.
Im ersten Auftritt ist ein Vater-Sohn-Konflikt zwischen dem Bauern und seinem Sohn dargestellt.
28
Dieser Konflikt der Leidensträger ist ein zentrales Motiv in der Dramentrilogie. Anhand dieses
Konfliktes ist ein späterer Disput zwischen Octavio Piccolomini und seinem Sohn Max angedeutet.
Max ist in Bezug auf den Antagonismus von Realismus sowie Idealismus eine Gegenfigur
Wallensteins. Der Vater ist ein Gegenspieler im Drama. Bei dem Versuch ihre Ziele zu erreichen,
sind Octavio und Wallenstein zu Verrätern geworden. Wallenstein ist dabei selbst zum Verratenen
geworden und bezahlt dies mit seinem Leben. Beide verlieren in Max eine Art treuen Sohn und
einen Teil ihrer Selbst.
29
Daraufhin büßt Wallenstein seinen idealischen
30
und Octavio seinen
wirklichen Sohn ein
31
. Hier ist angedeutet, dass Wallenstein eine Vaterfigur für die Soldaten
26 Ebenda.
27 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, S. 8, V. 111-117.
28 Ebenda, S. 11, V. 1-5.
29 Darsow, Götz-Lothar: Friedrich Schiller, S. 185 f.
30 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Tod, S. 78, V. 2157 f.
31 Ebenda, S. 46, V. 1279.
3

darstellt.
32
Im zehnten Auftritt äußert der erste Arkebusier, dass der Bauer auch ein Mensch ist
33
und
weist auf das Verhältnis der unterdrückten Bauern zum Militär hin
34
. Ebenso, wie die Bauern in
ihrer unterdrückten Position bleiben, können auch die Bürger aus ihrer gedrängten Position nicht
entweichen
35
. Die Lust am Spiel ist ein weiteres Motiv in dem Lager. Schiller brachte anhand dieser
eine Substanz in das Milieu. Gespielt wird um das Leid zu vergessen, was jedoch nichts nützt. In
der Notlage ist der Bauer gezwungen zu betrügen, da seine Würfel ihm kein Glück und keinen
Gewinn brachten.
36
Den Gewinn hätte er nötig: ,,Schon acht Monate legt sich der Schwarm / Uns in
die Betten und in die Ställe"
37
. Das Falschspiel des Bauern wird nicht verurteilt, sondern vom ersten
Arkebusier als notwendig und logisch betrachtet:
38
,,Das kommt von der Desperation. / Denn seht!
Erst tut man sie ruinieren, / Das heißt sie zum Stehlen selbst verführen"
39
. In diesem
Zusammenhang ist das Verbrechen Wallensteins ein Abbild. Duch seine Not, ist der Bauer verführt
worden ein Verbrechen zu begehen. Wallenstein verführt seine Macht. Zunächst sind seine
Gedanken zum Verbrechen ein gedankliches ,,Spiel"
40
, doch muss er, wie der Bauer, dieses
Gedankenspiel zum Verbrechen umsetzen, da er aufgrund der vorherrschenden Umstände zur
Notwendigkeit gedrängt ist.
In der zweiten Gruppe sind für die Exposition Wallensteins besonders der Wachtmeister und der
Trompeter von Bedeutung. Sie bekennen sich zu Wallenstein,
41
aber ihr Verhalten lässt das Lager in
zwei Lager spalten. Sie ziehen eine Demarkationslinie zwischen den Anderen und sich. ,,Dächten
doch alle wie ich und Ihr!"
42
, betont der Trompeter im zweiten Auftritt. Hier kristallisieren sich
die ,treuen Freunde und die ,eigennützigen Feinde Wallensteins heraus.
43
Dazu formuliert der
Wachtmeister eine Analyse der ,treuen Freunde:
,,Unser Regiment und die andern vier, / Die der Terschka anführt, des Herzogs Schwager, / Das
resoluteste Korps im Lager, / Sind ihm ergeben und gewogen, / Hat er uns selbst doch herangezogen.
/ Alle Hauptleute setzt' er ein, / Sind alle mit Leib und Leben sein"
44
Anhand der Worte des Wachtmeisters kommt Wallensteins Strategie der Heeresbildung zu Tage. Er
bindet einfache Soldaten, wie auch Offiziere, durch eine persönliche Verpflichtung an sich. Der
32 Boyken, Thomas: ,,So will ich dir ein männlich Beispiel geben". Männlichkeitsimaginationen im dramatischen Werk
Friedrich Schillers (Film. Medien. Diskurs, Bd. 50), Würzburg 2014, S. 229.
33 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, S. 31, V. 658.
34 Leibfried, Erwin: Schiller. Notizen zum heutigen Verständnis seiner Dramen. Aus Anlaß des 225. Geburtstages
gedruckt (Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, Bd. 7), Frankfurt am Main /
Bern / New York 1985, hier: S. 224 f.
35Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, S. 22 f., V. 380-414.
36 Leibfried, Erwin: Schiller. Notizen zum heutigen Verständnis seiner Dramen, S. 224 f.
37 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, S. 11, V. 25 f.
38 Leibfried, Erwin: Schiller. Notizen zum heutigen Verständnis seiner Dramen, S. 225.
39 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, S. 31, V. 653-655.
40 Darsow, Götz-Lothar: Friedrich Schiller, S. 185 f.
41 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, S. 13, V. 81-89.
42 Ebenda, S. 13, V. 82.
43 Boyken, Thomas: ,,So will ich dir ein männlich Beispiel geben", S. 224 f.
44 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, S. 13, V. 83-89.
4

Wachtmeister erläutert dies, in dem vorherig genannten Zitat, unter dem Aspekt der erzieherischen
Aufzucht.
45
Allgemein ist der Wachtmeister als ein Abbild Wallensteins zu betrachten. Er ist das
zentrale Moment der Mythenbildung aufgrund seiner Erzählungen. Durch Zeugenschaft sind seine
Erzählungen beglaubigt, ähnlich der Apostelgeschichte. Seine beweisträchtigen Anekdoten sind zu
einem homogenen Bild zusammengesetzt. Anhand der Erzählungen lässt sich auf einen
teleologischen Lebenslauf schließen. Die Erzählungen können ihre volle Macht entfalten, weil
Wallenstein nicht anwesend ist.
46
Des Weiteren gibt der Wachtmeister das Gewaltprogramm und die
Machtsprache des Generalismus im Lager kund
47
, indem er Wallenstein zitiert: ,,,Das Wort ist frei, /
Die Tat ist stumm, der Gehorsam blind'"
48
.
Der Dragoner gehört der dritten Gruppe im Lager an. Er erscheint im Verlauf der Trilogie als eine
wandlungsfähige wie auch widersprüchliche Nebenfigur.
49
Diese Deutung lässt sich belegen, wenn
in ,,Wallensteins Tod"
50
der sechste Auftritt
51
betrachtet und die Peripetie nicht erläutert ist. Octavio
versucht den Buttler von Wallenstein zum Kaiser wegzubringen. Jedoch versichert ihm der Buttler,
dass ihm das Los Wallensteins gehört
52
. Der Buttler ist seinem Feldherrn treu, was sich keine
hundert Verse weiter ins Gegenteil umwandelt
53
. Diese Peripetie ist stringent, denn er bleibt Buttler
übereinstimmend mit den Prinzipien, die sein vorheriges Handeln bestimmen. Anhand des
Positionswechsels ist seine Identität nicht verändert.
54
Das Motiv des Aufstiegs ist durch die
Erzählungen des Wachtmeisters über den Dragoner präsent: ,,Da ist der Schef vom Dragonerkorps, /
Heißt Buttler, wir standen als Gemeine / Noch vor dreißig Jahren bei Köln am Rheine, / Jetzt nennt
man ihn Generalmajor"
55
. Zugleich zeugt diese Erzählung davon, dass ein gemeiner Soldat mit
Tüchtigkeit einen höheren Rang erreichen kann. Wallensteins Armee ist die Frucht eines
Emporkömmlings. Der Buttler ist mit seinem Aufstieg ein Abbild Wallensteins.
56
Dieses Abbild ist
bewusst vom Wachtmeister erzeugt, der direkt nach dem Beispiel des Buttlers, den Aufstieg
Wallensteins erzählt:
,,Ja, und der Friedländer selbst, sieht Er, / Unser Hauptmann und hochgebietender Herr, / Der jetzt
alles vermag und kann, / War erst nun ein schlichter Edelmann, / Und weil er der Kriegsgöttin sich
vertraut, / Hat er sich diese Größ erbaut, / Ist nach dem Kaiser der nächste Mann, / Und wer weiß,
45 Boyken, Thomas: ,,So will ich dir ein männlich Beispiel geben", S. 224 f.
46 Ebenda, S. 229.
47 Luserke-Jaqui, Matthias: Friedrich Schiller, S. 285.
48 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, S. 21, V. 339 f.
49 Leibfried, Erwin: Schiller. Notizen zum heutigen Verständnis seiner Dramen, S. 231.
50 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Tod.
51 Ebenda, S. 38, V. 1048-1189.
52 Ebenda, S. 39, V. 1087.
53 Ebenda, S. 42, V. 1169.
54 Leibfried, Erwin: Schiller. Notizen zum heutigen Verständnis seiner Dramen, S. 231.
55 Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, S. 24, V. 441-444.
56 Boyken, Thomas: ,,So will ich dir ein männlich Beispiel geben", S. 225.
5
Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Zu Abwesenheit und Exposition des Charakters Wallenstein in "Wallensteins Lager" von Friedrich Schiller
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
„den Stoff durch die Form vertilgen“ – Schillers Dramenästhetik
Note
1,85
Autor
Jahr
2015
Seiten
10
Katalognummer
V376065
ISBN (eBook)
9783668533387
ISBN (Buch)
9783668533394
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Wallensteins Lager, Friedrich Schiller, Schillers Dramenästhetik, Lisa Tretow
Arbeit zitieren
Lisa Tretow (Autor), 2015, Zu Abwesenheit und Exposition des Charakters Wallenstein in "Wallensteins Lager" von Friedrich Schiller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376065

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